Heimat, aus meiner Sicht

… oder auch: Heimat, aus der Sicht von: Eva, 23, Studentin (Bibliotheks- und Informationswissenschaft) mit Wohnort Leipzig. Es hat etwas länger gedauert als geplant, aber hier ist nun mein eigener Text zum Thema „Heimat“. Wer mich gut kennt, konnte es bereits ahnen: ich habe meine eigene Regel nicht eingehalten und einen Text geschrieben, der länger ist als drei DIN-A4-Seiten (wobei, von einer Vorgabe bezüglich der Schriftart und -größe war ja nie die Rede …) – man möge es mir verzeihen, ich kann das einfach nicht mit dem „fasse dich kurz“. Ich möchte mich an dieser Stelle nochmal bei allen bedanken, die einen Gastpost geschrieben haben, jeder einzelne Text war auf seine Weise sehr gut und hat mich zum Nachdenken angeregt (auch ein Grund, warum mein eigener Text jetzt so spät kam). Danke auch an diejenigen, die über Facebook oder sonstige Kanäle ein bisschen Werbung für die Aktion und ihre Ergebnisse betrieben haben. Und danke an alle, die die Texte gelesen haben. Ich hoffe, sie haben euch genauso gefallen wie mir. 

Eigentlich ist das mit der Heimat doch ganz einfach. Wenn mich jemand fragt, woher ich komme, lautet meine Antwort: „Aus Mönchengladbach.“ Daran gibt es nichts zu rütteln, das ist einfach so, ob ich will oder nicht. Hier könnte mein Text schon beendet sein. Doch schon wenn der Fragende nur ein einziges Wort hinzufügt, wird es schwieriger. Denn fragt man mich, woher ich ge­bür­tig komme, müsste ich wahrheitsgemäß antworten: „Aus Viersen“, ob­wohl ich mit der Stadt Viersen überhaupt nichts zu tun habe, abgesehen davon, dass sie als Geburtsort in meinem Aus­weis steht. Und das tut sie nur, weil meine Eltern mit dem Mön­chengladbacher Kran­ken­haus, in dem meine Schwester geboren wurde, unzufrieden waren und wollten, dass ich wo­anders zur Welt komme. Wird die Frage so formuliert, lüge ich also meistens und sage trotz­dem „aus Mönchengladbach“, denn für mich fühlt es sich so an, als käme ich dort gebürtig her. Abgesehen von den paar Tagen im Krankenhaus und den un­zäh­ligen Urlauben habe ich nämlich meine gesamte Kind­heit und Jugend bis zu meinem 19. Ge­burtstag in Mönchenglad­bach verbracht.

Ich habe ein seltsames Verhältnis zu dieser Stadt. Als ich noch dort gewohnt habe, war mir immer klar, dass ich wegziehen würde, sobald ich die Schule hinter mich gebracht hätte. Und mir war auch klar, dass es mir bei der Wahl meiner Studienstadt nicht auf die Nähe zu Mön­chengladbach ankommen würde. Bis heute ertappe ich mich dabei, dass ich oft schon recht kurz nach der Frage, wo ich herkomme, etwas verlauten lasse wie: „Mön­chengladbach ist ziemlich hässlich.“ Das lässt sich kaum verleugnen, aber warum betone ich das immer so ge­genüber Leuten, die ich gerade erst kennenlerne? Ist das der auffälligste, der hervor­ste­chendste Charakterzug meiner Heimatstadt, so wie im Falle von Berlin die Tat­sache, dass es die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland ist? Warum denke ich nicht zuallererst da­ran, dass meine Familie in Mönchengladbach wohnt, mein Vater sogar tatsäch­lich gebürtig dort herkommt*, dass ich dort eine glückli­che Kindheit hatte und eine Menge gu­ter Erin­ne­rungen mit dieser Stadt verbinde?

Ich glaube, ich muss mich meiner eigenen aktuellen Einstellung zum Thema Heimat chrono­logisch nähern, die einzelnen Stationen durch­gehen. Nach 19 Jahren in Mönchengladbach zog ich nach Trier. Diese Stadt kannte ich vor­her so gut wie gar nicht, aber genau das war es, was ich wollte: eine Stadt ganz neu ken­nen­ler­nen, für mich entdecken. Und in Trier fühlte ich mich nach kürzester Zeit sehr wohl. So wohl, dass „zu Hause“ für mich eine neue Be­deu­tung bekam – im Gegensatz zu meinen Kom­militonen sagte ich „ich fahre am Wochenende zu meinen Eltern“ und nicht „nach Hause“, denn „zu Hause“ war jetzt Trier. Trotzdem wäre ich nicht so weit gegangen, Trier als meine Heimat zu be­zeichnen. Dafür hatte dieses Wort für mich viel zu viel mit dem Ort des Aufwachsens zu tun.

Ich mochte und mag die Stadt Trier sehr. Die Mosel ist einer der schönsten Flüsse, die ich kenne, und ich vermisse es bis heute, jeden Tag zu Fuß oder mit dem Bus die Römerbrücke zu überqueren. Es war für mich etwas ganz Neues, zwischen historischem Gemäuer herum­zulaufen und zu wissen: das hier ist kein Urlaub, das kannst du jeden Tag sehen. Auch war es eine vollkommen ungewohnte Erfahrung, plötzlich in einer Stadt zu leben, die sogar Touris­ten aus aller Welt anlockt (auch wenn die Touristengruppen auf Dauer ziemlich nervig sein können). Bei meinen Streifzügen durch die Trierer Innenstadt habe ich zum ersten Mal ge­merkt, dass es mir unheimlich wichtig ist, in einer schönen Umgebung zu leben, dass das für mich eine größere Rol­le spielt als andere Annehmlichkeiten in der Stadt. Vielen meiner Kom­militonen ging es anders, sie empfanden Trier als zu klein und zu langweilig. Man könne ja nirgendwo richtig feiern gehen, bekam ich oft zu hören, wenn ich ungläubig fragte, woran das denn liege. Und dann zogen viele weg, in größere Städte, oft nach Köln (eine Stadt, die ich selbst mir übri­gens überhaupt nicht als Wohnort vorstellen kann).

Auch ich zog weg, aber unfreiwillig. Das Jurastudium war einfach nicht das Richtige für mich, dieses Gefühl ließ sich auch mit noch so vielen Spaziergängen an der Mosel oder durch die Altstadt nicht betäuben. Als ich nach anderthalb Jahren Leben in Trier im Umzugstransporter saß und wir die Stadt verließen, hätte ich bei einem letzten Blick auf den Fluss fast angefan­gen zu weinen.

Von Stuttgart hatte ich überhaupt keine Vorstellung, und ich wollte auch gar keine Vor­stel­lung haben. Ich wollte versuchen, unvoreingenommen an die neue Stadt heranzugehen, Trier nicht allzu sehr zu vermissen, und mich einfach darüber freuen, dass ich nun wieder die Chance bekam, eine Stadt für mich zu entdecken. Und dann wartete ich auf dieses Gefühl des An­gekommenseins, das ich in Trier schon wenige Tage nach meiner Ankunft verspürt hatte. Ich wartete vergeblich. Es hat sich nie eingestellt, auch nach drei Jahren nicht. Wenn ich jetzt je­mandem erzähle, dass ich bis vor Kurzem in Stuttgart gewohnt habe, kann ich es auch in Be­zug auf diese Stadt nicht vermeiden, dass ich mich in erster Linie negativ äußere. Damit mich keiner falsch versteht: ich habe mich schon wohlgefühlt in Stuttgart, aber das lag ganz ein­fach daran, dass ich dort gute Freunde gefunden und auch schnell gemerkt habe, dass ich mich in Bezug auf mein Studienfach beim zweiten Mal tatsächlich richtig entschie­den hatte.

Und damit wären wir bei einem Teilaspekt des Themas „Heimat“, den auch einige der Gast­autoren angesprochen haben: die Menschen. Wenn ich ehrlich bin, hat für mich persönlich Heimat nur sehr, sehr wenig mit irgendwelchen Menschen zu tun. Freunde und Familie kön­nen ein Heimatgefühl sicherlich verstärken, aber sie können es nicht aus dem Nichts her­vor­rufen. Weder meine Schulfreunde noch meine Familie konnten verhindern, dass ich aus Mönchengladbach wegwollte, und auch meine Stuttgarter Freunde haben nichts an meinem Wunsch, Stuttgart zu verlassen, ändern können. In Trier wohnt mittlerweile fast niemand mehr, den ich kenne, und trotzdem weiß ich, dass ich mich bei einem Besuch dort wieder ge­nau so wohlfühlen würde wie damals.

Es fällt mir schwer, zu erklären, warum ich Stuttgart als Stadt nicht besonders mag. Wahn­sinnig hässlich ist Stuttgart nicht, wobei man zugeben muss, dass man über die schönen Ecken nicht so einfach „drüberstolpert“ wie das in vielen anderen Städten der Fall ist. Ich ha­be Stuttgart irgendwie immer als zu groß, zu bergig und von der Atmosphäre her unattraktiv empfunden. Immer wieder, vor allem an schönen Sommertagen, sagte ich mir: „Gib der Stadt doch mal eine Chance“, aber so sehr ich mich auch bemühte, ich habe nie dieses Glücksgefühl verspürt, dass ich in Trier allein vom Anblick einzelner Gebäude bekam. Ohne, dass ich es wollte, verband ich Stuttgart eher mit Lärm, grauen Fassaden, Hektik und In­dus­trie als mit schönen Nachmittagen mit Freunden im Park. Meine Freunde waren (und sind) in meinen Gedanken an Stuttgart immer irgendwie außen vor, sie können nichts dafür, dass ich die Stadt nicht mag.

Stuttgart konnte in mir also nie ein Heimatgefühl auslösen. Aber meine Zeit dort hat im Be­zug auf dieses Thema trotzdem etwas in mir bewirkt, nämlich ein größeres Bewusstsein für meine tatsächliche Heimat. Nur wenige meiner Kommilitonen in Stuttgart kamen von so weit weg wie ich. Plötzlich war ich in dieser Hinsicht etwas Besonderes, wohingegen in Trier der Groß­­teil meiner Mitstudenten ebenfalls aus NRW gekommen war. Die Schwaben fragten mich, ob ich aus Nord­deutschland käme und dachten, ganz NRW sei der Ruhrpott, waren al­so alles andere als vertraut mit der Gegend, aus der ich komme. Plötzlich verspürte ich Hei­matgefühle, wenn ich auf irgendeiner Straße in Stuttgart ein Auto mit MG-Kennzeichen sah, und freute mich sehr darüber, als auf einem der Buch-Titelblätter, die wir in der FH kata­logi­sieren mussten, Mönchengladbach als Druckort auftauchte. Ich entwickelte also eine Eigen­schaft, die man im Allgemeinen auch den Schwaben attestiert: Heimatverbundenheit – und das, obwohl genau das zu den Dingen gehörte, an die ich mich im Umgang mit den Men­schen aus Stuttgart und Umgebung nur sehr schwer gewöhnen konnte.

Aber ich konnte einen großen Unterschied zwischen der Heimatverbundenheit der Schwa­ben und dem neu in mir aufkeimenden Heimatbewusstsein feststellen: während die Liebe zur Heimat sich bei den Schwaben in vielen Fällen darin ausdrückt, dass viele von ihnen sich nicht vor­stell­­en können, sich auf Dauer allzu weit von zu Hause weg zu begeben, handelt es sich bei meiner Hei­matliebe mehr um eine Zuneigung aus der Ferne, die ich sicherlich nicht oder jedenfalls deutlich schwächer verspüren würde, wenn ich in Mönchengladbach selbst wohnte. Es ging mir also mehr um eine Abgrenzung von der Mehrheit der Menschen um mich herum und gleich­zeitig ein Zusammengehörigkeitsgefühl mit jeder Person, die sich aus der gleichen Ecke wie ich ins „Ländle“ verirrt hatte.

Um bei der halbwegs chronologischen Ordnung zu bleiben: als ich im Laufe meines Studiums für ein paar Wochen nach Karlsruhe ging, um dort ein Praktikum zu absolvieren, erging es mir fast wieder so wie in Trier. In Karlsruhe fühlte ich mich sehr schnell sehr wohl, obwohl ich nur wenige Leute kennenlernte. Vor allem lernte ich in meiner Zeit dort, das Adjektiv „schön“ in Bezug auf Städte richtig zu fassen, noch mehr mit Bedeutung zu füllen. Abge­se­hen von der rein oberflächlichen Schönheit eines Ortes stellte ich fest, dass es mir auch wichtig ist, dass die Stadt, in der ich lebe, viel Kultur und Geschichte zu bieten hat und das auch ausstrahlt. Und in meinen Augen tut Karls­ruhe das deutlich stärker als die Arbeiterstadt Stuttgart. Für mich war außerdem positiv, dass Karlsruhe nur etwa halb so viele Einwohner hat wie Stuttgart und deutlich flacher ist (ich komme eben unabänderbar vom berglosen Nie­derrhein).

Meine Gedanken zum Thema Heimat wurden weiter ergänzt, als ich für mein Praxissemester nach Tartu ging. Von meinem ersten Studientag an war mir klar gewesen, dass ich dieses hal­be Jahr dazu nutzen würde, ins Ausland zu gehen. Ich bewarb mich in mindestens zehn ver­schiedenen Ländern in Nord- und Osteuropa. Zunächst rechnete ich gar nicht damit, dass ich am Ende aus­gerechnet nach Estland gehen würde, lieber wollte ich irgendwohin, wo ich noch gar nicht oder nicht besonders ausführlich gewesen war. Aber es wurde dann Tartu – nicht nur, weil sich das in Sachen Praktikum so ergab, sondern auch, weil ich irgendwann feststellte, dass Estland trotz der vielen Urlaube, die ich dort schon verbracht hatte, mein Fa­vorit war. Auch wenn ich damals nicht wirklich daran glaubte, dass man so etwas wie eine „zweite Heimat“ haben kann, verband ich Estland schon immer mit Ge­fühlen von Vertraut­heit und Glück (wbei ich nicht verschweigen will, dass ich das Land in meiner Jugend man­ch­mal gerade wegen dieser Vertrautheit als langweilig empfunden hat­te). Doch ich hatte den Ein­druck, dass es mir nicht zustand, das Land als meine „zweite Heimat“ zu bezeichnen, solange ich es nur aus Sommerurlauben kannte. Das würde erst legitim wer­den, wenn ich mich einmal länger dort aufgehalten hätte als nur zwei bis vier Wochen, wenn ich in den All­tag eingetaucht wäre, die Sprache besser gelernt und auch einmal einen est­ni­schen Winter erlebt hätte.

Tartu war keine neue Stadt für mich, aber in diesem Fall störte mich das gar nicht, denn die Tatsache, dass ich plötzlich in einem anderen Land lebte, war schon aufregend genug. Und schon nach kürzester Zeit wurde mir klar, dass es mir extrem schwer fallen würde, nach dem hal­ben Jahr wieder nach Deutschland – und dann auch noch ausgerechnet nach Stuttgart – zurückzukehren. Das perfekte Gefühl stellte sich ein: ich konnte gar nicht anders, als immer mit einem Lächeln auf den Lippen durch die Straßen von Tartu zu laufen, ich spürte Kultur und bedeutende Geschichte an jeder Ecke, ich freute mich über die Natur, die in Estland selbst in den Städten allgegenwärtig ist. Ich fand alles wundervoll. Und das, obwohl meine Familie und Freunde weiter weg waren als jemals zuvor. Natürlich vermisste ich meine Lie­ben, aber ich wusste: wenn es einen Ort gibt, an dem ich das ertragen kann, dann ist es die­ser hier. Und auch über die Tatsache, dass ich im Laufe des halben Jahres we­niger Leute ken­nenlernte als ich gehofft hatte, konnte ich ziemlich leicht hinwegsehen. Mein Praktikum war, obwohl ich es insgesamt sehr mochte, manchmal et­was eintönig, doch auch das störte mich kaum. So viel kann das richtige Gefühl in Bezug auf den Wohnort aus­machen.

Bevor ich nach Estland ging, hatte Heimat für mich überhaupt nichts mit der Tatsache zu tun, dass ich Deutsche bin. Ich war es eben, einfach eine langweilige Deutsche, ganz normal, nichts Besonderes, und ich war immer ein wenig neidisch auf die Menschen in mei­nem Um­feld, die auf irgendeine Weise (auch) mit einem oder mehreren anderen Ländern verbunden waren, deren Eltern beispielsweise aus der Türkei stammten, oder die einen Teil ihrer Kind­heit in Polen verbracht hatten. Vor allem war ich neidisch auf diejenigen, die zwei­sprachig aufwuchsen oder aufgewachsen waren. Ich war eben einfach nur Deutsche, zwar mit einem litauischen Nachnamen, der immer wieder zu Verwirrung führte und führt, wenn jemand Fremdes ihn aussprechen oder schreiben soll, aber da ich keine Ahnung habe, wie lange es schon her ist, dass der letzte meiner Vorfahren tatsächlich in Litauen gelebt hat, ist auch das nicht so wahnsinnig aufregend. Zumal die Schreibweise des Namens auch noch ein­ge­deutscht wurde.

In Estland aber war die Tatsache, dass ich Deutsche bin, geradezu allgegenwärtig, nicht nur, weil das plötzlich in dem Umfeld, in dem ich mich bewegte, ungewöhnlich war, sondern auch, weil ich von den Esten und den Austauschstudenten aus anderen Ländern dort be­wusst als Deutsche wahrgenommen wurde. Und das meine ich positiv. Wenn man, so wie ich es tat, im Historischen Archiv der Republik Estland arbeitet, kann man sich aufgrund der Ver­gangenheit des Landes der deutschen Sprache unmöglich entziehen. Ich wurde wert­ge­schätzt, weil ich diese Sprache beherrsche und damit einen Beitrag zur Arbeit im Archiv leis­ten konnte, und viele Esten interessierten sich sehr für Deutschland und die deutsche Spra­che. Ich lernte eine estnische Studentin kennen, die nach einem Aufenthalt bei einer Gast­fa­milie in Norddeutschland fließend, akzent- und fast fehlerfrei Deutsch sprach und davon träumte, nach dem Studium in Deutschland zu arbeiten. Seltsam zu hören für mich, die ich Estland in vielerlei Hinsicht für das schönere und interessantere Land hielt (und halte). Über­all in Estland wurde ich als Deutsche sehr positiv aufgenommen – das wertet das eigene Ge­burtsland natürlich auf.

In Estland ist mir auch aufgegangen, dass ich Deutschland immer mit Stadt, grauen Straßen, Verkehr, vielen Menschen und wenig Natur verbunden habe, weil ich eben immer in Groß­städten gelebt habe. Die Sommerurlaube in Estland oder auch in Schweden, Finnland, Groß­britannien, Lettland oder Island waren der Gegensatz, sie bedeuteten Ruhe, Natur, ein biss­chen Abgeschiedenheit und nur kurze Aufenthalte in Städten, die meist kaum als wirklich groß zu bezeichnen waren. Mir wurde bewusst, dass ich ein klares Bild im Kopf hat­te: Deutschland – Stadt, Estland – Natur. Schwarz/weiß. Und es ist schwer, sich von diesem Bild zu lösen. Aber in Tartu habe ich gelernt, dass es okay ist, Deutsche zu sein. Das meine ich gar nicht im Sinne der ewigen Diskussion über die Frage, ob man als Deutscher stolz auf sein Land sein darf (bewusst habe ich im vorangegangenen Satz das Wort „okay“ gewählt), son­dern möchte damit einfach meine Erkenntnis ausdrücken, dass ich keine Minderwertigkeits­komplexe haben muss gegenüber Leu­ten, die aus anderen Ländern stammen. Denn ich weiß jetzt, wie es ist, selbst aus einem „anderen“ Land zu stammen. Es kommt immer auf die Per­spektive an.

Ich weiß inzwischen auch, dass das mit der „zweiten Heimat“ durchaus mög­lich ist. Estland ist meine zweite Heimat. Zumindest meinem Gefühl nach. Vielleicht wür­de ein estnischer Le­ser mir das absprechen wollen, da mein Estnisch von dem Prädikat „per­fekt“ noch ein ganzes Stück entfernt ist und ich eben nur sechs Monate wirklich in diesem Land gelebt habe – aber für Heimatgefühle muss man sich nicht rechtfertigen. Und kann es einen besseren Beweis da­für geben, dass ein Ort Heimat ist, als die Tatsache, dass man diesen Ort fast dauerhaft ver­misst? Allerdings ist Estland meine zweite Hei­mat, weil ich es so will, weil ich aktiv etwas dafür getan habe, und nicht, weil es eben so ge­kommen ist. Deshalb sollte ich vielleicht von ei­ner „gefühlten“ Heimat sprechen, im Ge­gensatz zur tatsächlichen. Wenn ich an Estland denke, verspüre ich kein Heimweh (ein Gefühl, das ich in meinem Leben bisher allgemein erst sehr, sehr selten verspürt habe) im eigentlichen Sinne, aber auch kein Fernweh, denn ich sehne mich nach Vertrautem, nach Orten, Dingen, Gerüchen und Gefühlen, die ich seit meiner Kindheit kenne. Vielleicht ist Estland einfach mein „Sehnsuchtsort“. Ja, ich glau­be, dieses Wort gefällt mir gut.

Kommen wir noch kurz zu der bisher letzten Station in meinem Lebenslauf: Leipzig. Ich habe das Verfassen dieses Textes bewusst auf einen Zeitpunkt nach dem Umzug verschoben, um auch über diese Stadt noch schreiben zu können und Distanz zu Stuttgart zu gewinnen. Ob­wohl ich hier eigentlich noch nicht ganz rich­tig angekommen bin, da ich bis Ende dieses Mo­nats noch in einer Übergangslösung woh­ne, kann ich schon jetzt sagen: ich fühle mich sehr wohl hier. Es geht mir wie in Trier damals, nach kürzester Zeit schon mag ich diese Stadt sehr, sehr gerne. Und das, obwohl sie nur un­wesentlich kleiner ist als Stuttgart. Aber sie ist schön, sie bietet Kultur und Ge­schichte, sie ist sehr grün und sie hat Einwohner, die es in Sa­chen Gesprächigkeit und Offen­heit locker mit den Rheinländern aufnehmen können. Ich werde traurig sein, wenn ich hier eines Tages weg­­ziehen muss.

Aber weder das Wohlgefühl im Zusammenhang mit Leipzig noch meine emotionale Ver­bun­denheit mit Estland im Allgemeinen und Tartu im Speziellen hält mich davon ab, Mön­chen­gladbach – „ of all places“, wie man im Englischen sagt – als meine richtige, erste Heimatstadt und den Nie­der­rhein als meine Heimatregion anzusehen und auch vor anderen als solche zu bezeich­nen. Ich komme eben aus die­sem Land, aus dieser Gegend und aus dieser Stadt, und auch wenn mich das nicht mit all­zu viel Stolz erfüllt, muss es mir keinesfalls peinlich sein. In einem Moment hebt es mich von an­deren ab, im nächsten schweißt es mich mit anderen zu­sammen (zum Bespiel, wenn es um Fußball geht, und in dieser Hinsicht bin ich tatsächlich stolz darauf, aus Mön­chen­glad­bach zu kommen). Auch hier kommt es eben immer auf die Perspektive an. Auf Perspektive und Distanz. Ich glaube, ich habe erkannt, was Heimat für mich ist: ein Ort, der einen zu etwas Besonderem macht, gleichzeitig aber eine Gemein­sam­keit mit anderen bedeutet. Und dieser Ort ist in meinem Fall eben Mönchengladbach. Das ist also ei­gent­lich wirklich ganz einfach, das mit der Heimat.

 

Am Schluss möchte ich noch ein paar Zeilen aus Songtexten anfügen, die zum Thema passen. Eigentlich hatte ich vorgehabt, einige davon in meinen Text einzubauen, aber daraus wurde nichts. Daher findet ihr sie hier einfach als lose Sammlung:

„And if you feel just like a tourist in the city you were born, it’s time to go.“ (Death Cab for Cutie – You Are a Tourist)

„But my soul can’t take that my soul won’t wait, I got overwhelmed by my hometown. There is no way out and again I shout that I’m still so proud of my hometown.“ (Kilians – Hometown)

„Make me feel at home in a place I don’t know yet.“ (Nada Surf – The Future)

„How would I be in two places at once?“ (Breton – S4)

„I return to the only place I’ve ever felt that I belong.“ (Nine Inch Nails – Home)

„Home is a fire, a burning reminder of where we belong.“ (Death Cab for Cutie – Home is a Fire)

„You’d think I’d find myself a place that I’d attach myself upon, somewhere I felt alive until I die.“ (The Rifles – Hometown Blues)

„Home is the sound of birds early in the morning. Home is the song I always remembered. Home is the memory of my first day in school. Home is the books that I carry around. Home is an alley in a faraway town. Home is the places I’ve been and where I’d like to go. […] Home is a feather curling in the air. Home is flowers in the window sill. Home is all the things she said to me. Home is the photo I never threw away. Home is the smile on my face when I died. Home is the taste of the apple pie.  I met a woman, she’s always lived in the same place. She said home is where you’re born and raised. I’ve met a man, he said, looking out to the sea, he said home is where you wanna be.“ (Teitur – Home)

 

 * (das stimmt so nicht ganz, eigentlich wurde mein Vater in Rheydt geboren, aber da Rheydt seit 1975 Stadtteil von Mönchengladbach und keine eigene Stadt mehr ist, lautet sein Geburtsort offiziell „Rheydt, jetzt Mönchengladbach“, und aus heutiger Sicht eben einfach Mönchengladbach.)

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5 Gedanken zu „Heimat, aus meiner Sicht

  1. So so: Du kommst also vom „berglosen Niederrhein“ . . . ? Und was ist mit dem Mönchengladbacher Abteiberg, auf dem das Bisschen Altstadt liegt? Nicht zu vergessen, die Aachener Straße, die dort hinauf führt – und spätestens oben an der Ampel zur Zitterpartie aller Fahranfänger wird?

    Aber im Ernst: Ganz prima geschrieben! Und – ehrlich gesagt – SO hatte ich Dein „Heimatgefühl“ auch eingeschätzt. Schön auch, dass Du so positive Erfahrungen bzw. Erinnerungen mit unseren Familienurlauben in Estland verbindest.

    1. Naja, würde man zum Beispiel einem Schweizer die „Berge“ zeigen, von denen du sprichst, würde er wahrscheinlich laut lachen. Es ging mir ja um den Unterschied in der Topographie (ist das Wort in diesem Zusammenhang richtig?) unserer Heimatgegend und der von Stuttgart.

      Jedenfalls schön zu lesen, dass dir der Text gefällt und du mich richtig eingeschätzt hast! Die Urlaube in Estland waren wirklich immer schön! Dass man als Teenager da ab und an anders denkt, ist wohl normal.

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