Montag, 26.08.2013: Hellblau-schwarz-weiß

Am Morgen ist die Atmosphäre im Essbereich deutlich angenehmer als gestern Abend, denn außer uns nutzen fast alle das Frühstücksangebot der Jugendherberge. Der Himmel ist hellgrau, die Wolken sind klein und unzusammenhängend, aber das muss nichts heißen, hier in Island kann sich das Wetter schließlich innerhalb von wenigen Minuten komplett ins Gegenteil verkehren. Nach dem Frühstück: tanken, Geld abheben und Wasser kaufen, noch in Höfn, heute werden wir so schnell in keinen anderen Ort mehr kommen. An der Tankstelle stehen zwei Männer in typischen isländischen Wollpullovern und waschen ihre Geländewagen vor der Bergkulisse.

Eine Fahrt über eine Schotterpiste und der Mann kann von vorne anfangen
Eine Fahrt über eine Schotterpiste und der Mann kann von vorne anfangen

Hinter Höfn kommt man sehr bald in eine Gletscherwelt. Immer hat man einen Gletscher vor oder neben sich, dazu Felsen, Berge, Flüsse, kargen Bewuchs, so gut wie keine Menschen. Wir versuchen, über eine unasphaltierte Seitenstraße bis an den Hoffellsjökull heranzufahren, müssen aufgrund eines kleinen Flusses, dessen Tiefe man schlecht einschätzen kann, mitten auf dem Weg umkehren. Zurück auf der Ringstraße Nr. 1 halten wir bald wieder an, denn rechts von uns spiegeln sich ein Gletscher, ein Berg und die Wolken am inzwischen blauen Himmel in einem kleinen See. Ein Bild wie aus einem Werbeprospekt.

Einer von vielen Gletschern in dieser Gegend
Einer von vielen Gletschern in dieser Gegend
Wir mit unserem PKW wollten es lieber nicht wagen, da durchzufahren
Wir mit unserem PKW wollten es lieber nicht wagen, da durchzufahren
Und schon wieder eine tolle Spiegelung
Und schon wieder eine tolle Spiegelung

Auch zum nächsten Gletscher führt eine Schotterpiste, die mit jedem Meter holpriger wird. Ganz nah ran kommt man nicht, hat aber eine gute Aussicht auf das Eis, das an vielen Stellen graubraun verfärbt ist. Im Vordergrund ein gelber, momentan unbenutzter Bagger. Die Brücke, die hier einmal über den Gletscherfluss führte, ist kaputt, nur noch die Pfeiler an beiden Enden sind übrig. Dadurch, und durch den rostigen alten Öltank der Tankstellen-Kette Olís, der am Ufer liegt, wirkt dieser Ort vollkommen verlassen, so als sei seit Jahren kein Mensch mehr hier gewesen. Fehlt nur noch ein kräftiger Regenschauer. Aber die Sonne scheint weiter.

Noch ein Gletscher
Noch ein Gletscher
Ziemlich verlassen alles
Ziemlich verlassen
Wie lange der wohl schon hier liegt?
Wie lange der wohl schon hier liegt?

In dieser Gegend taucht links und rechts der Straße Nr. 1 immer wieder das Hinweisschild mit der Aufschrift einbreið brú (einspurige Brücke) auf, die vielen Gletscherflüsse müssen überbrückt werden. Das Verkehrsaufkommen ist hier für isländische Verhältnisse heute ziemlich hoch, und ein Mal begegnet uns ein großer Geländeschlitten mit deutschem Kennzeichen. Wenn der Besitzer nicht gerade Island bereist, kurvt er mit diesem Koloss durch Bielefeld. An einer Seitenstraße steht ein kleines Kettenfahrzeug eines Gletschertour-Anbieters herum, eine Kette des vorderen Teils liegt einzeln daneben. Wir fotografieren uns gegenseitig vor dem Fahrzeug und versuchen, dabei möglichst abenteuerlustig auszusehen.

Mit solchen Fahrzeugen kann man hier Touren unternehmen - mit genau diesem aber wohl nicht mehr
Mit solchen Fahrzeugen kann man hier Touren unternehmen – mit genau diesem aber wohl nicht mehr

In der Nähe ist ein winziges Dorf mit einer Kirche, neben der sich in einem kleinen Holzhäuschen eine öffentliche Toilette befindet. Der Schlüssel zu dem Häuschen steckt in der Eingangstür, wer sollte den auch klauen? Die Toilette ist einwandfrei sauber, wie eigentlich jede öffentliche Toilette, die ich in Island bisher benutzt habe. Egal ob Kleinstadttankstelle, Supermarkt oder eben Dorfkirche, immer ist alles sauber und ordentlich. Als wir weiterfahren, überholen wir ein Touristenpaar auf Fahrrädern. Es ist nicht das erste Mal, dass wir Leute sehen, die Island per Rad bereisen. Auch wenn ich durchaus Respekt vor dieser Leistung habe, frage ich mich jedes Mal, ob man viel von Island hat, wenn man radelt. Bei den plötzlichen Wetterumschwüngen, und den nicht zu verachtenden Niederschlagsmengen, die einen hier erwarten, ist so eine Reise doch sicherlich sehr oft sehr unangenehm. Hinzu kommt, dass auch jetzt im Sommer Temperaturen von unter 10 Grad vollkommen normal sind, und der Wind zum Teil so stark bläst, dass man es sogar im Auto deutlich zu spüren bekommt. Die beiden, die hier gerade strampeln, tun dies zwar momentan in der Sonne, aber bei ordentlichem Seitenwind und bergauf. Ihren Gesichtsausdrücken nach zu urteilen, müssen sie sich ziemlich vorankämpfen. Hat man dann eigentlich noch einen Sinn für die beeindruckende Landschaft, für die schwarz-weißen Berge, auf die wir gerade zufahren? Für mich wäre das nichts, aber ich bin auch nicht gerade eine begnadete Radfahrerin.

Sieht anstrengend aus
Sieht anstrengend aus
Mal wieder Schafe auf der Straße
Mal wieder Schafe auf der Straße

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Plötzlich taucht die Gletscherlagune Jökulsárlón vor unseren Augen auf, früher, als wir erwartet haben. 2005 waren wir schon einmal hier, aber damals war der Wind so stark, dass wir uns nach wenigen Minuten wieder ins Auto flüchteten. Heute hingegen hält sich der Wind in erträglichen Grenzen (wenngleich er auch jetzt nicht gerade schwach ist), die 12 Grad fühlen sich in der Sonne warm an, und so parken wir zwischen einer ganzen Menge anderer Touristen. Die Eisberge, die hier, je nach Größe, schnell oder langsam unter der Autobrücke hindurch auf das offene Meer zutreiben, sind auch beim zweiten Mal überwältigend schön. Weiß, hellblau und stellenweise schwarzgrau glitzern sie in der Sonne, im Hintergrund der Gletscher und die Schneeberge. Dies ist einer der vielen Orte in Island, bei deren Besuch alleine man eine ganze Speicherkarte mit Fotos füllen könnte. Ich binde die Kapuze unterm Kinn fest und stehe mit vor Staunen leicht geöffnetem Mund am Ufer. An manchen Stellen hat das Eis bizarre Formen angenommen. Eine Gruppe Touristen fährt gerade mit einem kleinen Boot zwischen den Eisbergen hindurch, in ihren orangefarbenen Schwimmwesten geben sie ein gutes Fotomotiv ab, genau wie mein Vater, der eine rote Windjacke trägt. Er fischt einen kleinen Eisberg aus dem Wasser, und wir posieren abwechselnd damit. Meine Finger schmerzen durch die Kälte, und der Eisblock ist ganz schön schwer, aber trotzdem fühlt es sich irgendwie gut an, so einen Mini-Eisberg in den Händen zu halten. Als ich ihn schließlich auf den Boden fallen lasse, zerspringt er in tausend Teile, wie Glas. Wir erklimmen einen kleinen Hügel, von hier oben ist der Blick auf die Lagune noch grandioser. Beim Weg hinunter kommt der Wind so stark von der Seite, dass das Atmen schwer fällt.

Und plötzlich: Jökulsárlón
Und plötzlich: Jökulsárlón

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Als wir uns gerade wieder ins Auto setzen wollen, entdecke ich auf einmal eine Robbe, die zwischen den Eisbergen planscht. Ich steige noch einmal aus und kann ihren Kopf fotografieren, aber selbst unter Einsatz des maximalen Zooms meiner Kamera ist auf dem Foto nicht viel mehr als ein schwarzer Punkt zwischen Eis und Wasser zu erkennen. Schließlich taucht die Robbe ab. Genau in dem Moment, in dem ich wieder ins Auto steige, kommt sie wieder hoch, jetzt haben auch ein paar andere Leute sie entdeckt, aber nach kurzer Zeit verschwindet sie wieder unter der Wasseroberfläche, und wir machen uns auf den Weg zu einem zweiten Parkplatz, auf der anderen Seite der Brücke. Hier befindet sich ein schwarzer Strand, an dem einige kleine Eisberge an Land liegen – ein toller Kontrast aus Schwarz und Weiß. Zwischen den Eisbergen laufen Menschen. Ein Paar ist mit einem Husky und einem Schäferhund hier, die Hunde klettern auf den Eisbergen herum, als wären es Felsen. Die Eisberge wirken wie Kunstwerke, wie Skulpturen aus undurchsichtigem Glas. Sie schmelzen langsam vor sich hin, manchmal ist ein Klirren zu hören, wenn das Wasser heruntertropft. Hier müsste man einmal ganz alleine sein, was wäre das für eine faszinierende Art von Beinahe-Stille.

Das Schwarze ist der Kopf der Robbe
Das Schwarze ist der Kopf der Robbe
Eis am schwarzen Strand
Eis am schwarzen Strand
Ein kleines Kunstwerk. Name des Künstlers: Natur
Ein kleines Kunstwerk. Der Name des Künstlers lautet: Natur

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Irgendwann schaffen wir es, uns von dem Anblick loszureißen, und fahren weiter. Kurz hinter den beiden Hauptparkplätzen ist noch ein weiterer. Dort muss man ein Stück einen Hügel hochgehen und hat dann einen guten Blick auf den Gletscher und die Eisberge. Etwas weiter entfernt kann man über eine Seitenstraße noch eine andere Lagune erreichen, Fjallsárlón. Sie ist kleiner als Jökulsárlón, und hier treiben die Eisberge nicht auf das Meer zu, sondern liegen in einem See vor dem Gletscher. Ebenfalls sehr beeindruckend. Neben uns parkt der Bus einer spanischen Reisegruppe, hinter der Windschutzscheibe hängt ein Schild mit der Aufschrift „Las maravillas de Islandia“. Daneben steht gelangweilt rauchend der isländische Busfahrer. Ab der wievielten Tour man wohl die Begeisterung für die „Wunder von Island“ verliert?

Zwischen Jökulsárlón und Fjallsárlón
Zwischen Jökulsárlón und Fjallsárlón
Fjallsárlón
Fjallsárlón

***

Es hat angefangen zu regnen, und das Autothermometer zeigt nur noch 9 Grad. Wir haben Hunger, aber der nächste Ort, Kirkjubæjarklaustur, ist noch ein ganzes Stück entfernt. Deshalb gibt es heute zum Mittagessen Hamburger mit Pommes an einer Tankstelle. Der Verzehr von Fast Food in der Tankstellengastronomie ist ja fast schon ein fester Bestandteil der isländischen Kultur, also muss man das vielleicht auch einfach mal gemacht haben. Und zu beobachten hat man hier auch eine Menge. Man merkt deutlich, dass diese Tankstelle weit und breit der einzige Ort ist, an dem man essen, trinken und Souvenirs kaufen kann, denn schon bald ist ein Großteil der Tische besetzt, und zwar mit internationalen Gästen. Direkt neben der Fast-Food-Theke sitzt eine große Gruppe Israelis, die Männer tragen die traditionelle Kippa (bei dem Wind hier wahrscheinlich doppelt und dreifach in den Haaren festgesteckt), die Frauen sind nicht – wie die meisten anderen Touristen – praktisch gekleidet, sondern tragen Kleider, Schmuck und Make-Up. Sie bestellen sich jeder einen Becher heißes Wasser, in dem sie mitgebrachte Tütensuppen anrühren, dazu gibt es Butterbrote und Unmengen von Weintrauben. Das Tankstellenpersonal guckt etwas verwundert, sagt aber nichts dagegen. Es geht laut und chaotisch zu am Tisch der Israelis, der bald übersät ist mit diversen leeren Verpackungen. Ein Isländer, der sich von der Verkäuferin Zigaretten geben lässt, die sie – möglichst unauffällig – aus einem Nebenraum holt, beobachtet die Gruppe interessiert. Hier, mitten in der isländischen Pampa, trifft Orient- auf Nordlandmentalität.

Auch die italienische Familie am Nachbartisch isst Hamburger, das etwa vierzehnjährige Mädchen fummelt mit beiden Händen mühsam alles runter, was auch nur annähernd nach Gemüse aussieht, während ihr Vater sich die Souvenirs anschaut und dabei seinen Burger kalt werden lässt, auf den er sich extra noch ein Spiegelei hat legen lassen. Nach dem Essen gibt es Kaffee, sowohl für uns als auch für die Italiener. Die Mutter versucht, bei der jungen Isländerin an der Theke „due espressi“ zu bestellen, erntet aber nur einen verwirrten Blick. Schließlich kann sich die Italienerin zu einem „two coffee“ durchringen und schaut nun ihrerseits verdutzt, als die Kassiererin auf die Pumpkanne und die Pappbecher deutet.

Hinter uns sitzt eine Engländerin mit ihren beiden Söhnen, der eine um die zehn, der andere vielleicht zwölf Jahre alt. Sie streiten darum, wer auf der Weiterfahrt im Auto vorne sitzen darf, und der Jüngere fragt seine Mutter außerdem alle paar Minuten, wann es denn endlich Hamburger gebe. Dem Gesichtsausdruck der Frau nach zu urteilen, ist es ihr vollkommen egal, welcher der beiden Jungs vorne sitzt, wahrscheinlich ist sie von beiden einfach nur genervt. Anfangs versucht sie noch, in den Streit einzugreifen, aber irgendwann gibt sie auf. Als die Jungs schließlich ihre Hamburger haben, kehrt Ruhe ein, ihre Münder sind bald vollgestopft mit Fleisch, Brötchen, Salat, Pommes und Ketchup, und die Mutter atmet auf.

Nach dem Kaffee fahren wir weiter durch den Regen. Am Svínafellsjökull hoppeln wir zwei Kilometer über eine eigentlich nur aus Schlaglöchern bestehende Schotterstraße zu einem Parkplatz, aber es regnet und windet so stark, dass wir nicht aussteigen. 2005 haben wir vor diesem Gletscher, der jetzt zum Großteil von der grauen Wolkensuppe verdeckt wird, auf einem Felsen gesessen und ein Selbstauslöserbild gemacht. Außerdem hat mein Vater mich damals vor einem Hinweisschild mit der Aufschrift Hættulegur stígur/Dangerous path fotografiert, ich schaue etwas verunsichert drein auf diesem Bild.

Bei der Weiterfahrt durch schwarzgraue Sanderflächen klart es etwas auf, aber wärmer als 14 Grad wird es den ganzen Tag nicht mehr. Wir lernen, dass das isländische Wort kvísl auf Deutsch Flussarm bedeutet, hier gibt es nämlich einen Flussarm namens Gígjukvísl, ein gutes Beispiel für kuriose isländische Wörter, über die wir uns gut minutenlang amüsieren können. Wir hören, wie Sven Regener über „Jammern und Picheln im Gartencafé“ singt, und sind, trotz Dauerregen, froh, dass wir bei 10 Grad hier sind, anstatt in deutscher Schwüle zwischen biertrinkenden Familienvätern zu sitzen.

Sanderfläche
Sanderfläche
Blick aus dem Autofenster
Blick aus dem Autofenster

***

In Kirkjubæjarklaustur kaufen wir Sirius-Schokolade als Mitbringsel für meine Schwester, es ist komisch, schon an die Abreise zu denken. Ich könnte gut und gerne noch ein paar Wochen durch Island reisen, ohne dass es mir je langweilig würde. Die kleine Hütte unterhalb des Wasserfalls hier im Ort, an der mein Vater mich 2005 fotografiert hat, steht noch, sieht heute aber deutlich besser aus als damals, zumindest muss sie vor nicht allzu langer Zeit einen neuen Anstrich bekommen haben. Einige Meter weiter hing damals an einem Haus ein Schild des Würstchenherstellers SS pylsur, jetzt ist es weg. Manchmal erinnert man sich an kleine Details in den Orten, aber nicht nur dort. Ich hätte nie gedacht, dass man sich auch an einzelne Felsen, Berge und Wasserfälle so genau erinnern kann, dass es einem so vorkommt, als seien keine acht Jahre, sondern höchstens ein paar Monate vergangen, seit man das letzte Mal an ihnen vorbeigefahren ist. Aber es geht, in dieser Gegend zeigt entlang der Straße Nr. 1 alle paar Minuten einer von uns auf irgendetwas und sagt: „das hab ich damals fotografiert“ oder „erinnerst du dich noch daran?“ Teitur singt: „A part of me remains, I’m forever changed“. Er singt das über Los Angeles, da war ich noch nie, aber ich weiß, dass ich genau diese Zeile im Kopf haben werde, wenn ich morgen Nacht ins Flugzeug nach Deutschland steige.

Auch die markanten spitzen Felsen, die am Strand vor Vík í Mýrdal im Meer stehen, gehören zu den Punkten in der Natur, an die ich mich noch ganz genau erinnern kann. In diesem 600-Einwohner-Städtchen, dem südlichsten in Island, befindet sich die letzte Jugendherberge, in der wir auf dieser Reise übernachten werden. Vor dem Haus gegenüber liegt ein schwarz-weißer Hund schlafend in seiner Hundehütte. An der Eingangstür der Jugendherberge hängt ein Schild, auf dem zu lesen ist: „We are fully booked tonight“. Trotzdem kommen immer wieder Touristen herein, die nach einem Zimmer fragen, während wir, die wir vorher reserviert haben, einchecken. Alles wirkt sehr familiär, gemütlich und ein bisschen alternativ in diesem Haus namens Norður-Vík. Im Eingangsbereich kann man handgemachte Wollpullover kaufen, und überall hängen Schilder, die darauf aufmerksam machen, dass das Wasser hier nicht, wie in den meisten anderen isländischen Herbergen, durch Geothermie, sondern Strom erhitzt wird, und dass man deshalb sparsam sein soll. Unser letztes Zimmer dieser Reise ist ein kleines Dachstübchen, in dem wir von einem an der Wand sitzenden Schneider begrüßt werden. Per Handy rufen wir meine Mutter an. Während mein Vater mit ihr spricht, erschlage ich den Schneider, und meine Mutter witzelt: „Nicht, dass du damit jetzt eine ganze Spezies in Island ausgerottet hast.“ Tatsächlich war dieser Schneider, abgesehen von einigen Fliegen, das einzige Insekt, das ich hier in der ganzen Woche gesehen habe.

Schon von Weitem sieht man die markanten Felsen am Strand von Vík
Schon von Weitem sieht man die markanten Felsen am Strand von Vík
Die Jugendherberge in Vík
Die Jugendherberge in Vík

Wir verschieben den Rundgang durch Vík auf morgen, da es noch immer stark regnet und ein kräftiger Wind weht. Dann gibt es Resteessen im Essbereich der Jugendherberge, an dessen Wänden schöne Fotos aus der Umgebung hängen, und von dem aus man bei klarem Wetter sicher einen wunderbaren Blick auf den Ort und den Strand hat. Es gibt Bratkartoffeln, Rühreier und Baked Beans. „Wenn das die Reste sind, möchte ich jeden Tag Resteessen“, sagt mein Vater. Recht hat er, es ist sehr lecker. Außer uns sind zwei dänische Ehepaare und ein Gruppe junger Französinnen hier. Angenehm, mal nicht immer nur deutschen Touristen zu begegnen. In der Küche gibt es das komplizierteste Mülltrennungssystem, das ich je gesehen habe. An der Wand hängt eine ganze DIN A4-Seite, auf der erklärt wird, was wohin gehört. Unsere Kartoffelschalen landen in einem Sammeleimer mit Futter für die hauseigenen Hühner, dessen Eier morgens zum Frühstück angeboten werden. Dort hinein darf man auf keinen Fall Reste von Zitrusfrüchten oder Kaffeepulver werfen. Die Eierschalen fallen in keine der aufgelisteten Müllkategorien, also werfe ich sie einfach in den großen Mülleimer unter der Spüle, in dem anscheinend alles landet, was die Gäste der Herberge nicht zuordnen können – falls überhaupt jeder sich die Mühe macht, die Liste zu lesen. Eigentlich keine schlechte Idee, die Essensreste der Gäste zur Fütterung der Hühner zu verwenden, aber ein bisschen übertrieben ist das hier schon, genau wie die Unmengen von Hinweisen darauf, dass es sich um ein „economically friendly hostel“ handelt.

Blick aus dem Fenster des Essbereichs der Jugendherberge
Blick aus dem Fenster des Essbereichs der Jugendherberge

In dem Wissen, dass morgen ein langer Tag wird, und wir die nächste Nacht am Flughafen und im Flugzeug verbringen müssen, gehen wir früh schlafen. Ich kann mir noch gar nicht richtig vorstellen, dass das hier vorerst das letzte isländische Jugendherbergsbett ist, in dem ich übernachten werde – wer weiß, für wie lange. Ich sehe zu meinem Vater herüber, der im Bett liegt und die Fotos des heutigen Tages sichtet, und denke: Danke, Papa, dass du diese Reise möglich gemacht hast.

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