Ach was!?

Ich tue mich immer schwer mit Überschriften. Meistens fällt mir keine ein, und irgendwann nehme ich dann die erstbeste, die mir in den Sinn kommt. Bei diesem Post aber war es mehr die Qual der Wahl. Welches der gefühlt tausend Loriot-Zitate, die ich schon seit meiner Kind­heit auswendig kann, sollte ich nehmen? Wie man sieht, entschied ich mich für ein sehr ein­faches, eines, das in vielen Loriot-Sketchen vorkommt, und das man genau so aussprechen muss wie Loriot in seinen diversen Rollen, damit es richtig wirkt.

Wie wahrscheinlich die meisten von euch mitbekommen haben, wäre Loriot vorgestern, am 12. November, 90 Jah­re alt geworden. Ich erinnere mich noch gut daran, wann, wie und wo ich von seinem Tod erfahren habe: Einen Tag später, abends, über die elektronische Nach­richten-/Werbetafel in der Stuttgarter U-Bahn-Haltestelle Stadtmitte, zusammen mit einer Freundin. Auch wenn Loriot bei seinem Tod bereits 87 Jahre alt war, kam diese Neuigkeit für uns beide ziemlich überraschend und wir waren wirklich traurig. Aber es war auch ein Mo­ment, in dem man sich an wahnsinnig vieles erinnerte, Sketche, Figuren, Zeichnungen, Zita­te, Cartoons, al­les gleichzeitig. Und für mich ist all das untrennbar verbunden mit meiner Fa­milie.

In meiner Familie sind die Werke von Loriot sozusagen omnipräsent. Und das schon immer. Ich weiß nicht mehr, wie alt ich war, als ich das erste Mal etwas von ihm sah, hörte oder las, aber ich erinnere mich daran, dass mich das Buch mit dem Titel „Loriots heile Welt“ im Wohnzimmerregal meiner Eltern schon immer irgendwie fasziniert hat, und sei es nur, weil es so dick ist. Und auch wenn das jetzt kitschig klingen mag, irgendwie ist dieses Buch (und damit auch alles andere von Loriot) ein Teil meiner eigenen „heilen Welt“. Es ist nahezu un­möglich, einen Tag mit meiner Familie zu verbringen, ohne dass man mindestens einmal hört, wie Loriot zitiert wird. Er und seine Werke sind neben Hanns-Dieter Hüsch, den Prota­gonisten aus dem „Hauptmann von Köpenick“, Wilhelm Busch und meinem Opa unsere wichtigsten Zitat­quellen. Meine Schwester und ich hatten früher großen Spaß daran, seine Sketche mit ver­teilten Rollen vorzulesen. Dann wurden wir zu seinen Figuren. Zu Herrn Hallmackenreuter aus dem Bettenfachgeschäft. Zu Herrn Doktor Klöbner und Herrn Müller-Lüdenscheidt in der Badewanne. Zu Berta, die im Gefühl hat, wann das Frühstücksei für ihren Gatten fertig ist. Zu Weinvertreter Blümel, der die zu verkaufenden Weine nach übermäßigem Genuss derselben als „ver­korkst“ bezeichnet. Zu Opa Hoppenstedt und seinem Enkel Dicki („ein hübsches Kind!“), deren Vorstellungen von Weihnachten nicht ganz denen der Eltern entsprechen. Zu den Herren Striebel und Vogel, die in Herrn Moosbach einen eher weniger geeigneten Skatpartner fin­den. Und zu diversen Flugreisenden, Politikern, Wissenschaftlern, vermeintlichen Astronau­ten, Ehegattinnen und –gatten, Knollennasenmännchen und und und.

Und auch sonst hatten Loriots Werke schon immer irgendwie Einfluss auf mein Leben. In der Weihnachtszeit kann ich bis heute keine Marzipankartoffeln essen, ohne an die Rhein-Ruhr-Stahl-AG Duisburg-Ruhrort zu denken. Wenn ich am Opernhaus vorbeilaufe, frage ich mich, wann wohl mal eine Oper mit Hunden aufgeführt wird. Im vergangenen Wahl­kampf habe ich mir Opa Hoppenstedt als Polit-Talkshowgast gewünscht, damit das Ganze et­was amüsanter wird. Meine Schwester schickte mir während meiner Zeit in Estland einmal ei­ne Karte mit einem Mops darauf, in dessen Denkblase stand: „Ich vermisse dich“, dane­ben hatte sie geschrieben: „Ein Leben ohne Evi ist möglich, aber sinnlos“. Als ich diesen Som­mer im Flugzeug nach Island saß, habe ich mich gefragt, ob Lottogewinner Erwin Lindemann dort eigentlich inzwischen seine Herren-Boutique eröffnet hat. Und ich wette, dass das ers­te, was ich denken werde, wenn ich Anfang nächsten Jahres mein Bachelor-Zeugnis über­reicht bekomme, folgendes sein wird: „Da hab ich was eigenes!“

Was eigenes in Bezug auf Loriot hat seit vorgestern auch die Stadt Stuttgart, nämlich ein Denk­mal am Eugensplatz, vor dem Haus, in dem Loriot als Jugendlicher eine Zeit lang gelebt hat. Das Denkmal ist ziemlich schlicht, eine Säule im Stil des antiken Griechenland mit einer In­schrift und dem Familienwappen. Leider habe ich es selbst noch nicht gesehen, aber auf der Internetseite der Stuttgarter Zeitung kann man einige Bilder von der Enthüllung des Denk­mals sehen. Zu diesem Anlass erschienen übrigens auch zwei Möpse. Was würde Loriot wohl sagen, wenn er das wüsste? Richtig: „Ach was!?“

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4 Gedanken zu „Ach was!?

  1. Vielleicht müsste man dieses „ach was!“ eher so schreiben: „ach was!?“ – Das zusätzliche Fragezeichen deshalb, weil es ja wie ein ebenso ungläubiges wie desinteressiertes (vorgetäuschtes) Staunen ausdrückt . . . „Was Sie nicht sagen!?“ (was im Grunde heißt: „Sie reden völliges uninteressantes Zeug daher, aber ich will ja nicht unhöflich sein“)

    Übrigens: Es gibt außer Loriot, H.-D. Hüsch und den „Hauptmann von Köpenick“ (Zuckmayer) noch eine hervorragende Zitatenquelle für alle Lebenslagen: Wir wollen doch den Wilhelm Busch nicht vergessen mit solchen Highlights wie z.B. Witwe Bolte: „Damit sie von dem Sauerkohle eine Portion sich hole, wofür sie besonders schwärmt, wenn er wieder aufgewärmt“ oder „hoch ist hier Frau Böck zu preisen, die mit einem Bügeleisen . . .“ oder „Jeder weiß, was so ein Mai- Käfer für ein Vogel sei“.

    1. Stimmt, Wilhelm Busch hatte ich vergessen! Ich selbt schwärme zwar nicht für Sauerkohl, egal ob frisch oder aufgewärmt, aber der Spruch ist natürlich super. Mit dem Fragezeichen hast du Recht, ich habe das mal geändert.

  2. Schöner Text – besser als ein Denkmal in Form einer Säule! Man sollte stattdessen im Stuttgarter Bahnhof public viewing von Loriot-Sketchen organisieren.Vielleicht wäre dann die Akzeptanz des Bahnhofs bei den Bürgern höher.

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