Verhaltensbeobachtung

Momentan mache ich zum zweiten Mal seit Beginn meines Studiums ein Praktikum in der Bibliothek einer mit Kunst befassten Institution. Zwar unterscheidet sich die Bibliothek, in der ich jetzt gerade arbeite, in mancherlei Hinsicht ziemlich stark von der, in der ich vor zwei­einhalb Jahren war, aber in Bezug auf die Inhalte in ihrem Bestand sind sie sich wohl ziemlich ähnlich. Und ich kann hier, in der Leipziger Institution, die gleichen Phänomene beobachten wie damals in Karlsruhe. Und zwar in Bezug auf das Verhalten der Besucher. Eigentlich spre­chen Bibliothekare immer von „Benutzern“, nicht von „Besuchern“. Denn es ist ja schließlich Sinn und Zweck einer Bibliothek, dass die Bücher aus den Regalen genommen, durchgeblät­tert, ja, benutzt werden. Die Bücher sollen als Gebrauchsgegenstände begriffen werden, sonst stünden sie ja nicht in schnöden Regalen, sondern in abgeschlossenen Vitrinen.

Aber wenn es um das Verhalten des durchschnittlichen Gastes in einer Kunstmuseumsbiblio­thek geht, ist die Bezeichnung „Besucher“ deutlich passender. Denn die Leute benehmen sich in der Bibliothek genau so wie im Rest des Museums. Sie schlendern an den Regalen vorbei, meistens sehr interessiert, aber sie stehen so stark unter dem Eindruck des Berüh­rungsverbots, das für die Exponate des Museums gilt, dass sie kein Buch in die Hand neh­men. Viele haben angesichts der häufig wirklich sehr faszinierend gestalteten Kunstbände ei­nen geradezu ehrfürchtigen Gesichtsausdruck, wenn sie durch die Bibliothek laufen. Selbst Kin­der verhalten sich still, sind höchstens aufgrund der vielen bunten Farben, die in einer Kunstbibliothek natürlicherweise vorhanden sind, ein bisschen aufgeregt.

Die meisten Leute halten sich nicht länger als vielleicht fünf Minuten in der Bibliothek auf. Es wirkt manchmal so, als wäre es ihnen unangenehm, untätig an den Beständen entlangzu­schlendern. Als wüssten sie, dass die Medien nicht einfach so da stehen. Aber sie trauen sich nicht so recht an sie heran. Nur wenige kommen auf die Idee, etwa eine Künstlermono­gra­phie aufzuschlagen, um, sei es vorbereitend oder rückblickend, die ausgestellten Werke bes­ser verstehen und einordnen zu können. Hier in Leipzig habe ich auch noch kein einziges Mal jemanden im Online-Katalog recherchieren sehen. In Karlsruhe war das ein bisschen anders, denn die dortigen Bestände sind nicht nur für die Museumsbesucher, sondern auch für die Stu­denten der angrenzenden Hochschule gedacht, und die sind nun mal ab und an gezwun­gen, die angebotenen Medien zu benutzen.

Dafür konnte man in Karlsruhe aber gut beobachten, dass viele Besucher vor der Tür zur Bib­liothek (oder „Mediathek“, wie es dort heißt) stehen blieben und hineinguckten, sie aber nicht betraten. Meine Kolleginnen dort haben die Leute häufig aktiv aufgefordert, hereinzu­kommen, und mehr als einmal hörte ich in einem solchen Fall respektvoll gehauchte Reaktio­nen wie: „Darf ich?“ Ja, Sie dürfen. Sie sollen sogar. Die Bibliothek ist integraler Bestandteil des Museums, sie bietet die Möglichkeit, sich tiefergehend mit der ausgestellten Kunst zu be­schäftigen oder auch einfach nur ein Buch über eine besonders spannende Epoche durch­zublättern. Und meistens ergänzt sie die Ausstellungen durch einen ausgewählten Handap­parat. Kurioserweise konnte ich im Karlsruher Museumsshop, an dem ich mindestens ein Mal pro Tag vorbeiging, immer eine ganze Menge Menschen entdecken, die interessiert in den dort angebotenen Büchern blätterten, häufig sogar eins kauften (und so einen Kauf überlegt man sich, angesichts der Preise für Kunstbände, sicherlich ziemlich genau). Manch­mal sah ich dort sogar Leute stehen, die zuvor die Bibliothek nach ein paar Minuten wieder verlassen hatten, ohne auch nur einem einzigen Buch nähere Aufmerksamkeit gewidmet zu haben. Einmal hat mich eine dieser Personen sogar erkannt und mir einen schuldbewussten Blick zugeworfen. Vielleicht übt ein Kunstband ja eine noch stärkere Faszination aus, wenn zumindest theoretisch die Möglichkeit besteht, ihn zu kaufen und mit nach Hause zu neh­men. Oder vielleicht suchen die Leute in Museumsshops immer nach Geschenken für Freun­de und Verwandte. Aber kann es einen besseren Ort geben, ein Buch auf seine Kauf­wür­digkeit und Eignung als Geschenk zu überprüfen als die Bibliothek? Und das auch noch im Sitzen statt am Regal stehend, wobei man eigentlich immer irgendwem im Weg ist?

Die Leipziger Institution hat keinen Museumsshop. Und momentan findet auch keine Aus­stellung statt. Das erfährt der Besucher aber erst nach Betreten des Foyers, in dem auch die Bibliothek untergebracht ist. In vielen Fällen kann man ziemlich schnell erkennen, dass der Besucher am liebsten direkt wieder gehen würde, nachdem er den Ausstellungsmangel fest­gestellt hat. Aber vielen ist es anscheinend unangenehm, sofort auf dem Absatz kehrtzu­ma­chen, deshalb drehen sie eine Runde durch die – zugegebenermaßen nicht wahnsinnig große – Bibliothek. Einige machen Fotos, vielleicht, um ihren Aufenthalt künstlich in die Län­ge zu ziehen und so das unangenehme Gefühl beim Verlassen des Gebäudes zu mindern. Man sieht den meisten von ihnen an, dass das, was sie in der Bibliothek zu sehen be­kom­men, sie auf irgendeine Weise anspricht, aber nur die wenigsten machen den entscheiden­den, wei­ter­führenden Schritt und greifen zum Buch.

Angesichts der Ehrfurcht, die den Besu­chern ins Gesicht geschrieben steht, kann man als Bib­liothekar in einer solchen Einrichtung zwar einige wohltuende Zweifel an der Theorie vom schlechten Image des eigenen Berufsstandes in der Gesellschaft be­kommen. Auf der ande­ren Seite aber ist es doch sehr enttäuschend zu sehen, dass die Bestände kaum genutzt wer­den. Also, bei eurem nächsten Museumsbesuch, geht auch in die Bibliothek (wenn es eine gibt). Und nehmt ein paar Bücher in die Hand. Das darf man nämlich. Was man auch darf, ist, den Bibliothekar ansprechen und befragen. Aber am besten nicht mit der in wahrscheinlich je­der Bibliothek meist­gestellten Frage: „Wo ist denn hier die Toilette?“ Denn dafür muss nun wirklich nie­mand drei oder gar fünf Jahre studieren.

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