Donnerstag, 22.08.2013: Der Weg ist das Ziel, und für das Ziel lohnt sich der Weg

Es ist jedes Mal ein bisschen komisch, mit Schwefelwasser zu duschen, aber es gehört einfach dazu. Anders als vor sieben Jahren war das Wasser gestern in Njarðvík völlig geruchsneutral, hier in Borgarnes jedoch riecht es wie an der Blauen Lagune, als ich die Dusche aufdrehe. Aber mein Shampoo ist stärker. Als ich nach dem Duschen vor dem Spiegel am Waschbecken stehe, läuft eine Katze außen am Fenster vorbei. Mühelos klettert sie auf den Lavafelsen hinter dem Haus herum, bis sie plötzlich, aufgeschreckt von etwas, das ich weder sehen noch hören kann, davonspringt.

Wir sind früh aufgestanden, denn heute erwartet uns die längste Strecke der gesamten Reise. Heute geht es von Borgarnes im Westen nach Siglufjörður im Norden Islands. Rund 320 Kilometer, ein Streckenabschnitt, auf dem uns viel Neues, aber auch einiges Altbekanntes erwartet. Nach dem Frühstück machen wir uns bald auf den Weg. Kurz hinter Borgarnes sagt mein Vater: „Ich red jetzt nicht die ganze Zeit. Ich versuche jetzt erstmal Land zu gewinnen.“ Beides Aussagen, die in unserer Familie fester Bestandteil langer Autofahrten sind. Recht bald kommen wir nach Bifröst, hier waren wir schonmal. Aber kann man das eigentlich wirklich sagen, „nach“ Bifröst? Bifröst ist ein seltsames Gebilde, das wir nicht ganz verstehen. Es sieht aus wie ein künstlicher kleiner Ort, einfach mitten in die Lava gebaut. Die meisten Häuser sehen einander sehr ähnlich, statt in einen Garten treten die Bewohner in ein Feld voller kleiner moosbewachsener Lavafelsen, wenn sie ihre Wohnzimmertüren öffnen. Mein Vater sagt: „Die müssen nie Rasen mähen!“ Es wirkt, als habe jemand völlig willkürlich irgendeine Stelle an der Straße Nummer 1 ausgesucht und aus dem Nichts Bifröst erbaut. Und ausgerechnet hier gibt es eine Hochschule, Háskolinn á Bifröst. Wenn man im Internet nach Bifröst sucht, findet man nur Treffer, die mit der Hochschule zu tun haben. Ist Bifröst also gar kein Ort, sondern nur ein Hochschulcampus? Erstaunlicherweise kann man hier, mitten in der westisländischen Pampa, nicht etwa nur irgendwelche Nischenfächer studieren, sondern Wirtschaft und Rechtswissenschaften (allerdings handelt es sich um eine private Hochschule). Hier lernen also Islands zukünftige Anwälte, mit Blick auf Lava, Moos und die Ringstraße.

Das sieht man, wenn man in Bifröst aus dem Fenster sieht
Das sieht man, wenn man in Bifröst aus dem Fenster sieht

Auch wenn es in dieser Gegend geradezu wüstenartig aussieht, fällt mir bald auf, dass es in Island in der Realität deutlich mehr Bäume gibt als in meiner Erinnerung. Schon in der Gegend um Reykjavík waren wir an einigen Bäumen vorbeigekommen, und heute begegnen uns noch mehr. Besonders hoch sind sie zwar alle nicht, und es wäre vollkommen übertrieben von Wäldern zu sprechen, aber es stimmt auch nicht, dass Island vollkommen baumfrei ist. Allerdings findet man Bäume eigentlich nur an halbwegs windgeschützten Stellen.

Eine Kirche, ein Fluss und - Bäume!
Eine Kirche, ein Fluss und – Bäume!

Bald kommt die Sonne raus, es zeigen sich sogar richtige blaue Abschnitte in dem von grauen Wolken bedeckten Himmel. Wir fahren vorbei an Bergen, kleinen Wasserfällen, einsamen Höfen, mäandrierenden Flüssen. Mäandrieren, das ist einer der geographischen Fachbegriffe, die ich während unserer ersten Island-Reise von meinem Vater gelernt habe. Schon toll, dass man hier genug Platz hat, um die Flüsse einfach so fließen zu lassen, wie sie es eben tun. Kein Grund zur Begradigung. Manchmal stehen hier in der Landschaft einzelne große Felsen herum, mein Vater nennt sie „Knurzel“, das ist allerdings kein Fachausdruck. Irgendwann biegt links die Straße nach Hvammstangi ab. Neben der Abzweigung lacht einem eine freundliche gezeichnete Robbe von einem Schild entgegen, denn in Hvammstangi befindet sich Selasetur Íslands, das isländische Robbenzentrum. Dort kann man sich in einem Museum über die Lebensweise der Robben informieren oder auch zu einer Seal-Watching-Tour rund um die Vatnsnes-Halbinsel aufbrechen. Wir tun weder das eine noch das andere, steigen in Hvammstangi aber trotzdem aus. Hier gibt es hübsche bunte Häuser und einen kleinen Fluss mitten im Ort. Bei absolut windstillen 14 Grad laufen wir ein paar Straßen entlang. In dem schon etwas angegammelten blauen Wellblechhaus auf der Húnabraut befand sich 2005 noch der Friseur „Eden“, heute stehen keine Shampooflaschen mehr in den Fenstern. Am Supermarkt hängen allerdings noch genau die selben Werbeplakate wie damals: SS pylsur (in Island allgegenwärtige Würstchen von einer Marke, deren Name in Deutschland sicherlich nicht so gut ankommen würde), Nammibarinn (ein Süßigkeitenladen), Eis von Kjörís, fertiges kartöflugratin, Milchprodukte aus Islands größter Molkerei. In der örtlichen Post kaufen wir Postkarten, endlich findet man welche mit Motiven, die nicht aus Reykjavík stammen, und die halbwegs bezahlbar sind. Ein Tourist erkundigt sich bei der Postmitarbeiterin nach der Einwohnerzahl von Hvammstangi. Sie lacht, fragt bei ihrer Kollegin nach und sagt dann: „About 500.“ Für isländische Verhältnisse ist das gar nicht mal so wenig.

Ein mäandrierender Fluss
Ein mäandrierender Fluss
Der kleine Fluss, der durch Hvammstangi fließt
Der kleine Fluss, der durch Hvammstangi fließt
Ein schönes Haus am Hafen von Hvammstangi
Ein schönes Haus am Hafen von Hvammstangi

Im Supermarkt kaufen wir fürs Mittagessen ein. Den Kartoffelsalat, den wir damals so gerne gegessen hatten, den von der Marke Salathúsið (das Salathaus), gibt es noch. Auf den Coca-Cola-Flaschen stehen auch hier in Island momentan Vornamen, aber natürlich isländische.  Njóttu Coca Cola með Þórunni – Genieße Coca Cola mit Þórunn, steht auf der Flasche, die wir kaufen. An der Kasse macht uns die Kassiererin darauf aufmerksam, dass am Ausgang kostenloser Kaffee bereitstehe. Wir nehmen uns beide einen Becher und spazieren noch ein wenig am Hafen herum. Hier steht eine winzige Bude, der nicht anzusehen ist, welchen Zweck sie erfüllt. Sie wirkt heruntergekommen und wie jahrelang von keinem Menschen mehr betreten, aber in einem Fenster leuchtet der Schriftzug opið – geöffnet. Am Ortsausgang steht eine Waschmaschine, von oben bis unten rot angestrichen, einfach so an der Straße.

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In der Bibliothek von Blönduós hängen drei Gewehre an einer Wand, darunter eine Islandkarte, in einem Glaskasten werden alte Ausgaben verschiedener Sagas ausgestellt. Die Mitarbeiterin an der Auskunft hat mir erlaubt, hier ein paar Fotos zu machen, die ich eventuell für meine Bachelorarbeit gebrauchen könnte. Die Bibliothek bietet eine recht große Auswahl deutschsprachiger Romane. Bei den Büchern auf Isländisch hat man sich für eine gemischte Sortierung entschieden: Isländische Autoren sind nach Vor-, ausländische nach Familiennamen geordnet, Bragi Ólafsson neben Bertolt Brecht. Als ich rausgehe, höre ich eine Mutter und ihre Tochter in der Kinderabteilung Deutsch sprechen.

Wir fahren eine Weile durch den Ort, um einen Platz zu finden, an dem wir Brote und Kartoffelsalat essen können – im Auto, wo sonst, draußen ist es viel zu windig. Die örtliche Vínbúð befindet sich in der hintersten Ecke, in den Schaufenstern wird vorschriftsmäßig nichts ausgestellt. Der Verkauf von Alkohol und Tabak geschieht in Island sozusagen „heimlich“. Es darf keine Werbung für die Produkte gemacht werden, Zigaretten sind an Tankstellen hinter kleinen Rollläden versteckt, die ein Mitarbeiter auf Nachfrage öffnet, um dem Kunden das Gewünschte herauszuholen. Wer Alkohol kaufen möchte, muss mindestens 20 Jahre alt und nüchtern sein.

Von einem Hügel aus können wir Blönduós überblicken. Besonders auffällig dabei ist der kleine Turm auf dem Dach der Bäckerei „Krútt“, daran prangt ein roter Schriftzug, die Buchstaben wirken, als habe man sich chinesische Schriftzeichen zum Vorbild genommen. Huldar Breiðfjörð beschreibt diese Buchstaben in seinem Roman „Liebe Isländer“ als „komisch hilflos im Sturm, in Nordisland“. Die Kirche von Blönduós bezeichnet er als „weiteres Mahnmal für einen schlechten Tag im Leben eines Architekten.“ Wir essen im Auto, dann trinken wir Kaffee in der Tankstelle. Kaffee aus Pumpkannen, für mich mit Milch, für meinen Vater ohne, mindestens einmal täglich, das ist schon jetzt ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil der Reise.

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In Glaumbær stehen Reste eines Torfhofes aus dem 19. Jahrhundert. Heute befindet sich in den traditionellen Häuschen ein Museum. Eine Islandfahne weht vor einer Kulisse aus weiten, grünen Wiesen, Pferden, einem Fluss und Bergen. Ein paar Kilometer weiter sehen wir die Insel Drangey vor uns im Meer. Dort leben keine Menschen, aber viele verschiedene Vogelarten. Wir halten in Sauðárkrókur, der größten Stadt im Nordwesten Islands. Es ist bewölkt, aber trocken, und Sauðárkrókur ist bunt. Wir fotografieren Schiffe im Hafen und Häuser in den verschiedensten Farben. Auf einem Hügel steht ein weißes Haus mit einem Dach, das so grell orange ist, dass es blendet.

Glaumbær
Glaumbær
Hinten: die Insel Drangey
Hinten: die Insel Drangey

Auf der Weiterfahrt zeigt sich wieder einmal: In Island ist wirklich der Weg das Ziel. Es wird nie langweilig, während der Fahrt einfach nur aus dem Fenster zu sehen. Beschäftigt man sich einmal für ein paar Minuten mit etwas anderem, kann es leicht passieren, dass man eine ganze Menge verpasst. Das ganze Land ist voller potenzieller Fotomotive. Einmal müssen wir langsamer fahren, weil gerade ein paar Schafe die Straße kreuzen. Trotz des geringen Verkehrsaufkommens sind die Tiere überhaupt nicht ängstlich, noch nicht einmal ein lautes Hupen kann sie aus der Ruhe bringen. Ich würde gerne mal wissen, wie viele Kilometer ein durchschnittliches Schaf hier in seinem Leben zurücklegt. Das isländische Wort für Schaf lautet übrigens kind.

Ein unerwartetes Highlight entlang der Strecke ist das Dorf Hofsós, das einen sehr schönen kleinen Hafen zu bieten hat. Außerdem gibt es hier ein Museum über die Isländer, die im 19. Jahrhundert nach Kanada und in die USA ausgewandert sind. Am Hafen steht auch der Sockel für eine Skulptur des ersten europäischen Siedlers in Nordamerika, der hier aus der Gegend stammte und Þorfinnur Karlsefni hieß – aber nur der Sockel. Wie der Mann ausgesehen hat, erfahren wir hier nicht. Und auch nicht, wonach da ein Junge unter den Anfeuerungsrufen seiner Freunde im Hafenwasser taucht. Jedenfalls kommt hier in Hofsós die Sonne raus, und sie soll vor ihrem Untergang an diesem Abend auch nicht mehr verschwinden.

Hinter Hofsós tauchen schneebedeckte Berge vor uns auf. Der Blick nach vorne durch die Windschutzscheibe ist wunderschön, erst die Straße, dahinter das Meer, und dann die schwarz-weiß gescheckten Berge. Der letzte Teil der heutigen Strecke wird zur Panoramafahrt in der Abendsonne. Ein Glück, dass jemand die Digitalkamera erfunden hat. Und das Autoradio. Bei „Blizzard of 77“ von Nada Surf dreht mein Vater die Lautstärke höher. Von einem Blizzard kann heute nun wirklich keine Rede sein, aber der Song passt trotzdem zu dem, was wir zu sehen bekommen.  25 Kilometer vor Siglufjörður machen wir ein Selbstauslöserbild, posieren zu zweit vor einem Straßenschild. Von 2005 gibt es auch ein Selbstauslöserbild, wir beide sitzend auf einem Felsen mit dem Svínafellsjökull, einem Gletscher im Südosten, im Rücken. Der Hintergrund hier ist zwar weniger spektakulär, aber dafür ist der Himmel hellblau statt dunkelgrau wie damals.

Panorama

An einem Parkplatz machen wir noch eine letzte Pause, denn von dort aus hat man einen guten Blick auf die Küste. Ein Kleinbus hält an und spuckt Leute aus, einer nach dem anderen kommt zum Vorschein, eine Gruppe deutscher Touristen, der Bus scheint vollgestopft mit Menschen und Gepäck. Eigentlich wollen wir warten, bis sie weiterfahren, damit man nicht dauernd fremde Leute auf den Fotos hat, doch als wir unseren Daim-Riegel aufgegessen haben, sind sie immer noch dabei, einander zu bekunden, wie toll es ist, dass man sich ohne Jacke draußen aufhalten kann. Recht haben sie, aber trotzdem fahren wir weiter, es ist schließlich nicht mehr weit bis nach Siglufjörður, wo wir heute übernachten werden. Ein paar Kilometer entfernt entdecken wir eine kleine Schotterstraße, vor der zwei Warnschilder stehen: „ófært – impassable“.

Nein, dieses Bild habe ich nicht in schwarz-weiß aufgenommen
Nein, dieses Bild habe ich nicht in schwarz-weiß aufgenommen
Ausblick von besagtem Parkplatz
Ausblick von besagtem Parkplatz
Kurz vor Siglufjörður
Kurz vor Siglufjörður

***

Um nach Siglufjörður zu gelangen, muss man durch mindestens einen Tunnel fahren, egal, von welcher Seite man kommt. Wir kommen aus Richtung Westen und müssen nur durch den Strákagöng. Den gibt es seit 1967, vorher konnte man Siglufjörður nur per Schiff oder über eine unasphaltierte Passstraße erreichen. Der Tunnel ist nicht besonders lang, aber lang genug, um die Sonne noch heller erscheinen zu lassen, als wir wieder aus dem Dunkel herausfahren. Und dann: Siglufjörður. Was für eine tolle kleine Stadt am Fjord! Schon beim ersten Blick auf die bunten Häuser, den Hafen, das Meer, die Berge, wissen wir: Hier müssen wir noch spazierengehen. Beim Einchecken keine Zeit verlieren, sondern die Abendsonne auskosten bis zum allerletzten Strahl.

Die Jugendherberge hier war einmal ein Hotel, und das merkt man. Es ist alles sehr schön gestaltet, mit viel Holz und großen Gemeinschaftsräumen zum Kochen, Essen, Fernsehen, Lesen. Unser Zimmer ist ganz oben im dritten Stock. Auf dem Bett liegt eine schrecklich kitschige cremefarbene Tagesdecke mit Spitze und Herzchenmuster, aber ansonsten ist das Zimmer nicht schlecht. Sogar einen Kleiderschrank, ein Waschbecken und einen kleinen Fernseher gibt es. Aber wer will schon fernsehen in dieser Stadt, die, in goldenes Sonnenlicht getaucht, hinter den beiden Fenstern dieses Zimmers lockt?

Die Jugendherberge in Siglufjörður
Die Jugendherberge in Siglufjörður

Draußen sind es 10 Grad, es ist vollkommen windstill. Wir laufen durch die Straßen von Siglufjörður und mir gefällt jedes Eckchen. Würde man mir hier einen Job anbieten, ich würde ihn annehmen. An einer Straßenecke steht ein altes, angerostetes Schiff, im Hintergrund die Berge, weiß gefleckt, die Gipfel in der Sonne, die Füße im Schatten. Auf der gegenüberliegenden Seite der Stadt weht eine Deutschlandfahne an einem der Häuser. In einem Garten steht ein alter kleiner Lastwagen, schon ziemlich zugewachsen. Mir fällt auf, dass es hier erstaunlich viele Möglichkeiten gibt, sich draußen hinzusetzen. Halten vielleicht die Berge an diesem besonders engen Fjord den Wind ab? Auch vor dem Café und dem Restaurant am Hafen kann man sitzen, auf originellen Sitzmöbeln, die aus hölzernen Heringsfässern gebaut worden sind. Das Café befindet sich in einem knallrot angestrichenen Haus, das Restaurant ist postgelb, dahinter steht noch ein leuchtend blaues Haus. Ebenso bunt sind die Fischerboote und kleinen Schiffe im Hafen. Sie spiegeln sich im perfekt spiegelglatten Wasser, hinter ihnen – in der Reflexion: unter ihnen – die schwarz-weißen Berge. Man kann sich nur schwer losreißen von dem Anblick, und erst, als wir bemerken, dass unsere Hände vom vielen Fotografieren schon ganz kalt geworden sind, gehen wir weiter. Neben der Feuerwehrstation befindet sich das Museum über die „Heringsära“. In den vierziger und fünfziger Jahren war Siglufjörður das Zentrum der isländischen Heringsfischerei, damals lebten hier über 3000 Menschen. Heute gibt es hier keinen Hering mehr, die Einwohnerzahl ist auf circa 1200 geschrumpft, und an die Heringsjahre damals erinnert heute nur noch dieses auf drei Häuser aufgeteilte Museum, das jetzt allerdings schon zu hat.

Siglufjörður Schiff Siglufjörður Hafen 1

Am Hafen
Am Hafen
Nochmal am Hafen. Im Hintergrund Restaurant und Café
Nochmal am Hafen. Im Hintergrund Restaurant und Café
Am Museum
Am Museum
Auch am Museum
Auch am Museum

Es ist schwer, die Atmosphäre in Siglufjörður an diesem Abend zu beschreiben. Mein Vater fühlt sich an norwegische Fjordorte erinnert, und wenn ich an seine Fotos von unserem letzten Norwegenurlaub denke (damals war ich noch ziemlich klein, daher habe ich kaum direkte Erinnerungen), kann ich ihm nur zustimmen. Aber trotzdem, und trotz der Tatsache, dass Siglufjörður keineswegs untypisch ist für eine isländische Kleinstadt, fühle ich mich irgendwie ein bisschen wie in einer ganz anderen Welt. Das liegt zum Teil bestimmt an der Sonne und der vollkommenen Abwesenheit von Wind, aber auch an der Ruhe, die über allem liegt, obwohl Siglufjörður erstaunlich städtisch wirkt. Es ist, als würden die Berge alle Geräusche schlucken. Man fühlt sich fast wie auf einer Insel, umgeben von Wasser, das so glatt und ruhig daliegt wie das Meer hier am Hafen. Kaum vorstellbar, dass Island hinter den Bergen noch weitergeht.

Näher als in Siglufjörður kann man dem Polarkreis auf isländischem Boden kaum kommen, doch auch hier wird es jetzt, Ende August, nachts schon richtig dunkel. Als wir, müde von der langen Fahrt und dem ausgedehnten Abendspaziergang, nach dem Abendessen schlafen gehen, ist es draußen dunkelblau. Ich weiß noch, dass ich 2005 in manchen Jugendherbergen, vor deren Fenstern nur dünne Vorhänge hingen, kaum schlafen konnte, weil es Anfang/Mitte Juli in Island gar nicht dunkel wurde. In Sæberg übernachteten wir damals in einem Internatsgebäude, wo wir in dem Abstellraum neben unserem Zimmer eine Tischtennisplatte fanden, die mein Vater als Schutz gegen die Helligkeit vor mein Bett rollte. Solche Maßnahmen sind jetzt nicht notwendig. Bevor ich einschlafe, wünsche ich mir, dass es morgen früh nicht regnet, damit wir die Gelegenheit erhalten, Siglufjörður auch am Morgen noch einmal zu besichtigen.

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2 Gedanken zu „Donnerstag, 22.08.2013: Der Weg ist das Ziel, und für das Ziel lohnt sich der Weg

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