„Shine on before the music passes through you.“

Dies ist der erste Teil einer kleinen Serie, die ich hier im Blog starten möchte. Es handelt sich um eine Reihe über Bands, die es nicht mehr gibt. Und zwar solche, um die es tatsächlich schade ist – zumindest aus meiner Sicht. Wann immer mir dazu etwas einfällt, wird es einen Post zu einer Band geben, immer nach dem gleichen, steckbriefartigen Schema. Ich werde darüber schreiben, wie ich die betreffende Band kennengelernt und wie ich schließlich von ihrem Ende erfahren habe. In welcher Weise sie mich wann begleitet hat oder dies noch immer tut und welche Songs ich für immer in Erinnerung behalten werde. Und vielleicht noch ein bisschen mehr. Jedenfalls soll es darum gehen, was die Band für mich persönlich bedeutet (hat), nicht darum, wie erfolgreich sie objektiv gesehen war.

Die Band: The Tunics

Der Anfang: Irgendwann im Jahr 2008, in meinem alten Kinderzimmer, hörte ich aus den leicht scheppernden Lautsprechern meines silbernen, irgendwie futuristisch anmutenden Ghettoblasters zum ersten Mal den Song „Cost of Living“ im Radio – und hatte danach über Wochen einen Ohrwurm von dem Refrain, den ich bis heute auswendig kann.

Die Begeisterung: The Tunics wurden ungefähr zu dem gleichen Zeitpunkt bekannt wie di­verse andere britische Bands (Arctic Monkeys, Maximo Park oder Bloc Party, um nur einige weni­ge zu nennen) und häufig mit diesen in einen Topf geworfen, obwohl sie zumindest hier in Deutschland leider nie so richtig erfolgreich waren. Aber mal ganz da­von abgesehen, dass es auch schon schlichtweg falsch ist, die Musik der drei in Klammern genannten Beispiele für aus­tauschbar zu halten, unterscheiden sich The Tunics allein schon durch die wirklich außer­gewöhnliche Stimme ihres Sängers, Joe Costello, von den anderen. Das ist eine Stimme, die man nicht mehr vergisst und die man immer und überall sofort erkennt. Eine Stimme, die nicht nur über Persönliches und das wohl wichtigste Thema der gesamten Mu­sikwelt, näm­lich die Liebe, singen, sondern sich auch über Songtexte gesellschaftskritisch äu­ßern kann – wie in dem besagten ersten Song, den ich von der Band kannte, oder auch in „In the City“. Ich bin nicht be­sonders gut darin, in Worten auszudrücken, wie die Musik einer Band klingt, daher die Ver­linkungen hier im Text. Für mich jedenfalls ist der Sound von The Tunics zwar auf der ei­nen Seite sehr eingespielt und daher schon nach wenigen Songs sehr vertraut, aber auf der an­de­ren Seite auch immer wieder für Überraschungen gut. Hört man beispielsweise erst „Paris, France“, dann „Slaves Ride On These Waves“ und danach viel­leicht noch „A Mo­ment of Clarity“, wird einem schon durch nur drei Songs klar, wie vielseitig die Musik dieser Band ist. Für jede Situation im Leben findet sich ein Song. So bin ich zum Bei­s­piel schon in Begleitung von „Low“ nachdenklich mit dem Bus durch das dunkle, ver­schneite Estland ge­fahren, habe zu „Do What You Did“ schwungvoll die Wohnung geputzt und bei „Persian Sun“ einfach nur dagesessen und fasziniert zugehört. Und das werde ich auch in Zukunft tun, denn solange man das kann, ist es vollkommen unerheblich, ob eine Band sich aufgelöst hat oder nicht.

Das Live-Erlebnis: Es gab keins. 2011 hätte ich sie in Köln live sehen können, aber sie spielten dort an dem Wochenende, an dem meine Schwester Geburtstag hatte. Dieser Anlass wurde damals auch in Köln gefeiert und ich „klaute“ in der Nacht sogar eins der Konzertposter. Wo das gelandet ist, weiß ich nicht mehr. Wahrscheinlich habe ich es am Ende entsorgt, weil es zerknickt und/oder nass wurde. Oder vielleicht habe ich die ganze Sache auch völlig falsch im Kopf. Jedenfalls konnte ich damals noch nicht ahnen, dass ich soeben die letzte Chance ver­passt hatte, diese Band live zu erleben. Aber der Geburtstag war jedenfalls lustig.

Das Ende: Am 1. Dezember 2013 wurde der letzte Post auf der Facebook-Seite der Tunics veröffentlicht. Und es sollte tatsächlich der allerletzte sein. Denn die Jungs gaben an diesem Tag ihre Auf­lösung bekannt: „It’s with a mixture of pride and sadness that The Tunics will come to an end […]. What a wonderful experience this has been. […] But it’s become appa­rent that we are taking different pathways now and we can sadly no longer commit to the band any longer. But this is not a eulogy, this is a celebration. Please, raise a glass as we will, to a decade of noise and confusion, madness and melody. We would sincerely like to thank each and every one of you that sang along and listened to our songs and we also extend spe­cial thanks and praise to every member that has been and gone. You know who [you] are. We love you. A decade of love comes to an end today. We hope we made some kind of a difference.“ Da­runter war der Song „Stay Young“ verlinkt. Schöner hätten sie sich nicht ver­ab­schieden können. Dieser Song gehört für mich zu den besten, die die Band je aufge­nom­men hat, denn seine Botschaft ist zwar simpel und nichts weltbewegend Neues, aber trotz­dem wahr und schön: „After all you’re only as old as you feel. […] Every day in every way is just as important as the last. […] Every word means something, somehow, somewhere in somebody’s heart.“ Es ist ein Song, zu dem man mit einer Mischung aus Melancholie, Glück und Stolz auf die guten alten Zeiten zurückblicken, gleichzeitig aber auch optimistisch und mit einem Kopf voller Pläne in die Zukunft schauen kann. Die Band hat es also geschafft, durch das simple Verlinken eines ihrer Songs genau das auszudrücken, was ihre Mitglieder bei der Auflösung vermutlich verspürt haben. Und ich bin mir sicher, dass ich auch in vielen Jahren diese Stimmung noch werde verstehen können, wenn ich „Stay Young“ höre.

Was bleibt: Zum Glück haben The Tunics sich mit ihrer Auflösung nicht vollständig von dieser Welt entfernt. Auf ihrer Soundcloud-Seite kann man nach wie vor fast jeden Song hören, den die Band je veröffentlicht hat. Über Bandcamp gibt es zudem die Möglichkeit, kostenlos die letzten vier Songs herunterzuladen, die vor der Auflösung veröffentlicht wurden. Sie bilden den ersten Teil eines dritten Albums der Band, das über diesen ersten Teil leider nie hinaus­gekommen ist. Daher ist es fast schon ironisch, dass dieses Album den Titel „By the Time You Hear This We’ll Be Miles Away“ tragen sollte. Diese letzten vier Songs unterscheiden sich ziemlich deutlich von dem, was die Band vorher gemacht hat, denn sie gehen fast schon in Richtung Postrock. Sie zeigen, dass Joe Costellos Stimme, obwohl – oder gerade weil – sie so besonders ist, zu vie­len verschiedenen Musikrichtungen passt. Trotzdem kann man die be­währten Qualitäten der Band hier ebenso erkennen wie auf den ersten beiden Alben. Es ist wirklich schade, dass das Album nie vollständig veröffentlicht wurde, aber gleichzeitig ist es irgendwie auch toll, dass The Tunics sich mit vier so großartigen Songs verabschiedet haben.

Was bleibt sonst noch? Die Gewissheit, dass ein einziger Satz reichen kann, um einen wun­dervollen, nahezu epischen Song zu schreiben („By Foreign Seas“). Eine ganze Menge toller Songtextzeilen, von denen mich schon so manche beim Schreiben inspiriert hat oder es noch tun wird. Die Erkenntnis, dass eine Band gar nicht unbedingt immer und immer wieder etwas Neues produzieren muss – schon gar nicht, wenn sie sich selbst nicht mehr wohl und/oder unter Druck gesetzt fühlt – , um sich zumindest für ein paar Leute unsterblich zu machen. In diesem Sinne haben The Tunics es für mich insgesamt leichter gemacht, damit umzugehen, wenn eine von mir sehr geschätzte Band beschließt, nicht mehr weiter­zu­ma­chen. Sie haben gezeigt, dass eine Auflösung immer auch ein Anlass ist, sich noch einmal (und am besten immer wieder) intensiv mit dem Schaffen der jeweiligen Band zu beschäf­ti­gen und einfach dankbar zu sein für das, was sie zur Musiklandschaft und auch zu meinem Le­ben beigetragen haben.

 

Die Textzeile aus dem Titel dieses Posts ist aus dem Song „Shine On“.

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