Vorfreude

Über dem Schreibtisch meines Vaters hängt seit Jahren der gleiche Kalender. Nicht, weil er immer wieder vergisst, sich einen aktuellen Kalender zu kaufen, sondern weil es sich um einen sogenannten immerwährenden Kalender handelt. Und weil ich ihn gebastelt und ihm geschenkt habe. Zu Weihnachten im Jahre 2006. Der Kalender enthält Bilder von einer besonderen Reise, aus einem besonderen Land. Island.

Das Dezember-Bild im Kalender - aufgenommen, wohlgemerkt, im Juli 2005
Das Dezember-Bild im Kalender – aufgenommen, wohlgemerkt, im Juli 2005

Im Jahr 2000 war mein Vater zum ersten Mal für ein paar Tage in Island, alleine. Ich war damals neun Jahre alt und für mich war Island ein abgelegener Teil von Skandinavien. Ich hatte Sommerurlaube in Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland und Estland verbracht und die Nordeuropa-Liebe meiner Eltern schon voll übernommen. Aber Island, das war irgendwie nochmal etwas ganz anderes, noch weiter im Norden, und ich staunte über die Nähe zu Grönland, als ich auf der Karte nachschaute, wo genau mein  Vater hinreisen würde. Als er zurückkam, gab es einen Familien-Dia-Abend in dem Kellerraum, der bis heute bei uns „Spielkeller“ heißt, auch wenn er schon lange nicht mehr zum Höhlenbauen und Duplospielen genutzt wird, sondern als Gästezimmer und Aufbewahrungsraum für einige der Musikinstrumente meiner Mutter dient. An diesem Abend blickte ich erstaunt auf karge Landschaften, bizarre Gesteinsformen, Wasserfälle und heiße Quellen. Mein Vater, der unter anderem Geographie studiert hat, erklärte uns die Naturphänomene Islands und erzählte von unglaublich hohen Preisen für alltägliche Dinge, Nächten in Jugendherbergs-Schlafsälen, großen Fisch-Abteilungen in den Supermärkten (er hat eine starke Abneigung gegen Fisch) und Unmengen kalter, schwarzer Lava. Eine komische Mondlandschaft, fand ich, aber fasziniert war ich auch.

Fünf Jahre später, mit 14, war ich gerade dabei, mein Skandinavien-Interesse weiterzuentwickeln. Ich las skandinavische Krimis, versuchte mich an skandinavischen Backrezepten, sah skandinavische Filme und entdeckte skandinavische Indie-Bands. Mitten in dieser Phase kam mein Vater zu mir und fragte, ob ich Lust hätte, im Sommer mit ihm für eine Woche nach Island zu fliegen. Er hatte die Reise schon für sich alleine gebucht und wohl gemerkt, dass ich auch gerne das Land am Polarkreis sehen würde, das in den vergangenen fünf Jahren dank Literatur, Film und Musik eine deutlich konkretere Gestalt in meinem Kopf angenommen hatte. Ich weiß noch, dass ich anfing zu weinen, als er das fragte, ohne dass ich selbst genau wusste, warum. Wahrscheinlich war ich gerührt davon, dass er mich mitnehmen wollte (ich war schließlich ein pubertierender Teenager und eine Island-Reise ist schon für eine Person nicht gerade billig), und glücklich darüber, dass ich die Chance bekam, dieses Traumland in der Realität kennenzulernen.

Ich will mich hier nicht in Einzelheiten über diese Reise verlieren, es reicht eigentlich, wenn ich kurz sage: Es war grandios. Unsere einwöchige Rundreise auf der Ringstraße Nr. 1 war geprägt von unberechenbaren Wetterverhältnissen, unzähligen Pausen zum Fotografieren (in Island aufgrund des kaum vorhandenen Verkehrs jederzeit überall möglich), Übernachtungen in sehr unterschiedlichen und zum Teil kuriosen Jugendherbergen, Musik von Sigur Rós, Knäckebrot und Kartoffelsalat, Tab-Cola für mich und Egils-Lightbier aus der Dose für meinen Vater, Gelächter über die trekkinghosentragenden und jeepfahrenden deutschen sowie die bei jedem Wetter eisessenden englischen Touristen, Schafen auf der Fahrbahn – und vor allem natürlich von Natur, scheinbar unendlicher, faszinierender Natur, die sich mit Worten nicht beschreiben lässt. Es war eine Reise, über die wir bis heute noch oft sprechen, und die mir – kurioses Detail am Rande – für eine Woche einen Doktortitel bescherte. Denn nachdem mein Vater mich dazu eingeladen hatte, mitzukommen, rief er beim Reisebüro an und sagte: „Meine Tochter Eva kommt mit“, woraus die zuständige Mitarbeiterin „Doktor Eva“ verstanden haben muss. Jedenfalls stand auf meiner Boarding Card vor meinem Namen die Abkürzung „Dr.“. In Verbindung mit meinem Geburtsdatum sah das doch einigermaßen seltsam aus.

Drei von seeeeeehr vielen Schafen, die in Island leben
Drei von seeeeeehr vielen Schafen, die in Island leben
Bezugsquelle für die in diesem Post erwähnten Nahrungsmittel: die Supermärkte der Kette "Bónus"
Bezugsquelle für die in diesem Post erwähnten Nahrungsmittel: die Supermärkte der Kette „Bónus“

Ich schenkte meinem Vater zu Weihnachten 2006 den erwähnten Kalender, er schenkte mir drei vergrößerte und gerahmte Fotos, die er selbst während der Reise gemacht hatte. Sie hingen jahrelang in meinem Kinderzimmer in Mönchengladbach, jetzt hängen sie hier in Stuttgart in unserem Wohnzimmer. Im Sommer 2006 waren wir noch einmal zu zweit nach Island geflogen, dieses Mal für eine Tour durch die Westfjorde, die wir noch nicht bereist hatten. Durch die beiden Reisen wurde Island zu einem Teil meines Lebens. Die Begeisterung für dieses Land hat mich seitdem immer begleitet und auch mein Schüler- und Studentenleben einige Male beeinflusst. Ich begann, einen Island-Krimi zu verfassen (der bis heute nicht fertig ist), schrieb meine Facharbeit in der 12. Klasse über die filmischen Mittel in den Schlussszenen von „Nói Albinói„, hielt anhand der Dia-Aufnahmen meines Vaters ein Bio-Referat über die Kontinentalplattenverschiebung, bewarb mich für ein Praktikum in der Bibliothek der Uni Reykjavík (das ich aus Kostengründen dann nicht machte) und stellte in einem FH-Wahlfach Werke der neueren isländischen Literatur vor. Auch in meiner Bachelorarbeit wird es um isländische Literatur gehen.

Im Sommer 2007 machten mein Vater und ich eine Rundreise durch Schottland und 2008 besuchten wir meine Schwester in Budapest, wo sie damals ein Praktikum machte. Meine Mutter reiste währenddessen nach Frankreich, um Französisch-Konversationskurse zu besuchen (sie hat unter anderem Französisch studiert). Im Herbst 2009 begann ich zu studieren und zog bei meinen Eltern aus. Seitdem bin ich meistens mit anderen Leuten in den Urlaub gefahren, aber ich habe mir immer vorgenommen, eines Tages mal wieder mit meinem Vater zu verreisen. Im Dezember 2012 saß ich in meinem Zimmer in Tartu und dachte traurig darüber nach, dass mein halbes Jahr in Estland bald zu Ende sein würde. Genau richtig zur Aufmunterung bekam ich eine Mail von meinem Vater, Betreff: „Island … oder so“. Er hatte einen günstigen Flug nach Island für den nächsten Sommer gefunden und wollte wissen, ob ich mitkommen würde. „Es darf nicht allzu lange dauern mit der Entscheidung. Solltest Du also Interesse haben, dann buch Dir nen Flug“, stand da. Alles andere würde er bezahlen. Ich war genauso überrascht von der Frage „kommste mit?“ wie 2005, aber einen Tag später hatte ich Flüge gebucht, und war nicht mehr ganz so traurig darüber, dass ich den Sommer 2013 nicht in Estland würde verbringen können. Mein Vater hatte auch meine Schwester gefragt, ob sie mitkommen wolle, aber leider hat sie nicht mehr so viel Urlaub wie früher als Studentin und konnte auch nicht so weit im Voraus planen. Als ich vor etwa zwei Monaten von Mönchengladbach zurück nach Stuttgart fuhr, verabschiedete ich mich von meinem Vater mit den Worten: „Wir sehen uns dann in Island!“ Verrücktes Gefühl.

Und jetzt ist es fast soweit. Am Dienstag Abend fliegen wir nach Keflavík, ich ab Stuttgart, mein Vater von Düsseldorf aus. Ich bin gespannt darauf, was sich in Island in den letzten sieben Jahren verändert hat, und auch darauf, wie es sein wird, wieder mit meinem Vater unterwegs zu sein, jetzt wo ich nicht mehr 14 oder 15, sondern 22 bin. Eins ist schonmal klar: Das Wechseln der Filme in unseren Kameras fällt weg. Und wir werden in anderen Jugendherbergen übernachten als damals, und auch einige Orte sehen, die wir noch nicht kennen. Aber vieles wird bestimmt genau so sein wie vor sieben beziehungsweise acht Jahren: Das Wetter wird unberechenbar sein, wir werden Sigur Rós hören, unser Mittagessen wird aus Kartoffelsalat, Knäckebrot und Salami bestehen, mein Vater wird abends Egils Light trinken („richtiges“ Bier bekommt man in Island nur in den speziellen Alkoholläden), wir werden Deutschen in albernen Trekkingoutfits und Engländern mit Eis am Stiel begegnen, Schafe werden uns zum Anhalten zwingen, und wir werden wieder einmal feststellen, dass sich isländische Straßen auch mit einem Kleinwagen, der bestimmt wieder von Toyota sein wird, wunderbar befahren lassen. Ich werde berichten (mit besseren Bildern, die hier sind eingescannt).

Dieses seltsame Ei wird uns wohl auch dieses Jahr wieder am Flughafen Keflavík begrüßen
Dieses seltsame Ei wird uns wohl auch dieses Jahr wieder am Flughafen Keflavík begrüßen und verabschieden
Diese Jugendherberge gibt es nicht mehr (und auch dieses Handy hat längst ausgedient). Mal sehen, was für Zimmer uns dieses Jahr erwarten
Diese Jugendherberge gibt es nicht mehr (und auch dieses Handy hat längst ausgedient). Mal sehen, was für Zimmer uns dieses Jahr erwarten
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5 Gedanken zu „Vorfreude

  1. Na, der Reisebericht klingt ja interessant – darf man also SEHR gespannt sein, welche Details, Ergänzungen und Fotos Du hier in Kürze präsentieren wirst. :o)

    Ich wünsche eine herrliche, erlebnisreiche Reise in die Vergangenheit und Gegenwart Islands und, sollte sich die Gelegenheit bieten, grüß mir bitte diese so charmante wie ruppige Insel! Ich drücke die Daumen, dass Du dann in wenigen Wochen sagen kannst: „Þetta var frábært ferðalag!“ (Bin mir aber bei diesem Reiseziel jetzt schon recht sicher.)

  2. Ich bin ganz gerührt, wie gut ich da „wegkomme“. Jedenfalls freue ich mich auch auf eine Wiederholung des Abenteuers im hohen Norden. Es soll da ja ein paar Ecken in Island geben, wo wir noch nicht waren. Und ein paar Jugendherbergen (von insgesamt etwa 27), in denen wir noch nicht übernachtet haben. Aber auch das Bekannte sehe ich gern erneut. Also: Ich erwarte Dich gegen Mitternacht am Flugplatz Keflavík.

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