Ein kleiner Teil einer großen Menge

Gestern war ich zum ersten Mal in meinem Leben auf einer Demonstration. Anlässlich des geplanten „Abendspaziergangs“ von Legida, dem Leipziger Pegida-Ableger, veranstalteten gleich mehrere verschiedene Gruppen Gegendemonstrationen in der Stadt. Gemeinsam mit einer Freundin schloss ich mich der studentischen Initiative „Legida? Läuft nicht.“ an. Ende vergangener Woche hatten die Rektoren aller Hochschulen Leipzigs einen gemeinsamen Auf­ruf zur Teilnahme an alle Studenten gerichtet und die Dozenten da­zu aufgefordert, gestern ab 16 Uhr in ihren Lehrveranstaltungen keinen prüfungsrelevanten Stoff zu behan­deln, damit theoretisch alle Studenten sich ohne Nachteile an der Demonstra­tion beteiligen könnten. Vie­le Vorlesungen und Seminare fielen daraufhin wahrscheinlich so­gar ganz aus. Über den Ab­lauf des gestrigen Nachmittags und Abends konnte man heute viel in diversen Medien lesen, hören und sehen, das hier soll nur eine Schilderung meiner persönlichen Eindrücke sein, wo­bei ich nicht ausschließen kann, dass demonstrationserfah­rene Leser an der ein oder anderen Stelle etwas schmunzeln müssen, da dem Text wahr­scheinlich anzumerken ist, dass das eben meine erste Demo war.

Vielleicht ist das schrecklich klischeehaft, aber das Erste, worüber meine Freundin und ich sprechen, als wir uns an der Bahnhaltestelle treffen, ist die Outfitfrage. Was trägt man zu ei­nem solchen Anlass? Wir werden uns recht lange draußen aufhalten müssen und der Sturm der vergangenen Tage hat sich noch nicht so ganz gelegt, deshalb tragen wir beide eine Müt­ze. Außerdem festes Schuhwerk, denn wir werden ein ganzes Stück laufen und bestimmt auch immer mal wieder eine Weile stehen müssen. In meiner Tasche befinden sich nur mein Handy, mein Schlüssel, Taschentücher und ein Mini-Portemonnaie mit meinem Ausweis, meinem Semesterticket und einem bisschen Bargeld. Schließlich werden da eine ganze Men­ge Menschen um uns herum sein und man weiß ja nie, was im Gedränge so passiert. Wir sind beide voll­ständig in Schwarz und anderen gedeckten Farben gekleidet, denn das Ganze ist ja keine Spaßveranstaltung.

Je näher wir der Innenstadt kommen, desto mehr füllt sich die Bahn mit Menschen, die ganz offensichtlich das gleiche Ziel haben wie wir. Der Augustusplatz wirkt wie immer, ziemlich leer sogar, und wir wissen nicht so recht, wo wir hinsollen. Daher beschließen wir, ein­fach dem Pulk junger Leute zu folgen, der aus der gleichen Bahn ausgestiegen ist. So errei­chen wir schließlich den Platz vor dem Hörsaalgebäude und der Campus-Bibliothek, wo sich schon ein paar Hundert Leute eingefunden haben. In kleinen Grüppchen stehen sie zusam­men und warten darauf, dass etwas passiert. Wir tun es ihnen gleich. Ich sehe mich um. Ei­ni­ge der Studenten haben Plakate dabei, einer trägt ein Kleinkind auf den Schultern, manche ha­ben „Fuck Pegida“-Buttons an ihren Jacken, viele telefonieren, um ihre Freunde in der Menge zu finden. Auf einem Plakat ist zu lesen: „Mediziner für Offenherzigkeit“, wobei das „herz“ durch eine anatomisch ziemlich korrekte Zeichnung des Organs ersetzt wurde. „Warum ha­ben wir als Bibliothekare kein Plakat?“, fragt meine Freundin. „Wir müssen das mit dem De­monstrie­ren eben noch üben“, antworte ich und wir vertreiben uns die Wartezeit, indem wir uns mögliche Slogans für ein solches Schild ausdenken. Da kommt einiges in Frage, schließ­lich sichern die Bibliotheken den freien Zugang zur Bildung und mit ein bisschen mehr Bil­dung hätte Legida heute vielleicht geringeren Zulauf.

Irgendwann ist von irgendwo eine durch ein Megaphon verstärkte Stimme zu vernehmen. Um besser hören zu können, drängen wir uns ein bisschen weiter nach vorne und stellen fest, dass um die Ecke noch viel mehr Leute stehen. Ich kann aus der Megaphonansage nur einzelne Wortfetzen verstehen, aber anscheinend soll es gleich richtig losgehen. Während wir da stehen, treffen wir noch ein paar andere Bibliothekswissenschaftler, die wir aus der FH kennen, aber bald darauf verlieren wir sie schon wieder, weil sich der Zug jetzt in Bewe­gung setzt. Als wir um die Ecke biegen, stehen eine ganze Menge Anwohner an ihren Fens­tern und schauen uns zu. In recht schnellem Tempo ziehen wir die Universitätsstraße entlang und verlassen die Alt­stadt. Abgesehen von der Musik aus dem scheppernden Kofferradio, das jemand hinter uns dabei hat, und den Gesprächen der Teilnehmer ist kaum etwas zu hö­ren von unserer De­monstration, keine Schlachtrufe, keine Trommeln. Da hatte ich wohl eine falsche Vorstel­lung. Oder der Lärm kommt erst noch.

Je näher wir dem Westplatz kommen, desto langsamer werden wir. Und dann: Stillstand, Stau. An sich nichts Ungewöhnliches auf dieser recht wichtigen, stadtauswärtsführenden Straße im Westen Leipzigs. Aber es sind keine Autos, die dafür sorgen, dass hier gar nichts mehr geht. Es sind Menschen. Tausende Menschen. Schon am Wilhelm-Leuschner-Platz ha­ben die meisten im Tross es auf­gegeben, zu versuchen, ord­nungs­ge­mäß auf dem Fuß­gän­ger­weg zu laufen. Die Autofahrer haben Pech gehabt, wir sind einfach zu viele, die Straße ge­hört den Demonstranten. Jedenfalls vorüber­ge­hend. Wir stehen zu weit hinten, um erken­nen zu können, was genau den Stillstand verur­sacht hat. Eine gute Gelegenheit, sich umzu­se­hen, zu beobachten, was hier vor sich geht und wer die vielen Leute sind, die sich für das Gleiche einsetzen wie wir selbst.

Ein paar langhaarige junge Männer haben sich im Herr-der-Ringe-Stil verkleidet. Sie tragen Plakate bei sich, auf dem einen steht: „Hogida – Hobbits gegen die Isengardisierung des Au­enlandes“, auf dem anderen: „Orks sind auch Elben“. Hinter uns werden Bierflaschen ge­öff­net. Eine Frau geht an uns vorbei und spricht dabei in ihr Handy: „Wir sind da, wo die vielen Menschen sind, siehst du uns?“ Viele Bewohner der Häuser, die die Straße säumen, stehen entweder an den Fenstern oder vor ihren Haustüren, einer muss seinen Hund davon ab­hal­ten, auf die Menge zuzu­stür­men. Ein Demoteilnehmer hat ein Schaumstoffsitzkissen dabei und macht es sich auf dem Boden gemütlich. Es sind nicht wenige Kinder in der Menge ver­treten, ich frage mich, wieviel sie von dem, was hier geschieht, wohl verstehen. Irgendwo in der Menge entdecke ich einen der Tierpfleger aus „Elefant, Tiger & Co“, der Dokuserie aus dem Leipziger Zoo. Links von uns befindet sich ein Zaun, der die Straße von der Tramhaltestelle trennt. Viele Demonstran­ten klettern darauf, um sich hinzusetzen oder von einer höheren Position aus erkennen zu können, was vor uns passiert. Von hinten kommt eine Tram angefahren, aber hinter der Hal­testelle ist kein Weiterkommen. End­sta­ti­on Westplatz heißt es heute für die Fahrgäste dieser Bahn, die eigentlich noch bis nach Grün­au fahren sollte. Einige von ihnen harren geduldig in der Bahn aus, andere stehen ratlos an der Haltestelle. „Die können lange warten“, sagt die Frau neben uns. Sie soll recht behalten: nach einer Weile meldet die Anzeige an der Halte­stelle, dass heute Abend sämtliche Tramlinien im Be­reich West-/Waldplatz mit Umleitung fahren und mit lan­gen Wartezeiten zu rechnen ist. Einige Polizisten in voller Montur sind am Straßenrand zu er­kennen. Untermalt wird die gan­ze Szene mit „Clandestino“ von Manu Chao, das aus einem Ghetto­blaster klingt, den jemand in einem Fahrradanhänger hinter sich herzieht. Es beginnt zu dämmern.

Als es schon fast ganz dunkel geworden ist, erfahren wir von einem Mann mit Mega­phon, warum wir schon seit über einer Stunde hier warten. „Zunächst einmal sind wir viel mehr Menschen, als wir erwartet hatten, ich schätze 4.000 bis 5.000“ – Jubel und Applaus aus der Menge – „außerdem treffen wir jetzt auf die Demo der Antifa, die von der Seite auf uns zu­kommt und mit der wir gemeinsam in Richtung Sportforum weiterziehen.“ Vom etwas er­höhten Haltestellenbereich aus kann ich es jetzt erkennen: die gesamte Kreuzung ist voller Menschen, unmöglich zu sagen, wie viele Gegendemonstranten alleine hier gerade insge­samt auf der Straße stehen. Es fühlt sich gut an, ein Teil einer so großen Masse zu sein. Ich will nur hoffen, dass die Legida-Anhänger, deren „Spaziergang“ bald am Stadion beginnen wird (und zwar im absoluten Dunkel, da weder die Stadt noch der Verein RB Leipzig dieser Veranstaltung eine Bühne bieten will), deutlich weniger sind als wir. Während wir uns lang­sam vorwärts schieben, entdecke ich ein Plakat, das einen Mops zeigt, darunter steht: „Wü­tender Mobs“. Mein bisheriger Favorit unter den Protestplakaten, der allerdings kurz darauf starke Konkurrenz bekommt durch ein Schild mit der Aufschrift: „Pogida – Potter gegen ille­galen Drogenkonsum in Azkaban“.

Ein paar Meter vor uns spielen ein paar Leute auf verschiedenen Blasinstrumenten, nach je­dem Lied werden sie bejubelt. Wir schieben uns die Käthe-Kollwitz-Straße entlang, auch hier werden wir wieder von Anwohnern beobachtet, einige schließen sich uns spontan an, ande­re winken uns von ihren Fenstern und Balkonen aus zu. Ich bin hier bisher immer nur mit der Bahn oder dem Auto unterwegs gewesen. Jetzt sieht alles so anders aus, wohin ich auch bli­cke, überall sind Menschen, so viele, dass ich mir kaum vorstellen kann, dass zur gleichen Zeit in anderen Teilen dieser Stadt der Autoverkehr ganz normal fließt. Dann erreichen wir den Goerdelerring, wo tatsächlich noch einige Leute versuchen, mit ihren Autos vorwärts zu kommen. Wir selbst halten uns schon längst nicht mehr an die Straßenverkehrsordnung, kei­ner wartet an einer roten Ampel, keiner be­schränkt sich auf die Fußgängerwege, so vieles scheint außer Kraft gesetzt an diesem Abend, die „Macht der Masse“ ist zweifelsfrei zu spüren. Die Leute, die in den Autos sitzen und si­cher schon seit einer ganzen Weile warten müssen, sehen uns nicht verärgert an, es ist viel­mehr eine Mischung aus Erstaunen und Be­wunderung, mit der sie die große Men­schen­men­ge betrachten, die jetzt ein weiteres Mal zum Stillstand kommt.

Wir stehen mitten auf der Kreuzung und ich bemerke noch einmal mit Erstaunen, wieviele De­monstranten ihre Kinder mitgebracht haben. Ein etwa zehnjähriger Junge läuft auf und ab und berichtet seinen Eltern von allem, was er wahrnimmt. Für ihn ist die Demo wie ein Stra­ßenfest der be­sonderen, aufregenden und irgendwie auch unberechenbaren Art, und ich bin mir sicher, dass auch er es toll findet, ein Teil der Menge sein (und lange aufbleiben) zu dür­fen, auch wenn er vielleicht noch nicht ganz versteht, worum es eigentlich geht. Hier hat das Ganze et­was von einer Party oder einem Festival. Etwas weiter vorne steht ein Wagen, aus dem Punk­rock dröhnt. Dann spricht jemand, auf Türkisch, oder jedenfalls klingt es von Wei­tem wie Türkisch. Obwohl kaum jemand die Worte verstanden haben dürfte, jubelt die Men­ge nach der Rede. Danach ertönt wieder Musik, die aber bald unterbrochen wird, denn jetzt in­­for­miert uns jemand darüber, dass wir im weiteren Verlaufe unserer Route bald schon der Legida-De­mo be­gegnen könnten. Auch das wird mit Jubel und Applaus gewürdigt. Es liegt ei­ne Span­nung in der Luft, ich habe das Gefühl, dass es jetzt erst so richtig losgeht, obwohl es schon über drei Stunden her ist, dass wir uns mit den vielen anderen Studenten an der Uni getrof­fen ha­ben. Wir ziehen weiter, quasi ins Ungewisse.

An der Kreuzung, an der der Ranstädter Steinweg, auf dem wir uns befinden, in die Jahnallee übergeht, ist Schluss. Hier steht die Polizei, mit mindestens zehn großen Fahrzeugen und ei­ner ganzen Menge Personal, das gekleidet ist wie die SEK-Leute in den Krimis. Sie haben Wellenbrecher aufgestellt, hinter denen sich der Demonstrationszug jetzt staut. Wir stehen zwar direkt vorne, aber seitlich, so dass wir nicht erkennen können, was sich in der Straße vor uns abspielt. Irgendwo ganz in der Nähe müssen sie sein, die Legida-Leute, sonst würde die Polizei nicht so einen Aufwand betreiben, um uns am Weitergehen zu hindern. Wir war­ten. Eine Viertelstunde vergeht, dann eine halbe. Leider habe ich bei all meiner Nachden­ke­rei über die passende Kleidung keinen Gedanken an meine Füße verschwendet und das stellt sich jetzt als Fehler heraus. Langsam, aber sicher werden meine Zehen ziemlich kalt. Beim Laufen ging es noch, aber während wir stehen und warten, muss ich versuchen, sie künstlich in Bewegung zu halten, um nicht jegliches Gefühl in ihnen zu verlieren.

Schräg hinter uns sind ein paar Demonstranten auf das Denkmal für die Sprengung der Els­terbrücke im Jahre 1813 geklettert. Sie halten ein großes Transparent, auf dem steht: „Ihr seid Volk, wir sind Völker“. Zwei Mal jubelt die Menge hinter und neben uns plötzlich los, oh­ne dass wir erkennen können, warum. „Nationalismus raus aus den Köpfen!“, skandieren ein paar Leute links von uns, viele stimmen mit ein. Irgendwann rennen ein paar der Polizisten in die Rich­tung, in der wir die Legida-Demo vermuten. Mit einer Mischung aus Ungeduld und Aufre­gung lehnen wir uns gegen den Wellenbrecher vor uns und versuchen, zu verstehen, was ge­rade eigentlich Sache ist. Weil niemand das so recht weiß, kommt man miteinander ins Ge­spräch, man stellt gemeinsam Vermutungen über die Situation jenseits der Absper­rung auf. Der Typ neben uns klettert auf den Wellenbrecher und versucht, von seiner er­höh­ten Position aus etwas in Erfahrung zu bringen. Erwartungsvoll sehen die Umstehenden zu ihm herauf: „Siehst du was?“ „Polizeiautos!“, ruft er. Gelächter. „Und da sitzen ein paar Leu­te auf dem Boden rum.“ Anscheinend versuchen einige Gegendemonstranten also, den Legi­da-Leuten den Weg zu blockieren. Ab und an hört man Schlachtrufe aus der Ferne, aber ich kann nicht erkennen, wer da ruft, die Legida-Anhänger oder die anderen Gegendemons­tran­ten, von denen wir noch nicht einmal wissen, wo genau sie sich aufhalten.

Die Ampel, neben der wir stehen, schaltet alle paar Sekunden von rot auf grün, stur und sinnlos, selbst wenn jemand wollte, könnte er die Straße hier nicht überqueren. Eine al­te Frau beobachtet die ganze Szene vollkommen reglos von ihrem Fenster aus. In der Bäcke­rei an der Ecke ist noch eine Mitarbeiterin, sie läuft in dem hell erleuchteten Laden auf und ab und scheint nicht zu wissen, wie sie sich verhalten soll. Eine Frau aus der Menge möchte nach Hause gehen, sie wohnt ganz in der Nähe, aber hinter der Absperrung. Einer der Polizis­ten lässt sich ihren Ausweis zeigen, dann darf sie gehen. Von rechts, aus ei­ner Straße, die nicht abgesperrt ist, kommt eine Familie mit zwei Kindern angelaufen, die Po­lizisten interes­sieren sich gar nicht für sie, sondern lassen sie einfach weitergehen, genau in die Richtung, in die wir als Gegendemo-Menge nicht laufen dürfen. Ein paar Leute um uns herum vermuten, dass die Polizei nur vorsichtshalber hier steht, aber ich kann mir nicht vor­stellen, dass man hier alles dichtgemacht hat, wenn kein konkretes Risiko besteht, dass Legida-An­hän­ger und Gegen­demonstranten aufeinandertreffen. Schon allein die Ausrüstung der Polizisten lässt anderes vermuten.

Irgendwann drehe ich mich um und stelle fest, dass sich die Reihen hinter uns schon deutlich gelichtet haben. Nicht nur, weil ich kalte Füße habe, kann ich jeden verstehen, der das De­monstrieren an dieser Stelle für sich beendet, inzwischen sind gute vier Stunden seit dem Be­ginn der Studentendemo vergangen. Vier Stunden, in denen ich nicht einmal gesessen und außerdem nichts getrunken habe. Meine Freundin hat inzwischen angefangen, mit ihrer Kau­gummidose zu rasseln, man versucht jetzt alles, um irgendwie etwas passieren zu lassen. Ich schwanke zwischen dem Wunsch, einfach nach Hause zu fahren, mir dicke Socken anzuzie­hen und einen heißen Tee zu trinken, und dem Gefühl, dass man jetzt nicht einfach aufgeben darf, dass das Ganze hier erst dann einen Zweck hat, wenn die Legida-Idioten gesehen ha­ben, wieviele gegen sie auf die Straße gegangen sind. Und dass deswegen jeder einzelne von uns jetzt hier ausharren sollte. Außerdem will ich irgendwie auch ein­fach sehen, was das für Leute sind, die sich ganz in unserer Nähe offen zu den Hassparolen und dem anderen Schwachsinn bekennen, den Pegida verbreitet. Andererseits kann ich auch den Typen verste­hen, der hinter uns seufzt und zu seinem Kumpel sagt: „Es ist kalt und wir stehen hier rum. Und das alles nur, um ein paar Tiere zu sehen…“

Nachdem wir eine gute Dreiviertelstunde an dieser Straßenkreuzung gestanden haben, läuft ein Teil der Menge plötzlich in Richtung Thomasiusstraße. Wir schließen uns an und stellen fest: hier kommt man problemlos durch, wir müssen nur durch eine kleine Seitenstraße lau­fen, einmal rechts abbiegen und, zack, stehen wir inmitten einer anderen Gruppe von Ge­gen­demonstranten. Jetzt kann ich einen Blick erhaschen auf die „Tiere“, die Legida-Anhän­ger, oder besser: auf eine riesige Deutschlandfahne, die jemand schwenkt, mehr kann ich nicht erkennen. Aber hier, in dieser dunklen Straße, gibt es ihn plötzlich, den Lärm. Die Leute bu­hen, pfeifen, trommeln, rasseln und brüllen im Chor: „Nationalismus raus aus den Köp­fen!“ Doch obwohl es laut ist und die Stimmen durchaus wütend klingen, ist von Aggression oder gar Gefahr nichts zu spüren, es ist vielmehr eine entschlossene, aber friedliche De­monstration der Tatsache, dass man hier in Leipzig nicht einfach so wortlos hinnimmt, wenn fremden­feindliche Gruppen sich versammeln.

Verfroren, aber zufrieden beschließen meine Freundin und ich, nach Hause zu fahren. Kaum haben wir die Demo hinter uns gelassen, nehme ich den Hunger wahr, von dem ich mich die ganze Zeit über gefragt habe, wann er sich wohl einstellen wird. Aus einer Seitenstraße er­tönt laut Beethovens „Ode an die Freude“, es sind also tatsächlich einige Anwohner der Auf­forderung nach­gekommen, die europäische Hymne abzuspielen, um die Parolen der Legida-Anhänger zu über­tö­nen. Wir laufen zum Augustusplatz, der Verkehr funktioniert in diesem Teil der Stadt inzwischen wieder ganz normal, sowohl auf den Straßen als auch auf den Schienen. In der S-Bahn le­sen wir, was die Leipziger Volkszeitung auf ihrer Internetseite ver­meldet. Nach An­gaben der Polizei waren es etwa 4.800 Demonstranten auf Seiten von Legi­da – etwa 6.000 wurden erwartet – und rund 35.000 Ge­gende­mons­tran­ten statt der eben­falls rund 6.000, mit denen die Organisatoren gerechnet hatten. Mehr als bislang in jeder an­deren deutschen Stadt. Man kann stolz sein auf Leipzig.

Als ich zu Hause bin und meine Zehen wieder spüren kann, setze ich mich mit meiner Tee­tas­se an mein Laptop und verfolge den Live-Ticker zur Demo, den die LVZ bereitstellt. Kurz nach­dem wir gegangen sind, hat sich wohl auch der Rest der Menge – auf beiden Seiten – allmäh­lich aufgelöst und der Verkehr in der ganzen Stadt normalisiert sich langsam wieder. Die Teilnehmerzahlen, die die Zeitung gemeldet hat, sind offiziell bestätigt worden. Was sich vorhin, auf der Straße, noch so gut angefühlt hat, diese Idee, Teil einer großen, starken, ja unbesiegbaren Masse zu sein, das relativiert sich dann doch ein bisschen beim erneuten, ungläubigen Blick auf diese Zahl, 4.800. Es will nicht in meinen Kopf, dass sich in dieser Stadt, in der ich mich so wohlfühle und deren Einwohner ich als so sympathisch empfinde, fast 5.000 Menschen finden, die sich in ihren – zumeist unbegründeten und von mangelnder Bildung herrührenden – Ängsten vor dem Unbekannten von einer Bewegung wie Legida so verstanden und bestätigt fühlen, dass sie an einem Montag Nachmittag bei Kälte und Wind auf die Straße gehen. Oder die einfach nur gelangweilt genug sind, um bei so etwas mitzu­machen. Und als ich dann noch erfahre, dass für kommende Woche Montag bereits die nächste Legida-Demo angekündigt wurde, wird mir klar: man kann mit einer Gegendemons­tration ein Zeichen setzen, ein sehr deut­li­ches sogar, aber das kann nicht mehr sein als ein erster Schritt. Machtlos ist man nicht, in der Mehrheit schon gar nicht, aber man kratzt doch nur an der Oberfläche des (bundes­wei­ten) Problems. Zum Glück laufen die Vorbereitungen für die nächsten Gegendemos auch schon wieder. Ich hoffe, dass dann das Leipziger Zeichen gegen Legida wieder so stark aus­fällt wie gestern. Dass man es nicht beim ersten Schritt belässt.

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