Ein Jahrgang unterm Ellbogen

Über den folgenden Ausschnitt aus dem Roman „Die Rollen und ihre Darsteller“ von Pétur Gunnarsson musste ich lachen. An vielen Stellen dieses Buches habe ich schon gelacht oder geschmunzelt, aber diese Passage ist für jemanden, der sich (wie ich selbst) mit Bibliothekswesen befasst und/oder schon einmal in einer Bibliothek gearbeitet hat, besonders amüsant. Ein Gespräch wie das hier geschilderte erleben viele Bibliothekare wohl mindestens ein Mal am Tag.

„Im Lesesaal saßen die Philosophen des Abendlandes mit der Faust unter der Wange. Viktorianische Oberklasseeinrichtung, mit Schnitzereien verzierte Tische, Stühle mit Lederbezug und Kronleuchter. Vollgestopfte Regale vom Keller bis unter den Dachstuhl. Complete Works of Immanuel Kant, Das Erlegen des Lachses und die Verarbeitung des Rogens, Frauen und Schicksalsmächte.

Der Bibliothekar blickte angeekelt in den Saal. Es ging das Gerücht um, er schreibe an einem Roman, der einen Punkt hinter alle Geschichten setzen sollte, so dass man danach nie mehr Romane zu schreiben brauchte. Er unterbrach seinen Endpunkt, […] nahm den Bestellschein entgegen und sah Andri vorwurfsvoll an. „Morgunblaðið* 1954?“ Andri nickte, um nicht gegen das Schweigegebot, welches in der Landesbibliothek herrschte, zu verstoßen. Als der Bibliothekar keine Anstalten machte, sich in Bewegung zu setzen, flüsterte Andri: „Ich schreibe einen Aufsatz.“ „Über das Morgunblaðið 1954?“ „Über Hemingways Anfänge.“ „Und die sind im Morgunblaðið? Wollen Sie vielleicht einen ganzen Jahrgang unter dem Ellbogen haben?“ „Da ist ein Artikel über Hemingway drin.“ „Wollen Sie so gut sein und den Monat angeben, dann muss ich mich nur mit fünf Kilo abmühen und nicht mit sechzig“, sagte der Bibliothekar verbittert.

Die Bibliotheksuhr schlug den Takt der Stille. Als der nächste Besucher anrückte, war Andri bereits Mitglied in der Akademie Islands, die entnervt aufschaute und aus Studenten bei Bachelor-Arbeiten, einem die Lebensgeschichte des Geächteten Fjalla-Eyvindur** verfassenden Hafenarbeiter, Gymnasiasten und einem Mann bestand, der dazu neigte, ununterdrückbare Lachanfälle zu bekommen, da er über der Vorbereitung für das Propädeutikum durchgedreht war.“

Morgunblaðið (dt. „Das Morgenblatt“) ist eine isländische Tageszeitung.

** Fjalla-Eyvindur hieß eigentlich Eyvindur Jónsson und lebte im 18. Jahrhundert. Nachdem er wegen Diebstahls verurteilt worden war, floh er mit seiner Frau ins isländische Hochland, wo die beiden 20 Jahre lang in der Wildnis gelebt haben sollen. (So steht’s zumindest bei Wikipedia)

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