Heimat, aus der Sicht von: Roland, 23, Student (Germanistik & Psychologie) mit Wohnort Hamburg

Silvester

 Ich fahre existentiell betrunken mit der S-Bahn Richtung Landungsbrücken, in der Hoffnung dort auf Z mit den roten Haaren zu treffen. Es ist Silvester. Der dritt-traurigste Tag im Jahr. Direkt nach Weihnachten und Geburtstag. Weihnachten auf Platz eins, weil der Zauber mit jedem Jahr mehr verblasst. Geburtstag auf zwei, weil man mit jedem weiteren Jahr weniger wahrscheinlich im nächsten Jahr Rockstar sein wird. Silvester eigentlich nur aus dem Grund auf Drei, weil erträglicher, da kollektiv erlebt und traditionell durch Alkohol betäubt.

Wie alle einsamen Menschen in skinny Jeans zücke ich mein Smartphone, um beliebig über die Oberfläche zu wischen, alte WhatsApp-Nachrichtenverläufe zu lesen oder in meine Memo-App affirmative Botschaften an mich selbst zu tippen. Carlos-Castaneda-Zitate. Zu peinlich, um sie hier aufzuschreiben. Archaische Krieger-Metaphern.

Bis vor 15 Minuten war ich auf einer privaten Silvesterparty, auf der ich streng genommen nichts verloren hatte. Ich war da, weil ich unbedingt auf eine Party wollte, auf der ich streng genommen nichts verloren habe.

Die Kriterien:

  1. Ich kenne maximal eine Person auf der Party (Der Kontakt).
  2. Sie findet in meiner neuen Heimat statt (Hamburg).

Die Kriterien sind von den Dingen abgeleitet, die mich davon abgehalten haben, auf die Silvesterparty zu gehen, auf der ich streng genommen hätte sein müssen.

Dort galt:

  1. Ich kenne so ziemlich alle Personen auf der Party (Aus Schulzeiten).
  2. Sie findet in meiner alten Heimat statt (Naja, fast. NRW halt).

Ich schmunzle über die Kriterien-Memo. Es erübrigt sich eigentlich, zu erklären, warum ich mittlerweile in der Bahn Richtung Landungsbrücken sitze. Partys, wo man keinen kennt, machen Spaß, wenn sich die meisten Leute dort nicht kennen. Partys, auf denen sich so ziemlich alle kennen und man als einziger ständig erklären muss, wer man ist und warum man keine Freunde hat, machen relativ schnell relativ wenig Spaß. Und weil man nicht vollkommen awkward in der Gegend rumstehen will, fängt man an, ständig so zu tun, als wäre man auf dem Weg zu irgendwem am anderen Ende der Party. Also entweder bewegt man sich Richtung Küche oder Richtung Wohnzimmer und führt Gespräche, die in etwa so gehen:

Irgendwer: „Und wen kennst du hier?“

Ich: „Ich kenne [Name] aus der Uni.“

An dieser Stelle gibt es dann zwei Sorten von Menschen. Es gibt diejenigen, die fragen, was man studiert und diejenigen, die es aus Höflichkeit lassen. Niemanden interessiert Silvester, was man studiert. Niemanden. Eigentlich auch sonst nicht. Ich denke: Weder willst du hören, in welche Teilbereiche sich die Germanistik aufspaltet und was man später damit machen kann, noch will ich dir davon erzählen. Trotzdem findet dieses Gespräch gefühlte zehn Mal statt. Naja, der für die Geschichte relevante Punkt ist, dass ich mir jedes mal, wenn ich in der Küche vorbeikam (hohe Taktung, da viel Boring-Conversation-Flucht), einen neuen Captain-Morgan-Cola zubereitet habe.

Man könnte sagen: Je mehr Captain Morgan ich trank, desto mehr übernahm auch Captain Morgan das Ruder meiner mentalen Fregatte und Captain Morgan hatte etwas anderes für mich vorgesehen als diese Party. Captain Morgan war der Meinung, ich sollte noch Null Uhr abwarten und dann Richtung Landungsbrücken fahren, weil er zu wissen glaubte, dass ich dort – mehr oder weniger als Zufall getarnt – Z treffen könnte.

Z. Die Geschichte von mir und Z würde den Rahmen sprengen. Z hat rote Haare. Zumindest meine ich das. Als Z in der Uni zufällig an mir und E vorbeilief, ich E antippte und flüsterte: „Das ist Z“, sagte E nur: „Die hat doch gar keine roten Haare.“ Ich glaube, wenn ich mich für eine Frau interessiere, dann erhalten ihre Haare eine leichte Farbverschiebung ins rötliche. Whatever.

Z schreibt fast nie zurück. Z verachtet jammernde Singer-Songwriter. Z ist in Hamburg groß geworden. Wenn wir miteinander reden, starren wir uns dabei Ewigkeiten in die Augen. Und je länger wir uns anschauen, desto weniger Aufmerksamkeit schenken wir dem Gesprächsinhalt. Also ich zumindest. Wenn sie aufhört zu reden, entsteht immer eine eigentlich viel zu lange Pause, in welcher ich mich angestrengt an ein Wort erinnere, das in ihrem letzten Satz vorkam. Aus dem bastle ich dann irgendeinen Satz. Ich bin mir relativ sicher, dass es andersrum genau so läuft.

Es ist also leicht zu verstehen, warum Captain Morgans Idee einen gewissen Reiz hatte, wenngleich er nicht in der Lage war, mir zu erklären, warum er Z eigentlich an den Landungsbrücken vermutete. Aber manchmal muss man sich eben auf die Intuition des Captains verlassen. Abgesehen davon, meinte er, würde ich dort auf jeden Fall Menschen treffen, die a) entweder irgendwie irgendwen kennen, den ich auch kenne oder b) vergleichbar einsam oder betrunken oder beides sind.

Ich wische mich durch mein Smartphone zu dem Nachrichtenverlauf mit Z. Meine letzte Nachricht: „Hey, was geht Silvester?“ von drei Tage vor Silvester. Unbeantwortet. Der Plan hat Lücken.

Ich wische mich in der Chronik nach oben und stelle gerade fest, dass sie tatsächlich mehr als die Hälfte meiner Nachrichten nicht beantwortet hat, als eine Systemmeldung aufpoppt, die mir mitteilt, dass das Gerät nun herunterfährt und ich bitte das Netzgerät anschließen soll. Verdammt. Jetzt fällt mir das rot blinkende Batteriesymbol auf. Es war die ganze Zeit schon da, ich hatte es ignoriert. Mein Smartphone, mein Zugang zum sozialen Leben, mein Telefonbuch, mein Ticket zum verrücktesten Silvester aller Zeiten, ist im Begriff den Geist aufzugeben. Ich will noch schnell Z schreiben, doch der Bildschirm ist bereits schwarz. Tot. Was jetzt, Captain Morgan? Ohne Kompass kommen wir nicht weit.

Ich steige spontan am Jungfernstieg in die U2 um und fahre Richtung Lutterothstraße. Neuer Plan: Aufladekabel schnappen, Z texten, Treffpunkt ausmachen und hinfahren. Ist optimistisch, ja, ich weiß. Ich denke an mein Zimmer.

Weiße Wand, Farben sind gekauft und stehen auf dem Balkon bereit. Keine Poster an der Wand, Poster liegen eingerollt in einem der Umzugskartons. Umzugskartons. Ikea-Schrank, aufgebaut. Alter Grundschul-Schreibtisch mit Harry-Potter-Leser-Aufkleber. Laptop. Schreibtischstuhl, viel zu niedrig, da kaputte Gasdruckfeder. Zu großes Bett für eine Person. Stehlampe mit weißem Schirm, oben eingerissen. Keine Lampe an der Decke, nur lose Drähte, zu kompliziert.

Heimat-Gefühle, abfallend angeordnet:

Zuhause bei meinen Eltern. Bei Oma. Im Ferienhaus an der Ostsee. Jugendfreizeit (Messdiener). Jugendherberge (Schule). Hotelzimmer. Hostel. Luggage-Room des Hostels. Parkbank. Beliebiges Studentenzimmer. Mein Studentenzimmer.

Als ich ankomme, sieht es so verlassen aus, wie ich es verlassen habe.

Ich setze mich mit meinem Smartphone neben die Mehrfachsteckdose und suche mein Aufladekabel. Es ist weg. Denken denken denken. Es muss noch in meinem Rucksack sein. Ich bin erst gestern aus meiner alten Heimat Mönchengladbach wieder angekommen. Rucksack aufgemacht. Ungutes Gefühl im Bauch. Großes Fach, kleines Fach, Seitenfach, der kleine Reißverschluss vorne, der kleine Reißverschluss innen. Böse Ahnung. Ich weiß, wo mein Kabel steckt. Es steckt in meinem Kinderzimmer in Mönchengladbach in der Steckdose. Amateurfehler? Jupp.

Ich realisiere langsam, aber schmerzhaft, dass ich bis zum Erwerb eines neuen Kabels vom sozialen Leben ausgeschlossen sein werde. Ich schlucke.

Captain Morgan ist verschwunden. Er ist wahrscheinlich weiter zu den Landungsbrücken gefahren und ertränkt sich gerade im Hafenwasser, ohne Hoffnung, dass es mit mir und Z jemals etwas geben könnte. Es blubbert noch ein trauriges Tortuga an die Wasseroberfläche. Dann ist er tot.

Ich öffne den Karton mit den Postern und rolle ein beliebiges auseinander. Es ist ein Relikt aus meinem Job bei Video Aktuell. Ein Filmposter von Woody Allens ‚To Rome with Love‘.

Rom, denke ich. Nach Rom müsste man. Aber dann fällt mir auf, dass Rom wahrscheinlich bloß ein neues Hamburg ist. Wie wäre es wohl, wenn ich in Rom an Silvester in meinem Studentenzimmer sitzen würde, alleine, selbst von Captain Morgan verlassen?

Vielleicht ist es nicht die Stadt, sondern das Zimmer. Vielleicht brauche ich ein Zimmer und zwar ein richtiges. Eines, in dem nicht potentiell jeder wohnen könnte und das nicht so aussieht, als wäre man entweder gerade beim Einzug oder beim Auszug.

Morgen kaufe ich mir eine Topfpflanze. Und heute Nacht hänge ich meine Poster an die Wand. Nein, ich hänge sie nicht, ich bohre sie an die Wand. Ich werde sie für die Ewigkeit an die Wand bohren.

In dem Karton mit der Aufschrift ‚Opa‘ finde ich den Akkuschrauber, verschiedene Bohraufsätze, Dübel und Schrauben. Ich schaue noch einmal auf die Uhr. Es ist viertel vor zwei. Aber es ist viertel vor zwei Silvester. Ich male mit Bleistift vier Punkte an die Wand, die ungefähr die Maße des Posters abstecken. Ich setze den Bohrer an und bohre das erste Loch in die Wand.

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