Geheimnislos auf der Bühne

Die Frist für die Einsendung von Gastbeiträgen für meine Aktion läuft noch etwa 4 1/2 Wochen, deshalb habe ich dem Projekt eine temporäre Seite gewidmet, damit man jederzeit an die Infos kommt, auch wenn ich bis zum 9. März wieder andere Sachen poste. So wie jetzt. Der Titel dieses Posts ist gleichzeitig die Überschrift eines Textes, den ich 2012 im Rahmen eines Wahlfachs an der FH geschrieben habe, in dem es um journalistisches Schreiben ging. Aufgabe war es, so zu tun, als sei man Journalist bei einer Zeitung und müsse einen Artikel von circa 15.000 Zeichen (ohne Leerzeichen) zu einem selbst gewählten, einigermaßen für die Öffentlichkeit relevanten Thema schreiben. Ich weiß bis heute nicht, wie ich eigentlich auf dieses Thema gekommen bin. Ich erinnere mich nur noch daran, dass ich die Abgabefrist aufgrund der Klausurphase so ziemlich verdrängt hatte und den Text schließlich innerhalb von zwei Tagen schreiben musste. Ich habe mir damals geschworen, mir einen solchen Stress nie wieder anzutun und in Zukunft immer rechtzeitig an Abgabefristen zu denken – aber gelohnt hat sich das Ganze, ich bekam eine gute Note und bin im Nachhinein auch ziemlich zufrieden mit dem Text. Da es sich – trotz des Artikel-Charakters – um eine wissenschaftliche Arbeit handelt, habe ich die Quellenangaben auch hier für den Blog dringelassen, die einzelnen Fußnoten jedoch entfernt, da das vom Layout her hier eher schwierig war. Einiges im Text beruht auf meinen persönlichen Erfahrungen, anderes habe ich im Internet recherchiert (dabei kann ich nicht garantieren, dass alle unten aufgeführten Links heute noch existieren). 

Geheimnislos auf der Bühne

Im modernen Theater gehören nackte Haut und große Mengen künstlichen Blutes beinahe schon zum guten Ton. Was steckt hinter diesen Trends und wie kommen sie an?

Man sieht der Bühne die vergangenen 120 Minuten deutlich an: Kleidungsstücke liegen verstreut zwischen umgestürzten Pappmaché-Buchstaben, hier und da finden sich Glasscherben und Zigarettenstummel und der Boden ist an mehreren Stellen nass – ein wüstes Durcheinander. „Die Leute, die das jeden Abend aufräumen und reinigen müssen, tun mir wirklich leid“, raunt eine ältere Dame ihrem Ehemann beim Verlassen des Theatersaals zu.

Und es ist nicht das erste Mal an diesem Abend, dass man die Zuschauer untereinander flüstern sieht. Sebastian Baumgartens Inszenierung von Jean-Paul Sartres „Das Spiel ist aus“, die im Frühjahr und Sommer 2012 im Schauspiel Stuttgart zu sehen war, bot immer wieder Anlass für gemurmelte Kommentare. Baumgartens Interpretation des 1947 für einen Film verfassten Drehbuchs ist drastisch in Wort und Bild. In einer Szene steht ein Darsteller halbnackt, blutüberströmt und eine Wurst verspeisend in einer Badewanne, in einer anderen sieht man ein Kind an einem toten Hahn knabbern. Die großen Buchstaben, die zu Beginn des Stücks das Wort „Determinisme“ bilden, werden nach einiger Zeit umgestellt, zu lesen ist dann: „Merde mit Eis“. Eine Sexszene gibt es auch, dabei wird Wasser verspritzt; das Kunstsperma sieht weniger realistisch aus als das Blutimitat.

Die öffentliche Verwendung des Wortes „Scheiße“ ist inzwischen wohl nur noch für die Allerwenigsten wirklich schockierend. Viel nackte Haut und obszönes Verhalten auf der Theaterbühne hingegen sind nicht jedermanns Geschmack. Trotzdem gibt es in vielen modernen Inszenierungen genau das zu sehen. Doch warum ist das so? Geht es den Regisseuren einzig und allein um die Aufmerksamkeit, die ein Tabubruch auf der Bühne mit sich bringt? Oder verbirgt sich ein tieferer Sinn, eine Aussage, hinter den derben Ausdrücken, dem hemmungslosen Verhalten und dem Spiel mit dem Ekelgefühl der Zuschauer?

Gleiche Verhältnisse bei Rockmusicals und Kleist-Inszenierungen

In vielen modernen Theaterstücken gibt der Verfasser von vorneherein Szenen vor, die mit einiger Wahrscheinlichkeit bei Teilen des Publikums auf Ablehnung stoßen werden. Roland Schimmelpfennig etwa, der meistgespielte Dramatiker der Gegenwart, lässt die Protagonisten seines Stücks „Ambrosia“ große Mengen Alkohol konsumieren, schamlos rülpsen und Kellnerinnen begrapschen, in „Auf der Greifswalder Straße“ soll eine nur mit Unterwäsche bekleidete Schauspielerin kunstblutbeschmiert auf dem Boden liegen. Natürlich ist die Umsetzung solcher Szenen Sache des Regisseurs. Im Falle Schimmelpfennigs verwandelte zumeist der 2009 verstorbene Jürgen Gosch die Ideen des Dramatikers in deutliche, nichts beschönigende Bilder.

Überhaupt wird dem Theaterpublikum heutzutage vieles auf dem Silbertablett serviert, Phantasie ist kaum noch erforderlich, weil alles realistisch umgesetzt wird. Nur selten wird etwas lediglich abstrakt angedeutet; wenn jemand nackt sein soll, dann ist er nackt, wenn ein Paar Sex haben soll, dann passiert das auf der Bühne tatsächlich. In einer Zeit, in der es in Film und Fernsehen eher die Regel als die Ausnahme ist, wenn Gewalt und Intimitäten unverschleiert zu sehen sind, ist es kaum verwunderlich, dass man im Theater ähnliche Szenen erlebt – mit dem Unterschied, dass man nicht wegschalten kann.

Doch es sind nicht nur die modernen Stücke, bei denen den Zuschauer drastische Bilder erwarten. Es scheint auch ein Trend zu sein, klassische Stoffe auf eine Weise zu inszenieren, die dem Verfasser wahrscheinlich missfallen würde, wenn er einer Aufführung beiwohnen könnte. So wurde 2009 aus Arthur Schnitzlers „Reigen“ ein Rockmusical, dessen Titel bereits deutlich zeigt, womit das Publikum rechnen muss: „Nackt!“. Schon in der ursprünglichen Version des 1921 uraufgeführten Bühnenstücks geht es hauptsächlich um körperliche Liebe. Doch die Gedankenstriche, die Schnitzler verwendete, um den Geschlechtsverkehr zwischen den Paaren anzudeuten, wurden in „Nackt!“ zu Bewegungen und Lauten, die man eher in einem Pornokino erwarten würde als auf einer Musicalbühne. Von der Kunst Schnitzlers, nur die Geschehnisse vor und nach dem Verkehr zu schildern und den eigentlichen Akt der Phantasie des Publikums zu überlassen, bleibt nichts übrig. Auch in Armin Petras’ Inszenierung von Kleists „Hermannsschlacht“ bei den Münchner Kammerspielen 2010 wurde nichts verschleiert, die Vergewaltigung einer jungen Frau stattdessen auf ziemlich realistische Art und Weise dargestellt, schonungslos, drastisch.

Einen Protagonisten eines Theaterstückes nackt zu sehen löst in vielen Zuschauern das Gefühl aus, alles über diese Figur zu wissen. Man kennt ihren Körper, hat sie in den intimsten Situationen beobachtet. Sie wird durch das Entkleiden zu einem geheimnislosen Wesen, einem offenen Buch, man erwartet nicht, noch etwas grundlegend Neues zu sehen zu bekommen, nichts, was einen noch aufregen könnte. Beinahe empfindet man ein Gefühl von Langeweile.

Aus einem Seelenstriptease kann auf den Bühnen der heutigen Zeit leicht ein tatsächliches Entkleiden vor Publikum werden. 2007 entblößte sich der Schauspieler Ralf Beckord im Stadttheater Mönchengladbach, er spielte Biff Loman in Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“. In einer der letzten Szenen dieses Stücks sprechen sich Biff und sein Vater aus, sagen einander endlich einmal alles, was sie bewegt. Und in der Inszenierung von Thomas Goritzki befreit sich Biff nicht nur von seiner seelischen Last, die Aussprache wird durch das Ablegen der Kleidung unterstrichen. Dies kann man als raffinierten Kniff empfinden. Aber auch ganz einfach als platt. Der Zuschauer muss nicht interpretieren, doch die eigene Meinung kann er sich immer noch nur selbst bilden. Vielleicht ist es auch das, wozu die Regisseure des modernen Theaters auffordern wollen. Doch unabhängige Meinungsbildung fällt nicht ganz leicht in einer Zeit, in der es Berichterstattungen über Theater zumeist nur dann auf die vorderen Seiten der Zeitungen schaffen, wenn das rezensierte Stück in irgendeiner Weise skandalträchtig ist.

In vielen Fällen werden die Regisseure wohl auch von der künstlerischen Freiheit gelockt. Sebastian Baumgarten zeigte sich in einem Gespräch mit dem Dramaturg Christian Holtzhauer begeistert von der Interpretationsoffenheit von „Das Spiel ist aus“: „Das Drehbuch bietet viele Freiräume, die wir füllen können.“ Er hat sie gefüllt, mit lauten, chaotischen Szenen, mit Anspielungen auf politische und soziale Ereignisse des 20. und 21. Jahrhunderts, mit einem vollgepackten und sich nahezu ununterbrochen um die eigene Achse drehenden Bühnenbild. Doch muss man so radikal neu interpretieren, nur weil man es kann, nur weil der Text dazu Gelegenheit bietet? Freiheit um der Freiheit willen? Oder mit anderen Worten: Muss in einer modernen Inszenierung unbedingt nackt herumgelaufen, etwas demoliert, Flüssigkeit verspritzt werden?

Aufstehen als Form des Protests, Direktheit als Symbol der Wahrhaftigkeit

Ulrike Traub ist Theaterwissenschaftlerin, ihre Dissertation trägt den Titel „Theater der Nacktheit: Zum Bedeutungswandel entblößter Körper auf der Bühne seit 1900“. Darin untersucht sie die Reaktionen von Publikum und Medien auf nackte Haut und Sexszenen, und analysiert mögliche Gründe für diese Freizügigkeit. Es zeigt sich, dass nicht in jedem Fall der reine Wunsch nach Aufmerksamkeit einen Regisseur zu der Entscheidung für eine realistische Darstellung statt einer bloßen Andeutung bewegt. Die 2005 im Düsseldorfer Schauspielhaus gezeigte Inszenierung von Shakespeares „Macbeth“ durch Jürgen Gosch sorgte für einen Eklat, bekam man darin doch große Mengen Kunstblutes auf nackten, Frauenrollen spielenden Männerkörpern zu sehen. Traub vertritt die Ansicht, dass solche Bilder in diesem Fall die Stimmung des Stücks wiedergeben. Rund einem Drittel des Düsseldorfer Premierenpublikums blieb dieser tiefere Sinn jedoch verschlossen: Angeekelt verließen sie vorzeitig den Saal. Das Verlassen einer laufenden Vorstellung ist das Wegzappen des Theaterzuschauers, doch es gibt einen großen Unterschied: Wer aufsteht, obwohl das Stück noch nicht zu Ende ist, offenbart, dass er das, was auf der Bühne geschieht, nicht ertragen kann. Wenn sich also tatsächlich ein beträchtlicher Teil des Publikums dazu entscheidet, nicht bis zum Schluss auszuharren, sagt das eine ganze Menge über die Inszenierung aus. Während der Erfolg einer Fernsehsendung anhand der Einschaltquoten gemessen werden kann, bedeutet beim Theater eine große Zahl von vorzeitigen „Aussteigern“ auch eine große Zahl von Medienberichten.

Die Möglichkeit, den Raum zu verlassen, wenn einem die Vorstellung nicht passt, haben die Schauspieler nicht. In den meisten Rezensionen, die ein Stück als zu drastisch beschreiben, wird ihre Leistung ausdrücklich gelobt, an ihnen liegt es nicht, wenn die Zuschauer früher gehen, ein gutes Ensemble macht so manche grenzwertige Inszenierung erträglich. Doch wie fühlt es sich für die Darsteller an, auf der Bühne Dinge zu tun, die man nicht in der Öffentlichkeit – oder auch gar nicht – tun sollte? Die Schauspielerin Lisa Hagmeister erzählte 2009 in der „Zeit“ von ihrem ersten Nacktauftritt. Auch hier hieß der Autor des Stücks Roland Schimmelpfennig. In ihrer Sexszene in „Vorher/Nachher“ machte sich Hagmeister Gedanken um die Wirkung ihres nackten Körpers auf die Zusehenden: „Wie finden die Leute das, was sie sehen? […] Will ich überhaupt, dass mich hier jemand sexy findet?“ Gleichzeitig galt es, darauf aufzupassen, dass die Kleidungsstücke, die sie nach dem Bühnensex wieder anziehen musste, in Reichweite liegen blieben. Doppelter Stress für die Schauspielerin, die auch in der „Urfaust“-Inszenierung am Hamburger Thalia-Theater 2009 zeitweise fast nackt auf der Bühne stand.

Hagmeister hat auch ihre eigene Theorie bezüglich der Gründe für die vielen Nacktszenen in modernen Theaterstücken: „Manchmal wird Nacktheit als Mittel eingesetzt, um Wahrhaftigkeit zu symbolisieren, weil manche Regisseure glauben, sie seien damit per se pur und ehrlich.“ Trotzdem kann sie die Aufregung nicht verstehen, die in den Medien entsteht, wenn in einer Aufführung allzuviele Kleidungsstücke ausgezogen werden. Es stört sie, dass die Bilder, die dann von dem Stück in den Zeitungen zu sehen sind, ausschließlich die nackten Schauspieler zeigen. „Das steht in keinem Verhältnis zum Stellenwert dieser Szene im Stück.“

Und wie sieht es aus mit dem Verhältnis der Regisseure zu den Texten, die sie inszenieren? Ist es in Ordnung, Sexszenen in ein Stück einzubauen, das eigentlich keine enthält? Darf man das Gretchen im „Urfaust“ nur mit einer Unterhose bekleidet zeigen? Lisa Hagmeister sieht darin kein Problem. „Das gehört doch zum Leben dazu“, sagt sie, „und genau darum geht es doch im Theater!“ Sicherlich hat Goethe beim Verfassen seines Werkes nicht ausgeblendet, dass auch eine Person wie das brave Gretchen menschliche Triebe verspürt, geschrieben hat er davon jedoch nichts.  Man kann der Meinung sein, dass er es getan hätte, wenn er in einer anderen Zeit gelebt und gedichtet hätte, und dass es deshalb vollkommen legitim ist, bei einer modernen Inszenierung das zu zeigen, was im Originaltext allenfalls zwischen den Zeilen zu finden ist. Oder man sieht es wie Klaus von Dohnanyi, der ehemalige Bürgermeister der Stadt Hamburg. Er sagt, er habe grundsätzlich nichts gegen moderne Versionen klassischer Stücke, solange nicht „der ganze Witz, die Tiefe […] verloren gehen.“ Es ist ihm wichtig, dass das Original zu erkennen ist, dass man „die Substanz und den Umriss, die Botschaft, die Idee spüren“ kann. Ist das nicht der Fall, zeigt das seiner Meinung nach, dass der Regisseur Autor, Stück und Sprache „verachtet“. Von Dohnanyi ist in seiner Haltung so konsequent, dass er im Jahr 2000 während der Premiere der Inszenierung von Ferenc Molnárs „Liliom“ im Thalia-Theater laut protestierte. Onanie und ein detail- sowie blutreich dargestellter Selbstmord auf der Bühne machten das Stück in den Augen des Ex-Bürgermeisters „unkenntlich“, es wurde „geschreddert, verbraucht“.

Anspruch und Realität im Widerspruch

2005 führten zwei Sozialwissenschaftler der Universität Düsseldorf eine Untersuchung an drei Theatern der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt durch, um herauszufinden, wie sich das durchschnittliche Publikum zusammensetzt. Es ging ihnen dabei um Faktoren wie Alter, Geschlecht, Familien- und Bildungsstand. Die Erhebung, durchgeführt anhand von Fragebögen, ergab, dass das Durchschnittsalter der Theaterbesucher bei 48,1 Jahren lag,  die Düsseldorfer Opernbesucher waren mit 56 Jahren im Schnitt noch älter. Der aktuelle Trend zu sehr freien Interpretationen klassischer Werke und freizügigen modernen Stücken will nicht so recht dazu passen. Vielleicht wollen Regisseure sowie Dramatiker mit Hilfe solch drastischer Maßnahmen das Publikum verjüngen, anderen Freizeitgestaltungsmöglichkeiten wie beispielsweise dem Kino Konkurrenz machen. Hierbei stellt sich allerdings die Frage, ob es richtig ist, davon auszugehen, dass Jugendliche und junge Erwachsene nur über Skandale in die Theatersäle zu bekommen sind. In der Literaturszene haben Werke wie „Feuchtgebiete“ der ehemaligen MTV-Moderatorin Charlotte Roche gezeigt, dass viele junge Leute neugierig sind auf tabulose Schilderungen, trotzdem ist es fragwürdig, ob man deshalb jeder Inszenierung krampfhaft eine Porno-Atmosphäre verpassen muss. Hier zeigt sich die allgemeine Neigung, Jugendliche für eine Zielgruppe zu halten, die man nur für primitive Unterhaltung begeistern kann. Selbst wenn dies der Realität entspräche, wäre es wohl kaum der richtige Ansatz, dieser Vorliebe immer und überall, also auch im Theater, gerecht werden zu wollen.

Interessant ist, dass teilweise auch solchen Stücken auf Teufel komm raus ein moderner Anstrich verliehen wird, deren Aufführungen aufgrund ihrer Verankerung im Pflichtlehrplan für das Abitur ohnehin von vielen jungen Menschen besucht werden. Die Mönchengladbacher Inszenierung von „Tod eines Handlungsreisenden“ war, abgesehen von Biffs Entkleidungsszene, ziemlich nah am Original gehalten, so dass sich die Schüler der städtischen Gymnasien, die eine der Aufführungen im Rahmen des Englischunterrichtes besuchten, wahrscheinlich allenfalls gefragt haben, ob sie diese Szene in ihrer Reclam-Ausgabe womöglich einfach übersehen haben. Ob sie in der folgenden Englischstunde dazu kamen, über mehr zu diskutieren als lediglich über diese eine Szene, ist fraglich. Die sehr stark modernisierte Fassung von Friedrich Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“, die 2007 im Düsseldorfer Schauspielhaus zu sehen war, war für Schüler sicherlich interessant, Regisseur Volker Lösch spickte das Stück mit aktuellen sozialen und zum Teil lokalen Gegebenheiten und verwandelte einige der Bewohner des fiktiven Dorfes Güllen in türkische Immigranten. Die zentrale Aussage Dürrenmatts blieb zwar erhalten, doch ob die zahlreich anwesenden Schüler davon etwas mitbekommen haben, ist zu bezweifeln – zu groß war die Ablenkung vom Wesentlichen durch „Fortuna Güllen“-Witze, eine riesige Luxusyacht auf der Bühne und laut gegrölte Trinklieder.

Junge Menschen, die deutsche und fremdsprachige Dramen im Unterricht oder Studium lesen, analysieren und interpretieren müssen, muss man nicht mit Hilfe von Vulgaritäten in die dazugehörigen Aufführungen locken, sie kommen sowieso. Und junge Menschen, die aus freien Stücken ins Theater gehen, erwarten eine genauso intellektuelle Unterhaltung wie ältere Zuschauer.

Alles ist subjektiv

Genau wie alle anderen kulturellen Freizeitgestaltungsangebote auch entwickelt sich das Theater ständig weiter. Neue Trends sind in beinahe jeder Spielzeit zu entdecken, manchmal sind sie regional begrenzt, manchmal kommen sie überall an. Es ist nur natürlich, dass das Theater in einer sich schnell wandelnden Welt nicht auf der Stelle tritt. Einen solchen Stillstand würde auch sicher kaum jemand begrüßen. Die Frage, ob sich die modernen Zeiten immer in Form von Sex- und Gewaltszenen, Bühnenbilddemolierungen und alkoholisierten Protagonisten auf der Bühne niederschlagen müssen, kann man so oder so beantworten. Sicher ist jedoch, dass sowohl Dramatiker als auch Regisseure auf den „Brettern, die die Welt bedeuten“ weiterhin ihre Kreativität ausleben werden. Genauso sicher ist, dass die Medien auch in Zukunft Bühnenskandale ausführlich, klassische Inszenierungen dagegen nur kurzgefasst oder gar nicht thematisieren werden. Und auch die Zuschauer werden immer etwas finden, worüber sie während der Vorstellung mit ihrem Sitznachbarn flüstern können, das würden sie auch, wenn jeder Regisseur jedes Stück konsequent klassisch und ohne Abweichungen vom Text inszenieren würde.

Theater überrascht, hier gibt es nicht – wie beim Kino – einen Trailer, der schon fast alles über den Charakter des Stückes verraten könnte. Es gibt auch keine „Blick ins Buch“-Funktion wie beim Romankauf auf Amazon, keine Myspace-Seiten, auf denen man neue Songs schon vor Erscheinen der CD hören kann. Auch wenn man die Handlung vor der Aufführung bereits genauestens kennt, ist es doch immer eine Frage der Inszenierung und des subjektiven Empfindens, ob der Abend zu einer Offenbarung oder doch eher zu einer Enttäuschung wird. Eine Bühne, die nach 120 Minuten vom Chaos beherrscht wird, kann dabei für den einen ein Zeichen von künstlerischer Genialität sein, für den anderen ein Anlass zur Beschwerde – in Erinnerung bleiben wird sie so oder so. Und vielleicht ist es ja ganz einfach das, was Regisseure wie Sebastian Baumgarten bezwecken wollen.


Quellen:

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von Dohnanyi, Klaus; N. N. (2000): So wird das Theater zerstört. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-18074406.html

Grund, Stefan (2000): Das Liliom-Massaker fand nicht auf der Bühne statt. http://www.welt.de/print-welt/article554991/Das-Liliom-Massaker-fand-nicht-auf-der-Buehne-statt.html

Hagmeister, Lisa; Seifert, Leonie (2009): Das erste Mal. Nackt auf der Bühne. http://www.zeit.de/campus/2009/03/erstes-mal-nackt

Ingenpahs, Heinz J. (2007): Theater. Willy Lomans große Lebenslüge. http://www.wz-newsline.de/lokales/krefeld/kultur/theater-willy-lomans-grosse-lebensluege-1.461101

N. N. (2010): Die „Hermannsschlacht“. Auch Helden sind Menschen. http://www.merkur-online.de/nachrichten/kultur/die-hermannsschlacht-auch-helden-sind-menschen-965073.html

N. N. (2011): Warum müssen Shakespeares Hexen nackt sein? http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article12346884/Warum-muessen-Shakespeares-Hexen-nackt-sein.html

Nobel Media AB (2012): The Nobel Prize in Literature 1964. Jean-Paul Sartre. http://www.nobelprize.org/nobel_prizes/literature/laureates/1964/sartre-bibl.html

Renk, Claudia (2012): Die Essenz des Lebens. http://www.badische-zeitung.de/theater-rezensionen/die-essenz-des-lebens–54767217.html

Reuband, Karl-Heinz; Mishkis, Angelique: Unterhaltung oder intellektuelles Erleben? Soziale und kulturelle Differenzierungen innerhalb des Theaterpublikums, in: Institut für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft, Hrsg., Jahrbuch für Kulturpolitik 2005. Essen: Klartext Verlag 2005, S. 210-224

Schauspiel Stuttgart (2012): Neues Spiel, neues Glück? http://www.schauspiel-stuttgart.de/download/8287/journal_das_spiel_ist_aus.pdf

Schauspiel Stuttgart (o. J.): Das Spiel ist aus. http://www.schauspiel-stuttgart.de/spielplan/das-spiel-ist-aus/

Spreng, Eberhard (2006): Mittelstand am Stammtisch. http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kulturheute/546181/

Stadelmaier, Gerhard (2006): Wir Geschändeten. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/theater-wir-geschaendeten-1303152.html

Stadelmaier, Gerhard (2009): In der Einsamkeit der Figurenfelder. Zum Tod von Jürgen Gosch. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/zum-tod-von-juergen-gosch-in-der-einsamkeit-der-figurenfelder-1813948.html

Stiftung Deutsches Historisches Museum (o. J.): Arthur Schnitzler. http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/SchnitzlerArthur/

Werner, Hendrik (2009): „Nackt!“ ist leider eine Inszenierung mit Blößen. http://www.welt.de/kultur/article5049721/Nackt-ist-leider-eine-Inszenierung-mit-Bloessen.html

2 Gedanken zu „Geheimnislos auf der Bühne

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