Live-Erlebnisse in Leipzig

In den letzten Monaten war ich auf vier sehr unterschiedlichen Konzerten hier in Leipzig und da ich Lust hatte, mal wieder über Musik und Live-Auftritte zu schreiben, gibt es jetzt diesen Post. Wie immer geht es mir mehr um meine ganz persönlichen Eindrücke als um minutiöse Beschreibungen des Konzertablaufs oder eine genaue Charakterisierung der Musik. Zu jeder Band und jedem Künstler habe ich je einen Song bzw. ein Stück verlinkt, klickt einfach auf den jeweiligen Namen im Text, um dieses anzuhören.

Carnival Youth (20. September)

Ich war noch nie zuvor in der Moritzbastei, der angeblich größten Studentenkneipe Deutsch­lands (oder gar Europas?), an deren Bau unter anderem Angela Merkel beteiligt gewesen sein soll. Der Eingang ist im Dunkeln gar nicht so leicht zu finden, und wenn man dann ein­mal drin ist, verwirren die vielen verschiedenen Gänge und Räume. Studentisch wirkt es hier nicht gerade, ich habe eher das Gefühl, dass wir die Jüngsten sind, die sich an diesem Abend hierher verirrt haben. Die Tische, an denen wir vorbeigehen, sind eher von Leuten ab 40 be­setzt. Vielleicht ist die Moritzbastei eher was für ehemalige Studenten, die sich an die alten Zeiten erinnern wollen. Das Konzert findet in ei­nem der kleineren Räume statt, vielleicht so­gar im kleinsten. Er liegt etwas versteckt hinter einem von mehreren Barbereichen und er ist alles andere als voll. Nur wenige Menschen, vielleicht eine Handvoll, sind da, sie wirken ein wenig verlo­ren in diesem gewölbe­kel­ler­ar­ti­gen Raum mit den hohen, spitz zulaufenden Stein­wän­den. Ich fühle mich an den Püssirohukelder, den Kultpub in Tartu, erin­nert. Wir ho­len uns erstmal was zu Trinken, die Kellnerin hat heute ihren ersten Tag und ist mit dem Bier­zapfen ein wenig über­fordert, aber sie und ihr Kollege sind beide so sächsisch-gesprächig und nett, dass ihnen wohl niemand das Übermaß an Schaum im Glas übel neh­men könnte.

Als Kairo, die Vorband, die Bühne betritt und die ersten Gitarrentöne erklingen, ste­hen die meisten Zuschauer noch ziemlich schüchtern da und klammern sich an ihre Gläser oder Fla­schen. Aber schon bald schaffen es die vier Jungs, kollektives Kopfnicken und/oder Bein­wippen hervorzurufen. Melodiöser Indierock, getragen von einer tiefen Stimme mit Wie­der­erkennungswert. Spätestens nach dem zweiten Song ist klar: das hier ist eine Vor­band, bei der man traurig sein wird, wenn sie die Bühne verlässt. Man merkt der Band an, dass sie (noch) nicht superprofessionell ist, da geht auch mal was schief, aber das machen sie mit Hu­mor und Talent locker wett. Zwischen den Songs sticheln die Bandmitglieder gegen einan­der, aber mit der Musik und ihren Texten, da meinen sie es ernst. Und ich glaube, das über­trägt sich auf das Publikum, alle sind kon­zentriert bei der Sache, schwelgen im Sound. Nach ihrem Set sitzt die Band am Bühnenrand, verteilt Aufkleber und verkauft CDs. Wir kau­fen ei­ne und unterhalten uns mit dem Sänger, der sich größte Mühe gibt, uns zu erklären, wie wir die Band im Internet finden können, denn „wenn man einfach Kairo googelt, findet man eher was anderes.“ Meine Vermutung, dass die Heimat der Jungs nicht allzu weit von unserer ei­genen entfernt liegen kann (der Dia­lekt hat es entlarvt), bestätigt er auch: die Band kommt aus Oberhausen.

Carnival Youth besteht auch aus vier Jungs, ihr Zuhause allerdings liegt eher nah an meiner „zweiten Heimat“ Estland, denn sie kommen aus Riga. In den letzten Jahren haben es ein paar Bands aus dem Baltikum geschafft, in Deutschland eine gewisse Bekanntheit zu erlan­gen, und in Bezug auf Lettland sind es wohl Carnival Youth, die den Deutschen am ehesten ein Begriff sind, wenn es um eine bestimmte Art von Musik geht. Doch trotz der diversen Auftritte in (unter anderem) Deutschland, der Slowakei, Finnland, Ungarn und Groß­bri­tan­nien, die die Band in der letzten Zeit absolviert hat, bleibt sie ihren Wurzeln treu und spielt an diesem Abend neben englischen auch eine ganze Reihe lettischer Songs. Für die meisten Leute im Publikum, das inzwischen ein wenig gewachsen ist, dürfte es das erste Mal sein, dass sie Texte in dieser Sprache hören, aber es wirkt, als seien sich alle einig, dass sich Let­tisch wunderbar zum Singen eignet, und dass es bei dieser Musik nichts ausmacht, wenn man kein Wort versteht. Die Bandmitglieder, die alle ziemlich klein sind oder in dieser Höhle von einem Raum zumindest so wirken, ver­su­chen sich zwischen den Songs auch immer wie­der mal an ein paar deutschen Wörtern, ge­ben aber meistens mittendrin lachend auf und sprechen auf Englisch weiter.

Ihre Musik, vorgetragen mit Gitarre, Keyboard, Melodica, Schlagzeug, Bass und Gesang, die macht alle glücklich, die es an diesem Abend geschafft haben, den richtigen Raum in der Mo­ritz­bastei zu finden. Ein Ü40-Pärchen vor uns – beide merklich angesäuselt vom Rotwein – tanzt eine Mischung aus sämtlichen paarweise zu tanzenden Standardtänzen und bringt damit die Band zum Lächeln und den Rest des Publikums zum Ablegen eventueller Rest­scheu. Bei „Never Have Enough“, dem bisher wohl bekanntesten Song der Band, können ei­nige sogar ein bisschen mitsingen. Es ist den vier Letten zu gönnen, dass sie bald größere Hallen füllen, wenn sie außerhalb ihrer Heimat auftreten, und dass dann alle mitsingen kön­nen – das Potenzial dazu haben ihre Songs auf jeden Fall. Trotzdem würde ich mir wünschen, dass der Sound der Band in Zukunft noch ein bisschen ausgereifter und abwechslungsreicher ausfällt, denn das einzig Negative, was man vielleicht über ihren Auftritt sagen könnte (wenn man denn unbedingt etwas Ne­ga­tives finden wollte), ist, dass er streckenweise ein klein we­nig langweilig ist. Aber im Ganzen be­trachtet, kann man das getrost vernachlässigen, und ich finde es wirklich schade, als das Konzert vorbei ist.

Hab ich gesagt, dass es schwer war, den Eingang in die Moritzbastei und dann innerhalb den richtigen Raum zu finden? Lächerlich, das war nichts gegen die Aufgabe, nach dem Konzert wieder rauszukommen! Die Tür, durch die wir reingekommen sind, ist inzwischen abge­schlossen. Von draußen grinsen uns ein paar Raucher an. Wir gehen eine Treppe hoch und finden uns plötzlich vor einer Art Disco wieder, in der 80er-Jahre-Musik läuft und für die man ein eigenes Ticket braucht. Also begeben wir uns nach unten und laufen dort eine Weile hin und her, wobei uns die Gäste an den Tischen amüsiert beobachten. Als wir uns schließlich trauen, einen Mitarbeiter an einer der gefühlt hundert Bars zu fragen, ernten wir nur ein La­chen und einen Fingerdeut in Richtung zweiter Stock, also genau dorthin, wo wir eben wa­ren. Wir laufen also die Treppe wieder hoch, mein Freund murmelt etwas von „Passierschein A38“, der Türsteher der Disco im oberen Bereich guckt uns skeptisch an, und dann ent­de­cken wir schließlich einen winzigen Gang, der zu einer Tür nach draußen führt. Etwas er­schöpft stehen wir dann am Augustusplatz, warten auf die Bahn und nehmen uns vor, beim nächsten Konzert in der Moritzbastei von vorneherein eine halbe Stunde mehr einzuplanen, für die Suche nach der Tür, die die Betreiber für den jeweiligen Abend als Ausgang auserko­ren haben werden.

FM Belfast (07. Oktober)

Nachdem wir zuerst am Conne Island vorbeigelaufen sind, weil es so versteckt liegt, betreten wir nun den Club, vor dem viele Leute stehen, die rauchen, reden, lachen und sich auf den bevorstehenden Abend freuen. Drinnen trinkt man Fritz-Limo und Club Mate, neben der Bar gibt es einen Merchandise-Stand. Die T-Shirts mit der Aufschrift „I don’t wanna go to sleep, either“ (Titel eines Songs von FM Belfast) erfreuen sich großer Beliebtheit und dürften bald auf vielen Partys in dieser Stadt zu sehen sein.

Ans Zubettgehen muss zu diesem Zeitpunkt wirklich noch keiner denken, denn jetzt betritt Berndsen die Bühne. Der bärtige, leicht pummelige Typ mit dem Mikrofon und sein lang­haa­riger Kumpel am Synthesizer tragen gemusterte Wollpullover, die aussehen, als wollten die beiden damit unmissverständlich und selbstironisch-klischeebetont zeigen, wo sie her­kom­men, nämlich aus Island. Berndsen allerdings soll den Pullover nicht mehr lange anbehalten, denn seine Tanzmoves, für die er mangels Instrument in seinen Händen eine Menge Freiheit und Platz hat, bringen ihn schon bald ins Schwitzen. Die Musik ist ebenso ungewöhnlich wie die Performance, sie klingt nach den 80ern, stellenweise fast wie eine Parodie auf das, was damals in den Clubs rauf und runter gespielt wurde. Synthesizer und Drum Machine im Dau­ereinsatz, dazu Berndsens Stimme, die zum Teil so stark verzerrt wird, dass ich bei dem weiter oben verlinkten Song statt „I’m on the planet Earth“ immer „I wanna marry you“ verstehe und mir vorstelle, wie der Voll­bart­träger in einem etwas angegammelten isländischen Hafendörfchen um seine ebenfalls mit Wollpullover bekleidete Freundin herumtanzt und hofft, sie auf diese Weise zur Annahme seines Heiratsantrags bewegen zu können.

Ich muss grinsen, nicht nur über das Bild vor meinem inneren Auge, sondern auch über das, was sich hier gerade abspielt. Einige Leute im Publikum schauen noch etwas skeptisch zur Bühne, die meisten aber haben sich schon längst auf die schräge Show eingelassen, sind mit strahlenden Augen voll dabei und haben ihrerseits die verrücktesten Tanzmoves ausgepackt, die sie kennen. Nach jedem Song gibt es begeisterten Applaus und Jubel und bald ist jeder ein­zel­ne Konzertbesucher angesteckt von der Stimmung, die diese Musik auslöst, die uns zu­zu­ru­fen scheint: „lasst uns einfach mal alles nicht so ernstnehmen, vor allem nicht uns selbst!“ Und Berndsen ist wohl das perfekte Vorbild für jeden, der das Gefühl hat, mehr aus sich her­ausg­ehen zu müssen, er ist einer, der sich für nichts zu fein ist, auch nicht dafür, zum Ende seines Sets hin auch noch sein T-Shirt auszuziehen und sich beim Tanzen über die klei­ne Wampe zu streichen. Er ist einer, der sich reinsteigert in die Musik, in seinen Auftritt, ei­ner, der die Leute genau damit begeistert. Und so fällt es uns allen schwer, zu akzeptieren, dass er nicht ewig spielen kann.

Anders, als ihr Name vermuten lässt, kommen auch FM Belfast aus Island. Doch nicht nur wegen der gemeinsamen Heimat war Berndsen die perfekte Vor“band“ für diese Band, bei der man nie so genau weiß, mit wievielen Leuten sie auf der Bühne stehen wird. Im Kern be­steht sie aus vier Mitgliedern, aber es kann passieren, dass bis zu acht Personen gemeinsam auftreten. Wieviele es an diesem Abend sind, kann ich nicht wirklich sagen, weil auf der Büh­ne einfach vom ersten Moment an so viel passiert, dass man kaum mitkommt. Jeder einzel­ne Song, den FM Belfast spielt, klingt wie der Kracher, den andere Bands als letzte Zugabe spielen, um das Publikum noch einmal so richtig zu packen. Ich habe noch nie etwas Ver­gleichbares gesehen. Höchstens der Auftritt der Crystal Fighters beim Appletree Garden Fes­tival im letzten Jahr kommt annä­hernd an diese Show heran.

Es ist der reine Wahnsinn, wieviel Energie die Band auf der Bühne hat, sie ist unermüdlich, sie will anscheinend wirklich niemals schlafen gehen. Einer aus der Band, ein sehr kleiner, blonder Mann, tanzt fast pausenlos im Hintergrund, in seinem ganz eigenen Stil (den man ein bisschen in dem von mir verlinkten Musikvideo sehen kann), ein anderer hat plötzlich ei­ne Art riesige Perücke aus knalligbunten Fäden auf dem Kopf. Überhaupt ist alles bunt, laut und chaotisch, es kommt einer Reizüberflutung sehr nahe, aber im positiven Sinne. Der einzi­gen Frau in der Band fällt es schwer, sich an­gesichts der Verrücktheiten ihrer männlichen Kollegen aufs Singen zu konzentrieren, immer wieder muss sie grinsen oder gar lachen, aber das stört niemanden. Das Publikum feiert, es wird getanzt, gehüpft, gegrölt, und ich glaube, niemand kann sich etwas Schöneres vor­stellen als heute Abend hier zu sein und gemeinsam mit vielen anderen im Chor zu brüllen: „We’re running down the street in our underwear!“ Es müssen eben nicht immer tiefsinnige Texte sein.

Am Ende sind wir so verschwitzt wie nach einer Runde Joggen. Und glücklich. Wir erfrischen uns auf dem Weg zur Haltestelle mit eiskalter Lipz-Schorle aus dem nächsten Späti, unsere Ohren sind ein wenig betäubt, aber das ist egal, denn wir nehmen es einfach nicht ernst.

A Forest (09. Oktober)

Es scheint bei Leipziger Clubs eher die Regel als die Ausnahme zu sein, dass sie beim ersten Besuch schwer zu finden sind. Nicht nur die Moritzbastei und das Conne Island haben eine ziemlich versteckte Lage, sondern auch das Täubchenthal. Aber in diesem Fall sind wir nicht zum ersten Mal dort und können uns zudem auf das Navi verlassen, dass uns zielstrebig zu dem Plagwitzer Club leitet. Wir sind mit dem Auto gefahren, denn heute Abend geht mit den öffentlichen Verkehrsmiteln so gut wie nichts in dieser Stadt, deren gesamtes Zentrum, durch das wir hindurchmüssen, um vom Südosten in den Westen zu gelangen, gesperrt ist für das Lichtfest zum Gedenken an den 9. Oktober 1989. Trotz dieses schon seit Monaten ge­ra­dezu agressiv beworbenen Großevents sind recht viele Leute an diesem Abend ins Täub­chenthal gekommen, um A Forest live zu sehen. Musik statt Kerzen, ein kleines, feines Alter­nativprogramm.

Das Konzert findet im kleineren der beiden Veranstaltungsräume des Täubchenthal statt. Die Seitenwände sind mit Holz verkleidet und die Bühnendeko besteht an diesem Abend aus Birkenstämmen, an denen Glühlampen befestigt sind. Lichtbäume sozu­sa­gen, sehr passend zum allgemeinen Ambiente in diesem Raum und natürlich zum Namen der Band. Be­vor diese beginnt, kommt erst einmal Nico­las Huart auf die Bühne. Seine Akustikgitarre und sei­ne Stimme, mehr braucht er nicht, die­ser in Berlin le­ben­de kanadische Songwriter, der aus­sieht wie der jüngere Bruder von Dave Grohl, dem Sänger der Foo Fighters. Seine Songs sind sim­pel, nichts total Besonderes, aber schön und ein­gän­gig. Dazu erzählt er Geschichten aus sei­nem Leben, erklärt, wie die Lieder entstanden sind, und freut sich über die positive Reak­tion des Publikums. Seine Musik könn­te ein guter Soundtrack sowohl für laue Sommeraben­de als auch für sonnige Herbsttage sein, und auch im kanadischen Winter ist sie sicherlich nicht fehl am Platz. Sie passt gut in die Atmosphäre dieses Raums und sie zaubert uns allen ein Lächeln auf die Lippen.

Nach einer kurzen Pause beginnen dann A Forest ihr Set. Fabian Schütze, der Sänger der Band, ist alles andere als ein Unbekannter in der Leipziger Musikszene. Im März haben wir ihn als Me And Oceans schon beim Klanggut-Festival im UT Connewitz gesehen. Bei diesem Auftritt war er stark erkältet, hat aber trotzdem alle begeistert, mit seiner einzigartigen Stim­me, seinem Humor und seinen Songs (unter anderem einer großartigen Coverversion von „Polonaise Blankenese“, siehe Link weiter oben). Zudem spielt er bei diversen anderen musi­kalischen Pro­­jekten eine Rolle und ist einer der Köpfe hinter dem Plattenlabel Analogsoul, seine Freundin betreibt den schönen Krimskrams-Laden „Hafen“, nicht weit ent­fernt vom Täub­chenthal. Das Cover des aktuellen Albums von A Forest ziert allerdings das Gesicht eines an­deren: Ar­pen, Keyboarder und zweiter Sänger der Band, und ebenfalls mit verschiedenen Projekten in der Mu­sikwelt unterwegs. Auf dem Cover sieht man ihn als klei­nen Jungen in ei­ner Jacke, die, wie er zwischen zwei Songs erzählt, aus einem Intershop stammt. Obwohl man dieses Gesicht in den letzten Wochen überall in der Stadt auf Plakaten gesehen hat, er­kenne ich erst jetzt, dass es tatsächlich Arpen ist, der da vor Jahren so schüchtern in die Ka­mera geguckt hat.

Aber es geht an diesem Abend natürlich weder um Bekleidung noch um Gesichtsausdrücke, sondern um Musik, die Musik von A Forest. Und die zu beschreiben, ist gar nicht so leicht. Natürlich wird sie zuallererst einmal getragen von Fabian Schützes Stimme, die man immer gleich beim ersten Ton erkennt, aber das ist längst nicht alles, denn auch wenn Arpen singt, funktionieren die Songs wunderbar. Sie schweben irgendwo zwischen elektronischen Ein­flüs­sen und ruhigen Klängen. Sie sind mal düster, dann wieder optimistisch, sie schaffen eine ganz einzigarti­ge Atmosphäre, die man einfach erlebt haben muss. Das Konzert zeigt, wie gut „herkömm­li­che“ Instrumente mit digitalen Elementen zusammenpassen, dass das kein Wi­derspruch sein muss, dass es vielmehr sehr reizvoll sein kann, diese vermeintlichen Gegensätze mitein­an­der zu verei­nen. A Forest gelingt das großartig und so kreieren sie wun­dervolle Songs, denen man auch stundenlang zuhören könnte, ohne dass auch nur der lei­seste Anflug von Langeweile auf­kommen würde. Die sympathischen Zwischenansagen der Band, bei denen sich häufig einer über den anderen lustig macht, nur um im nächsten Mo­ment dessen großes musikalisches Talent zu betonen, runden das Ganze ab.

Am Merchandise-Stand kann man nach dem Konzert CDs, T-Shirts und Taschen kaufen. Und Aufkleber mit­nehmen, auf denen zu lesen ist: „Become a leaf“. Die Band hat sich etwas Schönes aus­ge­dacht, um Musiker und Zuhörer/Zuschauer zusammenzubringen: jeder Home­page-Besuch, jeder Merchandise-Kauf, jeder Song-Download, jeder Konzertbesuch trägt zum Anwachsen eines virtuellen Waldes bei. So wird man Teil einer Community und merkt, dass die Unter­stützung von der Band wertgeschätzt wird. Aktuell besteht der Wald aus 200 Bäu­men, die jeweils 100 Leaves tragen, von denen jedes wiederum aus 100 Seeds entstanden ist, und nach diesem Konzert werden bestimmt noch einige hinzukommen, denn jeder, der die Band einmal live gesehen hat, ist sicher stolz, von sich behaupten zu können: „I am A Fo­rest“.

Lubomyr Melnyk (23. November)

Selten sind wir so spontan zu einem Konzert gegangen wie zu diesem. Ich stolperte im Ver­anstaltungskalender des „Kreuzer“, dem Leipziger Stadtmagazin, über diesen seltsamen Na­men und las darunter: „Der Pianist Lubomyr Melnyk entwickelte eine Spieltechnik, die auf ei­ner mentalen Methode beruht, Töne und Notenabfolgen in einer unglaublichen Schnelligkeit […] zu spielen, die schwindelerregend ist.“ Klang gut, also bestellten wir kurzerhand Tickets.

Das Publikum in der „Baustelle“, die zum Schauspiel Leipzig gehört, ist größer, als ich erwar­tet habe, und jeder einzelne sieht aus wie eine Mischung aus typischem Theatergänger und In­die-Konzertbesucher. Irgendwie alle ziemlich hip, aber gut gekleidet. Die meisten sind deutlich jünger als der Pianist, der später für uns spielen wird, und bevor es losgeht, halten fast alle ein Glas Weißwein oder aber eine Flasche Biozisch-Limo in den Händen. Die Orga­ni­sation ist ein bisschen unglücklich, erst stehen alle an einer Stelle Schlange, um ihre zuvor re­ser­vier­ten Tickets abzuholen, und dann drängt man sich vor der Tür zum eigentlichen Kon­zertraum, die von zwei ziemlich finster dreinblickenden Typen bewacht wird. Der Raum ist be­stuhlt, aber da freie Platzwahl herrscht, wollen natürlich alle schnell rein und sich einen gu­ten Platz sichern, schließlich ist Lubomyr Melnyk für sein atemberaubend schnelles Kla­vier­spiel bekannt, und so erhofft sich jeder freie Sicht auf seine Hände.

Wir sitzen schließlich ziemlich weit hinten in dem nicht besonders großen, ein bisschen nach ehemaliger Fabrikhalle aussehenden Raum, aber bei unserer Körpergröße macht das nichts. Zuerst spielt Martyn Heyne. Die Frau hinter mir witzelt, dass dieser nur deshalb als Support ausgesucht wurde, weil sein Name noch mehr Ypsilons in das Programmheft bringt. Aber es stellt sich schnell heraus, dass es noch mehr gibt, was Martyn Heyne für das Vorprogramm qualifiziert als sein Name. Er hat in der Vergangenheit mit der wunderbaren Band Efterklang zusammengearbeitet und ist, genau wie auch Lubomyr Melnyk, unter anderem mit dem jun­gen Komponisten Nils Frahm (live ebenfalls nur zu empfehlen) aufgetreten. Heute Abend aber ist er alleine hier, mit einer Gi­tarre und einer Drum Machine, einem der ersten Modelle, wie er erzählt. Leider ist es beim Soundcheck nicht gelungen, das ziemlich aufdringliche Sur­ren der Lautsprecher abzustellen, und so oft Martyn Heyne sich dafür auch entschuldigt, ge­rade bei den ruhigeren Stücken oh­ne Drum-Machine-Begleitung stört das ziemlich. Aber sei­ne Musik an sich, die ist schön, und ich muss an meine Mutter denken, die selbst Gitarre spielt und immer von Neid erfüllt wird, wenn sie sieht, dass jemand das Instrument spielt, „als würde er sich ein Ei pellen“, also ganz beiläufig, scheinbar vollkommen mühelos.

Aber ihr Neid würde im Verlaufe des Abends noch größer werden, wenn sie hier sein könnte, denn sie spielt auch Klavier. Und ich glaube, kein Klavierspieler der Welt würde sich nicht sehr, sehr klein fühlen angesichts dessen, was noch folgen soll. Lubomyr Melnyk hält uns jedoch erst einmal einen kleinen Vortrag, bevor er sich überhaupt ans Klavier setzt. Über­haupt redet der Mittsechziger mit dem langen Bart und den langen, grauen Haaren im Laufe des Abends viel mehr als ich ange­nommen habe (auf Englisch, er ist zwar Ukrainer, aber in Kanada aufgewachsen). Er sagt, dass wir den Wissenschaftlern nicht glauben sollen, wenn sie erzählen, der Schall sei ei­ne Welle, und überhaupt seien so viele Dinge auf der Welt in Wirklichkeit gar nicht messbar. Er als Musiker ist davon überzeugt, dass Schall viel mehr ist als ein physikalisches Phänomen, und zum Beweis nimmt er dann am Klavier Platz. Es ist ein relativ schlichtes Klavier, kein gro­ßer, eleganter Flügel, wie ich erwartet hatte.

Die ersten Töne, die er dem Instrument entlockt, klingen noch nicht wirklich ungewöhnlich. Natürlich hört man gleich, dass hier ein großes Talent am Werk ist, aber es dauert noch eine Weile, bis man unwillkürlich die Augen aufreißt vor Faszination und alle im Publikum auf ihren ziemlich unbequemen Stühlen hin- und herzurücken beginnen, um möglichst gut sehen zu können, wie schnell sich die Finger des Pianisten bewegen. Sie fliegen über die Tasten, anders kann man das nicht ausdrücken, aber die Musik ist keinesfalls hektisch oder unruhig, sondern schlicht und ergreifend schön (auch hier fällt mir kein anderer Ausdruck ein). Es ist Musik des Genres „Continuous Music“, das Lubomyr Melnyk mehr oder weniger erfunden hat, ein Gen­re, das auf extrem schnellen Notenfolgen basiert, die sich wiederholen und so einen Klang­teppich entstehen lassen, aus dem man zwischendurch glaubt, noch viel mehr Instrumente als nur das Klavier heraushören zu können.

Nach dem ers­ten Stück steht Lubomyr wieder auf, verneigt sich leicht und erzählt dann die Entstehungs­ge­schichte des folgenden Stücks, das den Titel „Butterfly“ trägt. Als er in einer Hotellobby spiel­te, hörten ihm ein paar Kinder zu und er wollte für sie etwas schaffen, das „sweet and light“ ist. Er sagt, es handele sich um ein Stück, das man schon nach fünf bis sie­ben Jahren Spiel­praxis bewältigen könne, wohingegen man für die fehlerfreie Beherr­schung der meisten seiner ande­ren Werke schon ein paar Jahrzehnte brauche.

Für mich ist das absolute Highlight des Abends das dritte, letzte und längste Stück, „Wind­mills“. Bevor er beginnt, es zu spielen, erklärt der Pianist ziemlich ausführlich, welche Ge­schichte dahintersteckt. Er erzählt sie seinem Publikum wie ein Großvater seinen Enkeln. Er wur­de inspiriert von einem alten Disney-Zeichentrickkurzfilm („from the long-gone times when Disney still did beautiful things“) über eine Windmühle, die eine See­le hat. Ich bin ein wenig erstaunt darüber, dass er so genau erzählt, was er sich bei dem Stück gedacht hat und wie die Geschichte sich entwickelt (die Windmühle wird bei einem Sturm zerstört, aber es gibt dennoch ein Happy End), denn man sollte doch meinen, dass ein Musiker sich immer wünscht, seine Werke könnten selbsterklärend sein, oder aber dass je­der Zuhörer sie auf seine ganz eigene Weise interpretiert. Aber ich glaube, Lubomyr Melnyk möchte sicher gehen, dass er wirklich verstanden wird, dass keiner hier im Raum die Musik als gegen­standslos ansieht, er möchte uns zeigen, dass Schall wirklich mehr ist als eine Wel­le, dass er Geschichten ebenso transportieren kann wie Worte oder Bilder. Und das kann „Windmills“ definitiv. Es ist ein beeindruckendes Stück, das sich langsam entwickelt, und nach dem don­nernden Höhepunkt ebenso langsam wieder zu harmonischen Klängen zurück­kehrt, die glücklich machen und die eigentlich nie enden sollten. Diese Musik heißt wohl auch deshalb „Continuous Music“, weil man will, dass sie immer weitergeht, weil es wehtut, wenn sie aufhört.

Es fühlt sich seltsam an, nach Lubomyrs letzter Verbeugung und nachdem der begeisterte Applaus schließlich verklungen ist, aufzustehen und hinauszugehen in die nächtliche Stadt mit ihrer kühlen Abendluft. Man war soweit weg vom Großstadtleben und von eigentlich al­lem, am Ende saß fast das gesamte Publikum mit geschlossenen Augen da und wähnte sich an Orten fern von hier. Die Klaviertöne hallen noch immer nach in unseren Ohren, als wir in die Straßenbahn steigen und nach Hause fahren, und für eine ganze Weile sind wir unfähig, über etwas anderes zu sprechen als das Konzert, das wir gerade erleben durften.

 

P. S.: Einen Bericht zum Konzert von Odd Hugo am 30. November findet ihr in meinem anderen Blog, um genau zu sein hier.

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2 Gedanken zu „Live-Erlebnisse in Leipzig

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