Dienstag, 27.08.2013/Mittwoch, 28.08.2013: Ein langer Abschied

Morgens um sieben Uhr werden wir von Babygeschrei aus dem Nebenzimmer geweckt. Zwar hat sich das französische Kind auf die Minute genau an die Nachtruhezeit in der Jugendherberge gehalten, aber dafür schreit es jetzt so durchdringend, dass anscheinend alle Gäste auf unserer Etage wach werden, denn plötzlich entsteht ein Run auf die einzige Dusche hier oben. Als ich schließlich ins Bad kann, ist das Wasser nur noch lauwarm, das ist eben der Nachteil, wenn das Wasser elektrisch erhitzt wird. Beim Anziehen weiß ich, dass ich diese Klamotten jetzt bis zum nächsten Morgen gegen 10:30 Uhr (deutscher Zeit) anbehalten werde.

Unser Plan für heute ist, ganz in Ruhe in Richtung Keflavík zu fahren, dabei zwischendurch anzuhalten, wo es uns gefällt, und frühestens gegen 22 Uhr am Flughafen zu sein. Wir fliegen beide um 00:45 Uhr ab, mein Vater nach Düsseldorf, ich nach Berlin-Tegel und von da weiter nach Stuttgart. Die Flugzeiten sind bei einer Islandreise von Deutschland aus immer ziemlich unangenehm, und ich frage mich jetzt schon, wie ich mich wohl bei der Ankunft in Stuttgart fühlen werde. Durch die Zeitverschiebung – in Island ist es zwei Stunden früher als in Deutschland – lande ich zu einer Zeit, zu der andere Leute schon längst bei der Arbeit sind. Am Schlimmsten werden wahrscheinlich die zwei Stunden Aufenthalt in irgendeinem winzigen Gate in Berlin. Hoffentlich gibt es da wenigstens Sitzplätze. Aber darüber will ich eigentlich noch gar nicht nachdenken, die Sonne scheint und wir haben noch einen ganzen Tag hier in Island.

Beim Frühstück wird es sehr eng im Essbereich, aber da wir fast die Einzigen sind, die nicht das Frühstücksbuffet der Jugendherberge nutzen, müssen wir wenigstens nicht anstehen und haben die Küche für uns allein. Passend zum Öko-Gesamtkonzept dieser Jugendherberge gibt es am Buffet Eier der hauseigenen Hühner, selbstgebackenes Brot und Waffeln, dazu hausgemachte Marmelade. Sieht schon nicht schlecht aus. Irgendwann in der letzten Nacht muss noch eine deutsche Familie mit gelangweilter Teenie-Tochter angekommen sein. Der Vater beschwert sich erfolglos auf Deutsch über die Lautstärke, die die beiden dänischen Ehepaare am Nachbartisch entwickeln, als sie über Islandpferde in Dänemark diskutieren. Während wir unsere Knäckebrot- und Marmeladenreste und das letzte Ei essen, fängt es an zu regnen, der Strand mit den Felsspitzen im Meer bietet ein dramatisches Bild, wenn man hier aus dem Fenster schaut.

Vík am Morgen
Vík am Morgen

Dann hole ich meinen Koffer aus dem Auto, damit ich schonmal alles packen kann. Vor dem Haus sitzt der Hund, der gestern Abend bei unserer Ankunft in der Hundehütte gegenüber schlief. Er sitzt ganz still da, schnüffelt nur einmal kurz an meinem Arm, als ich vorbeigehe. Dann, als der Regen stärker wird, verzieht er sich wieder in seine Hütte. Das Packen bedeutet keinen großen Aufwand, eigentlich muss ich nur ein paar Sachen von meinem für die Reise zur Übernachtungstasche umfunktionierten Handgepäck in den Koffer umpacken. Sollte mein Koffer dieses Mal nicht direkt ankommen, ist es ja nicht so schlimm, auf die wenigen Sachen, die ich dabei habe, kann ich in Stuttgart zur Not auch erstmal ein paar Wochen verzichten.

Als wir von der Jugendherberge wegfahren, ist es Zeit für ein kleines Résumée bezüglich unserer Unterkünfte bei dieser Reise. Die sieben Herbergen waren sehr unterschiedlich, aber sie alle boten alles, was man braucht, waren sauber und gepflegt. Manche Betten waren etwas zu weich, aber ich habe nirgendwo schlecht geschlafen, denn ruhig war es auch immer. Am besten gefielen mir die Herbergen in Borgarnes, Siglufjörður und Kópasker, am wenigsten die in Höfn. Aktuell gibt es insgesamt 33 Jugendherbergen in Island, die zum Jugendherbergsverband gehören. Rechnet man die in Njarðvík, die inzwischen privat ist, mit, kennen wir davon nun 13, plus fünf oder sechs, die es inzwischen nicht mehr gibt. Nach dem eigenen Zelt sind die Jugendherbergen wohl die günstigsten Übernachtungsmöglichkeiten in Island, wobei auch sie keinesfalls billig sind. Ich kann mir gar nicht vorstellen, auf andere Art durch dieses Land zu reisen. Wie schon gesagt, es ist immer irgendwie abenteuerlich, in einer Herberge anzukommen, die man noch nicht kennt. Und wir haben bei unseren drei Reisen schon die unterschiedlichsten Schlafstätten erlebt. Einmal haben wir in einem dieser weißen Container übernachtet, in denen sonst Bauarbeiter schlafen. In den Westfjorden schauten immer ein paar Schafe zum Fenster rein, wenn man in der Jugendherberge auf Toilette ging oder duschte. Eins unserer Zimmer befand sich im Privathaus einer Familie, der Wintergarten fungierte als Gästeküche. Auch in einem Internat haben wir übernachtet, das Lehrerzimmer diente als Essbereich. Zudem schliefen wir in einem Golfclub, in einem gemischten Schlafsaal in Reykjavík, und in ein paar ehemaligen Bauernhöfen. Jetzt sind wieder ein paar Erfahrungen hinzugekommen, über die wir sicherlich noch oft sprechen werden.

Eigentlich hatten wir ja die Idee gehabt, den Tag mit einem kleinen Rundgang durch Vík zu beginnen, aber aufgrund des Regens fahren wir nur ein bisschen mit dem Auto durch die Straßen des Ortes. Wir halten am Strand, um die Felsspitzen aus der Nähe zu sehen. An diesem Strand soll man von Mai bis Anfang September besonders gute Chancen haben, Papageitaucher zu Gesicht zu bekommen, aber bei Regen und Wind haben wir keine Lust, länger draußen zu stehen und zu warten. Hier am Strand befindet sich der Þýskur minningarsteinn, was man auf dem Hinweisschild als „Deutsche Gedankstein“ übersetzt hat, es handelt sich um einen Steinklotz „zum Gedenken an die Seeleute, die in der deutschen Islandfischerei ihr Leben verloren“, wie darauf zu lesen ist.

Das Hotel "Papageitaucher" in Vík
Das Hotel „Papageitaucher“ in Vík

Wir verlassen Vík und machen uns auf zur nahegelegenen Dyrhólaey, zu Deutsch Türhügelinsel. Allerdings ist diese heute keine Insel mehr, sondern ein ins Meer vorspringender großer Felsen mit einer Öffnung, die tatsächlich aussieht wie ein Tor. Vom dortigen Parkplatz aus kann man die Felsspitzen von Vík noch einmal von der anderen Seite bewundern. Ich kämpfe mich bei Seitenwind und noch immer anhaltendem Regen einen kleinen Hügel hinauf, aber von dort kann man das Felstor kaum sehen. Als ich wieder herunterlaufe, habe ich das Gefühl, ich könnte jederzeit vom Boden abheben, so stark zerrt der Wind an mir. Auch von einem kleinen Vorsprung unterhalb des Hügels kann man so gut wie gar nicht erkennen, dass der Felsen im Meer ein Loch hat. Man kommt einfach nicht weit genug vor, um das wirklich sehen zu können. Also steige ich nass, zerzaust und etwas enttäuscht wieder ins Auto.

Straßenschild auf der Strecke
Straßenschild auf der Strecke
Die Felsen von Vík noch einmal von der anderen Seite
Die Felsen von Vík noch einmal von der anderen Seite
Dyrhólaey, so gut man es eben erkennen kann
Dyrhólaey, so gut man es eben erkennen kann

Nach einer Weile zeichnen sich Risse ab in der dicken, grauen Wolkendecke, ein paar blaue Abschnitte entstehen. Die nächste Natursehenswürdigkeit ist der Skógafoss, ein beeindruckender, etwa 60 Meter hoher Wasserfall. Anders als am Dettifoss befindet sich der Parkplatz hier unterhalb des Wasserfalls, und das Wasser stürzt auch nicht in eine große Schlucht, sondern bildet einen kleinen Fluss im Grünen. Dieses Wasser stammt übrigens zum Teil vom Eyjafjallajökull, dem Gletscher, der seit 2010 in ganz Europa bekannt ist, weil er damals für so einige Flugausfälle verantwortlich war. Etwas weiter entfernt befindet sich in einem Berg am Straßenrand eine Höhle. Mein Vater stellt das Auto darin ab. Zwar führt die Höhle nicht gerade tief in den Berg hinein und ist an sich wenig spektakulär, aber die Tatsache, dass wir darin parken, zieht die Aufmerksamkeit anderer auf sich, zwei Touristen halten am Straßenrand und fotografieren uns.

Der Skógafoss
Der Skógafoss

Von hier ist es nicht mehr weit bis zu dem Hafen, von dem aus man mit der Fähre auf die Vestmannaeyjar (Westmänner-Inseln) fahren kann. Bis vor ein paar Jahren legte das Schiff im Hafen des Ortes Þórlákshöfn ab, diese Strecke war recht weit, durch den Bau des neuen Hafens hat man sie deutlich verkürzen können. Allerdings gehört dieser Hafen eigentlich zu keinem Ort so richtig dazu, er befindet sich einfach irgendwo an der Küste. Als wir in die Straße einbiegen, die zum Hafen führt, entdecken wir ein Straßenschild, das wir noch nie zuvor gesehen haben: Schießen verboten! Es steht an einem Rastplatz mit Picknickbänken. Da stellen sich drei Fragen: Bestand hier tatsächlich Handlungsbedarf? Worauf sollte man hier schießen wollen? Und bedeutet die Tatsache, dass Schießen hier explizit verboten ist, dass man in Island ansonsten überall einfach rumballern darf? Ein paar Meter weiter sehen wir das Schild noch einmal. Ich fotografiere es. Auf meine SD-Karte passen jetzt noch 80 Bilder.

Die Fähre, die den Namen Herjólfur trägt, liegt gerade im Hafen und wird bald abfahren. Jetzt im Sommer verkehrt sie fünf Mal täglich, häufiger, als wir erwartet hatten. Wir überlegen kurz, mitzufahren und uns die Inseln anzuschauen, aber die nächste Fähre zurück hierher fährt erst am späteren Nachmittag. Da wir keine Ahnung haben, wie lange sie für die Strecke benötigt, lassen wir es lieber sein, nicht, dass wir am Ende noch unter Zeitdruck geraten. Schließlich gibt es auf der Fahrt von hier nach Keflavík auch noch ein bisschen was zu sehen. Zudem müssten wir vier Stunden auf den Inseln totschlagen, was bei Nieselregen wahrscheinlich nicht so einfach wäre. Also fotografieren wir die Inseln nur aus der Ferne, sie liegen im Nebel und sehen von hier aus unbewohnt aus, obwohl dort immerhin etwa 4000 Menschen leben.

Schießen verboten!
Schießen verboten!
Die Fähre zu den Westmänner-Inseln
Die Fähre zu den Westmänner-Inseln
Spielplatz am Fährhafen
Spielplatz am Fährhafen
Die Inseln im Nebel
Die Inseln im Nebel

***

Die Stadt Selfoss verbinden die meisten Isländer wahrscheinlich vor allen Dingen mit Mjólkurbú Flóamanna, der Molkerei, die sich hier befindet, sie ist die größte Molkerei Islands. Mit seinen über 6000 Einwohnern ist Selfoss eine richtige Großstadt. Im Reiseführer steht, ihr Reiz erschließe sich nicht auf den ersten Blick. Stimmt, vor allem im Regen. Der Fluss Ölfusá fließt mitten durch die Stadt, die dadurch in zwei Teile geteilt wird. Es gibt eine große, zweispurige Hängebrücke über den Fluss, dadurch wirkt die Stadt noch einmal irgendwie größer und ziemlich untypisch für Island. Da wir die im Reiseführer angepriesenen zahlreichen und vielfältigen Freizeitgestaltungsmöglichkeiten, die Selfoss bieten soll, nicht nutzen möchten, parken wir am Ufer der Ölfusá und essen Butterbrote. Als der Regen aufhört, ist ein Regenbogen über dem Fluss zu sehen. Dann verlassen wir die Stadt, ohne ihren Reiz wirklich erkannt zu haben.

Werbung für eins der Produkte der großen Molkerei in Selfoss
Werbung für eins der Produkte der großen Molkerei in Selfoss
Am Ufer der Ölfusá in Selfoss
Am Ufer der Ölfusá in Selfoss
Wenn man genau hinsieht, kann man den Regenbogen erkennen
Regenbogen über Selfoss und der Ölfusá

Wir biegen ab in einen Ort, den wir schon von 2005 kennen: Stokkseyri. Jetzt scheint die Sonne und der Wind ist deutlich schwächer geworden. Bei 11 Grad kann man so sehr gut eine kleine Runde durch den Ort gehen. Er wirkt gepflegter als viele Orte von vergleichbarer Größe im Norden oder Osten des Landes, es gibt kaum angegammelte Buden. Hauptattraktion von Stokkseyri ist das Geistermuseum, wer – wie wir – dort nicht hineingeht, hat in kurzer Zeit alles gesehen in diesem Ort.

In der Nähe liegt Eyrarbakki. Hier befindet sich Litla-Hraun, das größte Gefängnis Islands, das auch in manchen Kriminalromanen vorkommt. Ansonsten sieht es im Ort ähnlich aus wie in Stokkseyri. Es gibt eine schöne, dunkelbraune Holzkirche mit weißem Turm, bunte Häuser und einen kleinen Weg, der oberhalb des Strandes entlang führt. Auch hier sind die meisten Häuser sehr ordentlich, und anscheinend wurden seit 2005 einige neue öffentliche Gebäude gebaut, zum Beispiel ein großes Schwimmbad. Schwimmen gilt ja als Lieblingssport der Isländer, und ich kenne kaum einen Ort, in dem man nicht früher oder später einen Wegweiser zur Sundhöll (Schwimmhalle) oder zum Sundlaug (Schwimmbad) entdeckt.

Ein Haus in Stokkseyri
Ein Haus in Stokkseyri
Die Kirche von Eyrarbakki, davor unser Leihwagen
Die Kirche von Eyrarbakki
Eine bunte Straße in Eyrarbakki
Eine bunte Straße in Eyrarbakki
Auch in Eyrarbakki
Auch in Eyrarbakki

Wir fahren zurück auf die Straße Nr. 1. Hinter Selfoss liegt noch Hveragerði. Diese Stadt von etwa 2300 Einwohnern gilt als Islands Gartenstadt. Das liegt daran, dass mehrere heiße Quellen quasi direkt im Stadtgebiet liegen. Sie dienen als Wärmequelle für die vielen Gewächshäuser, die hier stehen. In einer Broschüre lese ich: „surely there are not many communitites in the world with hot springs literally in their back yard“, und tatsächlich schauen einige Einwohner von Hveragerði von ihren Fenstern direkt auf die heißen Quellen, überall liegt ein leichter Schwefelgeruch in der Luft. Die Stadt ist zudem sehr grün und geradezu waldig, es gibt sogar einen Park, und zum ersten Mal sehe ich in einem isländischen Ort Häuser zwischen Bäumen stehen. Huldar Breiðfjörð bezeichnet Hveragerði in „Liebe Isländer“ als „isländische[s] Florida der älteren Mitbürger“.

Ein bunt bemaltes Haus in Hveragerði
Ein bunt bemaltes Haus in Hveragerði
Heiße Quellen in Hveragerði
Heiße Quellen in Hveragerði

Wir trinken Kaffee in einer Bäckerei und sitzen sogar wieder draußen. Die Sonne wärmt uns, und die Atmosphäre der Stadt gefällt uns gut, so bleiben wir eine ganze Weile dort sitzen. Die Arbeit in den Gewächshäusern scheint durchaus auch Menschen aus dem Ausland nach Hveragerði zu locken, man sieht einige Leute, deren Haut- und Haarfarbe verraten, dass sie keine Isländer sind. Auch die Studentenschaft der örtlichen Landwirtschaftsschule soll zu Teilen international sein. Nicht nur die vielen Bäume im Stadtbild sind etwas Besonderes für eine isländische Kleinstadt, auch die Tatsache, dass es hier ein richtiges Einkaufszentrum gibt, ist nicht gerade typisch. Zwar befinden sich in dem Zentrum nur eine Bäckerei, ein Souvenirshop, die Touristeninformation und die Bibliothek – aber immerhin. Bibliotheken in Einkaufszentren sind immer eine gute Idee.

Es ist circa 17 Uhr, ab jetzt gibt es keinen festen Plan mehr für diesen letzten, langen Tag. Obwohl wir uns eigentlich über jede Minute freuen, die wir in Island verbringen können, haben wir schon so langsam das Gefühl, dass wir die Zeit totschlagen müssen, dieser Tag will einfach nur irgendwie zu Ende gebracht werden. Wüsste man, dass man abends wieder irgendwo ankommen und übernachten kann, wäre es ein ganz anderes Gefühl. So, wie es jetzt ist, lässt es sich nicht vermeiden, in Gedanken schon beim Rückflug zu sein, auf den man keine Lust hat, und der sich ziemlich ziehen wird.

Bis Reykjavík sind es noch ungefähr 35 Kilometer. Ohne große Eile fahren wir in die Hauptstadt. Vor einer Woche sind wir bei Nieselregen durch die Innenstadt gelaufen und mussten immer wieder vorbeifahrende Autos abwarten, wenn wir etwas auf der gegenüberligenden Straßenseite fotografieren wollten. Jetzt gehören wir bei Sonnenschein selbst zu diesen Autos. Einige Geschäfte haben noch geöffnet, aber Reykjavík-City ist nicht so spannend, dass wir noch einmal an den üblichen Souvenirshops vorbeilaufen wollen. Also fahren wir in die Randgebiete, wo die Häuser direkt am Meer stehen. Man sieht ein paar Jogger und Spaziergänger, die die Abendsonne ausnutzen. Viel los ist hier nicht, eigentlich sieht es kaum anders aus als in Orten wie Grindavík oder Njarðvík, man kann sich nur schwer vorstellen, dass wir uns in der größten Stadt Islands befinden, die immer weiter wächst, so dass immer mehr solcher Randgebiete und Vororte entstehen.

Am Stadtrand von Reykjavík
Leuchtturm in Seltjarnarnes

Vor einer Woche hatten wir beim Verlassen der Hauptstadt nach dem IKEA gesucht, in dem wir 2006 etwas gegessen haben. Es gab die gleichen Gerichte wie sonst überall in den schwedischen Möbelhäusern und auch die Preise waren kaum höher als in Deutschland – wahrscheinlich die billigste Art, in Island auswärts zu essen. Letzte Woche haben wir den IKEA nicht gefunden, jetzt fahren wir durch die Vororte Kópavogur und Hafnarfjörður und halten noch einmal die Augen offen, nicht, weil wir Köttbullar essen wollen, sondern einfach, um uns zu beschäftigen. Aber wir finden IKEA nicht, hat Island vielleicht keine Filiale mehr? Es wäre ja nicht das erste Mal, dass eine international erfolgreiche Kette ihre einzige Filiale in Island wieder schließt, McDonald’s gibt es hier schließlich auch nicht mehr.*

Langsam wird es dunkel. Vor 22 Uhr brauchen wir wirklich nicht am Flughafen zu sein, also beschließen wir, noch in ein paar Orte abzubiegen, obwohl uns langsam schon der Hintern wehtut vom vielen Sitzen im Auto. Im Dämmerlicht fahren wir durch Grindavík, Njarðvík, Garður, Sandgerði und Vogar. All diese Orte sehen einander ziemlich ähnlich, irgendetwas Besonderes oder Aufregendes gibt es nicht zu sehen, abgesehen von einem sehr gut erhaltenen alten Schulbus, der irgendwo in einer Seitenstraße parkt. Als es zu dunkel wird, um sich wirklich umsehen zu können, fahren wir nach Keflavík. Im Radio dudelt amerikanische Truckermusik, zum Abschied also noch einmal typisches Programm im isländischen Radio.

***

Im internationalen Flughafen von Keflavík herrscht Campingplatz-Atmosphäre. Überall sitzen müde Touristen, die Reste aufessen und austrinken, manche versuchen, auf den Terminalstühlen oder dem Boden zu schlafen. An mehreren Stellen hat man Schilder aufgestellt, auf denen zu lesen ist: „camping and cooking prohibited in the airport building and grounds!“ Genau wie wir haben auch die anderen Touristen gerade ihre Leihwagen abgegeben, und da man im Dunkeln draußen nichts mehr machen kann, sind sie alle schon hier, obwohl die meisten Flüge erst in drei oder vier Stunden gehen.

Wir ergattern zwei der wenigen Stühle im Terminalbereich und schlagen die Zeit tot, indem wir Bananen essen, Wasser trinken, auf Toilette gehen, lesen, reden, Fotos aussortieren. Als wir schließlich einchecken können, vergesse ich dummerweise, nach einem Fensterplatz zu fragen, also muss ich nachher am Gang sitzen. Aber da habe ich immerhin mehr Beinfreiheit. Dieses Mal muss ich bei der Sicherheitskontrolle meine Schuhe ausziehen. Wir haben noch 402 isländische Kronen (circa 2,50 Euro) übrig, die investiere ich in noch mehr Sirius-Schokolade, das billigste, was es im Duty-Free-Shop zu kaufen gibt. Unsere Gates befinden sich direkt nebeneinander, also sitzen wir zusammen, aber wir reden nicht viel, sind jetzt schon müde.

In den Gates von Keflavík sprechen die Fluggäste viel ausführlicher über die vergangene Reise als anderswo. Alle sind begeistert vom „Abenteuer Island“, von ihren Erlebnissen in und mit der Natur. Man hört Sätze wie: „weißt du noch, als wir da und da waren und auf einmal dieser Sturm anfing?“ oder „an der Stelle hab ich echt gedacht, wir können nicht mehr weiterfahren“. Man spricht, als wäre all das schon viel länger her als ein bis zwei Wochen, und man wird noch oft und lange darüber sprechen. Die zwei jungen Männer neben uns, die auf ihren Flug nach Hamburg warten, treffen hier im Flughafen zufällig einen Vater mit seinem Sohn wieder, denen sie zum ersten Mal irgendwo in der isländischen Pampa begegnet sind. Sie berichten sich gegenseitig, wie es ihnen nach dieser Begegnung noch ergangen ist. Hinter uns schwärmt eine Frau von der Whale-Watching-Tour vor ein paar Tagen, aus ihrer Digitalkamera hört man starkes Rauschen, das immer wieder von „Aaaah“- und „Ooooh“-Lauten unterbrochen wird, offenbar hat sie bei der Tour ein Video gedreht.

Dann ist es soweit, wir werden zum Boarding aufgerufen. Es ist komisch, sich nach dieser Woche hier im Flughafen zu verabschieden. Konnten wir bei meinem letzten Besuch bei meinen Eltern noch voller Vorfreude sagen: „Wir sehen uns dann in Island“, heißt es jetzt: „Bis dann in Gladbach“, und das klingt deutlich weniger erfreut. Wir umarmen uns, mein Vater schenkt mir noch 20 Euro, „damit der Aufenthalt in Berlin nicht ganz so blöd wird“, und dann stehen wir in getrennten Schlangen und winken uns gegenseitig zu. Zum Glück dauert es nur zehn Tage, bis ich das nächste Mal nach Mönchengladbach komme, dann können wir unsere Fotos austauschen und die ganze Reise noch einmal Revue passieren lassen. Mein Flug wird zehn Minuten später abfliegen als angekündigt, also muss ich noch länger hier stehen und warten, mein Vater winkt ein letztes Mal, dann verschwindet er um die Ecke und steigt in sein Flugzeug nach Düsseldorf.

***

Auf dem Flug nach Berlin-Tegel versuche ich, mich mit Kaffe und dem Bilderbuch namens Focus wachzuhalten. Das Käsesandwich, das wir serviert bekommen, esse ich nur zum Zeitvertreib, dann eine halbe Stunde „Schlaf“, der immer wieder dadurch unterbrochen wird, dass mein Kopf zur Seite absackt, wovon ich wieder aufwache. Ich bekomme Nackenschmerzen und merke einmal mehr, dass lange Beine einfach unpraktisch sind. Leider hat der Pilot die Verspätung wieder reingeholt, ich hatte mich schon darüber gefreut, dass ich in Berlin zehn Minuten weniger totschlagen muss. Aber wir landen planmäßig.

Wie vermutet muss ich in einem der allerletzten Gates des Flughafens Tegel auf den Anschlussflug nach Stuttgart warten, nebenan gehen Flüge nach Karlsruhe und Saarbrücken. Immerhin gibt es ausreichend Sitzgelegenheiten. Noch einmal trinke ich Kaffee, er ist von der auch in Island weit verbreiteten Marke Chaqwa, bringt aber nichts gegen die Müdigkeit. Mit dunklen Ringen unter den Augen schleiche ich durch einen Duty-Free-Shop und einen Zeitschriftenladen, mehr zu gucken gibt es hier nicht. Im Gate bin ich den verwunderten Blicken der Businessmen ausgesetzt, die sich auf den Weg zu einem Meeting in Stuttgart machen, und ihre Anzüge sicherlich nicht schon seit nunmehr fast 24 Stunden tragen. Ich mache die Augen zu und versuche, das geschäftliche Telefonat, dass der Mann hinter mir lautstark führt, zu ignorieren. Ich will nur noch ins Bett.

Auf dem Flug nach Stuttgart habe ich einen Platz in der Mitte, links und rechts je ein Anzugträger. Ich traue mich nicht, die Augen zuzumachen, aus Angst, dass mein Kopf auf die Schulter von einem der beiden sacken könnte. Der etwas untersetzte Typ am Fenster vertieft sich in der Bild-Zeitung, während ich unter großer Anstrengung für die Augen die letzten Seiten von „Verschiedenes über Riesenkiefern und die Zeit“ lese. Der Roman schließt mit den Worten „Großvater und ich gehen nach draußen und Angeln Fische und Sterne.“ Die Laugenstange mit Butter lehne ich ab, den Glauben an die Wirkung von Koffein habe ich aufgegeben, also trinke ich nur ein Wasser. Dann endlich Landung in Stuttgart.

Im Stuttgarter Flughafen müssen wir auf dem Weg zur Gepäckausgabe vorbei an Werbeplakaten für „Tarzan – das Musical“. Passend dazu dringen Affengebrüll und Vogelgezwitscher aus einem Lautsprecher an der Decke. Ein Geschäftsmann sagt zu seinem Kollegen: „Das ist ja wie im Büro hier“, und ich denke mir nur: Willkommen zurück im Großstadtalltag. Mein Koffer ist problemlos angekommen.

***

Gegen 11 Uhr vormittags liege ich endlich im Bett. In die S-Bahn zu steigen, das war komisch. Schwäbische Stimmen zu hören, das war noch komischer. Dann Stadtmitte, Hauptbahnhof, U-Bahn, Großbaustelle, vierspurige Straße, fünfter Stock, zu Hause. Ich mache die Augen zu und versuche, den Verkehrslärm zu ignorieren. Zum Glück bin ich so müde, dass das ziemlich gut klappt. Ich träume von grünen Wiesen mit Schafen, bunten Häusern, schroffen Felsen, kleinen Häfen, schneebedeckten Bergen, und einem kleinen silbernen Suzuki, der zwischen alledem umherfährt. Manchmal hält er an, mitten in der Natur, und dann steigen zwei Menschen aus, die fotografieren, was sie da sehen, während der Wind ihre Haare zerzaust. Und ich träume vom Meer. Als ich fünf Stunden später erwache und aus dem Fenster sehe, denke ich: Kann bitte jemand die Stadt da draußen durch das Meer ersetzen?

* Im Nachhinein fanden wir heraus, dass es IKEA in Island doch noch gibt, nur ist die Filiale umgezogen.

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3 Gedanken zu „Dienstag, 27.08.2013/Mittwoch, 28.08.2013: Ein langer Abschied

  1. Man kann nur hoffen, dass „der Vater / Papi“ wieder einmal auf so eine tolle Idee kommt und eine weitere Vater-Tochter-Reise vorschlägt: nach Island oder vielleicht auch … öhm, öhm … nach Estland … oder so. Wer weiß!? 2 Vorteile liegen auf der Hand: Zum einen ist die Tochter eine genaue und talentierte Reisetagebuchschreiberin (das erspart eigene Notizen), zum anderen werden die Leser(innen) dieses Blogs mit spannenden und interessanten Einträgen bestens unterhalten, in denen man auch immer mal wieder ein Augenzwinkern zwischen den Zeilen findet (bildet sich zumindest einer der Leser ein).

    ;o)

    1. Vielen Dank für die netten Worte! Ich hoffe natürlich auch sehr, dass das nicht die letzte gemeinsame Reise war. Es gibt schließlich noch so einige Länder, die mein Vater mir zeigen könnte. Und über die man schreiben könnte. =)

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