Unerzwungene Freude

Zu Anfang des Jahres erstellte ich eine Tabelle, in die ich eintragen wollte, welche Bü­cher ich 2014 gelesen haben werde (Futur 2! – weil man das ja aus irgendwelchen Gründen immer dazu sagen muss). Das habe ich auch tatsächlich getan. Und jetzt, Ende Oktober, habe ich gerade einmal das elfte Buch in diese Liste eintragen können. Ich komme also auf einen lächerlichen Schnitt von ziemlich genau einem Buch pro Monat. Ende 2013 erzählte mir eine ehemalige Kommilitonin, eine der lesever­rück­testen Personen, die ich kenne, sie wolle 2014 ihren bisherigen Rekord von 75 gelesenen Bü­chern in einem Jahr übertreffen. Das ist mehr als das sechsfache von dem, was ich dieses Jahr bisher geschafft habe.

Ich würde schätzen, dass ich mindestens ein Drittel aller Bücher (Nachschlagewerke, Bild­bände und ähnliches ausgenommen), die in unseren Wohnzimmerregalen stehen, noch nicht gelesen habe. Bei einem nicht unerheblichen Teil davon handelt es sich um Werke, die ich aber eigentlich schon seit Jahren einmal lesen will. Warum tue ich es nicht?

Das mag jetzt für den einen oder anderen überraschend sein, aber es wäre schlichtweg gelo­gen, wenn ich behaupten würde, dass ich privat eher wenig lese, weil ich für mein Studium schon genug lesen muss. Das stimmt wirklich überhaupt nicht. Wenn ich nicht gerade eine Hausarbeit schreiben und dafür Fachliteratur wälzen muss, erfordert mein Studium so gut wie null Lesearbeit. Im Bachelor habe ich zwei Mal Wahlmodule belegt, für die ich innerhalb relativ kurzer Zeit mehrere Romane lesen musste, aber aktuell beschränkt sich die Stu­diums­lektüre fast ausschließlich auf die Stichpunkte meiner Professoren auf ihren Power-Point-Fo­lien, ganz selten kommt mal ein kurzer Text hinzu. Da ich darüber hinaus, wie vielleicht schon deutlich ge­worden ist, nicht zu den Studenten gehöre, die immer auf dem neuesten Stand sind, was Fachzeitschriften und andere Publikationen angeht, kann ich mein Studium wirklich nicht als Ausrede benutzen. Und selbst wenn ich für die FH viele Fachtexte und –bü­cher lesen müsste, würde mich das, denke ich, kaum davon abhalten, privat Belletristik zu le­sen.

Was aber auf jeden Fall eine Rolle spielt, ist, dass ich seit etwa zweieinhalb Jahren deutlich weniger Zeit in öffentlichen Verkehrsmitteln verbringe als vorher. Während meiner letzten beiden Bachelorsemester wohnte ich in Stuttgart so nah an meiner Hochschule, dass ich in weniger als fünf Minuten zu Fuß die Vorlesungen erreichte. Auch die Innenstadt und mein Nebenjob waren nur einen Katzensprung entfernt. Zuvor hatte ich in Tartu eigentlich alles zu Fuß erledigt, da ich kein Monatsticket hatte, Innenstadt und Arbeitsplatz in der Nähe waren und ich es einfach liebte, in dieser tollen Stadt spazierenzugehen, auch bei -20 Grad. Hier in Leipzig fahre ich nun häufig mit dem Fahrrad und der Bus zur FH braucht noch nicht einmal zehn Minuten – da lohnt es sich nicht, ein Buch mitzunehmen, zumal ich seit einiger Zeit so­wieso meistens mit einer Freundin zusammenfahren kann. Als ich im August ein Praktikum in ei­ner Museumsbibliothek machte und dafür hin und zurück jeweils eine halbe Stunde S-Bahn fahren musste, hatte ich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder die Gelegenheit, unterwegs zu lesen – und las prompt einen ganzen, nicht allzu schmalen Roman innerhalb von weniger als zwei Wochen.

Vorbei sind auch die Zeiten, in denen ich jedes Jahr mehrfach mit meiner Familie in den Ur­laub fuhr. Vier Wochen Sommerferien in Estland – das bedeutete immer eine ganze Menge „abgearbeiteten“ Lesestoff. Ich glaube, ich habe sämtliche Harry-Potter-Bände auf einem Handtuch liegend an den diversen Seeufern des Landes gelesen. Oder aber in dem grünen Holzhäuschen, das wir immer gemietet haben, denn darin gab es früher keinen Fernseher und auch sonst wenig Beschäftigungsmöglichkeiten. Aber auch an mal­te­si­schen Stränden, in einer Hängematte in einem norditalienischen Garten und an einigen an­deren Orten habe ich Bücher en masse verschlungen.

Und ich würde nicht behaupten, dass ich heute weniger gerne lese als in meiner Kindheit und Jugend. Es ist nur so, dass ich irgendwie meistens etwas anderes finde, womit ich meine Frei­zeit füllen kann (und ich muss zugeben, dass die beiden Blogs daran nicht ganz unschul­dig sind). Ob das immer etwas Sinnvolles ist, sei mal dahingestellt. Leider habe ich ja erst die­ses Jahr mit der Büchertabelle angefangen, daher habe ich keine Vergleichsdaten aus den vergangenen Jahren. Aber ich vermute, dass ich ironischerweise mehr Bücher pro Jahr ge­schafft habe, bevor ich anfing, Bibliothekswissenschaft zu studieren. Auf der anderen Seite: „geschafft“, das ist doch ein ganz schreckliches Wort in diesem Zusammenhang, oder? Man sollte eben nur lesen, wenn man gerade wirklich Lust dazu hat, wenn man die nötige Ruhe hat, wenn man sich vollständig auf die Lektüre einlassen und konzentrieren kann, oder? Mir geht es jedenfalls so, dass ich nur schwer wieder damit aufhören kann, wenn ich erst einmal angefangen habe zu lesen. Auch das ist ein Grund, warum ich häufig gar nicht erst zum Buch greife, denn nicht immer ist genügend ungestörte Zeit vorhanden.

Trotz meiner bisher eher spärlichen Lesebilanz 2014 hatte ich in diesem Jahr auch schon ein ganz besonders intensives Leseerlebnis, nämlich, als ich „Into the Wild“ von Jon Krakauer las (auf Englisch, ich lese wahnsinnig gerne auf Englisch), nachdem ich zum zweiten Mal die Ver­filmung gesehen hatte. Ich las das Buch innerhalb von nur einer Woche. In dieser Zeit hatte ich es eigentlich ständig in der Hand. Ich las beim Ko­chen, beim Essen, beim Zähneputzen, vor dem Einschlafen. Ich trug das Buch von Zimmer zu Zim­mer (zu dieser Zeit wohnte ich hier in Leipzig noch übergangsweise in der Wohnung einer Studentin, die für zwei Monate im Ausland war). Manchmal erwischte ich mich dabei, wie ich einzelne Passagen, die mich be­sonders berührten oder die einen besonderen Aha-Effekt aus­lösten, laut vorlas, obwohl nie­mand da war, der zugehört hätte. Und die ganze Zeit über war ich hin und her gerissen zwi­schen dem Wunsch, endlich zum Ende zu kommen und der bangen Fra­ge, wie ich mich wohl fühlen würde, nachdem ich den allerletzten Satz gelesen hätte. Tatsächlich brauchte ich da­nach einige Wo­chen, bis ich ein anderes Buch anfangen konnte, ich stand noch zu sehr unter dem Eindruck des zuvor gelesenen.

Solche Erlebnisse habe und hatte ich selten. Aber sie sind es, die mir zeigen: Lesen sollte et­was Besonderes sein. Man sollte sich nicht dazu zwingen, möglichst viel zu lesen, und vor al­lem sollte man nicht irgendwas lesen, nur um danach sagen zu können: guck mal, was ich al­les gelesen habe. Das bedeutet nicht, dass ich die oben erwähnte ehemalige Kommilitonin auf irgendeine Weise verurteilen will, im Gegenteil – ich beneide sie darum, dass sie in ihrem alltäglichen Leben so viel Muße für ihr liebstes und wichtigstes Hobby, das Lesen, findet. Ob sie ihren persönlichen Rekord dieses Jahr nun bricht oder nicht, ist vollkommen unerheblich, was zählt, ist, dass sie sich vornimmt, sich viel Zeit für das zu nehmen, was sie am liebsten tut. Und die Idee, diese Zeit sozusagen zu „messen“, indem man notiert, wie viele und wel­che Bücher man in einem Jahr gelesen hat, finde ich gut (klar, sonst hätte ich besagte Tabelle ja nicht angelegt), denn dieses Aufschreiben kann dazu führen, dass man anfängt, bewusst mehr Zeit in so et­was Schönes zu investieren wie ein gutes Buch. Aber die Betonung muss im­mer auf dem Adjektiv „gut“ liegen, einem Wort, das jeder vollkommen subjektiv so ausle­gen soll, wie er möchte. Denn ebensowenig, wie man eine möglichst große Menge an Lese­stoff in sich reinzwingen sollte, sollte man auf Teufel komm raus das lesen, was von an­deren als „gut“ oder „unverzichtbar“ bezeichnet wird, denn dann hätte Lesen nur sehr wenig bis gar nichts mit Freude, Genuss und intensiven Erlebnissen zu tun. Selbstbewusst zu ent­schei­den, was einem gefällt und was nicht, das gehört für mich ganz klar zur vielbeschwo­renen Medienkompetenz – einer Fähigkeit, deren Vermittlung übrigens zu den Kernaufgaben von Bibliothekaren gehört.

Zum Abschluss noch die Liste der Bücher, die ich 2014 bisher gelesen habe (Nummer 11 habe ich allerdings gerade erst angefangen):

  1. Hallgrímur Helgason: „Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen“
  2. Ingvar Ambjørnsen: „Eine lange Nacht auf Erden“
  3. Ben Aaronovitch: „Moon Over Soho“
  4. Ben Aaronovitch: „Whispers Under Ground“
  5. Jon Krakauer: „Into the Wild“
  6. Maggie Shipstead: „Astonish Me“
  7. Maxim Leo: „Haltet Euer Herz bereit“
  8. Bessa Myftiu: „An verschwundenen Orten“
  9. Ben Aaronovitch: „Broken Homes“
  10. Rolf Lappert: „Der Himmel der perfekten Poeten“
  11. Justin Petrone: „My Estonia 1“
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