Wiederentdeckt

In der letzten Zeit habe ich mich häufiger damit beschäftigt, Texte zu lesen, die ich vor Jahren einmal angefangen und dann nicht mehr weitergeschrieben habe. Sowas endet meistens damit, dass ich mir vornehme, eines Tages doch einmal an einer Fortsetzung zu arbeiten. Leider kann ich mich häufig nur noch bruchstückhaft daran erinnern, wie ich die Geschichte weiterzuerzählen geplant hatte, falls überhaupt jemals irgendeine Art von Plan dafür existierte (ein wirklich sehr blöder Nebeneffekt meiner Angewohnheit, einfach drauf los zu schreiben). Interessanterweise weiß ich in vielen Fällen aber noch sehr genau, aus welcher Situation heraus ich den jeweiligen Text damals begonnen habe, und manchmal sehe ich sogar eine jüngere Version meiner Selbst vor meinem inneren Auge, wie sie an einem bestimmten Ort am Laptop oder Computer sitzt und die Worte, die ich jetzt, Jahre später, erneut lese, eintippt. Man schreibt ja aufgrund einer bestimmten Inspiration und vor allem der Stil, in dem man eine Geschichte verfasst, ist sehr stark von der aktuellen Gemütslage abhängig.

Bei dem Dokument mit dem Arbeitstitel „Dieser Sommer“, das ich im März 2010 angelegt habe und das aktuell ziemlich genau sieben Seiten umfasst, kann ich mich allerdings an fast nichts mehr erinnern. Die grobe Idee für diese Geschichte, aus der mal ein Roman werden sollte, ist zwar noch immer in meinem Kopf präsent, aber irgendwie hatte ich mir eingebildet, dass ich den Text schon begonnen hätte, als ich noch bei meinen Eltern gewohnt habe, also irgendwann vor Oktober 2009. Ich weiß auch wirklich gar nicht mehr, wie ich auf die Grundgeschichte gekommen bin, was mich dazu inspiriert hat und welche Lebensumstände mich beim Schreiben beeinflusst haben. Genauso habe ich auch vollkommen vergessen, wie die Geschichte damals in meinem Kopf weiterging, so dass es mir quasi unmöglich ist, sie heute so fortzusetzen, dass sie noch mit dem ursprünglichen Gedanken zusammenpasst. In solchen Fällen frage ich mich immer, ob es in Ordnung ist, einen alten Text sozusagen aus heutiger Sicht weiterzuschreiben, oder ob man nicht vielmehr einfach nur die Grundidee übernehmen und daraus etwas völlig Neues machen sollte.

Bei einem anderen Text von Anfang 2011, den ich ebenfalls vor Kurzem wiederentdeckt habe, fiel es mir ganz leicht, einfach da weiterzuschreiben, wo ich aufgehört hatte, obwohl ich auch bei dieser Geschichte nicht mehr sicher bin, worauf sie eigentlich mal hinauslaufen sollte. Aber in diesem Fall kann ich mich einfach noch sehr genau daran erinnern, warum und mit welcher Motivation ich damals angefangen habe, sie zu schreiben. Ich könnte auch nach fast vier Jahren, die vergangen sind, seit ich das erste Wort dieser Geschichte auf das virtuelle Papier gebracht habe, exakt all die Dinge benennen, die mich damals beim Schreiben beeinflusst haben. Und deshalb fällt es mir heute leicht, einfach weiterzumachen, als sei gar nicht so viel Zeit verflossen, so leicht, dass ich bereits fast vier Seiten neuen Text hinzugefügt habe. Darüber hinaus ist es bei 57 bereits geschriebenen Seiten natürlich auch einfacher, wieder in die Geschichte hineinzufinden als bei gerade einmal sieben. Aus diesen sieben Seiten möchte ich trotzdem ein paar Ausschnitte hier posten, denn grundsätzlich gefällt mir das, was ich unter dem Arbeitstitel „Dieser Sommer“ damals geschrieben habe, immer noch. Und ich glaube, dass es meinen Blick auf die Geschichte vielleicht verändern könnte, zu wissen, dass ich Teile von ihr einmal online gestellt habe. Vielleicht gehe ich dann ja trotz aller Widrigkeiten eines Tages hin und schreibe sie weiter. Nicht genau jetzt, aber bald. Hoffentlich.

Damit die Ausschnitte nicht vollständig aus dem Zusammenhang gerissen hier stehen, fasse ich mal ganz kurz zusammen, worum es in der Geschichte geht (oder besser: gehen sollte). Der auf den ersten sieben Seiten noch namenlose männliche Hauptcharakter ist zwar schon um die vierzig, konnte sich aber nie wirklich von seiner Kindheit lösen, vor allem nicht von den Erinnerungen an einen ganz besonderen Sommer. Damals war er acht Jahre alt und verbrachte seine Ferien mit einer Gruppe anderer Kinder und zwei Betreuern irgendwo auf dem Land (so genau weiß ich das nicht mehr, den Namen der bisher vorkommenden Personen nach zu urteilen spielt das Ganze irgendwo in Skandinavien, ich glaube, in Schweden). Dort lebten sie ohne jeglichen Luxus und mitten in der Natur und das hat den Ich-Erzähler nach­haltig beeindruckt. Es fällt ihm schwer, sich im Erwachsenenleben zurechtzufinden, zumal er es nicht wirklich zu etwas gebracht hat, und er hat den Eindruck, dass er nie wieder so glücklich sein wird wie er es in diesem Sommer war. Das ist zumindest der Stand auf den ersten sieben Seiten, worauf das Ganze einmal hinauslaufen sollte, weiß ich, wie gesagt, nicht mehr, aber ich denke, diese groben Angaben reichen zumindest aus, um die nun folgenden Ausschnitte aus der Geschichte zu verstehen.

Eine halbe Sonne scheint morgens in meine Küche, die andere Hälfte wird von dem Hoch­haus gegenüber verschluckt. Es ist genau so ein Haus wie das, in dem ich wohne, zehn Stock­werke grauer Beton. Kleine Fenster, winzige Balkons. Mein Versuch, mit gelben Vorhängen etwas Farbe hineinzubringen, wirkt beim Vorübergehen so kläglich, dass sogar ich selbst ihn belächele. Und dann stelle ich mir vor, wie jemand, der in einem schöneren Haus wohnt als ich selbst, beim Anblick dieses vergeblichen Bemühens Mitleid mit mir bekommt, und dann denke ich, dass die gelben Vorhänge dadurch doch etwas Gutes haben, und deshalb hängen sie nach all den Jahren immer noch hier, obwohl ich sie schon so oft entfernen wollte. […]

Torbjörn war damals neununddreißig Jahre alt und der stärkste Mensch, den ich kannte. Ich habe mich immer gefragt, warum er zum Holzhacken eine Axt nahm, ich war sicher, dass er es auch mit der bloßen Hand geschafft hätte. Er sah nicht stark aus, aber er war es. Er konnte fünf von uns mühelos gleichzeitig tragen, und während Helge immer unter dem Gewicht ei­nes vollen Wassereimers ächzte, trug Torbjörn zwei davon und dazu noch ein paar Holz­schei­te, die er sich unter den Arm klemmte, und pfiff ein Lied dabei.

Jetzt steht er neben mir am Wühltisch der örtlichen Buchhandlung und ist einundsiebzig Jahre alt. Er hat mich noch nicht gesehen, ich habe mir nicht anmerken lassen, dass wir uns kennen, und ich bin auch viel zu erstaunt darüber, ihn nach all der Zeit wiederzusehen, als dass ich auch nur ein Wort hervorbringen könnte. Ich beobachte ihn aus den Augenwinkeln. Man erkennt ihn sofort, er hat noch immer diese strengen und doch verständnisvollen Ge­sichtszüge. Seine Augen sind noch immer so groß, als sei er stets erstaunt über die Welt um sich herum, doch sie sind nicht mehr blau wie damals, sondern blassgrau. Ich weiß nicht, wann man im Alter zu schrumpfen anfängt und um wieviel die Größe eines Menschen dann durchschnittlich abnimmt, aber ich habe Torbjörn auf jeden Fall größer in Erinnerung als er es jetzt, hier an diesem Wühltisch, ist. Und dünn ist er geworden.

Ich beobachte ihn. Er hat knochige Finger. Sie wandern schnell über die vielen Buchrücken, so schnell, dass ich mich frage, ob seine Augen eine Chance haben, ihnen zu folgen. Es sieht ganz so aus, als suche er etwas Bestimmtes, und das passt zu dem zielstrebigen Eindruck, den er schon damals immer machte. Ich hingegen stehe hier, um zu stöbern, und bisher war ich auch immer der Ansicht, dass es das ist, was man an einem Wühltisch tut. Doch Torbjörn wirkt eher wie jemand, der seine lange angesammelten Schätze mit Augen und Fingern nach einem bestimmten, besonders kostbaren Teil absucht.

Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich könnte ihn ansprechen. Ich könnte mich auch umdrehen und gehen. Keine dieser beiden Möglichkeiten erscheint mir wirklich passend, es ist fast so, als suche mein Gehirn nach einer dritten, besseren Alternative. In Wirklichkeit warte ich wohl einfach nur darauf, dass Torbjörn mich ebenfalls erkennt und es übernimmt, ein Ge­spräch zu beginnen. Aber kann er mich überhaupt erkennen? Ich war damals ein Junge von acht Jahren, gänzlich unerwachsen, und das Gesicht eines Achtjährigen ist in dem Gesicht ei­nes Vierzigjährigen wahrscheinlich deutlich schwieriger wiederzufinden als die Züge eines Neununddreißigjährigen in dem Gesicht eines Einundsiebzigjährigen.

Torbjörn ist noch immer völlig in seine Suche versunken, er hat sich dabei keinen Millimeter von der Stelle bewegt, und obwohl der Wühltisch nicht sonderlich groß ist, ist das eine er­staunliche Leistung. Plötzlich bekomme ich Angst, dass er derjenige sein könnte, der sich um­dreht und geht. Deshalb fasse ich einen Entschluss. Ich nehme ein Buch vom Tisch, das ich selbst vor einiger Zeit gelesen habe, halte es in seine Richtung und sage: „Das hier kann ich empfehlen.“ Meine Augen sind dabei auf die Titelseite des Buches gerichtet, und, um ehrlich zu sein, ist das ein Buch, das mich verärgert hat, aber ich würde ungern über ein Werk spre­chen müssen, das ich gar nicht gelesen habe, sollte Torbjörn sich auf ein Gespräch einlassen.

Er sieht zu mir herüber, betrachtet das Buch und sagt: „Das habe ich schon gelesen und es fiele mir nicht ein, es noch einmal zu tun.“ Seine Stimme ist im Alter höher geworden, sie erinnert beinahe an eine Kinderstimme, so wie es die Stimmen der alten Leute in Filmen tun. Allerdings hat er noch immer die gleiche Sprechmelodie wie damals, eine Art zu spre­chen, die alles, was er sagt, freundlich klingen lässt. Torbjörn gehört zu den Menschen, die selbst eine rüde Beleidigung wie ein ernstgemeintes Kompliment oder einen aufmunternden Ratschlag klingen lassen können.

„Achso“, sage ich und vielleicht werde ich dabei rot. Ich schaue auf, aber nun steht eine dicke Frau neben mir und nimmt den Namen „Wühltisch“ für meinen Geschmack etwas zu wörtlich. Von Torbjörn sehe ich nur noch den Rücken. Er bewegt sich mit ziemlich schnellen Schritten auf den Marktplatz zu und verschwindet nach einer Weile in der Bäckerei neben dem Rathaus, der besten Bäckerei der Stadt. Seufzend mache ich mich in die entgegengesetzte Richtung auf. Ich habe kein Buch gekauft, wie eigentlich immer, entweder ist auf dem Wühltisch nichts für mich dabei, oder ich halte mich davon ab, etwas zu kaufen, weil ich mein Geld besser in andere Dinge investieren sollte – auch wenn ich mich jedes Mal aufs Neue frage, welche anderen Dinge ich damit eigentlich meine.

Immerhin weiß ich jetzt, dass Torbjörn noch hier in der Stadt wohnt oder zumindest einen Grund hat, hierher zu kommen. Der Wühltisch der Buchhandlung war das anscheinend nicht. Mit dieser Information lässt sich nicht viel anfangen, aber plötzlich ist da diese Stimme in meinem Kopf, die sagt, dass das auch besser so sei, und ich weiß, dass es Henriks Stimme ist, ich kann das so deutlich erkennen, dass ich fest damit rechne, Henrik vor mir zu sehen, als ich um die Ecke biege. Aber die Straße ist menschenleer, wie immer. Wie oft habe ich hier schon das Gefühl gehabt, der einzige Mensch weit und breit zu sein. Man biegt nur links ab und ist raus aus der Stadt, obwohl man noch mittendrin ist. Und ausgerechnet hier befindet sich mein Arbeitsplatz. Er liegt im dritten Stock eines völlig unscheinbaren hellgrauen Hau­ses, dessen Fassade der Architekt mit einigen Stuckdreiecken zu verschönern versucht hat. In meinen Augen ist ihm das nicht gelungen, die Dreiecke wirken deplatziert, sie gehören nicht an dieses Haus. Aber wahrscheinlich gehören Stuckdreiecke an kein Haus der Welt, oder ich verstehe einfach nur ihren Sinn nicht, vielleicht haben sie aber auch gar keinen. […]

Der Computer, den ich hier zum Arbeiten benutze, ist deutlich älter als mein eigener, aber im Gegensatz zu meinen jungen Kollegen und der noch jüngeren Praktikantin bin ich nicht mit Computern aufgewachsen, so dass mich der Laptop, der zu Hause steht, zumeist über­fordert. Mit meinem Arbeitscomputer habe ich eine Art Freundschaft geschlossen, ich weiß, wie lange er für jeden Vorgang braucht, und ich bin geduldig mit ihm, viel geduldiger als mit Menschen, und geduldiger als mit mir selbst. Während er hochfährt, gehe ich mir einen Kaffee holen. Der Kaffee hier auf der Arbeit schmeckt nicht und das weiß ich, er wird stundenlang in einer großen Thermoskanne in un­serer klei­nen Küche warmgehalten, aber am Ende eines jeden Arbeitstages ist die Kanne leer. Ich weiß nicht, was uns immer wieder hierher in die Küche zieht, warum wir uns täglich mehrfach eine Tasse des bitteren schwarzen Getränks holen, vielleicht bietet es ein wenig Abwechslung oder vielleicht versprechen wir uns davon neue Energie. Einige Kollegen er­hof­fen sich sicherlich auch ein Gespräch mit jemandem, der auch gerade aufgestanden und in die Küche gegangen ist. So auch Erik, der hereinkommt, als ich gerade meine Tasse fülle.

Erik hat sein Zimmer direkt gegenüber der Küche, so dass er immer genau hören kann, wann jemand sich dorthin begibt. Allerdings hat er trotzdem in all den Jahren nicht gelernt, seine Kol­legen am Gang zu erkennen. Es passiert immer wieder, dass er kurz nach mir in die Küche kommt, und jedes Mal merke ich, dass er nur aus Höflichkeit nicht gleich wieder kehrtmacht und ohne ein Wort in sein Zimmer zurückgeht. Ich weiß, dass Erik mich nicht leiden kann. Er ist nicht wie die anderen Kollegen, die einfach nur nichts mit mir anzufangen wissen, er hat eine richtige Abneigung gegen mich entwickelt. Ich selbst stehe Erik ziemlich gleichgültig gegenüber , wie eigentlich den meisten Menschen, und manchmal nehme ich mir vor, das zu ändern, mich mehr für andere zu interessieren, aber es will mir nicht gelingen.

Ich bewege mich ständig auf diesem schmalen Grat zwischen dem Wunsch, anders zu sein und der Sehnsucht nach einem Leben, wie es alle anderen zu führen scheinen. Manchmal wache ich morgens auf und weiß, dass ich tatsächlich anders bin, und das erfüllt mich zu gleichen Teilen mit Freude und mit Schmerz. In anderen Momenten wiederum muss ich fest­stellen, dass ich mich gar nicht von anderen unterscheide. Es gibt so viele Dinge, die mir an den Menschen, denen ich begegne, nicht gefallen, und die ich nie an mir selber entdecken möchte. Und doch wäre ich tief in meinem Inneren gerne so wie sie. Nur sehr selten gestehe ich mir das ein. […]

„Hallo“, sagt Erik, während er im Türrahmen lehnt und darauf wartet, dass ich mit dem Be­fül­len meiner Tasse fertig werde, aber in Wirklichkeit will er nur schnell wieder weg, denn wie ich durch seine geöffnete Zimmertür sehen kann, steht auf seinem Schreibtisch bereits eine dampfende Tasse. Ich lasse mir also Zeit, fülle die Tasse erst nicht ganz, gebe ein wenig Zu­cker hinein, obwohl ich Kaffee schwarz zu trinken pflege, und lasse dann noch einige Milli­li­ter braune Brühe in die Tasse tröpfeln. Danach lächle ich Erik freundlich an und frage ihn, wie er mit seiner Arbeit vorankomme. Dabei bedeute ich ihm mit der Hand, dass er sich jetzt an der Kaffeekanne bedienen könne. Er verzieht ein wenig den Mund, vielleicht soll das ein Lächeln sein, jedenfalls ist er jetzt gezwungen, entweder zuzugeben, dass er nur in der Hoff­nung auf ein Gespräch mit einem anderen Kollegen in die Küche gekommen ist, oder aber sich eine zweite Tasse Kaffee abzufüllen, die dann in seinem Zimmer langsam abkühlen und noch bit­terer werden würde. „Läuft ganz gut“, antwortet er knapp, löst sich sichtlich wider­willig aus dem Türrahmen und füllt tatsächlich noch eine Tasse. „Na dann“, sage ich. „Frohes Schaffen“, brummt er, ich lä­chele noch einmal und begebe mich dann wieder in mein Zim­mer.

Warum sind wir Menschen nur so verlogen?, denke ich, als ich mich auf meinen Stuhl fallen lasse. Hat Erik etwa ernsthaft gedacht, ich hätte nicht gemerkt, dass er sich mit jedem Kolle­gen gerne unterhalten hätte, nur mit mir nicht? Und hat er vielleicht sogar auch noch ge­dacht, dass mich das kränken würde und sich deshalb trotz seiner Abneigung gegen mich da­zu entschieden, nicht die Wahrheit zu sagen? Und warum habe ich, der ich so überzeugt da­von bin, dass Erik mir egal ist, ihn bewusst provoziert, um zu sehen, wie er reagieren würde? Vielleicht ist der Mensch ja einfach ständig auf der Suche nach einen Triumph, auch wenn dieser nur darin besteht, dass ein ungeliebter Kollege zwei Tassen bittere Plörre in seinem Zimmer stehen haben muss. […]

Damals ging es uns nicht darum, zu triumphieren, und wenn doch, dann wollten wir nur uns selbst gegenüber einen Triumph erlangen. Sich selbst etwas zu beweisen, das war wichtig, auch wenn wir das erst später begriffen, als alles vorbei war, und man das Gewonnene in den Alltag einbringen musste.

Ich war acht Jahre alt und sehr still, ein Denker, ein Träumer mit großer Phantasie und dem Drang, alles, insbesondere den Menschen, vollständig zu verstehen. Doch ich stellte all diese Fragen immer nur mir selbst und auf der Suche nach Antworten blieb ich oft stecken, und genau damit konnte ich nicht umgehen. In diesen verzweifelten Momenten zog ich mich zu­rück, sprach mit niemandem ein Wort, und es gab Nächte, in denen ich nicht schlief, weil sich so viele Gedanken aufdrängten, dass mein Kopf zu platzen schien, und dann fragte ich mich, ob ein Gehirn wirklich platzen kann, wenn es mit zu vielen Fragen belastet wird, und das war dann wieder eine neue Frage, die mich die ganze Nacht vom Schlafen abhielt.

Trotz alledem war auch ich ein Kind, ich spielte, lachte und liebte das Leben wie die anderen Jungen, die in unserer Straße wohnten. Die Schule fiel mir leicht, aber ich war nicht be­son­ders talentiert im Schließen von Freundschaften. Mein einziger Freund war der Junge von ge­genüber, ebenfalls ein ziemlich schweigsamer Typ, der allerdings jede Nacht durchschlief und deutlich fröhlicher war als ich selbst. Er war der einzige, der es schaffte, mich zeitweise von meinen Überlegungen abzulenken, und dann spielten wir Spiele, die völlig albern und so primitiv waren, dass es nichts gab, worüber ich in diesen Momenten hätte nachdenken kön­nen, und damit war ich glücklich, jedenfalls vorübergehend.

Ganz im Gegensatz zu meinen Eltern, die mich für viel zu ernst hielten und wohl immer einen kleinen Erwachsenen in mir sahen. Aber das war ich nicht, ich war nicht erwachsen, das bin ich bis heute nicht, ich wurde einfach nur mit so vielen erwachsenen Dingen konfrontiert. Aber ich nahm sie, anders als die meisten Kinder, nicht einfach hin und verschob den Ver­such, sie zu durchschauen, nicht auf das Erwachsenenalter. Ich glaube, dass meine Eltern das nie verstanden haben, ständig unternahmen sie Versuche, mich zu verändern, schickten mich zum Probetraining in diversen Sportvereinen und zu den vielen Kinderfesten, die im Sommer in der Gegend stattfanden. Ich wurde nie ein Sportler und die Kinderfeste waren die ersten Gelegenheiten, bei denen ich feststellte, dass ich gleichzeitig anders und genau wie alle sein wollte, und dass ich das nie würde vereinen können. […]

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