Freitag, 23.08.2013: Hafsól*

Mein Wunsch wird wahr. Auch am Morgen scheint die Sonne in Siglufjörður, nachdem es nachts geregnet hatte. Hier riecht das Duschwasser nicht nach Schwefel, dafür ist es so weich, dass man eine gefühlte Ewigkeit damit beschäftigt ist, eine kleine Menge Shampoo aus den Haaren zu waschen. Als das geschafft ist und wir neben einer Gruppe Holländer gefrühstückt haben, beginnen wir den neuen Reisetag mit einer verkürzten Wiederholung des Stadtrundgangs. In der Post dürfen wir uns bei einem netten Mitarbeiter, der sehr gut Englisch spricht, die Briefmarken für unsere Postkarten selber aussuchen. Fünf verschiedene Marken stehen zur Wahl, „they are all of value for collectors“. Wir entscheiden uns für ein Motiv mit Leuchtturm und mein Vater fragt, wie lange es voraussichtlich dauern wird, bis die Karten in Deutschland ankommen. Noch vor Mitternacht sollen sie in Akureyri sein, sagt der Postmitarbeiter, dort werden sie sortiert, und nur wenige Tage später sollen sie bei den Empfängern im Briefkasten liegen. Zum Schluss wünscht er uns noch einen schönen Aufenthalt in Siglufjörður.

Siglufjörður am Morgen
Siglufjörður am Morgen

Der dauert allerdings nicht mehr lange an. Eigentlich will man von hier gar nicht mehr so richtig weg, aber Island hat ja auch noch an vielen anderen Orten einiges zu bieten. Bevor wir die Stadt verlassen, werfen wir noch einen Blick von der Straße oberhalb der Kirche. 15 Grad fühlen sich in der Sonne so warm an, dass mein Vater die Ärmel seines Hemds hochkrempelt. Man könnte sich glatt im T-Shirt draußen hinsetzen, denn wieder ist keinerlei Wind zu spüren. Hier oben gibt es einen kleinen Wasserfall, und man hat einen herrlichen Blick über die Stadt, die schon wieder in der Sonne leuchtet. Schließlich reißen wir uns los und fahren aus der Stadt heraus, dieses Mal in Richtung Osten. Ein letzter Blick zurück. Zum Glück gibt es eine Webcam, mit deren Hilfe man auch von Deutschland aus das ruhige Treiben in Siglufjörður beobachten kann.

Blick zurück
Blick zurück

Wir fahren durch drei Tunnel. Jeder von ihnen ist mehrere Kilometer lang, dazwischen hat man einen tollen Blick auf die Küste. Nach dem letzten Tunnel kommen wir nach Ólafsfjörður, das gemeinsam mit Siglufjörður die Gemeinde Fjallabyggð bildet. Im Vergleich zu der Stadt, in der wir übernachtet haben, ist der 800-Einwohner-Ort allerdings ziemlich langweilig.  Hinter Ólafsfjörður bilden Landschaft und Himmel sieben Streifen: der schwarze Asphalt der Straße, grüne Schafs- und Pferdeweiden, das tiefblaue Meer, die schwarz-weißen Berge, eine weiße Wolkenfront, ein hellblauer Himmelsabschnitt, und dann nochmal Wolken, in dunkelgrau. Wieder kann man kaum erahnen, wo die Berg eigentlich enden. Der nächste Ort ist Dalvík. Von hier aus fährt die Fähre zur Insel Grímsey, die direkt auf dem Polarkreis liegt. Weiter im Norden als auf Grímsey kann man nicht leben, wenn man Island nicht verlassen will. Zwar leben in Dalvík mehr Menschen als in Siglufjörður, aber besonders aufregend ist es hier nicht. In Erinnerung bleibt eigentlich nur ein mit Luftballons und Fischen bemaltes Haus am Hafen.

Gestreift
Gestreift
Zwischen Siglufjörður und Ólafsfjörður
Kurz vor Dalvík
Am Hafen von Ólafsfjörður
Am Hafen von Dalvík

Die beiden verschieden gefärbten Wolkenstreifen halten sich am Himmel, bis wir nach Akureyri kommen. Wenn man Hafnarfjörður und Kópavogur, die eigentlich nur Vororte vor Reykjavík sind, nicht mitzählt, ist Akureyri die zweitgrößte Stadt Islands. Es ist gar nicht so leicht, im Hinterkopf zu behalten, dass hier gerade einmal 18.000 Menschen wohnen, wenn man auf den großen Parkplatz in der Innenstadt einbiegt. 2005 haben wir in der örtlichen Jugendherberge übernachtet, heute gibt es nur einen kurzen Rundgang. Irgendwie hatte ich Akureyri als interessanter in Erinnerung. Vor dem größten Souvenirshop der Stadt stand vor acht Jahren noch eine Wikingerfigur, die hat man inzwischen gegen einen Eisbären ausgetauscht. Nach der Lektüre von „Liebe Isländer“ achte ich auf den Gang der Menschen in dieser Stadt, denn laut Huldar Breiðfjörð ist er anders als der anderer Isländer: „Die meisten Männer sind ein klein wenig o-beinig und tragen wohl Rasierklingen unter den Armen, so dass ihr Gang zu einem Schaukeln wird. Das, was ihn darüber hinaus typisch akureyrisch macht, ist, dass sie gleichzeitig, während sie vorwärtsschaukeln, auch noch so trippeln, als wateten sie in neuen Schuhen durch Matsch. […] Die Frauen hingegen scheinen beständig auf dem Weg einen Hang hinunter zu sein.“ Richtigen Akureyrern begegnet man im Sommer aber so gut wie gar nicht, deshalb kann ich diese Beobachtungen weder bestätigen noch widerlegen.

Kirche in Akureyri
Kirche in Akureyri
In der Innenstadt von Akureyri
In der Innenstadt von Akureyri

Wir haben Hunger und betreten Íslenska Hamborgarafabrikkan. Hier sind die Burger nicht rund, sondern eckig, und die Speisekarte sieht aus wie eine Zeitung. Leider sind uns die Kreationen etwas zu abgefahren, und so entscheiden wir uns doch gegen Burger und Pommes und für Brote und skyr, ein in Island sehr beliebtes Milchprodukt von einer Konsistenz irgendwo zwischen Joghurt und Quark. Wieder essen wir im Auto.

***

Beim Nachmittagskaffee sitzen wir draußen, eine Premiere für alle drei Islandurlaube. Das muss fotografisch festgehalten werden. Wir sind in Húsavík, dem Ausgangspunkt der meisten Whale-Watching-Touren für Islandtouristen. Gibt es bei diesen Touren eigentlich eine Walgarantie? Wenn man keine Wale beobachten möchte, kann man durch Húsavík auch einfach nur durchfahren, ich hatte es mir hier schöner vorgestellt. Aber die „Heima Bakari“ ist gar nicht schlecht, der Kaffee schmeckt ebenso gut wie das Streuselteilchen mit Zimt. 17 Grad und Sonnenschein in der vermutlich ältesten Siedlung Islands, die heute ziemlich von Touristen überlaufen ist. Schon den zweiten Tag in Folge ist das Wetter nun sehr beständig. Zwar herrscht mancherorts starker Wind, aber es regnet nicht und die Sonne scheint fast ununterbrochen, wenn auch teilweise nur an am gegenüberliegenden Fjordufer.

Auch als wir weiterfahren, bilden die Wolken keine einheitliche Decke wie an vielen anderen Tagen, stattdessen hängen einzelne, teilweise kurios geformte Wattebausche (oder –bäusche?) am hellblauen Himmel. Die Landschaft besteht größtenteils aus bizarren Felsklippen an der Küste, Bergen, Flüssen, kleinen unbewohnten Inseln, scheinbar endlos weiten Wiesen und schwarzen Stränden, dazwischen immer wieder Schafe, Pferde und Vögel. Toll sieht es aus, wenn sich ein Fluss durch schwarze Lava windet, und wenn in weiße Folie eingepackte Heuballen auf kleinen grünen Landzungen vor dem blauen Meer liegen. Wir kommen an eine Brücke, die über die Jökulsá á Fjöllum, den zweitlängsten Fluss Islands, führt. Der Wind ist hier stark, ebenso wie die Strömung des Flusses. Ganz in der Nähe befinden sich der Nationalpark Jökulsárgljúfur und der Dettifoss, ein großer Wasserfall. Wir nehmen uns vor, den morgigen Tag mit der Besichtigung dieser beiden Natursehenswürdigkeiten zu beginnen, heute ist es dafür zu spät.

Ein Wattebausch am Himmel
Ein Wattebausch am Himmel
Eine für diese Gegend typische Landschaft
Eine für diese Gegend typische Landschaft
Ein Fluss und eine Insel
Ein Fluss und eine Insel
Wasser und Lava
Wasser und Lava
Einer der höchsten Bäume, die ich in Island je gesehen habe
Einer der höchsten Bäume, die ich in Island je gesehen habe
Brücke über den Jökulsá á Fjöllum
Brücke über die Jökulsá á Fjöllum

Über der Straße hängt eine Wolke in der Form einer Käseglocke, fast erwartet man, dass sie sich herabsenken und uns einfangen wird, wenn wir genau unter ihr hindurchfahren, aber das passiert nicht, und so erreichen wir Kópasker unbeschadet. In diesem 120-Seelen-Dorf werden wir übernachten. Die Jugendherberge ist auf zwei Häuser aufgeteilt, unser Zimmer befindet sich in dem kleineren Haus. Es ist gemütlich hier, wir haben sogar einen kleinen Schreibtisch mit Bürostuhl und einen Kleiderschrank im Zimmer. Die Türen sind mit dunkelrotem Leder gepolstert, insgesamt wirkt alles etwas englisch. Wir unterhalten uns mit Benedikt H. Björgvinsson, dem Herbergsleiter, der Englisch mit starkem Akzent spricht und die Angewohnheit hat, auf Fragen mit „Já yes“ zu antworten. Außerhalb des Sommers, wenn keine oder kaum Gäste in die Herberge kommen, arbeitet er bei Fjallalamb, einem Schafschlachtbetrieb hier im Dorf, der wohl auch einige Arbeiter aus dem Ausland beschäftigt. Doch eigentlich ist Benedikt viel stärker an Geographie interessiert, insbesondere an Erdbeben. Im Flur hängt eine Karte von Nord- und Ostisland, auf die er kleine Zettel mit den Daten und Richterskalawerten vergangener Beben aufgeklebt hat. 1976 gab es in Kópasker selbst auch ein recht starkes Erdbeben, gegenüber von der Herberge hat man in Erinnerung daran das sogenannte „Earthquake Center“ eingerichtet.

Eines der Gästezimmer hat der Herbergsleiter zu einem kleinen Büro umfunktioniert, er sitzt zwischen zwei Doppelstockbetten und aufgetürmten Matratzen am Schreibtisch und füllt mit isländischer Langsamkeit eine Gästekarte für uns aus. In dem großen Wohn- und Essbereich stehen Regale mit einer beachtlichen Sammlung an Klassik-CDs und Büchern über isländische Geographie. Hier hängt auch eine Luftaufnahme von Kópasker, auf der Benedikt uns zeigt, wo bei dem Erdbeben damals die größten Schäden entstanden sind. Als mein Vater erzählt, dass unsere Heimatstadt nur etwa 20 Kilometer von der niederländischen Grenze entfernt liegt, sagt Benedikt: „Well, that’s closer than some Icelandic childrens’ way to school.“

***

Viel zu sehen gibt es nicht in Kópasker, aber es ist ein nettes kleines Dorf, das ein wenig an Norddänemark erinnert. Es gibt immerhin eine Tankstelle mit einem Café und einem kleinen Supermarkt und eine Feuerwehrstation. Einmal täglich fährt ein Bus nach þórshöfn und einer nach Akureyri. Auf einer Landzunge am Ortsende steht ein Leuchtturm, er sieht schön aus in der langsam sinkenden Abendsonne. Alles ist irgendwie bläulich in diesem Dorf, ein bisschen wie in dem Film „Nói Albinói“, den Regisseur Dagur Kári absichtlich mit einem leichten Blaustich gedreht hat.

Alles irgendwie blau in Kópasker
Alles irgendwie blau in Kópasker
Der Leuchtturm von Kópasker
Der Leuchtturm von Kópasker

Nach unserem Dorfrundgang kochen wir uns Nudeln in der Herbergsküche. Auf einem Wandregal liegen einige Ausgaben von Dagblaðið Vísir, einer isländischen Wochenzeitung. Ich blättere die aktuellste Nummer durch, verstehe aber immer nur ein paar einzelne Wörter. Es gibt einen zweiseitigen Artikel über einen Mann, der in Reykjavík Schauspiel studiert und davon träumt, ein Hollywoodstar zu werden. In einem isländischen Film kann ich ihn mir gut vorstellen: Anfang 30, leicht untersetzt, schulterlange Haare, Vollbart. Aber in Hollywood? Während wir essen, treffen die einzigen anderen Gäste für diese Nacht ein, es handelt sich um eine englische Familie mit zwei Kindern. Trotzdem bleibt es in der Nacht wunderbar ruhig in diesem kleinen Dorf im Norden Islands.

*Hafsól (dt. Meeressonne) ist der Titel eines Songs von Sigur Rós, der – nicht nur wegen seines Titels – sehr gut zu diesem Tag passt.

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3 Gedanken zu „Freitag, 23.08.2013: Hafsól*

  1. Habt Ihr eigentlich jemals den legendären hákarl (fermentiertes Fleisch vom Grönlandhai), svið (Schafskopfhälten) oder ähnliche isländische Spezialitäten probiert? Falls ja: Wie war’s? :o)

    1. Nein, bisher nicht. Hákarl gibt es zwar in jedem Supermarkt in kleinen Würfeln (in Plastikdosen) zu kaufen, aber da mein Vater ganz allgemein eine starke Abneigung gegen Fisch hat und das Zeug darüber hinaus nicht gerade billig ist, habe auch ich noch keinen Hákarl gegessen (und weil ich mich nicht getraut habe …). Und die ganzen Schafsköpfe gibt es meines Wissens nur an besonderen Tagen, da müsste man wahrscheinlich schon bei einer isländischen Familie eingeladen sein. Das würde ich aber durchaus mal probieren, bis auf die Augen, die gelten zwar als besondere Delikatesse, aber das würde mich doch eine Menge Überwindung kosten. =D

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