Große Klappe

In einer Sonderbeilage der Zeit zur Frankfurter Buchmesse erschien unter dem Titel „Bitte lies mich!“ vor Kurzem eine Top Ten der Klappentext-Stilblüten. Davon inspiriert habe ich wieder einmal unser Bücherregal unter die Lupe genommen, nachdem ich es ja bereits nach guten ersten und letzten Sätzen sowie gelungenen Widmungen untersucht hatte. Mir ging es aller­dings, im Gegensatz zu dem Journalisten der Zeit, nicht darum, besonders nichtssagen­de, peinliche oder plumpe Klappentexte zu entlarven, und ich wollte auch keine Rang­folge er­stellen. Das hier wird vielmehr eine lose Sammlung von Klappentexten beziehungs­weise Aus­schnitten aus selbigen, die mir aus unterschiedlichen Gründen gefallen.

Der Verleger Jochen Jung hat einmal gesagt, ein Klappentext solle „informieren, reflektieren, animieren und amüsieren“. Ich kenne allerdings kaum eine Buchrückseite, die es tatsächlich schafft, alle vier dieser Aufgaben zu erfüllen. Wie sollte auch der Klappentext zu einem trau­rigen Roman den Leser amüsieren? Mit der Reflexion ist es in den meisten Fällen auch nicht besonders weit her, schließlich dient der Klappentext für Verlag und Autor in erster Linie als Werbemittel, weswegen man kaum mit wirklich objektiv-reflektierenden Aussagen auf der Rückseite eines Buches rechnen kann. Also sollte man seine Ansprüche an einen guten Klap­pen­text vielleicht auf die Erfüllung der Funktionen „informieren und animieren“ reduzieren.

Ich empfinde es jedes Mal als sehr negativ und abschreckend, wenn ein Buch gar keinen rich­tigen Klappentext hat, wenn zum Beispiel lediglich die Lobeshymne irgendeines Journalisten auf der Rückseite zu finden ist, und man sich nur ein Bild von dem Roman machen kann, in­dem man ihn aufschlägt und ein paar Seiten überfliegt. Dazu habe ich aber nur dann Lust, wenn es sich entweder um einen Roman eines Autors handelt, den ich sowieso gerne lese, oder Cover und Titel wirklich ansprechend sind. Wenn man Pech hat, ist das Buch im Laden einge­schweißt und man hat gar keine Chance, herauszufinden, was man vom Inhalt und dem Stil des Autors halten soll. Ich habe noch nie ein Buch gekauft, nur weil der Verlag einen Aus­schnitt aus einer besonders positiven Rezension hinten drauf gedruckt hat. Ein bisschen was vom Inhalt sollte man zumindest erahnen können.

Hier nun also ein paar Sätze aus Klappentexten von Büchern, die tatsächlich den Weg in un­ser Regal gefunden haben. Sicherlich waren nicht bei allen die Klappentexte ausschlagge­bend für den Kauf, und viele der Bücher habe ich geschenkt bekommen, aber wäre das Regal eine kleine Buchhandlung, würde ich einige der Romane bestimmt aufgrund bestimmter Aus­schnitte aus ihren Klappentexten gerne kaufen wollen. Damit alles nicht so durcheinan­der geht, habe ich die Liste in drei Kategorien eingeteilt: Ausschnitte aus eigentlichen Klap­pen­texten, Ausschnitte aus Aussagen anderer über das Buch, und Ausschnitte aus Aussagen des Autors selbst (von letzterer Kategorie habe ich allerdings nur ein Beispiel gefunden, das da­für aber besonders gut ist).

Eigentliche Klappentexte:

„Er weiß gerade noch, dass er Tavetti Rytkönen heißt […], als ihn Taxifahrer Seppo in Helsinki aufgabelt. Auf die Frage ,Wo soll’s hingehen?’ lautet Rytkönens Antwort: ,Egal, ein­fach vorwärts.’“ [Arto Paasilinna: Der Sommer der lachenden Kühe]

„In einem abgelegenen Motel irgendwo in der Wüste Arizonas kämpfen vier Schriftsteller ge­gen ihre Schreibblockaden und geraten in skurrile Abenteuer.“ [Rolf Lappert: Der Himmel der perfekten Poeten]

„Vier Morde innerhalb von zwei Wochen sind mindestens drei zu viel für eine kleine Insel­gruppe wie die Färöer […].“ [Jógvan Isaksen: Option Färöer]

„Have you ever made a drunken bet? Worse still, have you ever tried to win one? In attemp­ting to hitchhike round Ireland with a fridge, Tony Hawk did both, and his foolhardiness led him to one of the best experiences of his life.“ [Tony Hawk: Round Ireland With a Fridge]

„[…] die Geschichte eines Mannes, der reden kann wie ein Buch, aber faul ist wie die Sünde.“ [Einar Kárason: Sturmerprobt]

„Zwei Jungs. Ein geknackter Lada. Eine Reise voller Umwege durch ein unbekanntes Deutsch­land.“ [Wolfgang Herrndorf: Tschick]

„Fernab von Reykjavík […] ist Island bisher vom Fortschritt verschont geblieben.“ [Jón Kalman Stefánsson: Das Licht auf den Bergen]

„My name is Peter Grant, and I used to be a probationary constable in that mighty army for justice known to all right-thinking people as the Metropolitan Police Service, and to every­one else as the Filth.“ [Ben Aaronovitch: Rivers of London]

Andere über das Buch:

„Jón Kalman Stefánsson erzählt mit jenem typisch isländischen Ton, bei dem Lachen und Weinen manchmal ein Wort voneinander entfernt sind, Wunder aber jederzeit geschehen können. (Kultur Spiegel)“ [Jón Kalman Stefánsson: Verschiedenes über Riesenkiefern und die Zeit]

„The whole book is driven by the sheer lunacy of the original proposition, and the sweet bot­tom line is that anything that brings people together and shows them this good a time isn’t stupid at all. (The New York Times)“ [Tony Hawk: Round Ireland With a Fridge]

„Nicht nur Spannung, sondern auch ein tiefer Einblick in die Psyche der Isländer. (NDR)“ [Viktor Arnar Ingólfsson: Das Rätsel von Flatey]

„Fast könnte man meinen, Ellings Großonkel sei nach Berlin gereist, um eine letzte lange Nacht auf Erden zu verbringen.“ [Ingvar Ambjørnsen: Eine lange Nacht auf Erden. – Anmerkung: Ambjørnsen ist Autor der Elling-Romane]

„Dieses Buch sollte man langsam lesen, am besten auf dem Rücken liegend: wie beim Be­trachten des Himmels. (Les Inrockuptibles)“ [Stéphane Audeguy: Der Herr der Wolken]

„If George Orwell had tripped over a paint pot or Douglas Adams favoured colour swatches in­stead of towels … neither of them would have come up with anything as eccentrically bril­liant as Shades of Grey.“ [Jasper Fforde: Shades of Grey. 1 – The Road to High Saffron]

Der Autor über sein Buch:

„Dieses Buch ist mein Versuch, das 20. Jahrhundert Finnlands anhand einer Familie einzufan­gen, deren Männer Spezialisten darin sind, am falschen Ort zur falschen Zeit das Falsche zu tun.“ [Kjell Westö: Vom Risiko, ein Skrake zu sein]

Übrigens habe ich bisher nur ein einziges Mal ein Buch hauptsächlich wegen seines Äußeren gekauft, und das, obwohl ich Bücher, die auf Englisch verfasst worden sind, eigentlich immer lieber im Original als in der Übersetzung lese. Es handelte sich um eine Sonderausgabe in einem speziellen Format, und irgendwie konnte ich das Buch nicht einfach wieder ins Regal stellen, irgendwie musste ich es kaufen. Das war vor etwa zwei Jahren, gelesen habe ich es bisher nicht, aber ich werde schon noch herausfinden, ob sich der Kauf wirklich gelohnt hat.

Das hier ist es
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2 Gedanken zu „Große Klappe

  1. Das hast Du gut ausgesucht! Ich habe es bereits gelesen, und es wurde zur Einstiegsdroge – alle anderen Matt Ruff Romane folgten! Klappentexte und Cover sind eine interessante Angelegenheit, doch meistens enttäuschen sie, und was Lobeshymnen und gute Kritiken angeht, bin ich Deiner Meinung – Sie sagen meist überhaupt nix aus.

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