Hervorgekramt

Als Kind habe ich immer Stunden gebraucht, um mein 11-Quadratmeter-Zimmer aufzuräumen. Das lag nicht nur daran, dass ich Aufräumen gehasst habe, sondern vor allem daran, dass ich dabei immer irgendetwas fand, was meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Dann setzte ich mich hin und blätterte eine halbe Stunde in einem Buch, hörte mir eine alte Hörspielkassette an oder malte an einem Comic weiter, den ich irgendwann einmal angefangen hatte (von der Begeisterung für Mangas, die ich im Grundschulalter hatte, ist bis heute nichts, vom fehlenden Talent fürs Zeichnen hingegen alles geblieben). Das machte mein Zimmer kein Stück ordentlicher, führte aber immerhin dazu, dass ich mich wieder an vergessene Geschichten erinnerte – und zwar sowohl an solche, die andere mir erzählten, als auch an solche, die ich selbst geschrieben hatte.

Heute ist es nicht das Aufräumen, das ich zugunsten anderer Dinge gerne mal hintanstelle, sondern es sind eher die Verpflichtungen, die das Studium mit sich bringt (wobei ich nach wie vor sehr ungern aufräume). Aktuell handelt es sich dabei um eine Hausarbeit zu einem eigentlich spannenden Thema, das aber anscheinend nicht spannend genug ist, um mich davon abzuhalten, statt des gerade wirklich wichtigen Dokuments auf meinem Laptop alle möglichen anderen Dokumente zu öffnen. Das ist nämlich die digitale, erwachsene Version des Wiederentdeckens von Geschichten. Obwohl ich nicht mehr in Hefte oder Kladden kritzele, die Zeichenversuche längst vollständig aufgegeben habe und die Hörspielkassetten- einer CD-Sammlung gewichen ist, bleiben die meisten meiner Geschichten auch heute noch unvollendet.

Zwar konnte ich mich immerhin davon abhalten, heute Abend statt an der Hausarbeit an einer dieser Geschichten weiterzuschreiben (ich habe immer dann am meisten Lust zu schreiben, wenn ich absolut gar keine Zeit dafür habe), aber wiederentdeckt habe ich trotzdem so einiges. Unter anderem das folgende Gedicht. Wie ich in meinem allerersten Post auf diesem Blog erwähnte, fällt es mir nie leicht, anderen zu zeigen, was ich geschrieben habe. Das gilt in besonderem Maße für Gedichte. Ich habe schon seit Jahren kein Gedicht mehr geschrieben. Klingt vielleicht traurig, ist aber positiv, denn ich komme eigentlich nur dann auf die Idee, ein Gedicht zu schreiben, wenn es mir nicht gut geht. Was mit ein Grund ist, warum kaum jemand je auch nur ein einziges meiner Gedichte gelesen hat.

Dieses Gedicht allerdings kann ich problemlos hier posten. Denn erstens habe ich es im Alter von 16 Jahren für den Deutschunterricht in der Schule geschrieben und dort, wenn ich mich recht erinnere, sogar vorgelesen, und zweitens passt es wunderbar zu meiner Aktion zum Thema Heimat – ich hatte nur tatsächlich komplett vergessen, dass es existiert. Sonst hätte ich damit wunderbar meine Ausführungen in Bezug auf Mönchengladbach und Stuttgart unterstützen können. Nun ist es wieder aufgetaucht, so dass ich es sozusagen nachliefern kann.

Meine Stadt

Langsam öffnet sich die Tür

Und ich betrete meine Stadt.

Liebe und Hass

In einem fairen Spiel,

Das nie einen Sieger hat.

 

Langsam vergeht die Zeit

Und ich laufe durch meine Stadt.

Vertrautes und Neues

Im Duett,

Doch das findet niemals statt.

 

Langsam bricht die Nacht herein

Und ich bin noch immer in meiner Stadt.

Glück und Unglück

Kämpfen um das Licht

Und leuchten beide nur matt.

 

Liebe und Hass,

Vertrautes und Neues,

Glück und Unglück

Entlassen mich einsam in die Weiten

Der Verwirrung.

Fühle ich mich zu Hause oder nicht?

In meiner Stadt…

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