Anstrengender Abend

Drehen wir die Zeit mal um ein paar Tage zurück: Es ist der Abend meines vierundzwanzigs­ten Geburtstags, aber ich fühle mich eher wie mindestens sechzig. Denn man sucht den Feh­ler ja immer zuerst bei sich selbst, in diesem Falle bei der eigenen Spießigkeit. Denn spießig muss ich sein, wie sonst ließe es sich erklären, dass ich nicht – wie vom Regisseur sicherlich vorgesehen – lachen kann, wenn auf der Bühne mit dem Inhalt einer Windel geworfen und in der Folge mehrfach „versehentlich“ in selbigen hineingetreten wird? Warum verdrehe ich genervt die Augen, als schon wenige Minuten nach Beginn des Stücks der erste Schauspieler seine Hose auszieht und dann nichts weiter trägt als einen knappen Tanga? Warum verspüre ich dabei nicht Ehrfurcht vor den Einfällen des Regisseurs, sondern vielmehr Fremdscham? Ich glaube, ich kenne die Antwort: Weil das alles völlig zusammenhanglos passiert.

Genau so zusammenhanglos wie in dieser neuen „Hamlet“-Inszenierung des Schauspiel Leip­zig mit Anspielungen auf aktuelle Geschehnisse um sich geworfen wird. Als direkt zu Anfang die SED erwähnt wird, kann ich noch milde lächeln, das war ja irgendwie zu erwarten im Jahr des 25. Jubiläums der „Friedlichen Revolution“, dem man in dieser Stadt sowieso unmöglich entgehen kann. Aber es bleibt nicht dabei. Auch „Deutschland sucht den Superstar“, Er­do­gan, der Leipziger „Tatort“, Kevin Prince Boateng, Salafisten und zum Islam konvertierte deutsche Frauen sowie ei­nige andere Dinge und Personen, von denen Shakespeare nicht die leiseste Vorahnung ha­ben konnte, werden noch irgendwie reingestopft in diese Inszenie­rung, die von der Grund­handlung her eigentlich sehr nah am Original bleibt.

Modernisierte Fassungen klassischer Stücke sind für mich nicht per se schlecht. Wenn ein Regisseur das konsequent durchzieht, kann eine Übertragung auf die heutige Zeit durchaus spannend sein. Aber hier geht alles durcheinander. Auch sprachlich. In manchen Szenen sprechen die Schauspieler den Text, den man auch in gängigen deutschen „Hamlet“-Aus­ga­ben findet (der berühmte „Sein oder Nichtsein“-Vers fehlt allerdings), in anderen wiederum wird berlinert oder gesprochen wie in der schlechten Synchronfassung eines aktuellen Hol­ly­wood-Films. Die Darsteller ändern nicht nur ständig ihre Sprechweise, sondern auch ihr Out­fit und den Grundcharakter ihrer Rolle, manchmal wechseln sie gleich die ganze Rolle als sol­che.

Die Pause, die nach circa zwei Stunden endlich beginnt, kann ich gut gebrauchen. Ich bin ver­wirrt und genervt und finde das Geschehen auf der Bühne einfach nur anstrengend. Wie es in dieser Hin­sicht um das restliche Publikum steht, kann ich zu diesem Zeitpunkt nicht einschätzen. Doch beim Anblick der Leute um mich herum fühle ich mich schon wieder spießig. Aber heutzutage geht man wohl einfach nicht mehr so schick gemacht ins Theater. Vor allem dann nicht, wenn man, wie ein beträchtlicher Teil der Zu­schauer an diesem Abend, nur hier ist, weil man als Bald-Abiturient von seinem Lehrer mehr oder weniger dazu gezwungen wurde. Ich jedenfalls fühle mich to­tal overdressed, wie es Neudeutsch so schön heißt, zwischen all den Leuten in Jeans, karier­ten Hemden und Turn­schu­hen, dabei trage ich eigentlich nur ein schlich­tes schwarzes Kleid. Ein paar ältere Da­men haben sich zwar für Hosenanzüge oder Röcke entschieden, aber im Großen und Ganzen herrscht legere Gar­derobe vor. Und das bei einer Premiere. Nach einer ähnlichen Erfahrung (aber glücklicherweise nur, was die Kleidungswahl des Publikums angeht) bei einem Bal­lett­abend im Stuttgarter Opernhaus fra­ge ich mich jetzt, wofür man überhaupt noch „das kleine Schwarze“ im Schrank hat, von dem doch immer behauptet wird, dass jede Frau es unbe­dingt braucht. Aber andererseits bin ich eben einfach 1,82 Meter groß, größer als der deut­sche Durchschnitts­mann, und deshalb führt schon die bloße Tatsache, dass ich ausnahms­weise mal Schuhe mit Absatz trage, bei mir zu dem Gefühl, unpassend gekleidet zu sein.

Die Leute um mich herum haben insofern Recht, als es sich wirklich nicht gelohnt hat, sich allzu viele Gedanken um sein Outfit für diesen Theaterabend mit anschließender Pre­mie­ren­feier zu machen. Denn zu besagter Feier bleiben wohl die wenigsten und ansonsten sitzt man ja eh nur im Dunkeln. Zu Beginn des zweiten Teils denke ich noch, dass die Darbietung auf der Bühne jetzt besser, erträglicher wird, und endlich erkennt man in der Leipziger Ophe­lia auch zumindest ansatzweise das, was sich Shakespeare gedacht haben mag, als er ihre Rolle konzipierte. Dass Laertes erst nach der Pause auftaucht (wodurch man endlich ein biss­chen mehr versteht), überrascht bei der sowieso kon­fu­sen Inszenierung wohl die wenigsten. Aber das Ende des Ganzen, das dürfte selbst die um­hauen, die bisher noch geglaubt haben, die Einfälle von Regisseur Thomas Dannemann hät­ten einen tieferen Sinn, den vielleicht nur nicht jeder im Publikum verstehen kann. Und zwar „umhauen“ im negativen Sinne. Denn das Ende wird nicht auf der Bühne gespielt, statt­des­sen wird die Glasfassade des fast die ganze Bühne einnehmenden gläsernen, kastenartigen Gebäudes – das sich, wie sollte es anders sein, um sich selbst drehen kann – zur Leinwand umfunktioniert. Und dann folgt, angekün­digt durch das plötzliche Auftauchen der Jigsaw-Puppe aus den „Saw“-Filmen (ich gebe zu, dass ich erst später erfahren habe, worum genau es sich bei dem maskierten Männchen auf dem Dreirad handelte) – ein Splatter-Filmchen. Mindestens fünf Minuten lang sieht man auf­geschlitzte Körper, innere Organe und kotzende Menschen, ein­zelne Szenen, in geradezu atemberaubendem Tempo hintereinandergeschnitten. Da ist es also, das Kunstblut, dessen vollständige Abwesenheit bis hierhin zu den wenigen positiven Dingen gehört hatte, die ich der Inszenierung abgewinnen konnte.

Zu Anfang des Filmchens bleibt es bei mir bei einem genervten Seufzer. Das Ganze ist so bil­lig, so trashig gemacht, dass es mir geht wie bei schlechten Horrorfilmen: ich kann das weder erschreckend noch eklig finden, kann es schlicht nicht ernst nehmen. Aber der Mist hört ein­fach nicht mehr auf, es geht immer weiter, wird immer blutiger, immer bescheuerter. Und dann ruft jemand laut „Aufhören!“, seinem Beispiel folgen bald andere Leute aus dem Publi­kum. Während ich mich noch frage, ob das zum Stück gehört (an diesem Abend würde man sich ja über wirklich nichts mehr wundern), sehe ich ein paar Reihen vor uns einen Mann, der aufsteht und empört den Saal verlässt. Hinter sich her zieht er – einen Jungen von viel­leicht zwölf Jahren. Weitere Eltern mit Kindern folgen seinem Beispiel. Sicher, man kann sich fragen, ob es ganz allgemein eine gute Idee ist, sein Kind in eine Shakespeare-Aufführung mitzunehmen, da seine Werke, von „Romeo und Julia“ vielleicht einmal abgesehen, ja nicht ganz einfach zu verstehen sind, aber die wirklich wichtige Frage in diesem Moment ist wohl eher die, ob Theaterinszenierungen nicht vielleicht sowas wie eine FSK-Kennzeichnung brau­chen. Nichts, was man im Vorhinein in Internet oder Programmheft lesen konnte, ließ darauf schließen, dass man zum Zeitpunkt der Vorstellung besser volljährig sein sollte – klar, das En­de sollte ja eine Überraschung sein. Gut, bei „Hamlet“ sind nun mal, egal wie man den Stoff inszeniert, am Ende so gut wie alle tot und auch Shake­speare hatte sicherlich keine völlig blutfreien Szenen vor Augen, als er das schrieb, aber sel­ten hat der Satz „der Autor würde sich im Grab umdrehen“ wohl so gut gepasst wie jetzt.

Auch einige Leute ohne Kinder verlassen frühzeitig den Saal. Ich fühle mich sehr bestätigt in dem, was ich in meinem Text zum Thema fragwürdige Trends des modernen Theaters ge­schrieben habe: „Das Verlassen einer laufenden Vorstellung ist das Wegzappen des Theater­zuschauers“, die einzige Möglichkeit, sein Missfallen zu zeigen. Fast die Einzige. Teile des Premierenpublikums greifen auch zu Buh-Rufen, als bei den – von mir als sehr erlösend em­pfundenen – Verbeugungen der Schauspieler auch der Regisseur auf die Bühne kommt. Und so verschwindet er möglichst unauffällig schon nach wenigen Sekunden wieder. Ich selbst fühle mich unfähig, lange zu klatschen. Die Schauspieler können nichts für die Ideen des Re­gisseurs, sie haben sich weder die zusammenhanglosen Anspielungen noch das Trash-Hor­rorfilmchen ausgedacht, das ist mir klar, aber ich will nur noch raus hier. So geht es an­schei­nend auch vielen anderen, denn mit uns strömt eine ganze Menge verwirrt bis empört drein­bli­ckender Zuschauer sofort nach der letzten Verbeugungsrunde aus dem Schau­spiel­haus. So spießig bin ich wohl doch nicht – oder zumindest bin ich nicht alleine damit.

Vor etwas mehr als zwei Jahren, als ich den oben erwähnten Text schrieb, versuchte ich vor allem, zu verstehen, warum Regisseure sowas machen. Warum sie Nacktszenen und strö­mendes Blut einbauen, auch wenn der Stoff, den sie inszenieren, das eigentlich gar nicht hergibt. Manchmal hatte und habe ich das Gefühl, dass sie das nur tun, weil sie es können. „Hamlet“ wird auch deshalb in dieser Spielzeit hier in Leipzig aufgeführt, weil es 1989 zum Repertoire gehörte und man mit dem übergreifenden Spielzeitmotto „Zeiten des Aufruhrs“ unter anderem an besagte Revolution erinnern möchte. Vielleicht will Dannemann einfach nur zeigen, dass man heute, 25 Jahre nach dem Ende der DDR, ein Stück wie „Hamlet“ auch in diesem Teil Deutschlands endlich wieder wirklich frei inszenieren kann, dass Anspielungen auf politische und gesellschaftliche Missstände sowie Reminiszenzen an amerikanische Hor­rorstreifen erlaubt sind. Aber das kann man auch subtiler und intelligenter verdeutlichen, wenn man es denn überhaupt für nötig hält.

Auch meine Theorie von damals, dass in den Medien eigentlich nur über skandalträchtige Inszenierun­gen so richtig ausführlich berichtet wird, bestätigt der neue Leipziger „Hamlet“. Aber zum Glück wird er sowohl in der Leipziger Volkszeitung als auch auf der Internetseite des „Kreuzer“, des Leipziger Stadtmagazins, so richtig verrissen, und die Texte zeigen mir auch, dass ich bei Weitem nicht die Einzige bin, die das Ganze nicht verstanden hat. So muss ich den Fehler zumindest nicht bei mir selbst, genauer: bei meiner eigenen Dummheit, su­chen. Übrigens wählt sogar die „Bild“ in ihrer Online-Rezension eine Formulierung, die ich nicht schlecht finde: „Dannemann zählt zur (herrschenden) Sudel-Brüll-Fraktion, davon kann man gut leben“. Die gelungene Rezension des „Kreuzer“ möchte ich hiermit allen ans Herz legen, die mehr wissen wollen oder vielleicht sogar in Erwägung ziehen, sich das Ganze selbst anzuse­hen, nein, an­zutun. Das Einzige, was ich nicht unterschreiben kann, ist, dass sowohl der „Kreuzer“ als auch die LVZ die Leistung der Schauspieler als höchstens mittelmäßig be­zeich­nen. Ich finde, ihnen ist kein Vorwurf zu machen – es wäre auch wirklich noch erschre­cken­der als das Splat­ter­film­chen in den Augen der minderjährigen Zuschauer, wenn der Applaus nach der Vor­stel­lung rein aus Höflichkeit diese doch als ordentlich zu bezeichnende Lautstär­ke erreicht hätte.

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4 Gedanken zu „Anstrengender Abend

  1. Spießig, spießig, . . . ? Das ist so ein „Etikett“, das man gern Leuten anhängt, die nicht jeden Trend (oder Quatsch) willig mitmachen. Man kann sich damit so schön abgrenzen: Man selbst ist dann . . . ja, was eigentlich? Cool? Modern? Offen? Oder einfach nur unkritisch? Es ist wie im Kunst-Business: Wer nicht vor allen Werken den Hut zieht (oder zumindest den artigen Kommentar „Das ist mal was anderes“ herausbringt), ist halt der Spießer – gefangen in Konventionen und altmodischen Vorstellungen. Will man nicht auffallen, dann sagt man zu allem Nichtdagewesenen – und sei es noch so beliebig – brav sein zustimmendes oder gar begeistertes Sprüchlein . . . und man gehört dazu, gehört zur „Szene“. So einfach ist das! (und so bequem!)
    Sei einfach „spießig“ – das ist das Etikett der Anderen. was soll’s? Lieber klar seine Meinung vertreten als einfach mitschwimmen. Mist ist Mist – und den soll man auch so nennen.
    Merke: In der modernen Kunst (und wohl auch im modernen Theater) gilt: Wenn Du was nicht verstehst oder gut findest, heißt es: Der Künstler (oder Regisseur) hat genau erreicht, was er wollte – nämlich provozieren, Dich zum Nachdenken bringen o.ä.

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