Der Anfang vom Neuanfang

In meinem Post zum Thema „neue erste und letzte Sätze“ hatte ich unter anderem einen ers­ten Satz vorgestellt, der von mir selbst stammt. Als ich ein paar Tage nach der Veröffentli­chung dieses Posts mit meiner Mutter telefonierte, fragte sie, ob denn auch eine Fortsetzung zu diesem Satz existiere. Ich bejahte, aber zu diesem Zeitpunkt bestand diese Fortsetzung aus nicht mehr als vielleicht fünf weiteren Sätzen. Inzwischen umfasst sie immerhin schon knapp zehn Seiten. Und in meinem Kopf ist die Ge­­schich­te, von der ich einen Aus­schnit, nämlich den Anfang, nun hier zeigen möchte, noch viel weiter. Iro­ni­scher­weise kam mir die nun schon ziemlich aus­ge­reifte Idee zu dem Ganzen übrigens in der FH, und das auch noch in einem Se­minar, das ich ei­gentlich gar nicht b­elegen wollte.

Auch wenn es sich bei dem folgenden Text lediglich um einen ersten Einblick handelt, ist für das Verständnis wohl ein grober Überblick über die (bisher nur geplante) Handlung notwen­dig. Eine Art Klappentext sozusagen. Die Geschichte – oder der Roman oder wie auch immer man es nennen möchte – trägt den Arbeitstitel „Der Ersatz“ und es geht in etwa um Fol­gen­des: In einer deutschen Großstadt gründet sich eine WG aus fünf jungen Leuten, die trotz ih­rer sehr unterschiedlichen Eigenschaften, Hintergründe und Träume eines gemeinsam haben – den Wunsch nach und den Willen zu einem Neustart. Aber für jeden von ihnen gestaltet es sich schwieriger als erwartet, sich in der neuen Stadt einzuleben, und bald wird deut­lich, dass die WG letztendlich alles ist, was die fünf haben. Und das ist gleichzeitig zu wenig und zu viel.

Mehr wird erst einmal nicht verraten. Nur noch ein Hinweis: jedes Kapitel wird aus der Per­spektive eines anderen Hauptcharakters erzählt, wobei eine Person ausgelassen wird. Wa­rum das so ist, verrate ich ebenfalls (noch) nicht. Das erste Kapitel, von dem ihr im Folgenden ein paar Auszüge lesen könnt, wird aus der Sicht von Lukas erzählt. Aber eigentlich ist es für diesen Anfang vollkommen unerheblich, wer genau die Person ist.

Einer Person, mit der man bisher nur per Telefon Kontakt hatte, plötzlich gegenüberzutre­ten, ist immer enttäuschend. Es enttäuscht Erwartungen. Das ist völlig wertungsfrei gemeint. Kei­ne Per­son ist haargenau so, wie man sie sich während des Telefonats vorgestellt hat. Die Stim­me, die man noch im Ohr hat, passt nie zu dem Menschen, der da auf einmal vor einem steht. Und der Mensch selbst kann Erwartungen unter- oder auch übertreffen, aber jeden­falls ist er nie so, wie man es angenommen hat. Und das enttäuscht, weil man glaubt, sich auf sein erstes Urteil ver­las­sen zu können, aber das kann man nicht.

In Arnes Fall kann ich nicht sagen, ob seine tatsächliche Erscheinung in unserer ersten per­sön­li­chen Begegnung hinter meinen Erwartungen zurückblieb, oder ob er mir nicht vielmehr in der Realität sympathischer war als am Telefon. Auf jeden Fall war er anders als gedacht. Jetzt wohne ich Wand an Wand mit ihm, werde ihm täglich begegnen, die unter­schied­lichs­ten Seiten an ihm kennenlernen, seine Ma­cken, seine Geschichte. An das Telefonat vor einer Woche werde ich mich irgendwann nicht mehr erinnern können, schon gar nicht an die Er­wartungen, die es in mir hervorrief. Deshalb ist es auch nicht wichtig, ob Arne sie auf po­si­tive oder auf negative Weise nicht er­füllt hat. Trotzdem ist es seltsam, jetzt mit einer Person zu­sammenzuwohnen, die bis vor wenigen Stunden noch lediglich aus einer Stimme bestand.

Ich bin jetzt hier, in einer Stadt, die ich nur aus dem Internet kenne. In der Stadt, in der alles neu anfangen soll. Wird. Ich sitze zwischen halb ausgepackten Umzugskartons und Möbel­teilen und bin mir sicher, dass das mit dem Uni-Wechsel die richtige Entscheidung war. […] Studieren kann man überall, warum sollte ich es dann da tun, wo ich nicht sein will? Hier aber will ich sein. Gerade weil ich hier noch nichts und niemanden kenne.

Nichts und niemanden außer der Wohnung und Arne und Dominique. Von ihr hatte ich kei­nerlei Vorstellung, es gab kein Telefongespräch, das irgendwelche Erwartungen hätte schü­ren können. Da war nur die Beteuerung von Arne, dass alle zukünftigen Mitbewohner tolle Menschen seien. „Tolle Menschen.“ Das hat er wirklich gesagt. Und ich habe es ihm genau so geglaubt, obwohl ich wusste, dass er die anderen auch nur von Telefonaten kennt. Viel­leicht reichen sie nicht an seine Erwartungen heran, aber das hat nichts mit mir zu tun. Ich kann sie alle völlig un­vorein­ge­nommen kennenlernen. Das ist es, was ich will. Alles hier ein­fach an­neh­men, wie es ist, und kei­nerlei Anstrengungen unternehmen, irgendetwas oder ir­gendjeman­den zu verändern.

[…]

Sollte die Uhr, die ich über meiner Zimmertür aufgehängt habe, richtig gehen, dann bin ich jetzt bereits seit fast zehn Stunden hier. Ich lehne mich mit dem Rücken gegen den Bett­pfos­ten. Das Bett steht schon, das habe ich als erstes aufgebaut. Das reicht, damit ich mich an­ge­kommen füh­le. Alles andere wird sich schon noch ergeben, über die Tage verteilt. Ich schlie­ße die Augen und lausche, versuche, die Geräusche wahrzunehmen, die mich ab jetzt täg­lich umgeben werden. Ich höre Gehämmer. Dominique werkelt in ihrem Zimmer. Sie ist deutlich zielstrebiger, was das Fer­tigstellen ihrer Einrichtung betrifft, als ich es bin. Von drau­ßen ver­nehme ich lei­se den Verkehr auf der großen Straße um die Ecke, es ist eine Laut­stär­ke, in der Verkehrs­lärm durchaus an­ge­nehm klingt, fast so wie Meerersrauschen. Die Uhr an der Wand tickt. Ansons­ten ist es still.

Arne ist schon fertig mit seinem Zimmer. Er wohnt seit einer Woche hier, war der Erste, der ein­z­­og. Und gleich ein paar Stunden, nachdem er selbst die Wohnung betreten hatte, nahm er sein Handy zur Hand und rief uns an. Jeden von uns, nacheinander. Ich wüsste gerne, in welcher Rei­henfolge er uns abtelefoniert hat, und ob er jedem das Gleiche erzählt hat. Mir jedenfalls teilte er mit, dass mit der Wohnung alles in bester Ordnung sei, dass er für jeden einen Schlüsselbund ha­be und dass er sich auf das Zusammenleben freue.

Und das Zusammenleben scheint für ihn wichtiger zu sein als sein ganz persönliches, privates Wohnen in seinem eigenen Zimmer. Während er die Küche, die in Ermangelung eines Wohn­zimmers gleichzeitig sozusagen die gute Stube der WG ist, mit Bildern, Blechschildern und Kühl­schrankmagneten dekoriert, einen Esstisch mitgebracht und sogar einen ersten Grund­einkauf für alle spendiert hat, ist sein Zimmer kahl. Er hat nichts aufgehängt. In Anbetracht der Tatsache, dass er sich ansonsten bereits komplett eingerichtet hat, glaube ich auch nicht, dass er noch ir­gendetwas aufhängen wird. Seine Möbel sind Standardware, nichts Beson­de­res […]. Von der Decke hängt nur die nackte Glühbirne vom Vermieter, sein Schreibtischstuhl ist ein wuchtiger, schwarzer, schon ziemlich durch­ge­ses­sener Chefsessel, der nicht zu den anderen Möbeln passt und eine Art Mauer zwischen dem Schreibtisch und dem Rest des Zimmers bildet.

Ich selbst habe noch kein Bild davon, wie mein Zimmer aussehen könnte, wenn es erst ein­mal fertig ist. Ich will davon gar kein Bild haben. […] Ich habe auch kein Bild davon, wie es­ sein wird, jetzt nicht mehr alleine zu wohnen. Das hier ist zwar nicht mei­ne erste WG, aber die an­derthalb Jahre in meiner eigenen Wohnung haben mich vielleicht ver­ändert. Vielleicht haben sie mich un­fähig gemacht, mir einen Lebensraum mit anderen zu teilen. Aber so et­was hängt na­türlich immer davon ab, wer diese anderen sind. So, wie es sich hier bisher an­gelassen hat, glaube ich, dass ich durchaus noch in der Lage bin, nicht al­lei­ne zu wohnen. Ir­gendwie fühlt es sich jetzt, nach noch nicht einmal einem halben Tag, schon normal an, dass ich wie­der Mitbewohner habe. Vielleicht ist Zusammenwohnen eines dieser Dinge, die man gar nicht verlernen kann, so wie Radfahren oder Schwimmen.

Hätte man mich vor ein paar Monaten gefragt, wie ich in Zukunft leben möchte, hätte ich si­cher­lich nicht von einer WG gesprochen. Ich dachte, ich hätte abgeschlossen mit dem Thema WGs, nach­dem ich in vier davon gewohnt hatte. Aber dieses Alleinewohnen, das ist auch nicht so toll, wie man sich das vorstellt. Es klingt verlockend, eine Wohnung für sich zu ha­ben, jederzeit tun zu können, was man möchte. Aber das kann man ja gar nicht. Solange man Nachbarn hat, ist man trotzdem eingeschränkt. […]Und alleine wohnen ist nur dann wirklich schön und gut, wenn man außerhalb seiner Woh­nung genug Kontakt zu anderen hat. Wenn man Freunde hat, mit denen man die Gespräche füh­ren kann, die sich ansonsten zwischen Kühlschrank und Esstisch mit schlafanzugtragen­den Mit­be­wohnern ergeben. Genau das fehl­te mir in meiner alten Wohnung, in der Stadt, in der ich bis ges­tern gewohnt habe. Als ich dort hinzog, dachte ich, ich bräuchte keine Mit­be­wohner, weil ich Freunde finden würde. Es kam anders.

Trotzdem wäre es nicht richtig, zu behaupten, dass ich nur deshalb jetzt wieder in eine WG ge­zo­gen bin, um auf Nummer sicher zu gehen, um irgendjemanden zu haben, falls sich sonst nichts er­gibt. Ich habe es auch getan, um wieder anders leben zu können und zu müssen. Ich habe das Ge­fühl, dass das Alleinewohnen mich reifer gemacht hat, aber im negativen Sinne. Man könnte sa­gen, ich bin langweiliger und gelangweilter geworden, irgendwie kein richti­ger Student mehr, nicht mehr so jung, sorglos und spaßorientiert wie ich es einmal war. Wo­bei ich das nicht ver­herrlichen will, alles hat seine Vor- und Nachteile. Aber der Vorteile we­gen will ich wieder zurück zu dem, was einmal war. Und da die Umstände nie wieder so sein werden, wie sie waren, muss eben ich selbst mich verändern, hin zu meinem alten Ich, das in den letzten an­derthalb Jahren nur noch in einer dunklen, staubigen Ecke meines Hinterkop­fes gehockt hat. In seiner eigenen, aber öden Ecke.

Es ist nun fast elf und beinahe vollkommen still in der Wohnung. Dominique scheint ihre Ein­richtungsmaßnahmen für heute beendet zu haben. Ich räume die noch unausgepack­ten Kar­tons, die Werkzeuge und Schrauben, die Regalbretter in eine Ecke meines Zimmers. Nach ei­nigem Su­chen finde ich in einer Seitentasche meines Rucksacks meine Badunten­si­li­en. Noch kann keiner ah­nen, wie sich die Badbenutzung hier in der WG entwickeln wird, wer es bevor­zugt, morgens zu duschen, wer das lieber abends tut, wer wie lange das Bad blo­ckiert, wer zu Haarausfall neigt, und wer immer alles pingelig sauber haben möchte. Jetzt je­denfalls ha­be ich das Bad für mich.

Ich stehe am Waschbecken und betrachte mich in dem Spiegel, der darüber hängt. Ich sehe mü­der und schlapper aus, als ich mich fühle. Es ist, als habe der Umzug in meinem Gesicht deutlich mehr Spuren hinterlassen als in meinen Muskeln und Knochen. In etwa 24 Stunden werde ich wie­der hier stehen, werde zum zweiten Mal das abendliche Zähneputzen in die­sem Badezimmer absolvieren, in genau diesem und in keinem anderen, obwohl ich überall auf der Welt ste­hen und Mundhygiene betreiben könnte. Es wird genau hier sein. Und das wird sich gut an­­fühlen, das wird sich normal anfühlen, schon wie Routine, nach nur zwei Ta­gen. Es wird auch so aussehen, als hätte ich das schon viel, viel öfter getan, als wäre der Ge­danke, dass ich jemals an einem an­de­ren Ort meine Zähne geputzt haben könnte, vollkom­men ab­we­gig.

In meinem Kopf allerdings wird es ganz anders zugehen. Da wird so viel Neues, Unge­wohn­tes sein, das es zu verarbeiten gilt. Noch viel mehr als heute. Eine neue Stadt, ein neues Zim­mer, zwei neue Mitbewohner – das ist nichts gegen all das, was morgen auf mich zukommen wird. Neue Uni, neue Menschen, neue Inhalte, neue Abläufe, Systeme, Strukturen, Ver­hält­nisse, Bezie­hungen. Das Fach ist nicht neu, aber trotzdem kann alles komplett anders sein als es an meiner alten Uni war. Ich bin ein offener Mensch, ich kann auf Leute zugehen, kann mich auf Situa­tio­nen einstellen, kann improvisieren – aber nichts davon bewahrt mich vor der Aufregung vor Ta­gen wie dem morgigen. Wie gerne würde ich dieses ganze Kennenler­nen des Neuen über­sprin­gen, die Zeit vordrehen bis zur Mitte des Semesters, zu einem Tag, an dem ich alles und jeden schon längst kennengelernt habe. Ich wollte das ja, wollte die Uni wechseln, mich auf Ander­sar­tigkeiten und fremde Menschen einlassen, die Chance ergrei­fen. Das will ich noch immer. Aber ger­ne würde ich auf die ersten Tage des Ganzen ver­zich­ten.

Es ist nicht so, dass ich vor Tagen wie dem morgigen kein Auge zutun kann, keinen Appetit ver­spüre oder mich gar zitternd und bleich voranschleppe. Es ist mehr so eine leichte Un­ru­he, die sich über alles legt, mich aber nicht lähmt. Und meiner Erfahrung nach ist sie immer unbe­rech­tigt. Ich habe als Kind drei Mal die Schule gewechselt und später auch noch so ei­ni­ge erste Tage erlebt: bei Praktika, im Zivildienst, bei Nebenjobs, in meiner alten Uni. Und ehe ich mich versah, war ich jedes Mal ganz schnell mittendrin, es hat sich immer alles positiv er­geben. Rückblickend konnte ich immer über meine Aufregung lachen. Und schließlich habe ich mir vorgenommen, diesen Neuanfang hier in allen seinen Facetten anzunehmen, opti­mis­tisch zu sehen, gut zu fin­den. Es gibt auch keinen Grund, das nicht zu tun.

[…]

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