Heimat, aus der Sicht von: Klaus, 55, Lehrer mit Wohnort Mönchengladbach

Ja, was ist (für mich) Heimat?

Mit dem Begriff Heimat verbinde ich jedenfalls mehr als einfach nur einen Ort, wie zum Beispiel den Geburtsort oder momentanen Wohnort. Das mag bis vor ein paar Jahrzehnten wohl noch gegolten haben: Wo man auf die Welt kam, da war man mehr oder weniger verwurzelt, und die eher seltenen Ausflüge oder gar Urlaube erwiesen sich trotz interessanter Erfahrungen und Beobachtungen (und nicht zuletzt aufgrund mancher Verunsicherungen) letztlich doch als Bestätigung, dass es „in der Heimat am schönsten ist“, kurioserweise auch dann, wenn der eigene Wohnort – von außen betrachtet – ziemlich hässlich war.

Auch ich habe mich gelegentlich mit dem Thema beschäftigt. Ich meine, Heimat ist eher ein Gefühl als ein konkreter Ort. Besser gesagt: eine Gemengelage bestimmter Empfindungen. Die Römer sagten schon „ubi bene, ibi patria“ (etwas frei: Heimat ist da, wo es mir gutgeht). Eine Stadt, die mir gefällt, reicht da allein noch nicht aus. Es macht einen gewaltigen Unterschied, ob ich ein paar Tage als Tourist unbeschwert die Schönheit von Florenz, Lissabon oder Prag genieße oder ob ich dort den Alltag mit Arbeit, Behörden, Einkauf, Gesundheitswesen, Straßenverkehr bestehen muss. Oft frage ich mich bei solchen Städtetrips, ob ich mir vorstellen könnte, an dem jeweiligen Ort länger zu leben. Da ich grundsätzlich neugierig bin, würde ich das in vielen Fällen durchaus bejahen, freilich ohne zu wissen, was da tatsächlich auf mich zukäme. Bleibt man der ewige Außenseiter? Vielleicht ja durchaus akzeptiert, gar geachtet – aber eben doch außen vor. Woanders leben schon – aber Heimat?

Es ist auch das Essen. Schmackhafte Gerichte gehören irgendwie auch zum Thema Heimat. Und man muss sich gar nicht so weit weg begeben, um festzustellen, dass man etwas Gewohntes vermisst. In Holland beispielsweise – von meinem Wohnort sind es nur zwanzig Kilometer dorthin – sind Kartoffelklöße so gut wie unbekannt. Ich könnte nicht sagen, dass ich mir dort sehr fremd vorkäme, aber die Essgewohnheiten, die Restaurants sind irgendwie nicht „mein Ding“. Da bin ich ganz ehrlich. Auch Gegenden, in denen man ständig Fisch auftischt, wären wohl nix für mich. Alle, die mich kennen, wissen das nur zu gut. Deutschen Filterkaffee vermisse ich „in der Fremde“ am allerwenigsten; Sauerbrot (dunkles Brot aus Sauerteig statt des ewigen Weißbrotes) schon eher; Bratkartoffeln . . . wo auf der Welt kann man die sonst noch erwarten? Wäre ich in puncto Essen allzu sentimental, so müsste ich mich wohl auf die Gefilde des ehemaligen Habsburgerreiches beschränken, gern noch erweitert um den Balkan, Anatolien, den Mittelmeerraum, insbesondere natürlich Italien. Nicht zu vergessen: Polen – wegen der wunderbaren Kartoffel- und Pilzgerichte. Und das Bier schmeckt auch längst nicht überall, besonders wenig in Holland, Italien, Frankreich, Österreich (das müssten die Nachfahren der Habsburger doch besser hinkriegen!). Bezüglich Wein, Kaffee oder Tee – letzterer ist überhaupt nur in England, Russland und der Türkei trinkbar, sofern man in Europa bleibt – ließen sich ähnliche Betrachtungen anstellen.

Was noch? Ein richtiges Federbett ist für mich irgendwie auch mit Heimatgefühlen assoziiert, zumindest gibt es so eine Art Federbettäquator: Südlich der Alpen, aber auch in Frankreich,  plagt man sich immer mit diesen unhygienischen Wolldecken herum (immerhin bekommt jeder ein frisches Leinentuch dazu). Umfasst Heimat etwa gerade das, was man „in der Fremde“ – trotz vielfacher Begeisterung – vermisst? Die emotionale Dimension lässt sich kaum leugnen. Von Patriotismus, gar Lokalpatriotismus, will ich hier nicht sprechen, sondern eher von liebgewonnenen Gewohnheiten. Und weil man weiß, wo man diesen am besten frönen kann, zieht es einen dann auch wieder hinaus in die Welt . . . und mit Heim(at)weh kehrt man alsdann zurück.

Jedenfalls bedeutet Heimat wohl das völlige Fehlen jedweder Exotik (als Versuch einer Definition ex negativo). Und, ehrlich gesagt, Heimat kann auch ganz schön langweilig sein. Wenn ich zum Beispiel in Rheydt (heute Stadtteil von Mönchengladbach) über den Marienplatz gehe, den ich seit allerfrühester Kindheit kenne, muss ich leider sagen: Er ödet mich an! Rein gar nichts, was ich dort interessant fände, obwohl er für mich Heimat im landläufigen Sinne ist. Früher, bis 1969 (!), verkehrte dort wenigstens noch die Straßenbahn – so was ist immer interessant.

Kann sein, dass ich stellenweise etwas vom eigentlichen Thema abgekommen bin – aber „so eng“ soll man die Heimat ja nun auch wieder nicht sehen . . .

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3 Gedanken zu „Heimat, aus der Sicht von: Klaus, 55, Lehrer mit Wohnort Mönchengladbach

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