Ein Job für Gestörte?

Vor ein paar Wochen lasen wir in der FH einen Text zum Thema „Image des Bibliothekars“. Es ging in dem Seminar, in dessen Rahmen uns der Text ausgeteilt wurde, zwar lediglich um eine bestimmte Methode der Textarbeit, aber trotzdem kommt man natürlich nicht umhin, sich Gedanken über den Inhalt zu machen. Jedenfalls ging es mir so.

Jeder, der sich für einen bestimmten Studiengang oder einen Beruf entscheidet, wird früher oder später mit Klischees dazu konfrontiert. Mit einem gewissen Image. Und das Image ist et­was sehr Zähes, sehr Robustes, das sich, wenn überhaupt, nur sehr langsam verändert (ab­gesehen vielleicht von vereinzelten Fällen, in denen eine „nettes Mädchen von nebenan“-Prominente durch einen Fehltritt bei irgendeiner Preisverleihung mit einem Schlag in den Augen der Leute zur Skandalnudel wird).

Ich bekomme oft zu hören, ich würde gar nicht nach meinem Studienfach aussehen. Das empfinde ich als Kompliment, denn das Image des Bibliothekars ist, zumindest hier in Deutsch­land, nicht be­sonders positiv. Viele Menschen denken an dutt-, faltenrock- und hornbrilletragende ältere Damen, die nichts anderes tun als Bücher in Regale zu räumen und Bibliotheksbenutzer mit strengem Blick und dem Zeigefinger an den Lippen zum Stillsein auf­zufordern. Zudem gehen einige davon aus, alle Bibliothekare würden so gerne und so viel le­sen, dass sie kei­nerlei Ahnung von der modernen Welt haben und/oder jegliche Technik gar als Teufels­werk ansehen. Dass Bib­lio­theken in Bezug auf ihr Personal Sammelbecken für ver­schrobene, menschenscheue Ty­pen seien.

Es geht mir mit diesem Text nicht darum, mich übermäßig über diese Vorurteile aufzuregen. Ich finde sie eher belustigend. Ich muss allerdings dazu sagen, dass ich nicht zu den Leuten gehöre, die ich gerne als Mega- oder Überbibliothekare bezeichne. Das sind die, die einen in Fachgesprächen entsetzt fragen: „Hast du etwa noch nicht diesen Artikel in der neuen BuB gelesen?“ (BuB, also Buch und Bibliothek, ist eine bibliothekarische Fachzeitschrift). Das sind auch die, die in Vorlesungen Dinge sagen wie: „Mit der Benutzeroberfläche dieser Daten­bank bin ich gar nicht zufrieden.“ Ich bin eigentlich das ziemliche Gegenteil. Zwar habe ich als Kind mit meiner Schwester Bibliothek gespielt und war dabei diejenige, die Buch geführt hat, aber Bibliothekarin war nie mein Traumberuf. Meine Eltern haben sich in einer Bib­lio­thek kennengelernt, das war aber bis vor etwa dreieinhalb Jahren auch schon alles, was mich mit dem Bibliothekswesen verband.

Jetzt, nach drei Jahren Bachelor- und fast drei Monaten Masterstudium, bin ich zwar voll angekommen in der „Bibliothekswelt“ (von einer Branche kann man ja nicht sprechen), aber ich würde nach wie vor nicht behaupten, dass ein Traum wahr geworden ist. Das liegt zu ei­nem recht großen Teil daran, dass ich im Herzen eher Archivarin als Bibliothekarin bin. Ich ha­be zwei meiner Pflichtpraktika im Bachelor in Archiven absolviert, darunter auch mein Pra­xissemester, obwohl die Studieninhalte so gut wie nichts mit Archivwesen zu tun hatten (und haben). Davon war ich etwas enttäuscht, als ich anfing zu studieren. Ebenso davon, dass man Bücher meist nur in die Hand nimmt, ohne sie aufzuschlagen, sie sozusagen als „Ware“ betrachtet. Ich hatte mir mehr literaturwissenschaftliche Inhalte erhofft. Aber trotzdem ha­be ich im zweiten Anlauf einen Studiengang gefunden, der mir Spaß macht, der zu mir passt, und der auf einen Beruf hinführt, den ich mir für die Zukunft gut vorstellen kann.

Womit wir schon bei einer der Fragen wären, die mir immer wieder gestellt werden, wenn ich von meinem Studium erzähle: „Worum geht’s denn/was macht man denn da so?“ Es fällt mir jedes Mal sehr schwer, diese Frage zu beantworten. Natürlich weiß ich genau, womit wir uns im Studium beschäftigen. Aber das kurz und präzise auszudrücken, ist wirklich nicht ein­fach, weil die Inhalte ziemlich vielseitig sind (wie vielleicht der eine oder andere Leser dieses Blogs schon im Zusammenhang mit meiner Bachelorarbeit mitbekommen hat). Um nur ein paar der Dinge auf­zuzählen, mit de­nen ich mich im Laufe des Studiums schon befasst habe: Kultur­mana­gement, Me­dienrecht, Kata­lo­gisierung, Marketing, Recherchestrategien, Biblio­theks­bau (inklusive Kapa­zi­täts­be­rech­­nun­gen), Per­so­nal­ma­na­gement, öf­fent­li­che Ver­wal­tung, Datenbanken, Film­gen­res, Ge­gen­­warts­literatur, jour­na­lis­ti­sches Schreiben, Pä­dagogik, Con­trolling, Informations- und Me­dien­kom­petenz­ver­mittlung. Im Gespräch kann ich das zwar nicht, aber hier möchte ich mal noch auf die Infoseiten zu den entsprechenden Bache­lorstudiengängen an der HdM Stutt­gart und der HTWK Leipzig verweisen (wobei ich vor allem den ersten Satz in der HdM-Beschreibung sehr gut finde). Als ich noch Jura stu­­­­diert habe, wurde ich nie gefragt, was ich im Stu­dium so machen muss.

Und vor allem kam nie diese Frage, die wohl jeder Bibliothekswissenschafts-student hasst: „Das kann/muss man studieren?“ Ja, kann und muss man. Weil die Arbeit in einer Bibliothek (oder sagen wir ganz allgemein in einer Informationseinrichtung) mehr umfasst als nur das Einräumen von Büchern in Regale. An dieser Stelle werden viele Bibliothekare immer sehr emotional und tendieren dazu, ihren Job als den anspruchsvollsten, wichtigsten und auf­re­gendsten der Welt zu verteidigen. Das ist meiner Meinung nach übertrieben und außerdem nicht der richtige Weg, wenn man den Leuten klarmachen will, dass ein Bibliothekar durch­aus mehr Qualitäten mitbringen muss als nur ein gewisses Maß an Muskelkraft (schonmal drei Regalmeter Kunstbände durch die Gegend ge­schleppt?), denn mit einer solchen Wutre­de wird man allenfalls belächelt.

Was ist der richtige Weg, falls es einen gibt? Aufräumen mit falschen Vorstellungen – ja, aber mit realis­ti­schem Blick auf das eigene Berufsfeld. Und mit Selbstironie. Keiner wählt sein Stu­dienfach oder seinen Job, obwohl er so gar nichts von den Charkatereigenschaften hat, die zu der gan­zen Sache passen. Und die man in gewissem Umfang auch einfach braucht, um in Stu­dium und Job gut zu sein. Damit sollte man selbstbewusst und humorvoll umgehen.

Ja, ich lese gerne. Und zwar gedruckte Bücher. Nein, ich habe mei­ne Bücher nicht nach ASB (Allgemeine Systematik für öffentliche Bibliotheken) auf­ge­stellt. Alphabetisch sortiert sind sie allerdings schon, ebenso die CDs. Ja, ich habe mir mal ein frei verfügbares Bibliotheksmanagementsystem heruntergeladen, um mei­ne Bü­cher zu katalogisieren. Sowas gibt es nämlich, wir arbeiten nicht mehr mit Karteikarten. Ich muss allerdings zugeben, dass ich nie besonders weit gekommen bin, was das Katalogi­sieren meiner Bücher anhand der Software angeht – hat irgendwann keinen Spaß mehr ge­macht. Ich bin privat deutlich weniger ordentlich als im Zusammenhang mit meinem Stu­dium oder in Praktika. Ja, ich habe eine Abneigung gegen E-Books. Trotzdem habe ich mir einen E-Reader gekauft, um mir das Lesen während meiner Zeit in Estland zu erleichtern – und weil ich der Meinung bin, dass man als Bibliothekar vor solchen Dingen einfach nicht die Augen verschließen darf (aus dem gleichen Grund haben wir uns im Bachelor übrigens mal einen ganzen Samstag lang mit Computer- und Konsolenspielen beschäftigt).

In Sachen Archivwesen kann ich noch hinzufügen: Ja, ich habe kein Problem damit, stunden­lang im „stillen Kämmerlein“ zu sitzen und Papier zu sortieren, das macht mir sogar Spaß. Nein, meine eigenen Unterlagen bewahre ich nicht in säurefreien Mappen und Kästen auf. Das würde ich aber sicherlich anders handhaben, wenn ich der Meinung wäre, dass meine Vorlesungsmitschriften, Rechnungen und Grundschulzeugnisse für nachfolgende Generatio­nen von Belang sind. Schließlich habe ich oft genug gesehen, wie schädlich Aktenordner, Büroklammern und Klarsichthüllen für Papier und Schriftfarbe sind. Ja, ich finde historische Dokumente faszinierend. So faszinierend, dass ich während eines Prakti­kums fünf Tage lang akribisch Zeitungsausschnitte aus den 30er Jahren zu einem ziem­lich un­be­kannten Schrift­steller sortiert habe, bis alles in eine sinnvolle Ordnung gebracht war. Al­lein der Gedanke da­ran, dass eines Tages jemand zu diesem Schriftsteller recher­chie­ren und mei­ne Arbeit zu schätzen wissen könnte, hat mich motiviert. Auch das ist eine Eigen­schaft, die man als Biblio­thekar/Archivar braucht, die Überzeugung, dass die eigene Arbeit der Gesellschaft etwas bringt.

In dem zu Beginn erwähnten Text wird auch aus dem „Handbuch der Berufe des Lan­des­ar­beitsamtes Sachsen-Anhalt“ von 1927 zitiert. Darin steht, für den Beruf des Bibliothekars eig­ne­ten sich besonders Neuro- und Psychopathen, da die Arbeitsbedingungen friedlich und be­schau­lich seien. Das kann man natürlich als Belei­digung auffassen, aber man kann auch ein­fach sagen: Nö, stimmt nicht. Wer sich mal fünf Minuten in der Kinderabteilung einer öf­fent­lichen Bibliothek aufgehalten oder mit zahlungsunwilligen Leihfristüberziehern disku­tiert hat, weiß: beschaulich ist anders. Und die meisten Bibliothekare, die ich kenne, kom­men auch ohne Persönlichkeitsstörung wunderbar durch den Berufsalltag – bei mir selbst wurde bisher auch noch keine festgestellt.

Ich könnte das Ganze hier noch ewig weiterführen. Und es ist auch nicht ausgeschlossen, dass ich irgendwann nochmal was zu dem Thema posten werde. Ich habe mir, wie ange­deu­tet, nicht zum Ziel gesetzt, der ganzen Welt zu vermitteln, wie toll es doch ist, Bibliothekarin und/oder Archivarin zu sein (in meinem Fall ganz klar „und“). Es reicht, wenn ich für mich selbst weiß, dass ich das, was ich mache, gerne mache, obwohl ich damit nie­mals so viel Geld verdienen werde, wie ich es hätte tun können, wenn ich das Jurastudium durchgezogen hät­te. Trotzdem wäre ich wirklich froh, wenn ich nicht jedem Menschen, den ich neu ken­nenlerne, erst einmal erklären müsste, was ich eigentlich mache, und dass die Ar­beit in Bib­liotheken und Archiven nichts ist, was jeder ohne Studium oder Ausbildung einfach so pro­blemlos machen kann. Den Spruch „so siehst du aber gar nicht aus“ würde ich jedoch gerne weiterhin zu hören bekommen, denn wenn mein Gegenüber das denkt, habe ich, oh­ne es bewusst gesteuert zu haben, schon einen wichtigen Schritt in Richtung Klischee-Ent­kräf­ti­gung getan.

 

Zum Schluss möchte ich noch einmal auf meine Umfrage verweisen, die ihr noch bis kommenden Freitag ausfüllen könnt. Einfach hier klicken.

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6 Gedanken zu „Ein Job für Gestörte?

  1. Herrlich! Schöne (Selbst)ironie dabei! Das ist es: Sein Ding machen, möglichst mit Elan – aber sich auch nicht sooo wichtig nehmen . . .! Sehr sympathisch.

  2. Ja, die Klischees über Berufe. Da kann ich auch ein Lied von singen – wie man am Niederrhein sagt. Als ich einmal mit fünf jungen Lateinlehrerinnen und -lehrern in unsere Schulbibliothek ging und die fünf als solche dem Bibliothekar vorstellte, meinte er: „Herzlich Willkommen und gut, dass Sie gar nicht wie Lateinlehrer aussehen.“

    1. Und eure Antwort lautete: „Gut, dass Sie nicht wie ein Bibliothekar aussehen“? Auf jeden Fall bin ich froh, dass ihr beide als lebende Gegenbeispiele zum Klischee-Lateinlehrer auftretet. Ich werde immer zu Unrecht bemitleidet, wenn ich vom Beruf meiner Eltern erzähle. Ich hab keinen Grund zur Beschwerde!

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