Heimat, aus der Sicht von: Bettina, 56, Lehrerin mit Wohnort Mönchengladbach

„’N’abend zusammen!’. Dann swingt in mir die niederrheinische Schnulze.“ (Hanns-Dieter Hüsch)

Heimat – was ist das? Da müsste ja eigentlich zunächst eine Definition her. Aber ich werde mich dem Begriff mehr narrativ, sozusagen von hinten durch die niederrheinische Küche nähern. Der Rheinländer hat ja diese „flämische Uferlosigkeit“ (Hanns-Dieter Hüsch) und han­delt nichts systematisch ab.

Also: Heimatliebe – „dat is für mich dumme Quatsch!“ (Zitat ebenfalls von Hüsch).  Liebe, das ist Kribbeln im Bauch, das ist unerklärlich, „wo die Liebe hinfällt“, gegen Liebe ist kein Kraut gewachsen, bei Ovid und seinen mittelalterlichen Rezipienten ist Liebe gar eine Krankheit, die den Menschen ins Verderben führt.

Das Verhältnis zur Heimat ist eher mit einer langen Freundschaft vergleichbar. Besonders bei Freunden aus Kindertagen und der Schulzeit passiert es, dass man – obwohl man sich jahre­lang nicht gesehen hat – direkt ein vertrauliches Gespräch anfängt, einfach da wieder an­knüpft, wo man vor Jahren aufgehört hat. Langes Abtasten, Smalltalk, Höflichkeiten o. Ä. sind nicht notwendig, schließlich kennt man sich, auch wenn aus dem Mädchen von nebenan eine erfolgreiche Managerin und/oder eine Mutter von fünf Kindern geworden ist.

Heimat – das ist auch ein bisschen (nur ein bisschen, da ja hier auch die Liebe mitspielt)  wie in einer langen Ehe. Man fühlt sich geborgen und wohl, man kennt die Macken des Partners, man weiß, wie er reagiert, man kennt die Reizthemen.

So geht es mir auch mit der Heimat: ich  kenne die Gerüche und Gerichte, die schönen und hässlichen Ecken. Und wenn auch die Hässlichkeit überwiegt, die Tatsache, dass dies alles vertraut ist, macht es einfacher zu ertragen. Sicherlich passt hier auch das, was der Kabaret­tist aus dem Ruhrgebiet, Frank Goosen, sagt: „Woanders ist auch Scheiße.“

Nun ist aber der Wunsch nach Vertrautheit bei jedem Menschen unterschiedlich stark aus­geprägt. Im Spannungsfeld der beiden Extreme Abwechslung und Routine positionieren sich Menschen sehr unterschiedlich. Bei dem italienischen Schriftsteller und Philosophen Luigi Pi­randello gibt es einen ständigen Kampf zwischen „vita“, der Abwechslung, und „forma“, der Routine, und der Mensch ist in diesem Kampf der ewige Verlierer.

Meiner Beoachtung nach gibt es jedoch Menschen, die für sich gar nicht viel Abwechslung brauchen. Sie reisen nicht, sie könnten sich nicht vorstellen, woanders zu leben, sie brau­chen die Kneipe von nebenan, die Bratkartoffeln wie bei Muttern etc. – und die sind nicht die unglücklichsten. Manchmal beneide ich solche Menschen. Und wie steht es damit bei mir?

Habe ich so etwas wie Heimatverbundenheit? Ich liebe es, fremde Länder zu bereisen, zu entdecken, wie es woanders läuft, in einer fremden Landschaft alle meine Sinne auf Auf­nah­me zu stellen. Und besonders liebe ich es, fremde Sprachen zu entschlüsseln, mit dem Wör­terbuch durch die Gegend zu gehen und immer mehr zu verstehen oder die Sprachen, die ich schon sprechen kann, anzuwenden. Aber ich weiß auch, wie anstrengend es ist, den ganzen Tag eine Fremdsprache zu sprechen, doch nicht alle Nuancen ausdrücken zu können, die man in die Sprache hineinlegen will, oder doch nicht alle bildlichen Ausdrücke zu verstehen, die die Muttersprachler benutzen.

Und wenn ich dann zurück an den Niederrhein, in meine Heimat, komme und ich höre:

„N’abend zusammen!“, „dann swingt in mir die niederrheinische Schnulze.“

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3 Gedanken zu „Heimat, aus der Sicht von: Bettina, 56, Lehrerin mit Wohnort Mönchengladbach

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