Bewusstsein

Ich habe mich spontan dazu entschlossen, diesen Post zu schreiben. Spontan, nachdem ich einen der neuesten Artikel auf New Focus International gelesen habe. Was wie ein allge­meines internationales Nachrichtenportal klingt, ist in Wirklichkeit eine Internetseite, die sich aus­schließlich der Berichterstattung über eins der wohl fremdartigsten Länder dieser Welt wid­met: Nordkorea.

In den deutschen Medien wird eigentlich nur dann über Nordkorea berichtet, wenn die Re­gierung des Landes wieder einmal mit einem Atomanschlag droht oder Kim-Jong-Un auf sonstige Weise für Schlagzeilen sorgt. Adjektive, die dabei immer wieder fallen, sind zum Beispiel „kurios“ oder „skurril“. Unverständnis und Unwissen mischen sich mit amüsiert-nos­tal­gischen Erinnerungen an andere kommunistische Staaten, na­tür­lich insbesondere an die DDR. Letztere ist vielen, vor allem der jüngeren Generation aus dem Westen, hauptsächlich als Schauplatz merkwürdiger Geschichten bekannt, als eine Welt, in der die Menschen pa­nierte Jagdwurst aßen und in Autos aus Kunststoff herumfuhren, auf de­ren Auslieferung sie zuvor Jahre bis Jahrzehnte lang gewartet hatten. Eine Welt, die man eigentlich gar nicht so richtig ernstnehmen muss, die man belächeln kann. Ich habe oft das Gefühl, dass mit einem ähnlichen Blick auf Nordkorea geschaut wird.

Natürlich bin ich keine Expertin, weder für Nordkorea als Staat noch für den Umgang der deutschen und internationalen Medien mit der Situation dort. Aber ich finde, das muss man auch gar nicht sein, um die Geschehnisse in diesem Land, das für uns so weit weg ist, sehr wohl ernstzunehmen. Ich gehöre keinesfalls zu den Menschen, die der Meinung sind, dass man sich über einen Diktator nicht lustig machen darf, Satire ist – solange sie geistreich ist und nicht die Realität aus den Augen verliert – für mich ein fester und wichtiger Bestandteil der freien Berichterstattung, und sie kann Menschen auf Missstände aufmerksam machen. Aber Satire allein ist nicht genug, es reicht nicht aus, das Thema Nordkorea mit ein paar lus­ti­gen Bemerkungen in der „Heute-Show“ abzuhandeln.

Vor etwa einem Jahr las ich das Buch „Nothing to Envy: Ordinary Lives in North Korea“ von Barbara Demick (die deutsche Übersetzung trägt den Titel „Die Kinogänger von Chongjin“). Mein Vater hatte es mir geschenkt, nachdem er und meine Schwester es beide gelesen hat­ten. Barbara Demick ist eine mehrfach ausgezeichnete Journalistin der „Los Angeles Ti­mes“, die auch schon über den Bosnienkrieg geschrieben hat. Sie erzählt von der aktuellen Situa­tion in Nordkorea (die englische Ausgabe, die ich habe, ist von 2010), und zwar anhand der Schicksale von Menschen, die es geschafft haben, aus dem Land zu fliehen. Es geht um das Leben ganz no­rmaler Menschen, also um genau das, was in ausländischen Medienberichten fast überhaupt nicht vor­kommt, was übersehen wird. „Nothing to Envy“ ist kein Roman, es basiert auf realen Augen­zeugenberichten, aber es ist in einem romanartigen Stil geschrie­ben, der es leicht macht, das Buch in kurzer Zeit durchzulesen. Genau das habe ich getan, denn es fiel mir schwer, es aus der Hand zu legen, auch wenn es häufig geradezu wehtat, weiterzulesen.

Auf einer der ersten Seiten des Buches sieht man ein Satellitenbild von der koreanischen Halbinsel, aufgenommen mitten in der Nacht. Die Südhälfte ist voller heller Flecken, die Ge­gend um Seoul sieht aus wie ein riesiger weißer Farbspritzer auf schwarzem Untergrund. Man kann gut erkennen, wo die größten Städte Südkoreas liegen. Die Nordhälfte hingegen ist fast vollständig tiefschwarz, es gibt nur einen einzigen kleinen weißen Fleck – Pjöngjang. Demick schreibt dazu: „[…] South Korea, Japan, and […] China fairly gleam with prosperity. Even from hundreds of miles above, the billboards, the head­lights and streetlights, the neon of the fast-food chains appear as tiny white dots signifying people going about their business as twenty-first-century energy consumers. Then, in the middle of it all, an expanse of black­ness nearly as large as England. It is baffling how a nation of 23 million people can appear as vacant as the oceans.“

Und dann berichtet die Autorin von den „ordinary lives“ in diesem Land, über dem nachts eine Dunkelheit liegt, wie sie der normale europäische Leser noch nie erlebt haben dürfte. Sie schreibt über Hunger, Armut, Angst, Gewalt, ständige Kontrolle, erzwungene Regime­treue, Fluchtversuche, die häufig in langen Haftstrafen unter unfassbaren Bedingungen en­den. Überhaupt ist eigentlich alles, worüber man auf den 316 Seiten liest, schlichtweg un­fassbar, unvorstellbar, unbegreiflich. Und es hat so gut wie nichts mit der kuriosen, einfach nur ein biss­chen anders funktionierenden Welt zu tun, die viele Leute, insbesondere in mei­ner Genera­tion, vor Augen haben, wenn sie versuchen, sich das Leben in einem kommunis­ti­schen Staat vorzustellen.

Ich muss zugeben, dass es auch mir nicht leichtfiel, die von Barbara Demick beschriebenen realen Schicksale nicht mit der Distanz zu betrachten, mit der man gemeinhin auf die Ge­schichten fiktiver Romanfiguren blickt. Und vor allem musste ich mich während der Lektüre immer wieder selbst daran erinnern, dass das, was in diesem Buch ge­schildert wird, nicht schon lange vorbei ist, dass es sich nicht um einen historischen Bericht handelt, sondern dass die gewöhnlichen Menschen in Nordkorea heute noch so leben. Dass sie auch heute noch penibel darauf achten müssen, die Rahmen der Führerporträts, die jeder Nordkoreaner gut sichtbar in seiner Wohnung aufzuhängen hat, immer staubfrei zu halten, damit es bei einer unan­gemeldeten Kontrolle keinen Ärger gibt. Dass sie auch heute noch so gut wie vollkom­men von der Außenwelt abgeschnitten sind und fast nichts über das Leben außerhalb Nord­koreas wissen. Und dass sie auch heute noch jeden Tag aufs Neue ums Über­leben kämpfen müssen, weil es schlicht und einfach zu wenig Le­bensmittel gibt. Der Mangel an Nahrung ist über­haupt eins der Hauptthemen in „Nothing to Envy“ und in diesem Zu­sam­menhang hat Barba­ra Demick mit das Schlimmste, Erschreckendste geschrieben, was ich jemals in einem nicht-fik­tionalen Buch gelesen habe: „North Koreans learned to swallow their pride and hold their noses. They picked kernels of undigested corn out of the excrement of farm animals. Ship­yard workers developed a technique by which they scraped the bottoms of the cargo holds where food had been stored, then spread the foul-smelling gunk on rooftops to dry so that they could collect from it tiny grains of un­cooked rice and other edibles.“ Und das ist kein Auszug aus einem Kriegsbericht lange vor unserer Zeit, das beschreibt die Situation von Mil­lionen von Menschen im Nordkorea der 1990er Jahre. Und seitdem hat sich die Lage kaum gebessert.

Ähnlich wie Barbara Demick in ihrem Buch gehen auch die Menschen hinter „New Focus In­ternational“ vor. Das Portal wurde von Jang Jin-Sung gegründet, der selbst aus Nordkorea geflohen ist. Laut ihm und seinen Kollegen ist die Seite „the only independent media organization editorially led, shaped and informed by North Korean exiles from many levels of society – including its highest – with reliable contacts in the Sino-DPRK border re­gions, in Pyongyang itself and among North Korean officials who serve in the diplomatic and business sectors“. Alle Texte stehen auf Englisch und Koreanisch zur Verfügung, dazu gibt es rare fotografische Einblicke in den nordkoreanischen Alltag. In dem oben erwähnten neu­en Artikel, der mich zu diesem Post sozusagen inspiriert hat, geht es um die großen Schwie­rig­keiten, die Nordkoreaner im kalten Winter zu bewältigen haben. Sehr erschütternd fand ich auch den Artikel über die kkotjebi, die Straßenkinder: der durchschnittliche Nord­ko­rea­ner beneidet obdachlose, verwahrloste und völlig verarmte Kinder, weil sie die Einzigen sind, die sich der ständigen Kontrolle zumindest ein stückweit entziehen können.

Für mich ist die Situation in Nordkorea mit das Furchtbarste unter all den Dingen, die derzeit auf der Welt schieflaufen, und ich habe diesen Post geschrieben, weil ich es wichtig finde, dass mehr Leute sich bewusst werden, unter welch – gelinde gesagt – schwierigen Umstän­den der nordkoreanische Durchschnittsbürger im Jahr 2014 leben muss. Deshalb kann ich euch allen „Nothing to Envy“ oder eben „Die Kinogänger von Chongjin“ nur ans Herz legen. Dieses Buch öffnet Augen und beseitigt das amüsierte, maximal leicht mitleidige Lächeln, das viele aufsetzen, wenn sie gewöhnliche Medienberichte über Nordkorea lesen, sehen oder hören. Es macht deutlich, dass die Tatsache, dass die meisten Witze über Kim Jong-Un sich auf sein Übergewicht beziehen, noch lange nicht bedeutet, dass es auch dem normalen Volk in diesem weitgehend isolierten Staat gut geht (Fett ist in Nordkorea so etwas wie ein Sta­tussymbol, das nur die allerwenigsten jemals erlangen werden). Außerdem kann ich jedem nur empfehlen, „New Focus International“ regelmäßig zu besuchen. Es gibt auch eine Face­bookseite, so dass es ganz leicht ist, die neuesten Artikel zu verfolgen. Es geht nicht darum, dass jeder gleich zum Men­schen­rechtsaktivisten wird oder Tausende Euro spendet, nur weil er ein Buch und ein paar Online-Artikel sowie einen Post auf einem ziemlich unbedeutenden Blog gelesen hat, son­dern ganz einfach darum, dass man sich ge­nauer informiert, worüber eigentlich gespro­chen wird, wenn das Wort „Nordkorea“ fällt. Dass das Bewusstsein um die Zustände in diesem Land wächst. Damit die „ordinary lives“ in diesem Land in Zukunft nicht mehr übersehen werden.

Advertisements

2 Gedanken zu „Bewusstsein

  1. SUPER! Das musste wirklich mal gesagt werden! Nordkorea zeigt sich auf den raren Fotos immer als ein Land mit grau-rosa-klogrünen Plattenbauten, kahlen Baumalleen ohne Autos, scheu vorüberhastenden Menschen mit irgendeinem Bündel über der Schulter, allgegenwärtigen Portraits des „Großen Führers“ und des „Geliebten Führers“ sowie ihres untersetzt-pummeligen Nachfolgers (und wehe der nordkoreanische Bürger erweist dieser Dreifaltigkeit eine Spur zuwenig an Respekt, besser: Unterwürfigkeit!). Und im Internet findet man Dutzende Aufnahmen unter dem Motto „Kim Jong Il (und nun auch sein Sohn Kim Jong Un) is looking at things“. Meist sind dies inszenierte Besuche des Diktators in Fabriken, Kinderheimen, beim Militär. Er ist sich auch nicht zu schade, höchstpersönlich Hotelmatratzen zu inspizieren und angesichts einer frisch produzierten, aus dickem Rohr hervorquellenden dubiosen Fettmasse sein diabolisch-feistes Grinsen aufzusetzen. Das alles zeigen solche Bilder. Und stets sind übereifrig dienstbeflissene, über und über mit „Lametta“ dekorierte Arschgesichter zugegen, die jede Äußerung und Regung ihres Herrn als Zeichen außerordentlicher Weisheit goutieren – und sich davon sicherlich so manches Privileg versprechen, von dem der Normalbürger nicht einmal zu träumen wagt. Pech nur, wenn sich unerwartet mal wieder der politische oder ideologische Wind dreht, wenn der „Führer“ als Hochverrat brandmarkt, was gestern noch offizielle Linie war! Ja, dann ist es ganz schnell um den einen oder anderen von ihnen geschehen. Da nützt dann auch die überdimensionale Schirmmütze und die glänzend-steife Uniform nichts mehr. Bestenfalls wird die nordkoreanische Öffentlichkeit in ein paar dürren Verlautbarungssätzen von einem niemals in die Kamera blickenden „Nachrichten“-Sprecher des Staatsfernsehens über vermeintliche Untaten des Geächteten und über die bereits verhängte „gerechte Strafe“ (meistens die bereits an geheimem Ort erfolgte Liquidation) in Kenntnis gesetzt. Ein Land zum Kotzen!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s