Noch mehr zu Gucken

Hier ist nun endlich der letzte Teil der Reihe über Filme, die ich gut finde. Vielleicht gibt es irgend­wann mal eine Fortsetzung, dazu muss aber erst unsere DVD-Sammlung anwachsen. Allge­meine Infos zu der Reihe findet ihr beim ersten Teil. Hier nur nochmal der Hinweis: Man kann auf die Filmtitel drauf klicken und gelangt dann zu einem Trailer oder einem Ausschnitt.

Ein gutes Herz (The Good Heart): Auch diesen Film hat mein Lieblingsregisseur, der Isländer Dagur Kári, nicht in seiner Heimat gedreht. Er spielt allerdings auch nicht, wie „Dark Horse“, in Kopenhagen, sondern in New York, und die Rollen sind mit international bekannten Schauspielern besetzt. Trotzdem ist der Film isländisch-schrullig. Der alte Jacques betreibt ei­ne Bar und ist der festen Überzeugung, dass ein Gastwirt keinen größeren Fehler machen kann als den, freundlich zu seinen Gästen zu sein. Er hat eine Reihe von Stammgästen – jeder auf seine eigene Art und Weise ein kurioser Typ – und bewirtet neue Gäste äußerst ungern. Frauen in der Bar sind für ihn ein absolutes No-Go. Jacques ist herzkrank und erleidet ei­nes Tages einen Schlaganfall (ironischerweise während einer Entspannungsübung). Im Kran­ken­haus teilt er sich ein Zimmer mit dem jungen Obdachlosen Lucas, der gerade einen ge­schei­terten Selbstmordversuch hinter sich hat. Da Jacques sich eingestehen muss, dass er sich Ge­danken um die Zukunft seiner Bar machen sollte, bietet er Lucas an, bei ihm zu ar­bei­ten und unterzukommen, nachdem beide aus dem Krankenhaus entlassen wurden. Auch die Ente Es­tragon wird in der Bar aufgenommen, sie soll beim bevorstehenden Weihnachtsfest als Hauptgang dienen und dafür „von innen mariniert“ werden, bekommt also nur das beste Futter. Lucas verhält sich für Jacques’ Geschmack viel zu nett den Gästen gegenüber, lernt aber mit der Zeit den „richtigen“ Umgang mit den Menschen und der Kaffeemaschine. Ir­gendwann steht plötzlich die französische Stewardess April in der Bar, die gerade ihren Job verloren hat und nun nicht weiß wohin. Lucas nimmt sie auf, was Jacques gar nicht passt. Lu­cas und April werden ein Paar, Jacques erleidet einen erneuten Schlaganfall, und was dann noch passiert, verrate ich nicht. Dagur Kári hat sich für diesen Film wieder einmal großartige Schauspieler ausgesucht. Lucas wird gespielt von Paul Dano, den die meisten wohl haupt­sächlich als stummen großen Bruder aus „Little Miss Sunshine“ kennen, und der gries­grä­mi­ge Jacques wird von Brian Cox wunderbar verkörpert. Und auch Nicolas Bro, der in „Dark Horse“ den Opa spielt, hat eine herrliche kleine Rolle. Die Musik stammt natürlich von Dagur Káris Band Slowblow. „Ein gutes Herz“ besticht durch eine Menge kleiner Szenen, die jede für sich genommen schon herrlich sind und im Gesamten eine wunderbar witzige, aber auch be­rüh­rende Geschichte mit einem unvorhersehbaren Ende ergeben. Allein schon für die Sze­ne, in der sich ein Gast, der zum ersten Mal die Bar betritt, eine Bloody Mary bestellt und diese auf ziemlich ungewöhnliche Art und Weise von Jacques serviert bekommt, lohnt es sich, diesen Film zu sehen.

Pappa ante portas: Natürlich darf ein Loriot-Film nicht fehlen in dieser Auflistung. Ich mag auch „Ödipussi“ sehr, aber „Pappa ante portas“ ist für mich das absolute filmische Meis­ter­werk des Humoristen. Er selbst spielte darin die Hauptrolle des Heinrich Lohse, der in den Vorruhestand versetzt wird, nachdem er es in seiner Position als Einkaufsdirektor bei der „Deutschen Röhren AG“ mit seinem Sparmaßnahmen etwas übertrieben hat. Leider ist Fami­lie Lohse es so gar nicht gewöhnt, dass ihr Oberhaupt seine Tage zu Hause verbringt und im Haushalt mit anpackt, und so geht er seiner Frau Renate – die natürlich von Evelyn Hamann gespielt wird – und seinem pubertierenden Sohn Dieter zunehmend auf die Nerven. Eigent­lich ist das auch schon die ganze Geschichte des Films. Es reiht sich eine kuriose Szene an die andere, kaum einmal wird dem Zuschauer eine Pause vom Lachen vergönnt. Heinrich Lohse ist einfach so herrlich weltfremd. Er bittet zwei obskure Vertreter freundlich zum Tee ins Wohnzimmer und kauft ihnen palettenweise Wurzelbürsten und Badezusatz ab, die ihn und seine Familie vor dem Unglück bewahren sollen, das ein auf die Erde zurasender Venusmond auslösen wird. Er denkt, sein Sohn spreche von einem Boxer, als er über Michael Jackson redet. Im Laden um die Ecke handelt er einen großartigen Rabatt auf Senfgläser aus, die sich schon bald im Haus sta­peln. Er will seiner Frau „fachmännisch“ mit ihrem neuen Haushaltsgerät helfen, steht dann aber eigentlich nur im Weg rum und liest mit seiner ganz eigenen Rhetorik aus der englischen Version der Gebrauchs­an­leitung vor. Kein Wunder, dass es immer öfter zum Streit kommt zwischen den Eheleuten. Das will Heinrich wieder gut machen, indem er mit Hilfe eines Freundes Renate damit über­rascht, dass einige Szenen der Fernsehserie „Die Schna­kenburgs“ (alleine dieser Name ist loriottypisch genial) in ihrem Haus gedreht wer­den. Der Schuss geht nach hinten los und so muss die Familie zerstritten zum 80. Geburtstag von Re­nates Mutter aufbrechen. „Pappa ante portas“ ist voll von kuriosen Charakteren. Renate ist herrlich sarkastisch, wenn sie sich über Heinrich aufregt, der, so findet sie, früher in sei­ner Röh­renfirma sehr gut aufgehoben war. Die­ter schleppt immer in den unpassends­ten Mo­menten seine ständig neuen Freundinnen an, die alle auf ihre Art irgendwie unmög­lich sind. Der Schokoriegelfabrikant Drögel, bei dem Renate einen Job annimmt, um ihrem nervigen Ehe­mann wenigstens ab und an ent­flie­hen zu können, erklärt ihr mit schmachten­dem Blick die neuesten, meist ziemlich abenteuerlichen Kreationen seiner Firma. Heinrichs Freund Kurt (der, der den Serien­dreh orga­ni­siert) muss seine Zigarren vor seiner dauerputzenden Frau verstecken. Renates Verwandte Hedwig und Hellmuth waren in ihrer Ehe noch nicht einen Tag getrennt und ha­ben ein der­maßen harmonisches Verhältnis, dass es einem fast hoch­kommt. Renates Mutter ist bei ih­rer Geburtstagsfeier herrlich schlecht gelaunt und handelt alles unemotional und ge­radezu ge­schäftsmäßig ab. Und man könnte noch viele, viel mehr aufzählen. Darüber hinaus besteht der gesamte Film aus kuriosen Dialogen, aus denen man in so gut wie jeder Lebens­lage ir­gendetwas zitieren kann. Der Satz „Die Welt geht unter, aber wir haben Senf, Wurzel­bürsten und Badezusatz“ zum Beispiel ist – in den verschiedensten Abwandlungen – zum fes­ten Be­standteil der Kommunikation in meiner Familie geworden. Und jedes Mal, wenn man sich den Film ansieht, fallen einem wieder neue Dinge auf, die man entweder noch nie be­merkt oder schon wieder vergessen hatte. Ein wahres Meister­werk eben.

Young@Heart: Die Geschichte mag nach einem weiteren skandinavischen Independent-Spielfilm klingen. In Wahrheit aber ist „Young@Heart“ eine britsch-amerikanische Dokumen­tation. Der Regisseur Stephen Walker begleitete für diesen Film über sechs Wochen den gleichnamigen Chor aus New England. Der Altersdurchschnitt der Chormitglieder liegt bei et­wa 80 Jahren. Doch anstelle klassischer Stücke oder Kirchenmusik singen die Senioren Songs von The Clash, Coldplay, Bruce Springsteen und ähnlichen Künstlern. Spätestens seit Johnny Cashs Version von Trent Reznors „Hurt“ weiß wohl jeder, dass die Singstimmen alter Menschen einen besonderen Charme haben können, und dieser Film bestätigt das voll und ganz. Es ist gleichzeitig lustig und sehr schön zu sehen, wie die Chormitglieder auf die Songs reagieren, die Chorleiter Bob Cilman ihnen mitbringt. Songs, die die alten Leute häufig noch nie zuvor gehört haben, die sie aber bald auf ihre ganz eigene Weise interpretieren. Cilman mutet sei­nen Sängerinnen und Sängern eine ganze Menge zu, sie dürfen ihren Einsatz nicht verpassen, müssen komplizierte Texte lernen und auf der Bühne miteinander harmonieren. Aber er traut ihnen das alles eben auch uneingeschränkt zu und wird darin immer wieder be­stätigt. „Young@Heart“ zeigt, dass gemeinsames Singen und Auftreten einem auch im Alter eine ganze Menge geben kann. Wo auch immer der Chor auftritt, die Leute sind begeistert, sogar eine Gruppe von Ge­fängnisinsassen ist zu Tränen gerührt. Und das Schöne daran ist, dass das Publikum den Chor nicht einfach nur irgendwie niedlich oder kurios findet oder aus Mit­ge­fühl klatscht. Denn die alten Leute sind wirklich richtig gute Sänger und Performer, die sich hinter ihren jüngeren Kol­legen keinesfalls zu verstecken brauchen. Nur so viel: ich per­sön­lich höre ihre Version von „The Road to Nowhere“ lieber als das Original von den Tal­king Heads. Ne­ben den Chor­proben und Auf­tritten zeigt der Film auch einige der Sänger in ihren Woh­nungen, wo sie aus ihrem Leben er­zählen. Natürlich sind sie alt und müssen sich mit allerlei Gebrechen herum­schlagen, aber sie haben ihre Lebensfreude nicht verloren. Der Chor be­deutet für sie eine Gruppe von Freun­den, die immer zusammenhält, sich gegenseitig moti­viert und einfach Spaß hat. Und so gibt es eine ganze Menge zu lachen in diesem Film, aber auch um die ein oder andere Träne kommt man nicht herum. Ebenso wenig wie um den Wunsch, im hohen Alter selbst in einem solchen Chor mitwirken zu können.

Nach der Hochzeit (Efter brylluppet): Mal wieder ein Film mit Mads Mikkelsen. Hier spielt er den Dänen Jacob, der ein Waisenhaus in Indien leitet. Besonders der Junge Pramoud ist ihm ans Herz gewachsen. Als dem Waisenhaus das Geld ausgeht, erhält Jacob ein Angebot von einer Firma aus seiner Heimat, die das Waisenhaus mit einer großzügigen Spende un­ter­stüt­zen will. Um die Spende entgegenzunehmen, fliegt Jacob nach Kopenhagen, wo er eigentlich nur für ein paar Tage bleiben und dann rechtzeitig zu Pramouds Geburtstag nach Indien zurück­kehren will. Doch vor Ort muss er erfahren, dass die Firma sich noch gar nicht endgültig ent­schieden hat, welches von mehreren Projekten sie tatsächlich finanziell unterstützen wird. Jørgen, der Firmenchef, lädt Jacob zur Hochzeit seiner Tochter Anna ein, die am nächsten Tag stattfindet. Bei der Feier trifft Jacob auf Helene, seine Jugendliebe, die inzwischen mit Jørgen verheiratet ist. Es stellt sich heraus, dass Anna in Wirklichkeit Jacobs leibliche Tochter ist. Jacob ist sauer auf He­lene, weil diese ihm seine Tochter zwanzig Jahre lang vorenthalten hat, aber er und Anna kommen gut miteinander zurecht. Jørgen bietet Jacob dann tatsäch­lich finanzielle Unter­stüt­zung für das Waisenhaus an, stellt aber die Bedingung, dass Jacob nach Dänemark zieht. Das kommt für Jacob allein schon wegen Pramoud nicht in Frage, aber dann erfährt er von Jør­gens Beweggründen. Die kann ich hier nicht verraten, das würde zu viel vorwegnehmen – leider wirkt die Story ohne dieses Wissen ziemlich konstruiert, aber wer sich den Film anschaut, wird feststellen, dass sie das eigentlich gar nicht ist. Ich glaube, das faszinierendste an diesem Film sind die vielen unerwarteten Wendungen in der Hand­lung. Nichts ist vorhersehbar. Wie das im Leben eben so ist. Vor allem, wenn man, wie Jacob sein eigentliches Leben so gut wie vollständig hinter sich gelassen und sich fern von der Hei­mat ein Neues aufgebaut hat. Jacob muss Entscheidungen treffen, die seine eigene Zukunft, aber auch die vieler anderer Menschen beeinflussen. Und als Zuschauer stellt man sich die ganze Zeit diese eine Frage: „Was wäre gewesen, wenn …?“ Somit zeigt der Film, dass es in jeder Situation theoretisch unendlich viele verschiedene Möglichkeiten gibt, wie das Leben weiter verlaufen könnte. Das ist, wie ich finde, das eigentlich Dramatische an „Nach der Hochzeit“, nicht die verworrene Familiengeschichte.

Eine Dame in Paris (Eestlanna Pariisis): Die Aufschrift „Originalfassung (Estnisch/ Franzö­sisch)“ liest man wahrscheinlich äußerst selten auf einer DVD-Hülle. Der estnische Original­ti­tel dieses Films bedeutet übersetzt „Eine Estin in Paris“ und beschreibt schon ziemlich gut, worum es geht. Der Film beginnt in Estland und in der deutschen Fassung sieht man diese Szenen tatsächlich auf Estnisch mit Untertiteln, was ich sehr schön finde. Es geht um Anne, die in einer estnischen Kleinstadt lebt und sich um ihre alte Mutter kümmert. Als diese stirbt, weiß Anne nicht so recht, was sie mit sich anfangen soll, zumal sie alleinstehend ist und ihre beiden Kinder bereits erwachsen sind. Da­her nutzt sie die Chance, die sich ihr bietet und geht nach Paris, um sich dort um Frida zu kümmern. Frida ist ebenfalls Estin, lebt aber schon sehr lange in Frankreich und will mit Est­land sowie der estnischen Sprache und Kultur eigentlich nichts mehr zu tun haben. Sie ist we­nig begeistert über ihre neue Pflegerin und spricht auch mit ihr ausschließlich Französisch. Frida hat schon mindestens einmal versucht, sich umzubringen, der einzige soziale Kontakt, den sie hat, ist Stéphane, ihr deutlich jüngerer ehemaliger Liebhaber. Anne und Frida sind vollkommen verschieden, es prallen zwei Welten aufeinander, obwohl doch beide Frauen ei­gentlich aus dem gleichen Land stammen. Anne aber wird von Stéphane immer wieder er­mutigt, auf Frida zuzugehen und gibt nicht auf. Und so langsam nähern sich die beiden Frauen doch an. Gleich­zei­tig verändert sich Anne, sie ist fasziniert von Paris und beginnt, sich eleganter zu kleiden. Trotzdem vergisst sie ihre Wurzeln nicht. „Eestlanna Pariisis“ ist ein ruhiger Film mit wenig Filmmusik und wenig ausführlichen Dialogen. Jeanne Moreau als Frida und Laine Mägi als Anne spielen ihre gegensätzlichen Rollen großartig, ohne irgendwelche überzogenen Klischees widerzuspiegeln. Sehr interessant finde ich übrigens auch, dass bei diesem Film Ilmar Raag Regie geführt hat, der vor allem für das schonungslose Amokläufer-Drama „Klass“ bekannt ist – „Eestlanna Pariisis“ ist so ziemlich das genaue Gegenteil davon. In der deutschen Fassung klingt Annes Akzent ein bisschen wie der einer Französin, die Deutsch spricht, das ist meiner Meinung nach leider überhaupt nicht gelungen, deshalb ist es bei diesem Film besonders wichtig, ihn im Original zu sehen. Wer noch mehr über den Film und meine Meinung dazu wissen möchte, kann gerne lesen, was ich in meinem anderen Blog dazu geschrieben habe.

Nord: Sogenannte Roadmovies gibt es viele. „Nord“ hingegen wird auf der DVD-Hülle als „Off-Road-Movie“ beworben – und ich finde, das trifft es ziemlich gut. Denn es geht zwar um eine Reise, diese aber wird nicht etwa in einem Auto auf amerikanischen Highways durchge­führt, sondern mit einem Schneemobil durch die zugeschneite Landschaft Norwegens. Der Rei­sende heißt Jomar. Er war früher mal Skisportler, kann aber keinen Sport mehr machen und arbeitet deshalb als Liftwärter. Dieser Job ist wenig erfüllend oder anspruchsvoll und so verbringt der ziemlich depressive Jomar seine Tage hauptsächlich mit Rauchen, Trinken und Schlafen. Dass er mal Sportler war, sieht und merkt man ihm kein bisschen an. Eines Tages erfährt Jomar, dass er einen Sohn hat, der im Norden Norwegens lebt. Und so packt er einen Fünf-Liter-Kanister voller Schnaps – sonst nichts – auf sein Schneemobil und fährt los, um seinen Sohn kennenzulernen. Unterwegs trifft er auf eine Reihe von Menschen, die alle auf ihre Weise skurril sind. Da ist zum Beispiel ein junger Mann, der Jomar seine ganz eigene Art des Alkoholkonsums nahebringt. Oder der seltsame Alte, der in einem Zelt lebt und sich da­rin festgekettet hat. Und ein einsames Mädchen, das bei seiner Oma lebt und Jomar in einer kleinen, dunklen Kammer neben seinem Zimmer einquartiert, als dieser nach der langen Rei­se durch den Schnee nichts mehr sehen kann („ich bin schneeblind!“). Man könnte „Nord“ als filmische Umsetzung des Sprichwortes „Der Weg ist das Ziel“ betrachten. Denn es geht wirklich ausschließlich um die Reise an sich und ihre Vorgeschichte. Ob Jomar jemals an­kommt, wie sein Sohn auf ihn reagiert und umgekehrt, erfährt man nicht. Die Fahrt durch den Schnee wird ironischerweise von Country-Musik begleitet, die man eher in einem Film über einen cowboyhuttragenden, selbstbewussten Texas-Reisenden erwarten würde, die je­doch erstaunlich gut zu Jomars Geschichte und Umgebung passt. Anders Baasmo Christian­sen, der den Jomar spielt, legt während des Films seltenst seinen bierernsten Gesichts­aus­druck ab, was angesichts der vielen schrägen Szenen eine ziemlich großartige Leistung ist. Großartig finde ich persönlich natürlich auch die Tatsache, dass Kaizers Orchestra, eine mei­ner Lieblingsbands, in diesem Film erwähnt werden (allerdings ist Jomar kein großer Fan von ihnen). Ich weiß, ich habe das schon über so einige Filme geschrieben, aber auch für „Nord“ gilt: dieser Film lebt von seinen skurrilen Charakteren. Und von seinem absurden Humor, die Geschichte könnte auch gut aus der Feder von Arto Paasilinna stammen. Trotzdem ist der Film auch auf seine ganz eigene Art und Weise schön und berührend, was nicht zuletzt an den großartigen Landschaftsbildern liegt. Man bekommt wirklich Lust auf eine Reise durch das winterliche Norwegen, am besten mit dem Schneemobil oder auf Skiern.

Herr Lehmann: Noch so ein Film, aus dem man immer wieder zitieren kann. Die Verfilmung von Sven Regeners gleichnamigem Roman ist meiner Meinung nach wirklich gut gelungen, auch wenn die vielen herrlichen Szenen natürlich ziemlich stark zusammengestrichen und gekürzt werden mussten. Die Geschichte spielt kurz vor der deutschen Einheit, allerdings nicht, wie so viele andere Filme, die diese Zeit behandeln, in der DDR, sondern in Westberlin. Frank Lehmann ist fast dreißig, weshalb alle ihn nur noch mit „Herr Lehmann“ ansprechen, aber weiterhin duzen, eine Kombination, die er ganz schrecklich findet. Er arbeitet als Bar­keeper und verbringt auch sonst eine Menge Zeit in den verschiedensten Lokalen seines Hei­matbezirks Kreuzberg. Er verliebt sich in Katrin, die als Köchin im Restaurant „Markthalle“ ar­beitet und immer nur als „die schöne Köchin“ bezeichnet wird, wobei man über ihre tatsächli­che Schönheit durchaus geteilter Meinung sein kann. Außerdem hat Herr Lehmann eine Reihe schräger Kumpels, zum Beispiel den Künstler Karl, der irgendwann verrückt wird. Als seine Eltern sich für einen Besuch in Berlin ankündigen, fällt Herr Lehmann aus allen Wolken, denn sein Lebensstil ist wenig vorführbar. Also spielt er seinen Eltern mit Hilfe seiner Freun­de vor, er sei der Chef des Restaurants „Markthalle“, was allerdings nicht lange gut geht. Der Film hat wenig wirkliche Handlung, geschweige denn irgendeine Form von Spannungsbogen oder Höhepunkt (wobei man den Mauerfall am Ende vielleicht als solchen ansehen könnte). Er ist eher eine Aneinanderreihung kurioser Szenen, die dadurch zusammengehalten wer­den, dass sie Herrn Lehmann alle irgendwie in eine Sackgasse führen. Aber eigentlich hat der sowieso keine große Lust auf Veränderungen, er fühlt sich wohl in seiner selbstgewählt be­schränkten Welt. Obwohl ich den Film schon wirklich oft gesehen habe, könnte ich nicht sagen, an welcher Stelle der Geschichte Herr Lehmann nach Ost-Berlin reisen muss und von den Grenzern verhört wird. Oder wann er mit Karl und Katrin in der Schwu­len­bar landet, in der Frauen (oder besser: „fette Schnappen“) alles andere als willkommen sind. Die Reihenfolge ist aber auch völlig egal, was in Erinnerung bleibt, sind die Figuren und vor allem die Dialoge. Ich würde mich selbst nicht als riesigen Fan von Christian Ulmen be­zeich­nen, aber als Herr Lehmann ist er einfach wunderbar. Ansonsten sind einige der anderen Rol­len mit den üblichen Verdächtigen, die bei der Kombination Sven Regener/Leander Hauß­mann auftauchen: Karl wird gespielt von Detlev Buck (wahrscheinlich seine Paraderolle) und auch Uwe Dag Berlin, der Haijäger aus „Haialarm am Müggelsee“, ist dabei. Die Charaktere diskutieren über so existentielle Fragen wie: Ist das Leben ein Behälter und, wenn ja, was für einer? Was wollen die im Osten mit der Weltzeit? Ist es unverschämt, sich um 11 Uhr einen Schweinebraten zu bestellen und wie wichtig ist die Kruste desselben? Ist der unbekannte Typ, der immer alleine in einer Ecke der Kneipe sitzt und Kristallweizen trinkt, ein Polizist in Zivil? Läuft die Zeit schneller oder langsamer, wenn man betrunken ist? Egal, welche Haltung man zu all diesen Fragen einnehmen mag, ich empfehle regelmäßige „Herr Lehmann“-Aben­de und die Aufnahme von Ausrufen wie „Denk an die Elektrolyte!“ oder „Der Fanta-Rainer, hahahaha!“ in den allgemeinen Sprachgebrauch. Macht das Leben ein ganzes Stück lustiger.

Best Exotic Marigold Hotel: Vor nicht allzu langer Zeit lief dieser Film im deutschen Fernse­hen, vielleicht hat der ein oder andere ihn da gesehen. Ich selbst habe ihn zum ersten Mal mit einer Freundin in einem kleinen Stuttgarter Kino gesehen. Wir waren mit Abstand die Jüngsten im Saal und wurden vom Rest des Publikums zu Anfang mit einer Mischung aus Verwirrung, Neugier und Freude beäugt. Denn in dem Film geht es um eine Gruppe älterer Menschen, weshalb der Saal hauptsächlich von anderen Vertretern dieser Generation bevölkert wurde. Und zwar von solchen, die kein Problem damit haben, über sich selbst beziehungsweise über Menschen zu lachen, mit denen sie sich identifizieren, in denen sie etwas von sich selbst entdecken können. Es geht um sieben britische Rentner, die aus unterschiedlichen Grün­den ins indische Jaipur aufbrechen, um ihren Lebensabend im „Best Exotic Marigold Hotel“ zu verbringen. Dieses sieht allerdings leider deutlich weniger einladend aus, als es im Vor­hi­nein angepriesen wurde. Es wird geleitet von Sonny (gespielt von „Slumdog Millionaire“ Dev Patel), der zwar ziemlich chaotisch, aber ein Meister darin ist, die Dinge schönzureden. Die alten Leute gehen ganz unterschiedlich mit ihrem neuen Leben in Indien um, manch einer traut den Indern nicht über den Weg, wohingegen andere die fremde Kultur begeistert in sich aufsaugen. Der Kulturschock und das Zusammentreffen mit den anderen aus der Grup­pe verändert die Rentner ebenfalls auf sehr unterschiedliche Art und Weise. Geheimnisse werden enthüllt, Sehnsüchte werden offenbart, Beziehungen zerbrechen und entstehen. Doch nicht nur die Rentner stehen im Mittelpunkt der Geschichte, auch Sonnys Versuche, das Hotel professionell zu führen sowie seine komplizierte Beziehung zu seiner Mutter, die seine Freundin Sunaina nicht akzeptieren will, ergeben einen wichtigen Handlungsstrang. Das Tollste an diesem Film ist für mich das Ensemble der Schauspieler. Judi Dench zum Bei­spiel wurde für die Verkörperung der Evelyn, die in Indien zum allerersten Mal in ihrem Leben arbeitet und einen Blog über ihre Erfahrungen in der neuen Heimat führt, mehrfach ausgezeichnet. Be­sonders herrlich finde ich Maggie Smith, die die meisten wahrscheinlich als Professor Mc­Go­nagall aus den „Harry Potter“-Filmen kennen und die hier die verbiesterte und zu Anfang ziemlich xenophobe Muriel spielt. Aber auch all die anderen älteren Schauspieler sind sehr überzeugend, der Film zeigt, dass sie eigentlich mindestens genauso viel Aufmerksamkeit verdienen wie ihre jüngeren Kollegen. Darüber hinaus ist der Film sehr, sehr lustig, sehr bunt und geprägt von einer Begeisterung für die indische Kultur. Aber natürlich gibt es auch eine ganze Menge rührender Momente in der Geschichte. Für Anfang nächsten Jahres ist bereits eine Fort­set­zung angekündigt. Nachdem ich den Trailer dazu gesehen habe, bin ich ein bisschen skep­tisch, ob diese mit dem ersten Teil mithalten kann (war es wirklich notwendig, das Ensemble ausgerechnet um Richard Gere zu erweitern?), aber das wird sich zeigen.

Adams Äpfel (Adams æbler): Schon wieder Mads Mikkelsen. Schon wieder Nicolas Bro. Und schon wieder Anders Thomas Jensen. Letzterer ist der Regisseur dieses Films und Drehbuch­autor von „Wilbur Wants to Kill Himself“ und „Nach der Hochzeit“. Wikipedia ordnet „Adams Äpfel“ dem Genre der Groteske zu und das trifft es wohl ziemlich genau. Mads Mikkelsen spielt in diesem Film den Pfarrer Ivan, einen grenzenlos optimistischen Mann, dessen Glaube an das Gute im Menschen durch nichts zu erschüttern ist. Er nimmt Straftäter bei sich auf und versucht, sie auf den rechten Weg zurückzuführen. Da ist zum Beispiel der aggressive Khalid, der eine Tankstelle überfallen hat. Oder der kleptmoanisch veranlagte Sexualstraftä­ter Gunnar (Nicolas Bro). Zu ihnen stößt Adam, Kopf einer Gruppe von Neo-Nazis. Ivan möchte, dass Adam sich selbst ein Ziel setzt, um sein Leben zu verändern. Adam nimmt ihn nicht ernst und gibt an, er wolle einen Apfelkuchen backen – sicherlich nicht die Art von Ziel, die Ivan meinte, aber er akzeptiert es, unter der Bedingung, dass Adam sich fortan um den vor der Kirche wachsenden Apfelbaum kümmert. Darauf hat Adam wenig Lust, außerdem fühlt er sich durch Ivans anstrengenden Optimismus provoziert, so dass er sich vornimmt, die­sen zu brechen. Er findet heraus, dass Ivan eine schwierige Kindheit hatte und auch im Er­wachsenenalter so einige schlimme Dinge erleben musste. Doch Ivan sieht all das nur als Werk des Teufels an und ist davon überzeugt, mit Gottes Beistand alles durchstehen zu kön­nen. Adam jedoch behauptet, es handle sich um Prüfungen und Bestrafungen Gottes, was letztendlich dazu führt, dass Ivan jegliche Lust am Leben verliert. Zunächst fühlt sich das für Adam wie ein Triumph an, aber mit der Zeit bekommt er ein schlechtes Gewissen. Auch mit dem Apfelbaum läuft es alles andere als gut, die Früchte werden von Krähen und Würmern gefressen, so dass für Adams Kuchen nur ein einziger Apfel übrig bleibt. Was dann noch pas­siert, verrate ich hier nicht. Eine ungewöhnliche, ziemlich abgedrehte Story, unsympathische Charak­tere, ein wenig einladender Handlungsort – es klingt (zumindest in meiner Beschrei­bung) so gar nicht danach, aber: dieser Film ist wahnsinnig komisch. Und geistreich. Und er zeigt wieder einmal, was für ein vielseitiger Schauspieler Mads Mikkelsen ist, der kann ein­fach alles spielen. „Adams Äpfel“ ist fast schon ein Klassiker des skandinavischen Films und ich finde, man muss ihn einfach mal gesehen haben (außer vielleicht, wenn man selbst sehr reli­giös ist und mit Witzen und Kritik in Bezug darauf nicht umgehen kann). Zwar ist der Film sehr makaber und von schwarzem Humor geprägt, aber gleichzeitig geht es auch um Verge­bung und die Kunst, einen Menschen nicht gleich zu verurteilen. „Adams Äpfel“ ist, wie man es auf der Filmkritikseite cinema.de lesen kann, „eine bodenlose Unverschämtheit“ – im po­sitivsten Sinne.

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