Heimat, aus der Sicht von: Anonym, 23

Seit 4 Monaten lebe ich in Frankreich, 500 km vom Haus meiner Eltern entfernt. Bewusst schreibe ich „Haus meiner Eltern“ und vermeide damit das Wort „Heimat“. Heimat. Ein philosophischer Begriff, für den es weder im Englischen noch im Französischen eine deckungsgleiche Übersetzung gibt. Von den Sprachen, die ich einigermaßen sprechen kann, ist Deutsch diejenige, die ich in den letzten 4 Monaten am wenigsten gesprochen habe. Würde mich hier jemand auf Englisch oder Französisch nach einer Definition des Wortes Heimat fragen, was würde ich antworten? Ich würde damit beginnen, dass meine Heimat an verschiedenen Orten liegt. Zum Beispiel in Thüringen, wo meine Makrofamilie wohnt, wo ein Stück Heimat bedeutet, sich im Winter mit diesem furchtbar kalkig harten Wasser die Hände zu waschen, bis diese rot werden, aufplatzen und bluten. Sich den Bauch mit Gehacktem vollzuschlagen, dieses mit Vita Cola herunterzuspülen, um anschließend mit in der Nase brennenden Rülpsern Familienmitglieder regelrecht aus dem Zimmer zu vertreiben.

Der Schwarzwald, wo meine Mikrofamilie wohnt. Die Menschen, die von meiner Existenz wussten, als ich noch gar nichts wusste. Die mich ernährt, erzogen, mir Rückhalt gegeben haben, mit denen ich mich noch heute, 20 Jahre nach dem Umzug ins Schwabenland, über den fürchterlichen schwäbischen Dialekt der Nachbarn mokiere. Wo ich mich geborgen und trotzdem frei fühle – fast wie die perfekte Liebe.

Schwärmt man dann aus, was in meinem Alter und Freundeskreis nicht ungewöhnlich ist, versucht man sich an einem neuen Ort einzugewöhnen – und hofft, dass man eine neue Heimat in diesem Ort findet – oder eher: man findet sie nicht, man baut sie sich auf. Irgendwie. Indem man sich anfangs an die kleinen Dingen klammert, wie zum Beispiel einen neu gekauften Obstkorb oder einen Wäschekorb, der einem das Gefühl geben soll, zu Hause zu sein. Das kann zum Beispiel auch der Geruch sein, der einem beim Betreten des Zimmers entgegenkommt, nachdem man seine Wäsche gewaschen hat (grüner Apfel) und nun darauf wartet, dass der Flügelwäschetrockner seine an regnerischen Tagen langwierige Arbeit verrichtet. Oder indem man sein Kämmerchen persönlich einrichtet, sei es mit Fotos von Freunden oder mit einem Verkehrsschild, dass man an einem Sonntagmorgen verkatert in seinem Zimmer auffindet. Indem man Menschen kennenlernt, die denselben Humor haben. Die einen aus der Lethargie holen und zu abwegigen Dingen animieren. Mit denen man sich zum Ziel gesetzt hat, sämtliche Kebabstände der Region empirisch zu überprüfen. Und wenn man dann noch das Glück hat, ab und an von jemandem in den Arm genommen zu werden… dann sind all die kleinen Dinge für mich die Definition der großen Sache „Heimat“. Junge, ist der Text gut. Kann jemand den Text bitte mal an den Duden schicken?

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Ein Gedanke zu „Heimat, aus der Sicht von: Anonym, 23

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