Was zu Gucken

Die Klausuren sind geschrieben, die Hausarbeit liegt bei den Professoren im (elektronischen so­wie realen) Postfach. Und ich gönne mir einen Tag Pause, bevor ich mich an die zwei noch fer­tigzustellenden Projekte mache und damit mein erstes Master-Semester so richtig zu En­de bringe.

So einen Tag Auszeit kann man natürlich wunderbar zum Bloggen nutzen. Und auch dafür, mal wieder einen guten Film zu gucken. Mein Musikgeschmack ist den regelmäßigen Lesern dieses Blogs inzwischen aus diversen Posts ziemlich gut bekannt und die Einträge unter dem Tag „Literatur“ geben auch einige Hinweise darauf, was ich gerne lese. Über Filme habe ich bisher allerdings noch so gut wie gar nichts geschrieben. Daher will ich nun in einem drei­tei­li­gen Post einige Filme vor­stellen, die ich richtig gut finde. Ich habe eine Vorliebe für leicht bis sehr skurrile Filme, die in vielen Fällen aus Skandinavien stammen. Außerdem zeigt sich auch bei meinen Lieblingsfilmen eine gewisse Neigung zu wenig actionreichen, ja geradezu „hand­lungsfreien“ Geschichten. Gar nicht mag ich hingegen sogenannte „Frauenfilme“, Action- und Horrorstreifen (wobei gelegentliche Ausnahmen die Regel bestätigen). Und Fantasy kommt mir eigentlich nur in Form von Harry Potter und Herr der Ringe auf den Bildschirm, wobei die Filme natürlich nicht an die Bücher rankommen.

Ich beschränke mich bei der Liste (abgesehen von einer Ausnahme) auf Filme, die ich auf DVD habe, da eine Aufzählung aller Filme, die ich mal gesehen und für gut befunden habe, so ziemlich un­end­lich lang werden würde. Außer­dem umgehe ich so das Problem, dass ich mich an sehr viele Filme, die ich mal gesehen ha­be, nicht mehr erinnern kann. Es geht sowohl um Spielfilme als auch um Dokumentationen, Animationsfilme habe ich allerdings weggelassen (obwohl ich die tatsächlich auch gerne sehe). Durch Anklicken des Filmtitels gelangt man zu einem Trailer oder einem kleinen Ausschnitt, hinter dem Titel habe ich, sofern abweichend, den Originalitel angegeben. Da ich mich nicht entscheiden konnte, mit welchem Film ich an­fan­gen soll, und ich keine Lust auf eine alphabetische Ord­nung hatte (ja, auch Biblio­the­ka­ren geht es ab und zu so, man mag es kaum glauben), habe ich einfach die Filmtitel auf klei­ne Zettel geschrieben und werde jetzt das Los entscheiden lassen, wel­cher Film wann dran kommt. Los (haha) geht’s. Ein kleiner Hinweis noch für diejenigen, die den einen oder anderen Film vielleicht selber mal sehen möchte: alle diese Filme sollte man sich, wenn möglich, im Original – gegebenenfalls mit Untertiteln – anschauen. So ver­meidet man zum Teil wirklich schlimme Synchronfassungen (leider konnte ich allerdings in manchen Fällen nur einen deutschsprachigen Trailer finden).

Hlemmur: Eine Dokumentation über einen Busbahnhof? Klingt nicht gerade besonders inter­essant. Ist es aber, zumindest im Falle von „Hlemmur“. Der Film ist be­nannt nach dem zen­tralen Busbahnhof von Reykjavík. Es geht allerdings weniger um die Busstation an sich als um die Menschen, die sich dort täglich aufhalten. Obdachlose, Alkohol­süchtige, psychisch Kran­ke, schräge Typen. Gewissermaßen die Verlierer der isländischen Gesellschaft (vor der Wirt­schaftskrise, der Film ist von 2002). Reale Menschen, die als Vor­bil­der für so einige skurrile Loser-Charaktere in der skandinavischen Filmkunst dienen könnten. Regisseur Ólafur Sveins­son lässt sie ohne eigene Kommentierung zu Wort kommen und zeigt ihren Alltag. Sie spre­chen über ihre Vergangenheit, ihre Probleme, ihre Beziehungen zu an­deren. Man bekommt auch zu sehen, wie sich ihr Leben entwickelt – bei manchen ist das tra­gisch, bei anderen wie­derum überraschend positiv. Ab und an fährt einer der typischen gel­ben Stadtbusse durchs Bild, die unaufdringliche musikalische Begleitung stammt von Sigur Rós. Der Film ist völlig frei von romantischen Landschaftsaufnahmen, die sonst in keiner Is­land-Dokumentation feh­len dürfen – und gerade deshalb ein Muss für jeden, der sich mehr als nur oberflächlich für dies­es Land interessiert.

Männer im Wasser (Allt flyter): Dauernd hört man die Leute über Frauendiskriminierung sprechen. In der fiktiven Geschichte dieses schwedischen Films von 2008 geht es um den umgekehrten Fall. Und zwar dürfen Fredrik und seine Freunde mit ihrer Hockeymannschaft nicht mehr auf ihrem angestammten Trainingsplatz trainieren, da der nationale Sport­ver­band beschlossen hat, Frauen und behinderte Sportler bei der Vergabe von Trainingsplätzen zu bevorzugen. Durch einen Zufall kommt Fredrik nun auf die Idee, mit seinen Kumpels in Zu­kunft statt Hockey eine andere Sportart auszuüben: Synchronschwimmen. Trainiert wird die zunächst völlig ahnungs- und talentlose Truppe von Fredriks Tochter, der einzigen Person, die sich nicht über die Männer mit den Nasenklammern lustig macht. Schließlich reist das Team nach Berlin, um dort an der Weltmeisterschaft teilzunehmen, wobei es nicht nur sportlich auf die Probe gestellt wird. Eine verrückte und sehr lustige Komödie, die auf einer wahren Geschichte beruht und die durch Songs der wunderbaren schwedischen Band The Soundtrack of Our Lives abgerundet wird. Zum ersten Mal gesehen habe ich diesen Film im estnischen Fernsehen, auf Schwedisch mit estnischen Untertiteln. So konnte ich nur Bruchteile verstehen, habe aber auch damals schon sehr gelacht (und mich natürlich über den guten Soundtrack gefreut) – das sagt schon einiges über diesen Film aus, finde ich.

Seenelkäik: Der Titel dieses estnischen Films bedeutet wörtlich übersetzt „Pilzgang“. Damit ist das Setting schon ganz gut beschrieben, der Film spielt irgendwo im nordestnischen Wald. Dorthin begeben sich der fiktive Politiker Aadu und seine Frau Viivi, um Pilze zu sam­meln. Auf der Fahrt gabeln sie an einer Tankstelle den Rockmusiker Zäk auf, der eigentlich nur eine Mit­fahr­gelegenheit nach Tallinn sucht. Er wartet im Auto, doch leider verlaufen sich Aadu und Viivi hoffnungslos im Wald. Zu allem Überfluss erfährt Aadu auch noch von einem Par­tei­kol­legen, dass ein Journalist Wind davon bekommen hat, dass er kurz zuvor eine Pri­vat­reise nach Peru auf seine Reisekostenabrechnung gesetzt hat. Aadus Handyakku ist kurz da­rauf leer, ein Skandal bahnt sich an und Aadu ist weder erreich- noch auffindbar. Zäk wird derweil von einem komischen Typen bedrängt, der eigentlich nur wissen will, wie es so ist, im Fern­sehen zu sein, auf Zäk aber so bedrohlich wirkt, dass auch dieser sich auf der Flucht im Wald verirrt. Dabei trifft er auf Aadu und Viivi. Die drei stoßen schließlich auf eine Hütte mitten im Wald, doch plötzlich taucht Zäks Verfolger wieder auf, und dann wird die ohnehin schon schräge Story noch verrückter. Die herrlichen Charaktere, die vielen kleinen Seiten­hie­be auf Politiker und die Medien sowie das geniale Ende (Aadu, Viivi und Zäk erzählen auf ei­ner Pressekonferenz die „wahre“ Geschichte ihres Verschwindens) sind die Highlights dieses skurrilen Films, der 2012 für den Oscar in der Kategorie „Best Foreign Language Movie“ no­miniert war. Wer noch etwas mehr über „See­nelkäik“ wissen möchte, kann mit einem Klick lesen, was ich in meinem anderen Blog zu die­sem Film geschrieben habe.

Dark Horse (Voksne Mennesker): Wer dreht denn im 21. Jahrhundert noch einen Schwarz-Weiß-Film? Mein Lieblingsregisseur Dagur Kári (der eigentlich Dagur Kári Pétursson heißt, aber meist auf sein Patronym verzichtet) hat das 2005 tatsächlich gemacht. Es gibt zwar eine ganz kurze Szene in „Dark Horse“, in der doch ein kleines bisschen Farbe vorkommt, aber ich würde zu sehr spoilern, wenn ich erzählen würde, was es damit auf sich hat. In dem Film geht es jedenfalls um Daniel, der sein Geld damit verdient, im Auftrag anderer Leute Liebes­erklärungs-Graffitis an die Wände Kopenhagens zu sprühen. Das wirft jedoch so wenig ab, dass Daniels Vermieter ihn kurzerhand rauswirft. Außerdem wird er bei der Ausführung ei­nes seiner Aufträge von der Polizei erwischt und zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Dann gibt es da noch das Problem, dass Daniel sich in die Bäckereiverkäuferin Francesca, genannt Franc, verliebt hat – ge­nau wie sein pummeliger bester Freund Opa (im Original Morfar), der in einer Schlafklinik ar­beitet, aber eigentlich von einer Karriere als Profi-Fußballschieds­rich­ter träumt. Ergänzt wird die Geschichte der drei Hauptperson durch Szenen aus dem Leben des Richters, der Daniel verurteilt, sowie einigen Auftritten von Daniels mürrischem Vater, Francs durchgeknallter Mutter und ihrer Oma, die mich ein bisschen an eine meiner eigenen erinnert. „Dark Horse“ ist ein ruhig vor sich hin fließender Film, für den ich das Label „Ko­mö­die“ nicht so recht pas­send finde. Er lebt von seinen sehr gut gespielten Charakteren (beson­ders toll: Nicolas Bro als der vom Schiri-Job geradezu besessene Opa) und einer gewissen Si­tuationskomik, die nie überzogen oder albern ist. Dazu gibt es einen Soundtrack von Dagur Káris Band Slowblow. Die Berliner Zeitung hat über den Film Fol­gendes geschrieben: „Voll hoher Kunst und heiterem Unfug.“ Das kann ich nur unter­schrei­ben und möchte noch ergänzen, dass ich wenige andere Filme kenne, deren Anfangsszenen die viel zitierte Wen­dung „in medias res“ so sehr verdienen wie die von „Dark Horse“ – ge­fällt mir sehr gut.

The Deep (Djupið): Man muss es dem „Kölner Express“ sicher positiv anrechnen, dass er überhaupt über Filme abseits des Hollywood-Mainstreams berichtet, aber dass er diesen Film als „Packendes Survivaldrama“ bezeichnet, passt dann doch wieder ein bisschen zu gut zum Image des durchschnittlichen Boulevard-Blättchens. Ja, „The Deep“ erzählt die wahre Ge­schichte eines Überlebenskampfes, aber erstens wird dieser gerade eben nicht über­trie­ben „packend“ dargestellt, und zweitens ist das eigentlich Interessante an diesem Film das, was nach dem Kampf passiert. 1984 kenterte vor der isländischen Insel Heimaey ein Schiff, dessen Besatzung fast vollständig ertrank oder erfror. Nur Guðlaugur Friðþórsson, im Film Gulli genannt, konnte sich retten, in dem er immer weiter schwamm, bis er die Küste er­reichte. Die Szenen, in denen er schwimmt, sind in dem Film sehr lang und dazu so schwach aus­geleuchtet, dass man auf einige Entfernung so gut wie nichts erkennen kann. Dadurch wirkt das Ganze sehr authentisch, was auch damit zusammenhängt, dass Regisseur Baltasar Kormákur sich mit musikalischer Untermalung sehr zurückhält. Nachdem Gulli wieder an Land ist, wird er als Held angesehen, Wissenschaftler wollen herausfinden, wie er im eiskal­ten Meer so lange überleben konnte. Gulli selbst will aber eigentlich nur genau so weiter­le­ben wie vor dem Schiffbruch. Ich finde es sehr faszinierend, dass man es schaffen kann, eine solche Ge­schich­te so zu erzählen, dass das Fazit am Ende lautet: ein schöner, ruhiger Film. Wirklich beein­druckend. Einziger kleiner Kritikpunkt aus meiner Sicht ist, dass sich das Un­glück schon so kurz nach Beginn des Films ereignet. Mir gefallen vor allem die Szenen, die auf dem Schiff spielen, bevor es kentert (insbesondere wegen der vielversprechenden Cha­raktere, die lei­der nach kurzer Zeit schon ums Leben kommen), davon könnte es ruhig ein paar mehr ge­ben.

Engel des Universums (Englar alheimsins): Schon wieder ein isländischer Film. Und schon wieder einer, der auf einer wahren Geschichte beruht. Allerdings ist die Hauptperson hier nicht als Held bekannt geworden und man weiß auch nicht genau, wieviel von der Geschich­te tatsächlich so passiert ist. „Engel des Universums“ ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Einar Már Guðmundsson, der darin die Geschichte seines Bruders Páll ver­ar­beitet. Nachdem er schon als Jugendlicher immer wieder unter starken Kopfschmerzen und plötzlichen Aggressionsausbrüchen litt, ist Páll als junger Mann depressiv und schizophren, weshalb seine El­tern ihn schließlich in die Reykjavíker Nervenheilanstalt Kleppspítali, im Volks­mund kurz Kleppur genannt, einliefern lassen. Wie bei eigentlich allen Romanverfil­mungen gefällt mir die Buchvorlage auch hier besser (allein schon aufgrund der Tatsache, dass der Roman aus der Ich-Perspektive Pálls erzählt ist), aber Regisseur Friðrik Þór Friðriks­son ist die fil­mi­sche Umsetzung sehr gut gelungen. Genau wie das Buch ist der Film nicht die mitleider­re­gende Leidensgeschichte eines psychisch Kranken, sondern bietet ei­nen Ein­blick in Pálls Gemütslage und zeigt, dass er trotz seiner Krankheit ein intel­ligenter, phantasievoller Mann ist, dessen kindlich-naive Sicht auf die Welt viel über das Verhältnis von vermeintlich „Norma­len“ und „Verrückten“ entlarvt. So enthält der Film auch einige unerwartet komische Szenen, was vor allem – wie sollte es anders sein – an den skurrilen Charakteren liegt. Ro­man und Film hinterfragen den Umgang der Gesellschaft mit psychisch Kranken, sie sind un­angenehm und unbequem, sie lassen die Grenze zwischen den „Geisteskranken“ und dem, was man im Allgemeinen für „normal“ hält, verschwimmen. Die beklemmende Grund­stim­mung des Ro­mans wird im Film über die Musik transportiert, für die der Komponist Hilmar Örn Hilmarsson mit Sigur Rós zusammengearbeitet hat. Ein sehr sehr berührender Film, der nicht zuletzt deshalb etwas Bedrückendes hat, weil Ingvar Eggert Sigurðsson, der den Páll spielt, dem Autor Einar Már Guðmundsson tatsächlich ein bisschen ähnlich sieht.

Kitchen Stories (Salmer fra kjøkkenet): In den diversen Fernsehsendungen, in denen Profi­kö­che verzweifelte Restaurantbesitzer vor der Pleite zu retten versuchen, wird häufig von ei­ner Optimierung der Küche in Bezug auf die Laufwege der Köche und Küchenhelfer ge­spro­chen. Um etwas Ähnliches geht es auch in diesem norwegisch-schwedischen Film. Nachdem das schwedische Forschungsinstitut für Haus und Heim in den 1950er Jahren einige Analysen über das Verhalten schwedischer Hausfrauen in ihren Küchen angestellt hat, schickt es jetzt einige Mitarbeiter nach Norwegen, wo sie untersuchen sollen, wie sich Junggesellen in ihren Küchen bewegen. Zu diesem Zweck werden die Beobachter mit einem Hochsitz ausgestattet, von dem aus sie aufzeichnen sollen, welche Wege die norwegischen Männer beim Hantieren in der Küche zurücklegen. Folke Nilsson, einer der Institusmitarbeiter, bekommt es dabei mit ei­nem mürrischen alten Mann zu tun, der so gar keine Lust hat, sich beobachten zu lassen, und daher bald anfängt, sich seine Mahlzeiten mit einem Campingkocher in seinem Schlaf­zimmer zuzubereiten und durch ein Loch in der Decke selbst seinen Beobachter zu beob­ach­ten. Nach und nach taut der Alte allerdings auf und auch Folke hält sich schon bald nicht mehr an die Regel, dass er eigentlich nicht mit dem Probanden sprechen darf. Ein Film, der gleichermaßen zum Lachen und zum Nachdenken (und den einen oder anderen vielleicht sogar zum Weinen) anregt. Mein persönliches Higlight: die Grenzüberfahrten der Beob­ach­ter in ihren Wohnwagen – in Schweden herrschte bis 1967 Links-, in Norwegen aber schon immer Rechtsverkehr. Manch einer kann sich an das Fahren auf der „falschen“ Seite so gar nicht ge­wöhnen.

Die Tür: Ich muss den obigen Hinweis auf die Vorzüge von Originalfassungen ein wenig re­vi­dieren – die „Mads-Mikkelsen-Originalfassung“, die auf der DVD von „Die Tür“ enthalten ist, führt eher zu Lachern als zu einem besonders tollen Filmerlebnis. Mads Mikkelsen ist ei­ner mei­ner Lieblingsschauspieler und ich finde es sehr beeindruckend, dass er bei den Auf­nah­men zu diesem deutschen Film Deutsch gesprochen hat, aber ich musste dann doch auf die synchronisierte Fassung umschalten, um alles verstehen zu können. Auch die Handlung die­ses Films zu verstehen, ist nicht ganz einfach. Es geht um den Maler David, dessen kleine Tochter im Pool ertrinkt, während er seiner Frau mit der Nachbarin fremdgeht. Daraufhin wird David von Schuldgefühlen geplagt und beginnt zu trinken, seine Frau trennt sich von ihm. Eines Tages, fünf Jahre nach dem Tod seiner Tochter, entdeckt er eine Tür, durch die er in die Vergangenheit zurückkehren und seine Tochter vor dem Ertrinken retten kann. Damit sein Geheimnis nicht auffliegt, muss David allerdings sein früheres Ich töten. Bald stellt sich heraus, dass er nicht der Einzige ist, der von der Tür weiß. Man kann es schon ahnen, ab da wird es verwirrend. Auf diese Weise ist man gezwungen, immer mitzudenken, der Film ist al­so nichts für Momente, in denen man sich einfach nur berieseln lassen will. Die Story ist nicht gerade typisch für einen Film nach meinem Geschmack, aber ich mag ihn trotzdem sehr. Nicht nur, weil Mads Mikkelsen und Jessica Schwarz die verzweifelten Eltern sehr sehr gut spielen, sondern auch, weil der Film zum Philosophieren anregt. Was würde man selbst in einer solchen Situation tun? Kann man durch die Chance, die Zeit zurückzudrehen und be­stimmte Dinge anders zu machen, wirklich glücklich werden, oder wird das von dem Wissen überschattet, dass eigentlich alles ganz anders gelaufen ist?

Nói Albinói: Ich liebe diesen Film. Er ist sowas wie mein absoluter „all time favourite“ unter den Filmen und ich habe noch keinen anderen Film so häufig gesehen wie diesen. Genau wie „Dark Horse“ ist auch „Nói Albinói“ von Dagur Kári, spielt aber nicht in Kopenhagen, sondern in einem kleinen Dorf in der Heimat des Regisseurs, Island. Ich habe in der zwölften Klasse mei­ne Facharbeit über die filmischen Mittel in den Schlussszenen des Films geschrieben und dabei herausgefunden, dass er in Bolungarvík in den isländischen Westfjorden gedreht wur­de. Al­ler­dings spielt das keine Rolle, die Geschichte könnte sich auch in jedem anderen islän­dischen Dorf ereignen, laut Dagur Kári sogar in jedem anderen Dorf der Welt. Ganz grob ge­sagt geht es um den 17-Jährigen Nói, der bei seiner sehr stillen Großmutter wohnt, während sein Vater mit einem Al­ko­holproblem zu kämpfen hat und auch sonst zu nicht allzu viel zu gebrauchen ist. Was Letz­te­res angeht, ist Nói auf dem besten Wege, in die Fußstapfen seines Vaters zu tre­ten, er ver­treibt sich die Zeit lieber damit, den Spielautomaten in der örtlichen Tankstelle zu mani­pu­lie­ren, als in die Schule zu gehen. Er fühlt sich eingeengt in der Umgebung, in der er lebt, und träumt davon, eines Tages sein Heimatdorf zu verlassen. Er verliebt sich in Íris, die in der Tankstelle arbeitet (kurioses Detail am Rande: sie arbeitet dort, weil ihr Vater, der Inhaber der Dorfbuchhandlung, der Meinung war, sie müsse mal für eine Weile dem „Trubel der Großstadt“, also Reykjavík, entkommen), und zusammen träumen sie davon, in eine weit entfernte, warme Gegend auszuwandern. Um das zu finanzieren, will Nói die örtliche Bank überfallen, was aber schlicht und ergreifend daran scheitert, dass die Bankangestellten sei­nen Überfall nicht ernstnehmen. Nachdem auch ein Autodiebstahl ihn nicht aus dem Dorf, son­dern für ei­ne Nacht in eine Zelle des Polizeipräsidiums geführt hat, verkriecht sich Nói in seinem Versteck, ei­ner kleinen Kammer unter dem Haus seiner Großmutter. Während er dort sitzt, wird das Dorf von einer verheerenden Schneelawine erfasst. Mehr verrate ich nicht. Was mich be­son­ders an diesem Film fasziniert, sind genau die filmischen Mittel, die ich in der Fach­arbeit zum Teil analysiert habe. Zum Beispiel wird die Lawine kein einziges Mal gezeigt, man erahnt und spürt sie vielmehr aufgrund von verwunderten Blicken der Cha­rak­tere, Geräuschen und plötzlicher Dunkelheit. Der ganze Film ist in einem Blauton gehalten, der nicht nur wunder­bar zu der Schneelandschaft passt, sondern auch Nóis Gefühl des Ein­ge­engtseins nachvoll­ziehbar macht. Dazu trägt auch die Tatsache bei, dass der Ton fast den ganzen Film über in Mono gehalten ist. Sehr genial finde ich auch, dass man bei genauer Be­trachtung so gut wie jede Szene als ein Vorzeichen der Schlusskatastrophe deuten kann. Au­ßerdem gibt es in dem Film eine ganze Reihe wirk­lich skurriler (ja, ich muss dieses Wort schon wieder benutzen) Szenen, zum Beispiel die, in der Nói auf dem Dorf­friedhof ein Grab ausheben soll und mit dem Pfarrer wie auf dem Floh­markt verhandelt, um wieviel Zen­ti­me­ter er wegen des zugefrorernen Bodens die Mindest­tiefe unterschreiten darf. Oder die, in der der Französischlehrer der Klasse zeigen will, wie man Mayonnaise macht, dabei aber un­terbrochen wird und schließlich feststellen muss, dass die Mayonnaise nichts geworden ist. Besagter Französischlehrer ist üb­rigens tatsächlich Franzose und der Vater des Hauptdar­stel­lers Tómas Lemarquis, den ich zu meinen Lieblingsschauspielern zähle. Würde nicht er den Nói spielen, wäre der Film be­stimmt nicht so toll. Tómas Lemarquis spricht neben Isländisch und Französisch übrigens auch fließend Deutsch (was ich im Zusammenhang mit einem an­deren Film noch einmal er­wähnen werde). Auch bei diesem Film hat Dagur Kári den Soundtrack übrigens mit seiner Band Slowblow eingespielt. Wenn ich so lese, was ich jetzt über „Nói Albinói“ geschrieben habe, bin ich mir nicht sicher, ob damit rübergekommen ist, wie großartig dieser Film ist. Deshalb nochmal: Ich liebe diesen Film. Guckt ihn euch an. Und das nicht nur ein­mal.

Wilbur Wants To Kill Himself (Wilbur begår selvmord): Der Titel sagt eigentlich schon fast al­les über diesen Film. Wilbur, der mit seinem Bruder Harbour neben der Buchhandlung des ver­storbenen Vaters wohnt, will sich umbringen. Warum das so ist, erfährt man erst relativ spät im Film. Harbour ist der Meinung, dass Wilbur eine Frau kennenlernen muss, um seinen Ster­bewunsch zu vergessen. Allerdings ist es dann Harbour selbst, der sich verliebt, und zwar in Alice, die Wilbur eines Tages nach einem seiner zahlreichen Selbstmordversuche rettet (das will aber auch einfach nicht klappen). Harbour und Alice heiraten, und die beiden wer­den ge­meinsam mit Wilbur und Alice’ Tochter Mary zu einer Familie, aber dann erfährt Har­bour, dass er schwer krank ist. Das ist schon alles, was ich zur Handlung des Films sagen will. Viel mehr kann ich auch nicht verraten, ohne dass das hier zum Spoiler wird. Es sind die klei­nen Dinge, die diesen Film zu etwas ganz Tollem machen. Zunächst einmal ist er inter­es­sant, was die Personen und Orte angeht: Regisseurin ist die Dänin Lone Scherfig, der Film spielt je­doch in Glasgow und die Hauptdarsteller sind Schotten und Engländer. Allerdings spielt Mads Mikkel­sen eine Nebenrolle, den zynischen Psychotherapeuten Dr. Horst, der Wilbur (und später auch Harbour) behandelt und immer wieder für kuriose Momente sorgt. Über­haupt sprüht der Film nur so vor britischem Humor, das Thema Suizid wird mit viel Witz be­handelt, aber zu keiner Zeit ins Lächerliche gezogen. Die herrlich chaotische Buchhandlung „North Books“, die die beiden Brüder nach dem Tod ihrer Eltern weiterführen, hat einen ganz besonderen Charme, und auch die Außenszenen haben viel Atmosphäre. Dann sind da noch diese kleinen Momente, die für den Verlauf des Films keine große Rolle spielen, aber in Erinnerung bleiben: Marys Geburtstagsparty in der Buchhandlung mit einem ganzen Haufen ziemlich furchtbarer klei­ner Mädchen, die Szene, in dem Wilbur wegen seines aufmüpfigen Verhaltens aus der Selbsthilfegruppe geworfen wird oder auch die vielen Momente, in de­nen die großen Unter­schiede zwischen den beiden Brüdern offensichtlich werden. Und die Geschichte ist irgend­wie einfach schön, auch wenn man über das, was nach Harbours Diag­nose passiert, sicher­lich geteilter Meinung sein kann.

Fortsetzung folgt.

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2 Gedanken zu „Was zu Gucken

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