Mittwoch, 21.08.2013: Richtig ankommen

Es regnet, als wir in Njarðvík erwachen. Der Ausblick aus dem Fenster ist so vertraut, ich kann mir nur schwer vorstellen, dass ich seit sieben Jahren nicht mehr hier gewesen bin. Ich glaube, diese Jugendherberge wird für mich immer das Erster-Morgen-in-Island-Gefühl verkörpern, die Vorfreude auf die kommenden Tage. Ich bin der festen Überzeugung, dass ich nirgendwo lieber aufgewacht wäre als in dieser südwestisländischen Kleinstadt, ganz egal, wie das Wetter ist.

Die Jugendherberge in Njarðvík
Die Jugendherberge in Njarðvík

Wir setzen uns in die Küche und frühstücken ganz international: Das Knäckebrot nach finnischem Rezept hat mein Vater aus Deutschland mitgebracht, die Teebeutel sind vom letzten Zypern-Urlaub meiner Eltern übrig geblieben, und den Schmelzkäse hat meine Mutter vor ein paar Wochen etxra noch in Tallinn für mich gekauft. Die Strecke, die wir heute vor uns haben, ist ziemlich kurz, und so sitzen wir bis kurz vor 11 Uhr in der Herbergsküche, die niemand außer uns benutzen will. Dann beginnen wir den ersten richtigen Reisetag mit einer Fahrt durch Njarðvík. Hier gibt es einen kleinen Hafen, in dem heute nur wenige Schiffe liegen, außerdem die üblichen wettergeprägten Häuser aus Beton und/oder bunt angestrichenem Wellblech, einen Bónus-Supermarkt. Njarðvík ist also sicherlich kein Ort, der sich von anderen isländischen Hafenorten abhebt (abgesehen davon, dass hier immerhin etwa 4400 Menschen leben, mehr als in den meisten anderen dieser Orte). Aber gerade deshalb ist es keine schlechte Idee, sich hier umzusehen, denn so ist man gleich am ersten Tag voll drin in der Atmosphäre isländischer Orte, auch wenn Njarðvík unter diesen meiner Meinung nach nicht zu den schönsten gehört. Es ist uns wichtig, Island so zu erleben, wie es ist, im Ganzen, also auch zu sehen, wie die Menschen hier leben, anstatt nur von Gletscher zu Geysir zu Wasserfall zu eilen, und alles andere als uninteressant abzutun.

Aber da die Natur trotzdem ganz klar immer der Hauptgrund für eine Reise in dieses Land ist, fahren wir als nächstes zur Bláa Lónið, also zur allseits bekannten Blauen Lagune. Die Straße dorthin ist rechts und links gesäumt von moosbewachsenen Lavafelsen und –steinen, schwarz und grün, dazu das Grau des Himmels, scheinbar endlos weit, schwer vorstellbar, dass es auf dieser Insel auch noch andere Landschaften gibt. Dann kommt noch eine andere Farbe hinzu: blau, so hell, dass es schon fast weiß ist. Stark schwefelhaltiges Wasser, diesen Geruch wird die Nase nie wieder vergessen. Überall in der Umgebung dampft es, überall verlaufen Rohre, die das heiße Wasser weiterleiten. Und überall Busse und Autos voller Touristen. Wir sind die einzigen, die sich nicht gegenseitig unter dem „Blue Lagoon“-Schild vor dem Besucherzentrum fotografieren. Rein gehen wir allerdings auch. Gleich am Eingang werden wir von einem den Fußboden wischenden Mitarbeiter gefragt, ob wir Hilfe bräuchten. Unsere Antwort ist die gleiche wie in Geschäften mit aufdringlichem Verkaufspersonal, nur mal gucken. Hier drin sieht es im Großen und Ganzen noch genau so aus wie vor acht Jahren, rechts kann man überteuerte Kosmetikprodukte kaufen, links ist der Eingang zum Bade- und Wellnessbereich, geradeaus befinden sich Café und Sternerestaurant. Das Ganze ist ein Massenbetrieb, die Schlange vor dem Eingang zum Badebereich ist lang. Baden kostet hier in der Sommersaison für einen Erwachsenen umgerechnet etwa 40 Euro. Wir fragen uns, wie lange es wohl dauert, bis die Touristen sich aus ihren oft übertrieben vielen Lagen Trekkingkleidung geschält haben. Im Café kann man durch große Fenster zusehen, wie Menschen mit weißem Schlamm im hellblauen Schwefelwasser entspannen. Am Beckenrand befindet sich eine Garderobe mit unzähligen weißen Bademänteln, die Lufttemperatur beträgt schließlich nur etwa 12 Grad. Als wir wieder herausgehen, werfe ich einen Blick auf die Speisekarte des Restaurants, das günstigste Gericht ist eine Vorspeise für circa 16 Euro. Inzwischen muss man zum Umrechnen in Euro die Kronenpreise durch 160 teilen, 2006 bekam man für einen Euro noch 90 Kronen. Billiger geworden ist es allerdings ganz offensichtlich nicht.

Bláa Lónið

Bláa Lónið

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In der Nähe liegt Grindavík, ein weiterer Hafenort. Hier wurde der Schriftsteller Guðbergur Bergsson geboren und hier stand noch 2005 eine alte Fischverarbeitungsfabrik, die aussah, als habe es darin irgendwann einmal eine Explosion gegeben – mein Vater und ich fragten uns schon lange vor der diesjährigen Reise, ob die „explodierte Fischfabrik von Grindavík“ wohl noch steht. Sie steht nicht mehr. Dafür entdecken wir auch hier einige kuriose Ecken.

Grindavík

Kombination aus Alt und Neu in Grindavík
Kombination aus Alt und Neu in Grindavík

Grindavík

Da auch Grindavík kein Ort ist, in dem man allzu viel entdecken kann, erst recht nicht bei Nieselregen, machen wir uns auf den Weg nach Reykjavík. Schon von Weitem zeigt sich: Reykjavík wächst unaufhaltsam, immer neue Wohnviertel entstehen, denn die Hauptstadt zieht immer mehr Isländer an. Momentan leben in der Stadt selbst ungefähr 120.000 Menschen, in der ganzen Höfuðborgarsvæðið (Hauptstadtregion) über 200.000, also mehr als die Hälfte der gesamten isländischen Bevölkerung – und das in einer Region, die nur etwa ein Prozent der Landesfläche ausmacht. Aber obwohl hier der Großteil der Isländer lebt, repräsentiert Reykjavík wohl kaum das „wahre Island“.

Im Sommer scheint die doch recht kleine Innenstadt nur aus Cafés, Souvenirshops und Hotels zu bestehen. Ich frage mich, wie es hier wohl nach dem Sommer aussieht, wenn jedes zweite Gebäude nicht oder kaum genutzt wird. Man hat sehr schnell alles Wichtige gesehen in dieser Stadt, und da es regnet und wir schon einmal hier waren, begnügen wir uns mit einem kurzen Rundgang durch die Hauptstraßen in der Innenstadt. Wir kommen an dem durch den Film „101 Reykjavík“ berühmt gewordenen Café „Kaffibarinn“ vorbei, und ich entdecke auch „12 Tónar“, einen Plattenladen, von dem behauptet wird, er sei der beste Plattenladen der Welt (zum Beispiel in diesem Artikel). Den Antiquitäten-Laden „Fríða Frænka“, den wir schon bei unserem ersten Reykjavík-Besuch so kurios fanden, gibt es noch immer, er quillt nach wie vor über von Puppen, alten Schallplatten, Geschirr, und einfach allem. Man wagt kaum, sich zu bewegen in dem engen, auf zwei Stockwerke verteilten Laden. Wer ein wirklich originelles Mitbringsel aus Reyjavík sucht, sollte die Souvenirshops links liegen lassen und hierher kommen. Natürlich besuchen wir auch wieder das Island-Modell im Rathaus. Hier kann man erkennen, wie bergig die einzelnen Gegenden des Landes sind und wie eng einige der unzähligen Fjorde sind. Es ist toll, hier zu stehen, das Land zu überblicken und zu wissen, wieviel wir noch vor uns haben, wieviel wir noch zu sehen bekommen werden in der folgenden Woche, aber auch, wieviel wir schon erkundet haben, zum Beispiel in den abgelegenen Westfjorden.

Das Konzerthaus Harpa, das 2011 eröffnet wurde
Das Konzerthaus Harpa, das 2011 eröffnet wurde

12 Tónar

Die Hallgríms-Kirche, von deren Turm man bei schönem Wetter eine wunderbare Aussicht hat
Die Hallgríms-Kirche, von deren Turm man bei schönem Wetter eine wunderbare Aussicht hat

Nach unserem Rundgang verlassen wir die Hauptstadt und fahren in Richtung Borgarnes, wo sich die nächste Jugendherberge befindet, in der wir übernachten werden. Obwohl die Strecke nicht besonders lang ist, bekommt man schon einiges zu sehen von der isländischen Natur, und es ist ein gutes Gefühl, die einzige Großstadt Islands hinter sich gelassen zu haben, und nun so richtig anzukommen in diesem Land, in das man nun wirklich nicht zum Shoppen reist. Während der Fahrt eine Pause in einem Café. Zimtschnecken werden hier aus Mürbteig gebacken, den Kaffee gibt es aus den in ganz Island weit verbreiteten Pumpkannen, man darf kostenlos nachfüllen, auch das ist typisch Island. Vor dem Fenster schweben Möwen regungslos im Wind. An der Wand hängt ein Plakat, auf dem auf Isländisch steht: „Denk dran, Kaffee zu trinken“. Daran muss man die Isländer wohl kaum erinnern. Danach kaufen wir bei Bónus ein: Brot, Kekse, Joghurt, eine Gurke (aus einem isländischen Gewächshaus), eine Paprika (teure Importware), Bananen, Marmelade und eine Dose „Thule“-Lightbier. Richtiges Bier, Wein und Hochprozentiges gibt es in Island nur bei den Filialen von Vínbúðin, der staatlichen Alkoholladen-Kette.

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Die Jugendherberge in Borgarnes liegt schräg gegenüber vom Rathaus. Sie gehört zu den größeren Herbergen im Land, ist aber trotzdem sehr gemütlich. Im Erdgeschoss gibt es mehrere Gemeinschaftsräume mit Sofas, Bücherregalen und Stehlampen. In unserem Zimmer drehen wir erst einmal die Heizung auf. Außer uns sind noch viele andere Deutsche hier, außerdem drei Spanier, zwei Franzosen und ein älteres finnisches Ehepaar. Die beiden Gästeküchen sind – im Gegensatz zu den anderen Gemeinschaftsbereichen – sehr beengt, und in der einen, die irgendwann frei wird, riecht es derart nach Fisch, das mir mein Vater beim Kochen leid tut. Wir essen aus Deutschland mitgebrachte Tortellini, dazu Gurke und Paprika, zum Nachttisch jógurt með vanillu. Da es draußen regnet, lassen wir den eigentlich geplanten Ortsrundgang nach dem Abendessen ausfallen. Stattdessen sitzen wir noch eine ganze Weile an einem der Tische im Erdgeschoss und lesen. Ich folge dem Jungen aus „Verschiedenes über Riesenkiefern und die Zeit“ in einen norwegischen Wald, in den er mit den Nachbarjungen tiefer hineingeht, „als isländische Wörter reichen“. Deshalb meint er, es bestehe „kaum Aussicht, dass [er] das Folgende angemessen beschreiben könnte.“ Wenn ich an so einige Naturphänomene hier in Island zurückdenke, kann ich nicht ausschließen, dass es mir in den nächsten Tagen auch so gehen wird.

Blick aus dem Fenster unseres Zimmers in Borgarnes
Blick aus dem Fenster unseres Zimmers in Borgarnes
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2 Gedanken zu „Mittwoch, 21.08.2013: Richtig ankommen

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