Noch mehr Anfänge und Endpunkte

Seit ich hier im Blog einige besonders gelungene erste und letzte Sätze aus verschiedenen Romanen vorgestellt habe, ist mehr als ein Jahr vergangen. Wie ich beim Umzug feststellen konnte (oder musste, je nachdem, wie man’s sieht), ha­be ich inzwi­schen so einige Bücher neu gekauft oder geschenkt bekommen. Daher gibt es jetzt eine klei­ne neue Sammlung von – meiner Meinung nach – guten ersten und letzten Sätzen.

Erste Sätze

„Manchmal ist es, als würde alles Vergangene zu Poesie.“ [Jón Kalman Stefánsson: Das Licht auf den Bergen]

„Das Haus meiner Kindheit hat sich für Selbstmord entschieden.“ [Bessa Myftiu: An ver­schwundenen Orten]

„Gegen fünf Uhr abends sind alle Kinder traurig: Sie beginnen zu begreifen, dass es an der Zeit ist.“ [Stéphane Audeguy: Der Herr der Wolken]

„Einer Person, mit der man bisher nur per Telefon Kontakt hatte, plötzlich gegenüberzu­tre­ten, ist immer enttäuschend.“ [Dieser erste Satz stammt von mir selbst. In der letzten Zeit habe ich nämlich nicht nur Bücher gelesen, gekauft und geschenkt bekommen, sondern auch selbst ab und an geschrieben, allerdings leider deutlich seltener, als ich das gern tun würde.]

Letzte Sätze

„Und langsam verdichtete sich das Morgenrot zur aufgehenden Sonne.“ [Jón Kalman Ste­fánsson: Das Licht auf den Bergen]

„Der Beton zerfrisst den Lehm und das Stroh der Mauern, die langsam zerfallen.“ [Bessa Myftiu: An ver­schwundenen Orten]

„Wer hätte das gedacht.“ [Anthony McCarten: Superhero]

„Ich bin mir nicht sicher, was dann passiert.“ [Hallgrímur Helgason: Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen]

„Es ist ein warmer Applaus mit Herz und Seele, was er hier hört, und er spürt, wie ein Kloß in seinem Hals groß und feucht wird, er ist gerührt, in letzter Zeit hat es so viel Scheiß, Erschö­pfung und Auflösung gegeben, aber hier stehen sie also und applaudieren, weil er nach Hau­se kommt, und er schnippt mit den Fingern, schließt die Augen halb und steppt auf dem schmalen Parkettstieg hinten beim Fenster, erst langsam, zögernd, dann schneller, er kann steppen, er ist ein guter Stepper, er tanzt in den Applaus hinein, der scharfe Klang der Schuh­spitzen, klicketiklack, gepaart mit dem Geräusch ihrer warmen Hände, klapp, klapp, klick, klack, aber als er sich umdreht, noch immer die Arme über den Kopf gehoben, mit den klei­nen Wurstfingern schnippend, sieht er Erkenbod Effert am Flügel sitzen, den Kopf nach vorn gesenkt, die schweißnassen Haaren an der Stirn klebend, die Hände neben dem Hocker hin­abhängend, end of concert, während er selbst über das Parkett hüpft, im Kreis, im Kreis, hin und her, jetzt die Augen ganz geschlossen, was für eine furchtbare Falle, denkt er, denkt Gedde, aber jetzt kann er nicht aufhören, jetzt wagt er nicht, die Augen zu öffnen und den Blicken der anderen zu begegnen, und als der Applaus versiegt, sind das Geräusch seiner Fü­ße und der ferne Verkehrslärm das Einzige, was zu hören ist, und er weiß nicht, wie er hier herauskommen soll, es gibt keinen Ausweg, und sie sagen nichts, sie lachen nicht, sie ermun­tern ihn nicht, er tanzt ganz allein, hin und her über den schmalen Parkettstieg am Fenster, die ganze Zeit die Arme über den Kopf gehoben, mit den Wurstfingern schnippend, das ist der Eingang zu der langen Nacht auf Erden, denkt er, die lange Nacht, wie sie in Wirklichkeit aussieht, hinter Phantasien und Vorstellungen, ganz allein in aufgezwungener Gesellschaft, der letzte Zug ist abgefahren und nirgendwo wartet irgendwer auf mich.“ [Ingvar Ambjørn­sen: Eine lange Nacht auf Erden]

„Am Sonnabend, dem 26. dieses Monats, kommt das Postboot Ingólfur aus Borgarnes.“ [Þór­bergur Þórðarson: Islands Adel]

„For a few minutes the roof of the bus remains visible among the stunted trees, a tiny white gleam in a wild green sea, growing smaller and smaller, and then it’s gone.“ [Jon Krakauer: In­to The Wild]

 

Kennt ihr noch tolle erste und letzte Sätze?

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