Heimat, aus der Sicht von: Christian, Student (Jura) mit Wohnort Kerpen

Seit ich denken kann, gibt es vor unserem Haus eine Wiese. Sie ist so groß, dass man drei mittelgroße Häuser darauf bauen könnte. Hinter der Wiese liegt der Wendehammer, was eine Bezeichnung für das Ende einer Sackgasse ist, in dem man mit dem Auto wenden kann. Als ich klein war, spielten die Jungs aus der Nachbarschaft und ich dort Fußball mit Plastikbällen, die wir beim Rosenmontagszug gefangen hatten. Damals war uns das nicht klar, dass die Wiese von den Hundehaltern der Gegend gern und regelmäßig als Hundeklo für ihre Viecher benutzt wurde. Natürlich schafften nicht alle Hunde es bis an die Wiese und schissen entweder auf die Straße oder auf die Gehwege. Je nach Jahreszeit konnte man sich mal mehr, mal weniger daran stören. Im Sommer stank es die ganze Straße runter nach Hundewürsten. Im Winter weniger. Die Leute hier haben viele Hunde, aber wenige Kinder und die wenigen Kinder sind teils verroht, teils verweichlicht. Irgendwann wurde uns das Fußballspielen langweilig und wir fingen an, uns zu verkloppen, bis wir einsahen, dass auch das nicht den maximalen Lustgewinn bringt. Schließlich trennten uns die verschiedenen Schullaufbahnen. Den einen verschlug es in Richtung Düren, der nächstgrößeren Stadt, wo man immerhin schon einkaufen und später sogar das erste Bier trinken konnte. Den anderen nach Horrem, was damals schon als eher verranzt und latent asozial galt. Es ist bemerkenswert, wie selbst auf geringe Distanzen die Wertschätzung von Personen durch Vorurteile und Fehlinformationen beeinflusst wird, obschon es ein Leichtes ist, eben ob der geringen Distanz, sich des Gegenteils zu überzeugen.

Jedenfalls entfremdete ich mich oder wir uns. Meine Eltern waren nie im Dorfleben etabliert, aus eigenem Rückzug. Je älter ich werde, desto mehr Verständnis bringe ich für diese Haltung auf. Das Dorfleben, wie ich es kenne, ist geprägt von einem Übermaß an Schlummerzustand, während dem man den Eindruck gewinnt, es sei überhaupt nichts los, ehe plötzlich von irgendwoher laut die Trompeten erschallen, die Fahnen geschwenkt werden und das ganze Dorf mit einem Male, wie aus dem Nichts, sich wild in den Mai, Karneval, das Schützenfest, die Meisterschaftsfeier des Fußballclubs et cetera tanzt. Und das immer über das ganze Wochenende. Nicht oft im Jahr, dafür aber intensiv. Drei Tage Erwachen aus dem Schlummerzustand und heftgiste Feierei. Mit allem Drum und Dran. Livemusik, Traktorschau, bunten Papierfetzen, Unsummen Alkohol und vielen vielen Geschichten, die danach im Dorf die Runde machen. Letzteres ist mit der entscheidenste Grund, weshalb meine Eltern und mittlerweile auch ich uns die meiste Zeit mit der hiesigen Integration in das bestehende Dorfsystem schwierig getan haben. Das Reden, der Tratsch, die Leute. Ein Dorf ist ein Dorf. Jeder kennt jeden. Jeder weiß von jedem. Jeder weiß alles über jeden. Und meistens wissen alle mehr über einen, als man selbst, auch wenn man selbst denkt, alles zu wissen, was aber nur illusorisch ist, weil niemand mehr über einen wissen kann, als die anderen, was nahe liegt, weil man nur alles über sich wissen kann, wenn man sich von außen betrachtet, was man aber nicht kann, weil man nunmal in sich ist, während die anderen außen sind, wodruch, Umkehrschluss, also nur die Außenstehenden in der Lage sind, alles über dich zu wissen und du nicht.

Es gibt zwei Dinge, die man nie tun sollte, wenn man Thema einer klatschbasengespickten Mehrheit geworden ist: dementieren und schweigen. Wer dementiert, gilt als Opponent. Wer schweigt, kriegt Eier aufs Auto geworfen oder dem wird das getöpferte Klingelschild zerdeppert, um eine bestimmte Reaktion herauszufordern.

Dem geneigten Leser wird spätestens an dieser Stelle nicht entgangen sein, dass die Haltung des Verfassers gegenüber seinem als Heimatort empfundenen Dorf durchaus als kritisch zu empfinden sei, was durchaus so bezweckt und nicht der blanke Auswuchs einer Laune oder einer durch das Schreiben entstandenen Raserei ist. Der Fairness halber sei aber auch das Folgende erklärt: Als mich das Studium aus dem Haus, weg vom Bekannten und hin zu Neuem zog, da loderte in mir die heilige Flamme der Neugier auf die Welt, auf die Menschen, auf neue Orte und Abenteuer. Gut, ich kam dann nach Trier und Trier ging mir schon nach sechs Monaten dergestalt auf den Sack, dass es eine Art hatte, obschon eine handvoll Leute da echt schwer in Ordnung war. Aber es ist diese Art der Pfälzer oder Trierer, obschon das, sollte man meinen, ja irgendwo dasselbe ist, dieser dusselige Dialekt, die behaarten Füße, die Kleinwüchsigkeit, die spitzen Ohren, die roten Mützen, die fiesen Schnurrbärte, die Säbelbeine, der Knoblauchgeruch, dass die Sprache dort keine Vokale kennt und so weiter und so fort. Kurzum, obgleich es dort neu war, es war keine Verbesserung in dem Sinne. Es war eine Veränderung. Und auch wenn der große Philosoph Lothar Matthäus seinerzeit bemerkte „Veränderung bedeutet immer Verbesserung“, so ist dies doch brutaler Unsinn, was man jetzt an verschiedensten Beispielen verdeutlichen könnte, von denen mir aber spontan keines einfällt, weil man sich schlechte Dinge eh nie merkt und darum auch keine Beispiele für Schlechtes.

Wo war ich? Achso. Jedenfalls begann da die Suche nach Heimat, nach Wohlgefühl. Trier war Trier, München war München, Berlin Berlin und immer so weiter. Jede Stadt war, wie sie ist, aber nirgendwo stellte sich dieses Gefühl ein, da zu sein und dort hinzugehören. Natürlich, da braucht man nicht darüber zu diskutieren, hat dieses Gefühl, sich zugehörig zu fühlen, nicht allein mit einem Ort, sondern auch mit der persönlichen Entwicklung zu tun. Man kann, meiner Meinung nach, sich nirgends heimisch fühlen etwa, wenn man nicht in der Lage ist, sich selbst zu organisieren, also ohne auf andere angewiesen zu sein zu leben. Dazu braucht es Geld, eine Unterkunft, Mobilität und so weiter. Aber das war es nicht bei mir. Es ist das Rheinland. Es ist die Mentalität. Es sind die Menschen. Vielleicht nicht zwingend die in dem Ort, in dem ich die meiste Zeit meiner Kindheit verbracht habe, aber aufs Gros betrachtet die Menge der Menschen, etwa das, was Gustav le Bon als psychologische Masse definieren würde. Das Gros der Rheinländer, verbunden durch ihre Mentalität, der Scheißegaleinstellung einerseits, einer gewissen, rudimentären Herzlichkeit verbunden mit einem ungefährlichen Egoismus und einem unerschütterlichen Glauben, dass alles irgendwie noch gut wird. Biggi Wanninger sagte dereinst in der Stunksitzung betreffend die größte Stadt NRWs, das herrliche Köln: „In Köln zu wohnen ist wie in einem Stück Scheiße zu sitzen – Stinkt zwar ekelhaft, ist andererseits aber auch schön warm.“ So in etwa verhält es sich wohl mit der Heimat bei mir. Wenn man eine gebührende Ehrlichkeit aufbringt, lässt sich einiges bemängeln, aber alles in allem ist Heimat halt doch da, wo man herkommt, wo man die ersten Schritte gegangen ist und vielleicht auch die letzten gehen wird. Da fällt mir ein: die Wiese ist mittlerweile bebaut. Der Pastor wohnt gegenüber auf der Hundewiese. Gestern grüßte er mich und erklärte mir sein Vorhaben, den Garten kräftig umgraben zu wollen.

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3 Gedanken zu „Heimat, aus der Sicht von: Christian, Student (Jura) mit Wohnort Kerpen

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