Heimat, aus der Sicht von: Iemima, 24, Studentin (Mehrsprachige Kommunikation) mit Wohnort Köln

„Zuhause ist da, wo man wohnt und daheim ist da, wo das Herz wohnt“, sagte mir meine erste Liebe vor acht Jahren. Anschließend wandte sie sich wieder dem Fernseher zu und schaltete eine Talkshow ein.

So ungefähr war das damals. Ich war 16, meine Mutter auf Reisen, und so beschloss ich kurzerhand in einen Zug zu steigen, der mich 500km weit weg bringen sollte. Mein Zuhause gefiel mir ganz und gar nicht und ich war auf der Suche nach meinem >>Daheim<<, nach meiner Heimat, denn ich hatte ja jetzt gelernt, dass das nicht unbedingt etwas damit zu tun hat, wo man wohnt. Aber muss Heimat denn überhaupt mit einem Ort verbunden sein? Oder geht es nicht einfach um das Gefühl? Man sagt ja auch >> sich heimisch fühlen<<. Sagt man das wirklich? Und wer ist eigentlich man?

Heimweh zum Beispiel hab ich nie gekannt. Wenn wir mit der Schule auf Klassenfahrt waren, etwa in der Grundschule, und MitschülerInnen hatten Heimweh und weinten gar deswegen, dann konnte ich das nicht begreifen. Weil es ein Gefühl war, welches ich nicht nachempfinden konnte. Das änderte sich, als ich im Alter von 15 Jahren das erste Mal auf einer Bühne stand. Vielleicht habe ich mich da das erste Mal irgendwo zugehörig gefühlt. Wann immer ich nicht Theater spielen konnte, hatte ich solche Sehnsucht in mir, ich fühlte mich leer und wollte zurück auf diese Bretter. Vielleicht war das Heimweh.

Heute bin ich 24 und fühle mich, als hätte ich mein halbes Leben verpennt. Ich wohne seit viereinhalb Jahren in Köln. Die ersten dreieinhalb Jahre habe ich damit zugebracht, diese Stadt zu hassen. Als ich den Entschluss gefasst hatte, in die einzige Stadt zu ziehen, von der ich mich 365 Tage im Jahr angezogen fühle, fing ich an, Köln mit Wehmut zu betrachten. Ich entdeckte wunderschöne Orte, die plötzlich anfingen, mit mir zu sprechen. Nicht, dass sie das nicht auch vorher getan hätten. Ich hörte ihnen nur vorher nicht zu, weil ich zu sehr damit beschäftigt war, das, was ich hatte, nicht zu wollen.

Die letzten zwei Jahre bin ich durch ganz Deutschland und teilweise auch durch Österreich gereist, um an staatlichen Schauspielschulen vorzusprechen. „Sie haben einen jüdisch klingenden Namen, Iemima, sind Sie Jüdin, ja? Sprechen Sie Hebräisch? Können Sie uns etwas auf Ihrer Muttersprache vorsingen?“ oder „Wer ist Frau Milano? Toll, endlich mal wieder etwas Exotisches hier. Was haben Sie vorbereitet? Können Sie was davon auf Italienisch vorsprechen?“ bis hin zu „Iemima, diesmal hat es ganz knapp nicht gereicht, die anderen waren eben doch besser. Kommen Sie nächstes Jahr wieder und haben Sie eine sehr weibliche, italienische Rolle im Gepäck, die ordentlich Hummeln im Hintern hat!“ Ich bin gern unterwegs, aber nach jedem dieser Vorsprechen habe ich mich nach meinem Zuhause gesehnt. Nach meiner abgefuckten Wohnung in Nippes, wo die Heizung nicht richtig funktioniert und die Dusche kaputt ist. Nach meinem viel zu großen Bett mit den kaputten Balken. Ich habe mich nach Köln gesehnt, weil ich hier mit großen Augen angeschaut werde, wenn ich erwähne, dass ich nur die italienische Staatsangehörigkeit besitze. Weil ich hier nicht toleriert, sondern akzeptiert werde.

Vielleicht ist das Daheim. Da, wo ich mich wohl und nicht wie ein Fremdkörper fühle. Heimat ist vielleicht auch mehr ein Umstand, ein Zustand als ein Ort. Also doch wieder ein Gefühl.

Und eine Wahlheimat? Das ist vielleicht die Entscheidung, sein eigenes Leben in die Hand zu nehmen. Ich kann mir nicht aussuchen, wo und in welche Familie ich hineingeboren werde. Ich kann mir nur aussuchen, wo ich danach hingehe und wen ich um mich herum habe. Sei es in Form von Freunden, ausgewählten Familienmitgliedern oder oder oder. Meine Wahlheimat heute besteht genauso aus meinem neuen Bett wie aus den Spaghetti, die ich gerade mit meinen Wahlfreunden in unserer Wahlküche genießen durfte. Ich weiß nicht, wie meine Heimat in zehn Jahren aussehen wird, ich weiß nur, dass ich auch jetzt noch große Sehnsucht verspüre nach der Bühne, meiner Wunschheimat. Doch es hat eben nicht mit uns geklappt.

Ich habe mich gegen ein Leben auf den Brettern, die die Welt bedeuten, entschieden, dafür für Struktur und Sicherheit. Vielleicht bin ich feige, aber das ist eben der Unterschied zwischen meiner Wahl- und meiner Wunschheimat.

Ist Heimat nun ein Gefühl oder nicht? Ich weiß es immer noch nicht, aber ich werde Heimat wohl immer mit Sehnsucht verbinden.

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3 Gedanken zu „Heimat, aus der Sicht von: Iemima, 24, Studentin (Mehrsprachige Kommunikation) mit Wohnort Köln

  1. […] Iemima hatte noch nie Heimweh nach einer Stadt, einer Region oder einem Land, dafür aber schon umso häufiger und stärker nach der Bühne, die sie als ihre Wunschheimat bezeichnet. F. befindet sich in einem Zwiespalt, denn Heimat kann Sicherheit geben, aber auch Schaden anrichten. Für Christine ist das Gefühl der Heimat am stärksten, wenn sie reist, doch es ist ihr auch wichtig, Traditionen beizubehalten und in eine neue Umgebung mitzunehmen. Janka verbindet Heimat vor allen Dingen mit den Menschen, die sie liebt und die sie lieben, aber auch Möbel können in ihr Heimatgefühle auslösen. Kirsten fühlt sich mit mehreren Orten stark verbunden, kann sich aber auch in der Fremde zu Hause fühlen, wenn sie dort Vertrautes entdeckt. Trotz ihrer Begeisterung für fremde Länder und fremde Sprachen weiß Bettina, dass sie einfach an den Niederrhein gehört, denn dort kennt sie die Gegebenheiten ebenso wie die Menschen. Das ist aus ihrer Sicht so ähnlich wie in einer Freundschaft oder auch in einer Ehe. Christian empfindet das Leben im Dorf als ziemlich anstrengend und einengend, ist aber der Ansicht, dass Heimat der Ort ist, aus dem jemand kommt, ganz egal, ob man das gut findet oder nicht. Letzteres ähnelt dem Schluss, zu dem ich selbst gekommen bin, nachdem ich in meinem Text halbwegs chronologisch die bisherigen Stationen meines Lebens abgehandelt habe. […]

  2. Wirklich ein schöner Artikel! Ich lese selten so etwas fließend geschriebenes! Danke dafür.

    Ich hingegen vergleich Heimat, mit dem inneren angekommen sein! Mit sich im reinen, mit sich zufrieden, seine Fehler zu lieben, seine Talente zu entfalten und dies kann man an jedem Ort der Welt. Heimat bedeuten sich selbst anzunehmen, mit Fehlern und Schwächen. Wenn man dies kann, fühlt man sich heimisch und wohl.

    Ich hingegen fühle mich nicht immer so. In der einen Woche ist München die Stadt für mich, in der anderen möchte ich einfach wieder abreisen. Ziel ist es für mich, mich dauerhaft, trotz der schlechten Tage/ Wochen/ Monate, wohl zufühlen.

    Gruß
    Anja von Segway Köln

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