Heimat, aus der Sicht von: Manuela G., Studentin

Heute gibt es also den ersten Gastbeitrag aus der Serie zum Thema „Heimat“. Wie angekündigt, poste ich die Texte in zufälliger Reihenfolge, unkommentiert und unverändert (abgesehen von einer Korrektur eventueller Schreibfehler), immer mit ein paar Tagen Abstand. Der Titel der Posts wird immer der Gleiche sein, nämlich „Heimat, aus der Sicht von:“, dahinter folgen dann die persönlichen Angaben, die die betreffende Person machen möchte. Ich habe beschlossen, dass ich den Leuten, die vielleicht erst durch diesen ersten Text Lust bekommen, selber einen zu schreiben, noch einmal etwas Zeit geben werde, und zwar bis Sonntag, den 23. März. Ich werde zwar weiterhin Texte posten, aber ihr könnt mir bis dahin noch eure Werke schicken. Es wäre ganz toll, wenn ihr auch nochmal Werbung für die Aktion machen würdet, am besten mit Hilfe des Links zur dazugehörigen Seite. Aber genug der Vorrede, hier ist Manuelas Text:

„Home Is Where Your Heart Is“

Oder: “Hej sei aich dahoam!” ¹

Heimat ist nicht zwangsläufig an einen Ort gebunden, wie diese Redewendung verspricht. Stattdessen liegt sie dort, wo man sich im tiefsten Herzen wohlfühlt. Falls es kein physischer Ort ist, kann die Heimat in einem sozialen Umfeld liegen – oder man kann sich mit diesem ein Stück Heimat in die Fremde holen. Deswegen sei die Heimat hier etwas generalisierend als eine Umgebung bezeichnet.

Das Gefühl, eine Heimat zu haben, kennen sicher viele Menschen. Es äußert sich in einer Em­pfindung von Geborgenheit und Sicherheit, denn man kennt sich aus und weiß, wie die Um­gebung „tickt.“ Bestenfalls ist man ein Teil von ihr und mit ihr im Einklang.

Der Verursacher des Heimatgefühls, sei es das Herz, die Seele oder das Gehirn, lässt sich gut mit einer Pflanze vergleichen. Ist eine Heimat nicht oft dort, wo die „Wurzeln“ liegen und wo sie fest verankert sind? Möglicherweise ist es der Boden, auf dem man gewachsen ist und dessen Bedingungen die Persönlichkeit geprägt haben. Manch einer hat vielleicht sehr tiefe Wurzeln, wie ein Baum – seine Verbindung hält an, auch wenn er sich von seinen Ursprün­gen wegbewegt.

Spricht man nicht auch bei solchen, die gewaltsam von ihrer Heimat getrennt werden, von einer „Entwurzelung“? Wenn sie durch Not oder Vertreibung ihrer vertrauten Umgebung entrissen werden und nicht dorthin zurückkehren können. Für solche muss es schwierig sein, ihre verletzten Wurzeln an einem anderen Ort wieder einzugraben und dort zu festigen. Fuß zu fassen auf fremdem Boden. Manche dieser zunächst stark mit einem Ort verbundenen Menschen finden vielleicht eine „zweite Heimat“, doch manchen gelingt es nicht – mit fatalen Auswirkungen.

Andere hingegen können keine tiefen Wurzeln schlagen, weil sich ihr Umfeld zu oft verän­dert. Solche suchen ihre Verbindung, den Anker, in etwas Anderem, das für sie konstant bleibt. Möglicherweise setzen sie sich auch nie fest.

Die Leser mögen mir verzeihen, wenn ich an dieser Stelle einen Vergleich mit den gemeinhin als Tumbleweed bezeichneten Pflanzen anstelle. Diese sind nicht fest verwurzelt und werden daher häufig vom Wind fort getragen. Gerne ballen sie sich dabei zu einem Knäuel aus meh­reren Pflanzen zusammen, das ungebremst über den Boden kullert. Durch ihren Lebensraum – häufig Steppen und Wüsten – sind sie häufig selbst relativ trocken und erhalten nur wenige Nährstoffe. Dafür haben sie ein sehr hohes Durchhaltevermögen.

Solche Menschen, die sich wie Tumbleweed durch die Welt bewegen, haben also nicht die­selben Bedingungen wie fest verwurzelte Menschen und vielleicht einen Nachteil, weil ihnen die Verbundenheit zu einem bestimmtem Ort fehlt. Dafür bekommen sie womöglich mehr von der Welt zu sehen und lernen viele Umgebungen kennen. Eine gute Voraussetzung für bessere Anpassungsfähigkeit, an welcher es anderen durchaus mangelt.

Ob es für Wurzelgräber oder Wanderer bessere Bedingungen gibt, darüber lässt sich strei­ten. Für den einen Typus ist der andere meistens gar nicht nachvollziehbar, schlicht aus feh­lender Erfahrung.

Ich selbst gehöre zu den Verwurzelten: Meine Heimat ist Oberhessen, ein Ballungsraum des Nichts. Die Region hat an sich kaum etwas zu bieten: keine Großstädte, entsprechendes Kul­turangebot und eine relativ dürftige Infrastruktur. Damit also auch wenige Argumente, sich dort niederzulassen und sich seiner gesicherten Existenz bewusst sein zu können. Doch was verbindet die Menschen mit einer solchen Umgebung? Es gibt sehr viel Natur – und einen Menschenschlag, der mit den Bedingungen seines Umfelds gewachsen, wenn nicht gar ver­wachsen, ist. Da man dort ohne großen Aufwand nicht weit kommt, isoliert sich dieses Ge­biet mit seinen Bewohnern praktisch von selbst. Damit fehlt aber auch die Kenntnis von mehr und man vermisst sie nicht. Stattdessen erfreut man sich guter, bodenständiger Langeweile.

Unter solchen Bedingungen bin ich „im Herzen der Natur“ aufgewachsen. Meine sozialen Kontakte fanden häufiger mit Bäumen als mit Gleichaltrigen statt. Und die Tatsache, auf ein Auto angewiesen zu sein, um nur zu einem Supermarkt zu kommen, ist genauso eine Selbst­verständlichkeit wie der fehlende Anschluss an „moderne“ Errungenschaften wie etwa Kana­lisation und Kabel-Internet.

Im Gegensatz zu anderen bin ich aber für mein Studium umgezogen – in eine der größten Städte Deutschlands. Diese hat das Hunderttausendfache an Einwohnern als das 600-Seelen-Dorf meiner Kindheit und dort hatte ich plötzlich alles, was ich vorher vermisst habe. Doch ich habe angefangen, etwas anderes zu vermissen: Das Dorf. Denn das kann man ei­nem „Landei“ nahezu unmöglich austreiben.

In der Ferne wurde mir erst der Wert der Heimat bewusst. Wie sehr ich es schätze, von mehr Holz als Beton umgeben zu sein. Auch die Überschaubarkeit der Region mit ihren Bewohnern und Angeboten bringt einen Vorteil. Es ist trotz relativ geringer Angebotsdichte für Jeden etwas dabei und man muss kaum Sorge haben, etwas Interessantes zu verpassen.

Ich fing sogar an, den Umgang der Menschen miteinander zu vermissen, so selbstverständ­lich oberhessisch-freundlich. Außenstehenden mag das dank fehlender Höflichkeitsfloskeln eher als kratzbürstig und in Kombination mit dem Dialekt als provinziell erscheinen. Sicher­lich ist auch ein Fünkchen Wahrheit daran, dass dort am Himmel nicht allzu helle Sterne aufgehen, dafür findet man jedoch häufig jemanden, „iäm ofach emol e bissche was Schie­nes se schweätze.“²

Besonders schön ist auch, zu beobachten, wie wenig attraktive Regionen sich selbst aufwer­ten, indem sie einen Platz in der Nische finden. So betrachtet sich beispielsweise die nächste größere Stadt meiner Heimat inzwischen mit großer Selbstironie und durchlebt eine Frisch­zellenkur dank ihrer Anpassung an junges Publikum. So etwas fällt auch erst auf, wenn man die Heimat nicht mehr so oft sieht und Veränderungen als Prozess erlebt.

In der Stadt habe ich leben können, aber Heimat ist sie nicht für mich geworden, auch keine „zweite Heimat.“ Nun stehe ich kurz vor meiner Rückkehr in die tiefe Provinz – mit aller­größter Freude finde ich zurück zu meinen Wurzeln und der Verbundenheit meines Herzens.


¹ Oberhess.: „Hier bin ich Zuhause!“

² Oberhess.: „um einfach mal ein schönes Gespräch zu führen.“

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3 Gedanken zu „Heimat, aus der Sicht von: Manuela G., Studentin

  1. […] Manuela vergleicht die Menschen in Bezug auf ihre Heimatgefühle mit Pflanzen, die mehr oder weniger fest an einem Ort verwurzelt sein können, und hat nach ein paar Jahren in der Großstadt festgestellt, dass sie selbst noch immer so stark mit ihrem Heimatdorf verbunden ist, dass sie nun wieder dort leben möchte. Klaus hat schon viele interessante Orte bereist und konnte sich häufig durchaus vorstellen, für längere Zeit an einem dieser Orte zu bleiben, sieht aber gewaltige Unterschiede zwischen einem Aufenthalt als Tourist und dem Alltagsleben. Für ihn spielt unter anderem auch das Essen eine wichtige Rolle bei der Frage nach der Heimat – darüber hatte ich selbst noch nie nachgedacht, kann ihm aber nur zustimmen. Roland stellt in einer einsamen Silvesternacht fest, dass sein Studentenzimmer zu unpersönlich gestaltet ist, um ihm eine wirkliche Heimat bieten zu können, im Gegensatz zu beispielsweise dem Haus seiner Eltern. Laura hatte sich durch das Verfassen ihres Textes Klarheit in Bezug auf ihren persönlichen Heimatbegriff erhofft, wurde stattdessen aber eher noch mehr verwirrt, als sie anfing, sich Gedanken zu machen. Auch der beliebte Spruch “Home is where the heart is” konnte ihr nicht weiterhelfen, aber sie weiß ganz genau, in welchen beiden Städten sie sich am meisten zu Hause fühlt. Der anonyme Verfasser lebt derzeit in Frankreich, denkt von dort aus an die verschiedenen Orte, die für ihn etwas mit Heimat zu tun haben, und stellt fest, dass man sich überall selbst mit Hilfe von kleinen Dingen eine Heimat schaffen kann. […]

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