Dienstag, 20.08.2013: á leið – auf dem Weg

(Da es mir unmöglich erscheint, die ganze Woche Island inklusive Fotos in einem einzigen Post „abzuhandeln“, gibt es ab heute jeden zweiten bis dritten Tag einen Bericht über einen Reisetag.)

Es ist komisch, erst am Abend abzufliegen. Man wacht morgens auf und es fühlt sich an wie ein ganz normaler Tag. Ich habe noch nicht einmal meinen Koffer gepackt. Für eine Woche Island zu packen ist eigentlich ganz einfach. Das Wetter ist zwar unberechenbar, aber man weiß immerhin, dass man ganz sicher weder Sommerkleider noch Winterstiefel mitnehmen muss. Das Wichtigste ist eigentlich die Kamera plus Speicherkarte und Akkuladegerät. Ohne Kamera würde wohl niemand nach Island reisen. Erschwert wird das Packen jetzt allerdings dadurch, dass airberlin, die Fluggesellschaft, mit der sowohl ich als auch mein Vater die 2685 beziehungsweise 2364 Kilometer (laut luftlinie.org) zurücklegen werden, zur Zeit einige Probleme mit der Überführung von Gepäckstücken hat. Also muss alles, was wirklich wichtig ist, ins Handgepäck. Immer vom Schlimmsten ausgehen, vom Extremfall, davon, dass der Koffer nicht in Keflavík ankommen wird. Die größte zur Verfügung stehende Handtasche ausmessen. Passt. Duschzeug in kleinen Proben und einen transparenten, maximal einen Liter fassenden und wiederverschließbaren Plastikbeutel besorgen. Die festen Schuhe direkt anziehen, auch wenn sich das bei 23 Grad in Stuttgart komisch anfühlt. Nach dem Packen: Nichtstun bis 16:30 Uhr, dann los. Die S-Bahn zum Flughafen ist rappelvoll und jeder Zweite sieht mich genervt an, als ich versuche, mit Koffer und großer Handtasche nicht allzu sehr im Weg zu stehen. In dieser Linie muss man doch damit rechnen, dass mal jemand mit Gepäck einsteigt.

Auch bei airberlin muss man inzwischen an einen Self-Check-In-Automaten gehen. Das Papier, aus dem die Boarding Cards bestehen, ist dünner als das billigste Kopierpapier, das man im Handel bekommen kann, und auf dem Abriss steht noch nicht einmal das Reiseziel. Wäre ich etwa fünfzehn Jahre jünger, hätte mich das bestimmt in Tränen ausbrechen lassen, ich war als Kind immer so stolz auf meine Boarding-Card-Sammlung, die zeigte, in welche Länder ich schon gereist war. Aber immerhin habe ich von Berlin nach Keflavík einen Fensterplatz. Die Frau an der Gepäckabgabe wirft nicht den kleinsten Blick auf meinen Ausweis, dafür sieht sie mich etwas skeptisch an und fragt: „Ihr Gepäck geht dann durch?“ Will sie mir dadurch versichern, dass es kein Problem mit der Weiterleitung des Koffers nach Island geben wird oder glaubt sie selbst nicht dran? Ich sage: „Ja, genau“, so bestimmt, wie ich kann.

Im Terminal eine Menge Businessmen und Leute, deren Ziel irgendwo im Süden liegt. „I sink sat’s much more easy in se shops in Spain“, sagt ein Anzugträger zum anderen. Die Gruppe junger Männer am Schalter gegenüber rückt Strohhüte und Sonnenbrillen zurecht. Ein Pärchen in Trekkingoutfits läuft an mir vorbei, Mitreisende nach Island? Komischerweise tragen sie zu ihren Wanderschuhen, Jack-Wolfskin-Jacken und Riesenrucksäcken beide kurze Hosen. Dann geht es durch die Kontrolle. Ich habe offensichtlich alles richtig gemacht, nichts piept, nichts ist zu schwer, zu spitz oder zu flüssig. Gate 314 besteht aus drei kurzen Sitzreihen. Die Sonne scheint, eine tolle Möglichkeit zum Flugzeuge gucken für kleine Jungs. Aber hier sind keine, nur große Jungs in Anzügen, die keinen Blick für die Flugzeuge übrig haben, zu beschäftigt sind sie mit ihren Smartphones und Vorbereitungspapieren für das bevorstehende Meeting in Berlin.

Beim Boarding gibt es Gedrängel, wie immer. Von der groß angekündigten „Verbesserung des Boardingablaufs“ durch Einteilung der Fluggäste in Gruppen nichts zu spüren. Es steht zwar überall, dass die Gruppen A und B zuerst einsteigen sollen, aber trotzdem muss die Flughafenmitarbeiterin jeden zweiten in der Schlange wieder wegschicken, weil er zu Gruppe C oder D gehört. Irgendwann ist es ihr egal und sie winkt einfach jeden durch.

***

Chaos am Flughafen Berlin-Tegel. Um zu dem Terminal zu kommen, in dem sich das Gate für meinen Flug nach Keflavík befindet, muss ich erstmal vorbei an den Gepäckbändern, dann raus aus dem Gebäude, über eine sehr provisorisch wirkende Brücke und dann wieder rein ins Gebäude. Mein Gate hat die Nummer A06. Nach zehn Minuten Vorangeschiebe zwischen türkischen Familien (einer der nächsten Flüge geht nach Istanbul) finde ich ein Schild mit der Aufschrift „A6“. Daneben ein Check-In-Schalter für einen Flug nach Köln-Bonn. Ich latsche zurück in die Richtung, aus der ich gerade gekommen bin, zur Info, wo mir erklärt wird, dass sich Gate A06 neben Schalter A6 befinde, jedoch erst kurz vor Boarding Time geöffnet würde. Vor der noch geschlossenen Tür heißt es Stehen, im Gang, wo die Geschäfte und Cafés gerade schließen. Ein einziges Durcheinander hier, oder, wie wir Niederrheiner sagen: „alles doreen“.

Irgendwann darf ich rein, durch eine erneute Sicherheitskontrolle. Dieses Mal piept es wegen meiner Schuhe, aber ich darf sie anbehalten, im Gegensatz zu der Frau hinter mir, die ihre schweren Wanderstiefel ausziehen muss und darüber, gelinde gesagt, nicht gerade erfreut ist. Die Security-Frau spricht Englisch mit mir, mit den Leuten vor und hinter mir allerdings Deutsch, darf ich das als Kompliment nehmen, indem ich es so deute, dass ich nicht wie eine typische Touristin aussehe? Hinter der Kontrolle muss ich in Gate A07 und nicht A06. A07 ist winzig, es gibt ganze zehn Sitzplätze, ich ergattere den Letzten, neben einer isländischen Familie. Ihr Isländisch klingt anders als das in den zahlreichen Filmen, die ich seit meinem ersten Besuch auf der Vulkaninsel gesehen habe. Aber Film-Deutsch hat ja mit Alltags-Deutsch auch herzlich wenig zu tun, genauso wenig wie das der airberlin-Stewardess im Flugzeug hierher. Sie stellte ihr Team als „meine zwei reizenden Kolleginnen, meinen charmanten Kollegen und meine Wenigkeit“ vor und wünschte uns zum Abschied einen „richtig tollen Aufenthalt in Berlin.“ Nett von ihr, aber meinen Aufenthalt an diesem Flughafen fand ich eher richtig verwirrend.

Noch 40 Minuten bis zum Boarding. So richtig schlimme Klischee-Island-Touristen habe ich bisher kaum gesehen. Bei meinen letzten beiden Flügen nach Island (ab Düsseldorf) waren die deutlich in der Überzahl. Der Großvater der isländischen Familie neben mir liest in einer deutschen Zeitschrift einen Artikel über sein Heimatland. Es geht um Reisen durch das Hochland, eine Bildunterschrift lautet: „Die Beschilderung an den Straßen ist im ganzen Land tadellos.“ Er stubst seine Frau an und zeigt ihr diesen Satz, beide kichern. Rechts von mir liest eine junge Frau einen Roman vom Ausmaß einer Allgemein-Enzyklopädie, auf Italienisch. Meine Urlaubslektüre ist deutlich schmaler. „Verschiedenes über Riesenkiefern und die Zeit“ von Jón Kalman Stefánsson. Darin beschreitet ein zehnjähriger Isländer sozusagen den umgekehrten Weg wie ich selbst, er reist in den „heißen Süden“, nämlich einen Vorort von Stavanger, um den Sommer bei Verwandten zu verbringen. Er staunt, als er am Flughafen von einem Mann in kurzer Hose abgeholt wird: „Ich habe noch nie einen Erwachsenen in kurzen Hosen gesehen.“ Er stellt sich Norwegen genauso fremdartig, aufregend und abenteuerlich vor wie viele Deutsche sich Island ausmalen. Kurioserweise kommt die Reisetasche des Jungen nicht am Zielflughafen an (macht aber nichts, denn seine Stiefmutter hatte ihm sowieso nur Pullover und Mäntel eingepackt). Mal gucken, ob mir das auch passiert oder ob die Stewardess, die vor der Landung hier in Berlin betonte, alle Gepäckstücke würden automatisch weiterbefördert, Recht behält.

***

Irgendwie eine seltsame Gruppe von Menschen hier an Bord. Zu der Italienerin, die im Gate neben mir saß, hat sich ein weiterer Italiener gesellt, seltsamerweise sprechen sie manchmal Italienisch und manchmal Englisch miteinander. Weiter vorne ist eine Großfamilie, die eine slawische Sprache spricht. Sie haben eine Gitarre und ein Skateboard dabei, zusammen in durchsichtige Folie gewickelt. Das deutsche Pärchen zwei Reihen hinter mir hat ein kleines Zelt dabei, beide tragen allerdings Klamotten, die eher auf einen Spanien-Urlaub schließen lassen. Neben mir sitzt ein russisches Ehepaar, sie redet viel, er brummt nur ab und an zur Antwort. Eine Gruppe isländischer Jugendlicher geht im Gang vorbei, sie sehen aus, als hätten sie in Deutschland ein Festival besucht, sie tragen Bandshirts und dunkle Augenringe. Unablässig strömen mehr Leute herein, so voll war es auf keinem meiner bisherigen Flüge nach und ab Keflavík. Die typische Island-Klientel ist sehr schwach vertreten. Bei nicht wenigen Mitfliegern frage ich mich, was diese Leute in Island wollen. In manchen Sitzreihen sieht es so aus, als habe man die Fahrgäste einer Berliner Vorort-Bahnlinie in dieses Flugzeug gesetzt. Die Frau, die vorhin ihre Wanderstiefel ausziehen musste, sitzt vor mir, zusammen mit zwei Freundinnen. Ich frage mich, welche der drei zierlichen Frauen wohl den Jeep steuern wird.

Eigentlich bescheuert, dass ich so in Klischees denke. Die Tatsache, dass hier kaum jemand den Survival-Look trägt, den ich 2005 und 2006 an so vielen (vor allem deutschen) Touristen in Island gesehen habe, enttäuscht mich fast ein wenig, dabei müsste ich es doch eigentlich gut finden, dass die meisten der anderen Passagiere anscheinend so denken wie ich: Man kann in Island auch wunderbar in normalen Klamotten und normalen PKWs überleben. Anscheinend hätte ich es lieber, wenn alle außer mir selbst in lächerlichen Outfits rumlaufen würden. Aber wer weiß, was die anderen von mir denken, wenn sie mich so in mein Büchlein kritzeln und einen isländischen Roman lesen sehen. Nach dem Start lehnt sich die Frau vor mir in ihrem Sitz zurück, und ich beschließe, es ihr gleichzutun. Ich sitze sogar vor dem Flügel, perfekter Ausblick also.

***

Zwanzig Minuten vor der Landung wache ich davon auf, dass die Frau neben mir mir stark auf die Pelle rückt. Ich öffne die Augen und verstehe, warum. Aus dem Flugzeugfenster kann man Gletscher sehen, sie leuchten weiß in der Nacht, die in Island Ende August doch deutlich dunkler ist als im Juli, dem Monat, in dem ich die letzten beiden Male hier gelandet bin. Auch Lichter sieht man, kleine orange-gelbe Punkte, manchmal einzeln, manchmal als kleine Haufen. Höfe, Dörfer, kleine Städte. Auch die Küste kann man erkennen. Der Pilot sagt die aktuelle Temperatur in Keflavík durch: 8 Grad, dazu nur schwacher Wind. Die Nacht ist sehr klar. Bei meinen vorherigen Anflügen auf Island steckte das Flugzeug noch bei einer Flughöhe von 500 Metern in dicken Wolken, man sah nichts, nur grau. Jetzt kann man schon von Weitem den Flughafen ausmachen. Ich glaube, ich begreife erst in diesem Moment so richtig, dass ich die nächste Woche in Island verbringen werde.

***

Mein Koffer ist angekommen. Genau wie mein Vater. Und sein Koffer auch. Er wartet am Ausgang auf mich, schon witzig, an einem so weit von zu Hause entfernten Ort jemanden anzutreffen, den man schon sein ganzes Leben lang kennt, und mit dem man 19 Jahre lang unter einem Dach gelebt hat. Aber mit meinem Vater hier zu sein, an diesem Flughafen, fühlt sich trotzdem sofort total normal an, so als wären nicht sieben Jahre, sondern nur ein paar Wochen vergangen, seit wir das letzte Mal hier waren. Dennoch wird mir kurz nach der Begrüßung bewusst, dass ich jetzt, im Gegensatz zu 2005 und 2006, erwachsen bin: Bei der Autovermietung lassen wir meine Führerscheinnummer zusätzlich zu der meines Vaters in den Mietvertrag eintragen, damals konnte ich mir noch gar nicht vorstellen, eines Tages mal am Steuer eines Autos zu sitzen. Der kühle Wind auf dem Parkplatz ist erfrischend nach mehreren Wochen Hitze in der süddeutschen Großstadt. Unser Mietwagen ist kein Toyota, sondern ein Suzuki. Fast schon enttäuschend. 2005 und 2006 hatten wir das Gefühl, dass so gut wie alle Touristen, die keinen Jeep mieten, Island im Toyota erkunden. Inzwischen scheinen Suzuki und Škoda den Großteil der Mietwagen zu stellen.

Nach isländischer Zeit ist es jetzt 00:45 Uhr, in Deutschland also schon fast drei Uhr morgens. Wir schreiben SMS an die Familie, um mitzuteilen, dass wir gut gelandet sind. „Jetzt aber schnell ins Bett“, antwortet meine Oma, wir hören auf sie und machen uns auf den Weg nach Njarðvík, wo sich unser erstes Hostel für diese Reise befindet. Auf der kurzen Fahrt kommt trotz der Müdigkeit schon dieses überaus gute Island-Gefühl auf. Überraschung: Die „neue“, private Herberge ist genau die gleiche, die noch vor sieben Jahren zum isländischen Jugendherbergsverband gehörte. Ich muss also eine der Bildüberschriften aus meinem letzten Post zurücknehmen. Kurioserweise steht auf dem Fensterbrett unseres Zimmers genau so eine Lampe wie auf besagtem Bild. Auch der Ausblick ist im Grunde der gleiche, nur schlafen wir dieses Mal im Erdgeschoss statt im ersten Stock. Und dann, am Ende dieses langen Tages: Möwengeschrei anstelle von Verkehrslärm, ich schlafe wunderbar.

Unser Zimmer in der Jugendherberge in Njarðvík
Unser Zimmer in der Jugendherberge in Njarðvík
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7 Gedanken zu „Dienstag, 20.08.2013: á leið – auf dem Weg

  1. Ja, genauso war’s! Zu ergänzen wäre evtl. noch eine Veränderung gegenüber 2006: Man hat es (jetzt) in Island – verglichen mit anderen Ländern des Nordens – mit unverhältnismäßig großen Zahlen beim Geld zu tun. Bekam man damals etwa 90 isländische Kronen (ISK) für einen Euro, so sind es heute fast 165 ISK. Grund: Durch die schwere Bankenkrise 2008 war die Währung abgestürzt . . . Offenbar hat aber eine relativ hohe Inflation inzwischen dazu geführt, dass es in Island heute kaum billiger ist als damals. Wirklich preiswert ist eigentlich gar nix. Man kann schon froh sein, dass der Liter Sprit momentan „nur“ 253 Kronen kostet (vgl. Wechselkursangabe).

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