Mehr zu Gucken

Weiter geht’s. Wer noch einmal die „Bedingungen“ dieser Auflistung nachlesen möchte, kann hier klicken.

Life for Sale – Luftbusiness: Ein echter Außenseiter-Film. Mo, Filou und Liocha leben auf der Straße und verdienen sich ein bisschen Geld mit ungewöhnlichen Jobs. In einem Internet­café erzählt jemand Filou von Online-Auktionshäusern und davon, dass die Leute über diese Platt­formen so gut wie alles kaufen und verkaufen. Das bringt die drei Freunde auf eine Idee. Wenn man über eine solche Internet­seite jeden Mist an den Mann bringen kann, warum soll­ten sie dann auf diese Weise nicht auch etwas von sich selbst zu Geld machen können? Also bietet Liocha seine Kindheit zum Verkauf an, Mo die nächsten dreißig Jahre seines Le­bens und Filou seine Seele. Die Gebote steigen und stei­gen – aber so richtig glücklich macht das die drei, insbesondere Filou, dann doch nicht. Wieder mal ein Film, der von seiner au­ßer­gewöhnlichen Story und seinen tollen Charakteren lebt. Und diese werden auch noch von tollen Schauspielern verkörpert. Do­mi­ni­que Jann und Joel Basman, die den Mo beziehungs­weise den Liocha spielen, wurden für die­se Rollen beide aus­ge­zeich­net – sehr verdient. Und Filou wird von Tómas Lemarquis gespielt, den ich ja im letzten Post schon erwähnte. Der Is­län­der spricht in diesem Schweizer Film Deutsch mit einem Akzent, der sehr gut zu der Rolle des undurchsichtigen Filou passt, von dem keiner so recht weiß, wer er eigent­lich ist, der aber mehr vom Leben zu verstehen scheint als manch anderer. „Life for Sale“ ist ein nach­denklicher, aber auch sehr komischer Film, den man so schnell nicht wieder vergisst.

Wolken ziehen vorüber (Kauas pilvet karkaavat): Dieser Film steht hier quasi stellvertretend für sämtliche Filme des finnischen Kultregisseurs Aki Kaurismäki (er ist bisher eben leider der Einzi­ge, den wir auf DVD haben). Er ist der erste Teil einer Trilogie, die mit „Der Mann ohne Ver­gangenheit“ und „Lichter der Vorstadt“ fortgesetzt wurde. Es geht um Ilona, gespielt von Ka­ti Outinen, die bisher in so gut wie jedem Kaurismäki-Film eine wichtige Rolle übernommen hat. Ilona verliert ihren Job als Kellnerin im Restaurant „Dubrovnik“ und auch ihr Mann, der Straßenbahnfahrer Lauri, wird arbeitslos. Dummerweise hat er erst vor Kurzem einen teuren Fernseher auf Raten gekauft. Beide schaffen es nicht, eine neue Stelle zu finden. Schließlich eröffnet das Ehepaar auf Anraten und mit finanzieller Unterstützung von Ilonas ehemaliger Chefin ein eigenes Restaurant (das interessanterweise den Namen „Työ“, also „Arbeit“, trägt). Eine wenig actionreiche und keinesfalls außergewöhnliche Story. Aber auf die Hand­lung kommt es bei Kaurismäki-Filmen eigentlich auch nicht an. Sondern auf die herrlichen Typen am Rande der Gesellschaft, die finnische Tango-Musik mit ihren kitschigen Tex­ten, die wortkargen Szenen und die Bilder, die die weniger schönen Seiten von Finnland – meist Hel­sinki – zeigen. Böse Zungen sagen über Kaurismäkis Filme (abgesehen vielleicht von den „Le­ningrad Cowboys“): „Kennste einen, kennste alle.“ Da ist was dran, aber im positiven Sinne. Es ist wohl ein Teil der Faszination seiner Filme, dass man grinsend vor dem Fernseher sitzen und sich denken kann: „Das ist so typisch“.

Hai-Alarm am Müggelsee: Schonmal was vom Kubanischen Zierhai gehört? Nicht? Dann wird es Zeit, sich diesen Film anzusehen. Vergesst jeden Film, den ihr bisher für eine schräge Story ge­halten habt – „Hai-Alarm am Müggelsee“ toppt so ziemlich alles. Nachdem dem Bade­meister beim morgendlichen Bad im Müggelsee die Hand abgebissen wurde, ist der Bür­ger­meister von Friedrichshagen zunächst ratlos. Nach einer ausführlichen Besprechung mit ei­ner Tussi vom Städtemarketing, einem Fischexperten, dem Haijäger Snake Müller und eini­gen anderen beschließt er, die Leute ab jetzt mit allerlei Ablenkungsmanövern vom Baden abzuhalten. Doch selbst die Verteilung von Freibier bringt nicht den gewünschten Effekt. Al­so wird der Hai-Alarm ausgerufen. Und für Städtemarketingzwecke genutzt. Ein eigentlich dreitägiges Straßenfest wird zum Dauerevent erklärt, Touristen reisen an, es gibt sogar Nach­ahmungs­versuche. Allzu lange lassen sich die Friedrichshagener Bürger den Ausnahmezu­stand aller­dings nicht gefallen. Leander Haußmann und Sven Regener, Autor und Sänger der groß­ar­ti­gen Band Element of Crime, haben einen richtigen Trash-Film produziert, mit wenig Geld, aber umso mehr Ideen. Die Figuren sind jede für sich genommen schon herrlich, wenn dann aber Henry Hübchen als Bürgermeister, Detlev Buck als Dorfpolizist, Uwe Dag Berlin als Snake und all die anderen aufeinandertreffen, wird es richtig lustig. Als ich den Film zum ersten Mal gesehen habe, musste ich daran denken, wie ich in der zwölften Klasse zu­sam­men mit zwei Schulfreunden das Drehbuch für unser Stufenmusical geschrieben haben – die ursprüngliche Version (die dann von unserer Lehrerin ziemlich stark gekürzt und zensiert wurde) war voller Insider-Witze und Anspielungen, wir verbrachten Stunden damit, uns die passen­den Namen für die Charaktere zu überlegen und hatten eine Menge Spaß bei der Ar­beit. Ähnlich muss es auch Regener und Haußmann gegangen sein, als sie sich diesen Film aus­dachten. Die beiden kommen übrigens auch selbst immer wieder vor, mal als Taucher, mal als musizierende Polizisten (der Soundtrack ist übrigens ein Genuss für alle Fans von Ele­ment of Crime). Ich habe sehr, sehr viele negative Kritiken zu „Hai-Alarm am Müggelsee“ ge­lesen, und ich kann durchaus verstehen, dass dieser Film bei vielen nicht gut ankommt. Man muss sich wirklich auf dieses Trash-Niveau einlassen, wenn man ihn guckt. Dann erkennt man viele Seitenhiebe auf andere Filme oder auch ganze Genres. Wenn wir ihn noch ein paar Mal ge­guckt haben, werden meine Familie und ich sicher ähnlich häufig aus diesem Film zitieren wie aus „Herr Lehmann“, der auf dem gleichnamigen Roman von Sven Regener basiert. Ich sag nur so viel: „Hier ist Hai-Alarm. Hier ist alles evakuiert.“

Chronicle: Eine Geschichte über High-School-Teenager und übermenschliche Kräfte, gefilmt zum Großteil im Handheld-Camera-Stil. Das klingt nun wirklich überhaupt nicht nach einem Film, der mir gefallen könnte. Und wäre „Chronicle“ eine große, teure Hollywood-Pro­duk­tion, fände ich diesen Film wahrscheinlich in der Tat furchtbar. Aber das ist nicht der Fall, der Film wurde mit einem relativ geringen Budget realisiert und die Schauspieler waren vor dem Kinostart 2012 nicht wahnsinnig bekannt. Aber kommen wir mal zur Story. Andrew geht es nicht besonders toll, sein Vater ist alkoholabhängig und gewalttätig, seine Mutter hat Krebs und er selbst wird in der Schule gemobbt. Er beginnt, sein Leben mit einer Videokamera auf­zu­zeichnen und nimmt diese sogar mit zu einer Party, die er zusammen mit seinem Cousin Matt (eigentlich seinem einzigen Freund) besucht. Während dieser Party entdecken Andrew, Matt und ihr Schulkamerad Steve ein seltsames Objekt in einer Höhle, von dem der Zu­schau­er nie erfährt, was es eigentlich ist. Am nächsten Tag stellen die drei fest, dass sie plötzlich über telekinetische Fähigkeiten verfügen. Zunächst setzen sie diese nur dazu ein, anderen ei­nen Streich zu spielen. Doch die ganze Sache schlägt von Spaß in Ernst um, als Andrew, frus­triert durch neue Mobbingvorfälle, die Aggressionen seines Vaters und den immer schlech­ter werdenden Zustand seiner Mutter, anfängt, seine Kräfte gegen Menschen zu richten. Mehr sei von der Handlung nicht verraten. Was gefällt mir an so einem Film? Da wäre zu­nächst einmal die beeindruckende Leistung von Dane DeHaan, der den Andrew einfach wahnsinnig überzeugend spielt. Außerdem finde ich es sehr erfrischend, dass die Ju­gend­li­chen in diesem Film – obwohl es auch um das Thema Beliebtheit geht – nicht auf Teufel komm raus cool sein wollen. Und dass philosophische sowie psychologische Fragen im Vor­dergrund stehen, was ja eher ungewöhnlich ist für einen Film, den die meisten Inter­net­quel­len dem Science-Fiction-Genre zuordnen. Es ist sehr spannend zu sehen, wie sich die Ge­schichte entwickelt, wie die drei immer mehr lernen, ihre Fähigkeiten einzusetzen, und vor allem, wie Andrew sich allmählich verändert. Darüber hinaus regt der Film zu Gedankenex­pe­rimenten an: wie würde man selbst sich verhalten? Oder, wie auf den deutschen Kino­pla­ka­ten zu lesen war: wozu bist Du fähig? Wozu Andrew fähig ist, zeigt das Ende des Films, das mir, ehrlich gesagt, nicht gefällt. Ich finde es übertrieben und reißerisch und es zerstört den Eindruck eines trotz seiner unrealistischen Story glaubwürdigen Films, dessen Figuren nach­voll­ziehbar handeln. Die absolute Schlussszene ist dann allerdings wieder passend, und ich kann über das blöde Ende hinwegsehen, weil der Film ansonsten wirklich richtig gut ist. Jetzt, wo ich ihn auf DVD habe, kann ich ja auch einfach vorspulen und mir ein alternatives Ende vor­stellen.

Disco & Atomic War (Disco ja tuumasõda): Das ist die Ausnahme, die ich beim letzten Mal an­kündigte, der Einzige der hier genannten Filme, den wir nicht auf DVD haben. Aber es ist eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis diese estnische Dokumentation in unserer Sammlung landen wird. Es geht in dem Film um den Einfluss des finnischen Fernsehens auf die est­ni­sche Bevölkerung während der Sowjetzeit. In Tallinn und Umgebung, also im Norden des Landes, konnte man die Be­wegtbilder aus dem kapitalistischen Ausland empfangen. Der Re­gierung passte es natürlich überhaupt nicht, dass die Leute sich an Serien wie „Dallas“ oder „Knight Rider“ erfreuen und sehen konnten, dass das Leben außerhalb der Sowjetunion gar nicht so schrecklich war, wie ihnen immer vorgegaukelt wurde. Es gab alle möglichen Ver­su­che, den Empfang der finnischen Fernsehwellen zu verhindern, aber mindestens ebenso vie­le erfinderische Gegenmaßnahmen durch die Bevölkerung. Erzählt wird das Ganze in dem Film aus der Sicht einiger Leute, die damals klein waren und, ebenso wie die Kinder im Wes­ten, davon träumten, eines Tages so zu sein wie Michael Knight mit seinem sprechenden Au­to. Einer der Jungs schrieb Briefe an seine in Südestland lebende Cousine, in denen er ihr die neu­es­ten Entwicklungen bei „Dallas“ schilderte, und die sie dann ihrem ganzen Dorf vorlas. Zu be­son­deren Fernsehereignissen reisten ganze Familien aus anderen Gegenden in den Norden des Landes, um dort bei Verwandten und Bekannten auf dem Sofa sitzen und alles mit­er­le­ben zu können. Diese Doku ist sehr gut gemacht, mit realen alten Fernsehbildern, so­wohl aus dem finnischen als auch dem sozialistisch-estnischen Fernsehen, die durch realis­tisch nachgestellte Szenen und Augenzeugenberichte ergänzt werden. Die Idee, das Ganze aus Kindersicht zu erzählen, gefällt mir auch sehr gut, gerade weil die Kinder nicht alles durch­schauten und die Geheimniskrämerei um ihre liebsten amerikanischen Serien für sie ei­nen Teil der Faszination darstellten. Im Gegensatz zu vielen anderen Dokumentationen über das Leben in der Sowjetunion ist „Disco ja tuumasõda“ vor allem eines: lustig, aber keines­falls al­bern oder gar verherrlichend. Nicht nur für Estland-Fans ist der Film wirklich interes­sant – schließlich hatte das West-Fernsehen, das man in Teilen der DDR empfangen konnte, ähnlichen Einfluss auf die Bevölkerung des sozialistischen Staates auf deutschem Bo­den.

Elling: Wie schafft es jemand, der die letzten Jahre in der Psychiatrie verbracht hat, sich in die Gesellschaft einzugliedern und ein normales Leben zu führen? Um diese Frage geht es in der Verfilmung des Romans „Blutsbrüder“ des norwegischen Autors Ingvar Ambjørnsen. Elling ist etwa Anfang vierzig und hat sein ganzes Leben lang überbehütet bei seiner Mutter gelebt. Er hat so gut wie keine anderen sozialen Kontakte, an überfüllten Plätzen bekommt er Angst, und auch sonst ist er psychisch labil. Als seine Mutter stirbt, wird er von den Behörden in die Psychiatrie gebracht. Dort teilt er sich ein Zimmer mit dem etwas zurück­ge­bliebenen Kjell-Bjarne, der sich nichts sehnlicher wünscht, als einmal mit einer Frau zu schla­fen. Obwohl die beiden Männer unterschiedlicher kaum sein könnten, werden sie zu Freun­den und sollen nach zwei Jahren eine gemeinsame Wohnung in Oslo beziehen, um so in ein normales Leben zurückzufinden. Insbesondere für Elling ist es sehr schwer, den Alltag zu be­wältigen, denn selbst so einfache Dinge wie Einkaufen oder ein Restaurantbesuch stellen ihn vor eine große Herausforderung. Kjell-Bjarne verliebt sich in die schwangere Nachbarin Rei­dun und schafft es durch die Beziehung, allmählich ein normales Leben zu führen und Ver­antwortung zu übernehmen. Für Elling ist es die Entdeckung seiner Vorliebe und seines Ta­lents für Lyrik, die ihm hilft, nach und nach seine Ängste zu überwinden. Er lernt den Dichter Alfons Jørgensen kennen und steckt seine eigenen Gedichte in Sauerkrautpackungen im Su­permarkt, so dass er als anonymer „Sauerkrautpoet“ bekannt wird. Der Film ist ganz klar ei­ne Komödie, macht sich aber nicht lustig über seine Hauptfiguren. Vielmehr ist es so, dass wohl jeder Zuschauer ein Stück von sich selbst in den kuriosen Charakterzügen von Elling und Kjell-Bjarne wiederentdecken kann. Die Figur des Elling wird von Per Christian Ellefsen ge­nau so verkörpert, wie ich sie mir nach der Lektüre von „Blutsbrüder“ vorgestellt habe. Er ist nicht einfach ein schrulliger Typ, den man nicht so recht ernst nehmen kann, sondern zeigt immer wieder auf, dass so einiges an dem für uns so normalen Alltag duchaus zu hin­terfragen ist. Zudem geht es in dem Film um die Wichtigkeit von Freundschaft, Zu­sam­men­halt und – Poesie.

Marie Antoinette: Noch so ein Film, der eigentlich nicht in diese Auflistung passt. Ein ameri­kanischer Frauenfilm in einer pinken DVD-Hülle. Und ja, es geht tatsächlich ziemlich viel um Kleider, Schuhe, rosa Pralinen und Luxus. Aber hauptsächlich geht es um die Ge­schichte ei­ner Frau (oder eher: eines Mädchens), die ein Leben führen muss, das sie sich nicht ausge­sucht hat und in dem sie ständigem Druck ausgesetzt ist. Zur Lebensgeschichte von Marie Antoinette muss ich wohl nicht viel sagen. Der Film zeigt, wie sie mit gerade ein­mal 14 Jah­ren von Österreich nach Frankreich gehen und dort den kaum älteren Thronfolger, Louis XVI, heiraten muss. Alle Augen sind nun auf sie gerichtet, es wird erwartet, dass aus der Ehe ein Kind hervorgeht. Doch das ist nicht die einzige Form von Druck, die auf die junge Frau aus­ge­übt wird, es gilt auch, sich in das Leben am Hof zu integrieren, sich tadellos zu ver­halten, ein positives Image beim Volk aufzubauen und die Auslandsbeziehungen Frankreichs nicht zu verschlechtern. Der Film ist historisch wohl nicht im­mer hundert­prozentig korrekt und mag an der ein oder anderen Stelle ein falsches Bild von den be­teiligten Personen vermit­teln, aber darauf muss man sich einstellen, wenn man sich einen solchen Film ansieht. Ich finde, es ist der Regisseurin Sofia Coppola gelungen, die Geschichte auf eine sehr unge­wöhn­liche, erfrischende Art und Weise zu erzählen. Sie kom­bi­niert das Genre des Kostümfilms mit mo­derner Musik von Bands wie The Cure, The Radio Dept., New Order und The Strokes, die französische Gruppe Phoenix hat sogar einen Gast­auftritt als Zupfinstrumenten-Quartett (ich glaube, diese Bezeichnung gibt es nicht, aber ich denke, man versteht, was gemeint ist). Über den großartigen Soundtrack zu dem Film habe ich die wunderbare Musik des amerika­ni­schen Kom­ponisten Dustin O’Halloran kennengelernt, den ich hier im Blog auch schonmal erwähnt ha­be. Interessant ist neben der Musikauswahl auch die Tat­sa­che, dass so­wohl ame­ri­ka­ni­sche als auch britische und australische Schauspieler mitspielen, so dass es sich hier ganz besonders em­pfiehlt, den Film auf Englisch zu sehen und auf die Un­terschiede in der Sprechweise zu ach­ten. Man kann sicher darüber diskutieren, ob Kirsten Dunst der realen Marie Antoinette wirklich ähnlich sieht, aber ich mag sie als Schauspielerin und in dieser Rol­le ganz besonders. Sie wirkt anfangs wirklich wie ein noch sehr junges Mädchen, das verun­si­chert und naiv ihre neue Rolle als Frau des französischen Thronfolgers (gespielt von Jason Schwartzman, der ebenfalls wirklich wie ein Jugendlicher rüberkommt) antritt. Ich finde, man kann sich sehr gut in Marie An­toinette hineinversetzen – ob sie wirklich so war wie im Film sei einmal da­hin­ge­stellt. Der Film entlarvt eine ganze Menge alberne Gepflogenheiten und Regeln, denen das Leben am Hof im 18. Jahrhundert unterworfen war. Er macht aber auch einfach Spaß, man kann für gute zwei Stunden in bunten, manchmal leicht kitschigen Bildern von teuren Dingen schwelgen – am Ende aber doch froh sein, dass man selbst ein ganz ande­res Leben führen kann.

Submarine: Oliver Tate ist 15 Jahre alt und hat eigentlich die gleichen Probleme wie jeder andere Junge in seinem Alter. Er ist verliebt und er macht sich Gedanken um sein eher be­scheidenes Image unter den Schulkameraden. Hinzu kommt, dass er befürchtet, seine Eltern könnten sich trennen, da sein Vater depressiv ist und seine Mutter scheinbar eine Affäre mit einem ihrer Ex-Freunde hat. Er nimmt sich vor, erstens seine Traumfrau Jordana für sich zu gewinnen und zweitens die Ehe seiner Eltern zu retten. Keine besonders außergewöhnliche Story. Aber Oliver ist ein sehr außergewöhnlicher Junge. Er ist fasziniert von komplizierten Vokabeln und Fremdwörtern, seine Lieblingsbücher sind Lexika. Er hält sich selbst für so in­teressant, dass er sich wünscht, eine Filmcrew würde ihm durch seinen Alltag folgen. Er stellt sich vor, wie die Menschen in seinem Umfeld reagieren würden, wenn er Selbstmord begin­ge. Er äußert seinen Eltern gegenüber absichtlich Sätze, die nahelegen, dass er psychisch krank ist. Er beobachtet genauestens, wie seine Eltern miteinander umgehen. Er greift zu sehr, sagen wir mal, interessanten Maßnahmen, um ihre Trennung zu verhindern und sich an dem vermeintlichen Liebhaber seiner Mutter zu rächen. Und er ist in ein Mädchen verliebt, das zu Pyromanie neigt und auch sonst ebenfalls ziemlich außergewöhnlich ist. „Submarine“ ist die Ver­filmung des gleichnamigen, großartigen Romans von Joe Dunthorne, den ich hier­mit eben­falls empfehlen möchte. Einige Dinge hat Regisseur Richard Ayoade im Vergleich zu der Buchvorlage verändert und ich verstehe nicht immer ganz, warum, aber den Grundton des Romans hat er meines Erachtens sehr gut ge­troffen. Vor allem die sehr schnell gespro­chenen Monologe Olivers sind eine pas­sende filmische Umsetzung des Schreibstils von Joe Dunthorne. Sehr schön finde ich auch, dass der Film tatsächlich dort gedreht wurde, wo der Roman spielt, nämlich in Swansea, einer wohl eher seltenen Kulisse für einen international bekannten Film. Hauptdarsteller Craig Roberts (geboren in einem südwalisischen Dorf, nicht allzu weit von Swansea entfernt) passt einfach perfekt zu der Rolle des verschrobenen Oli­ver. Die Musik zu „Submarine“ kommt von Arctic-Monkeys-Sänger Alex Turner, der in jünge­ren Jahren selbst gut den Oliver hätte spielen können. Der Film ist wahnsinnig komisch, aber auch berührend. Und der ein oder andere Zuschauer denkt sich sicherlich: „Sind wir nicht al­le ein bisschen Oliver Tate?“

Heima: Eigentlich steht die DVD-Box zu diesem Film bei uns bei den Musik-DVDs, denn bei „Heima“, auf Deutsch „zu Hause“, handelt es sich um eine Dokumentation mit Konzert-Aus­schnitten der isländischen Band Sigur Rós. Trotzdem habe ich den Film in meine Liste aufge­nommen, da er auch für Leute, die die Band und ihre Musik nicht kennen (was man aber ei­gentlich nur als dringend zu schließende Bildungslücke bezeichnen kann) interessant ist. Im Sommer 2006 machten Sigur Rós, die mit ihrer schwer einzuordnenden, wunderschönen Musik normalerweise in den unterschiedlichsten Ländern große Hallen füllen, eine Tour der ganz anderen Art in ihrem Heimatland. Sie spielten an ungewöhnlichen Orten, meistens Open Air, ohne die Konzerte anzukündigen oder Eintritt zu verlangen. In diesem Zusam­men­hang entstand dieser Film, in dem sich Konzertausschnitte, Interviews mit den Band-Mit­glie­dern (auf Englisch mit diesem unverwechselbaren, sehr sympathischen isländischen Akzent) und beeindruckende Landschaftsaufnahmen abwechseln. Der Fokus liegt natürlich auf der Musik, die einfach wahnsinnig gut zu den Bildern von Wasserfällen, rauhen Küsten­ab­schnit­ten und Gletschern passt. Somit bestätigt der Film wieder einmal meinen Eindruck, dass es unmöglich ist, sich als isländischer Musiker in seiner Arbeit nicht von der Natur sei­nes Hei­matlandes beeinflussen zu lassen. Wer „Heima“ einmal gesehen hat, wird nie wieder Sigur Rós hören, ohne an dieses beeindruckende Land zu denken, selbst, wenn er noch nie dort gewesen ist. Ich selbst habe noch bei keinem anderen Film so viel geheult wie bei die­sem. Einfach aus Rührung. Und aus Liebe sowohl zu der Musik als auch zu Island. Ich erinnere mich daran, dass ich während meines zweiten Island-Urlaubs in besagtem Sommer 2006 in einem Laden in Reykjavík einen Artikel auf der Titelseite der Zeitung Morgunblaðið gesehen habe, dem ich mit meinen sehr geringen Isländisch-Kenntnissen nur entnehmen konnte, dass es um ein Sigur-Rós-Konzert in der Hauptstadt ging, das am Vorabend stattgefunden hatte. Als ich dann etwa ein Jahr später diesen Film sah, wurde mir klar, dass das genau das Kon­zert war, das die Band im Rahmen der „Heima“-Tour spielte. Und dass mein Vater und ich in diesem Sommer theoretisch selbst Teil eines dieser besonderen Konzerte hätten werden können, wenn wir davon gewusst und nicht hauptsächlich die Westfjorde bereist hätten (dort gab es zwar auch ein Konzert, in einer ehemaligen Fischfabrik, aber das war ein paar Tage vor unserer Anreise). Und noch ein paar Jahre später, nachdem ich den Film noch ein­mal gesehen hatte, stellte ich fest, dass ich ein großes, von meinem Vater angefertigtes, ge­rahmtes Bild besitze, auf dem die hellblaue Kirche von Seyðisförður im Osten Islands abge­bil­det ist, vor der Sigur Rós damals ebenfalls spielten. Die Box zu diesem Film ist übri­gens die mit Abstand teuerste, die bei uns im Schrank steht, denn ich musste sie unbedingt in der De­luxe-Version haben, die neben den beiden DVDs (eine mit dem Film, eine mit Live-Auf­nah­men) auch ein Fotobuch mit interessanten und beeindruckenden Bildern enthält. Ich kann nur wiederholen, was ich letztes Jahr nach dem Be­such eines Sigur-Rós-Konzerts schon ein­mal in diesem Blog geschrieben habe: Hört mehr Si­gur Rós! Und seht euch diesen Film an.

Fortsetzung folgt.

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