Die Tage davor

Die Redensart „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ wird in meiner Familie gerne nach aktuellem Bedarf umgewandelt. Besonders häufig wird daraus „Reisetage sind keine Herren­tage“, denn bis man am Urlaubsort angekommen ist, muss man erst einiges an Stress hinter sich bringen – sich im Stau langweilen, stundenlange Aufenthalte an Umsteige­flughäfen ab­sitzen, Turbulenzen während des Flugs überstehen, gefühlt tonnenschwere Koffer in die Gepäckablagen überfüllter Fernzüge hieven, … ganz egal, mit welchem Verkehrsmittel man reist, einfach ist es eigentlich nie.

Aber auch die Tage vor der Abreise sind keine Herrentage. Sie sind hauptsächlich eines: lästig. Sie wollen „abgelebt“ werden, sind geprägt von Vorfreude und Ungeduld, und einfach anders als normale Tage. An diesen Tagen schwanke ich zwischen der Idee, dass noch un­glaublich viel erledigt werden muss, bevor es losgeht, und dem Gefühl, dass die verblei­bende Zeit einfach nicht vergehen will. Egal, wo die Reise hingeht, an diesen letzten Tagen zu Hause mache ich immer das Gleiche.

Ich gehe in die Stadt, um genügend Shampoo, Duschgel und Sonnencreme für den Urlaub zu besorgen, und hoffe, dass all das Zeug im Reisegepäck nicht auslaufen wird. Ich wasche Un­mengen von Klamotten, die ich mitnehmen will, und bin beim Aufhängen schon nach kurzer Zeit genervt, weil die Wäscheständer einfach nicht genug Platz bieten. Ich ernähre mich von seltsamen Kreationen aus den Resten der verderblichen Lebensmittel, die noch im Kühl­schrank liegen, und ärgere mich darüber, dass diese Mahlzeiten so gar nicht bikinifigur­freundlich sind, und eigentlich hatte ich mir ja schon im Frühjahr vorgenommen, vor dem Urlaub noch ein paar Kilo abzunehmen, woraus natürlich nichts geworden ist. Ich backe Muffins, um die letzten Eier zu verbrauchen, mit dem Gedanken, dass man diese ja unter­wegs essen könnte, aber am Ende wird die Hälfte von ihnen noch vor der Ankunft am Urlaubs­ort entsorgt, wie soll man auch zu zweit an nur einem Tag 12 Muffins essen? Ich schaue im Internet nach, wie das Wetter am Reiseziel werden wird, und finde die Aussichten eigentlich nie zufriedenstellend, entweder ist es zu heiß oder zu kalt, zu nass oder zu trocken. Ich suche Urlaubslektüre raus und ärgere mich darüber, dass ich ausgerechnet die Bücher, die ich gerne lesen würde, nur als gebundene Ausgabe im Regal stehen habe. Ich überlege, ob der Reiseführer, den wir dahaben, ausreicht, oder ob ich noch in die Bibliothek gehen und etwas Zusätzliches ausleihen sollte (mache ich nie, weil die vielen Romane sowieso schon einiges an Gewicht mit sich bringen). Ich spüle Unmengen von dreckigem Geschirr und Besteck, obwohl sich das eigentlich nie lohnt, weil man am Abreisetag sowieso nochmal den letzten Rest reinigen muss. Ich fülle meinen MP3-Player mit Musik für den Urlaub und stelle fest, dass selbst 16 Gigabyte mir nicht reichen.

Und dann ist da ja noch das Kofferpacken. Mein Vater, dessen Abneigung gegen das Packen ich ganz eindeutig geerbt habe, sagt auch gerne: „Packtage sind keine Herrentage“, und da hat er absolut Recht. Ich schiebe das Kofferpacken so lange vor mir her, bis der Abend vor der Abreise schon so weit fortgeschritten ist, dass ich eigentlich allmählich schlafen gehen sollte (meistens muss man am Abreisetag ja zu einer geradezu ekelhaft frühen Zeit auf­stehen). Man kann sich natürlich nicht auf durchgängiges Sommerkleidchenwetter einstellen, also braucht man Jacken, Pullover und lange Hosen, die furchtbar viel Platz im Koffer einnehmen. Schon während ich packe, ist mir klar, dass ich die Hälfte der Sachen sowieso nicht anziehen werde, aber man weiß ja nie. Irgendwann komme ich dann zu der Frage, welche Schuhe ich mitnehmen soll. Zu diesem Zeitpunkt ist der Koffer schon zu drei Vierteln gefüllt mit Klamotten, Büchern, Duschutensilien, und so weiter. Bleibt also kaum Platz für Schuhe, und man kann ja nicht nur ein Paar mitnehmen. Es ist weniger die Qual der Wahl, die es mir schwer macht, mich für die Schuhe zu entscheiden, die mitsollen, sondern vielmehr die Tat­sache, dass irgendwie alle Schuhpaare, die ich besitze, aus den unterschiedlichsten Gründen ungeeignet sind. Die einzigen Schuhe, die wirklich wasserdicht sind, sind gefütterte Stiefel. Die meisten meiner Sommerschuhe sind eigentlich furchtbar unbequem und haben schon so oft schmerzhafte Blasen an meinen Fersen verursacht, dass ich dort inzwischen Narben habe, und da ich mir selbst gegenüber immer so schrecklich geizig bin, bestehen sie darüber hinaus aus billigen Materialien, die die Füße nicht gerade kühl halten. Dann ein Blick auf die Klamotten, denn Schuhe müssen schließlich auch zum Outfit passen. Und immer ist da mindestens ein Kleid, zu dem ich gar keine passende Schuhe habe, außer vielleicht welche mit Absatz, aber mit denen bin ich ja glatt 1,90 groß, und lange darin laufen geht sowieso nicht. Und nehme ich meine Laufschuhe mit und lasse dafür ein anderes Paar zu Hause, oder mache ich eh wieder keinen Sport im Urlaub? Meistens komme ich irgend­wann zu dem Schluss, dass es doch eigentlich vollkommen egal ist, ob die Schuhe zu den Klamotten passen. Bequem geht vor schön. Trotzdem landen nie weniger als vier Paar Schuhe in meinem Koffer (für zwei Wochen). Kofferpacken gehört zu den Situationen, in denen ich gerne ein Mann wäre. Wenn ich sehe, wie das bei meinen männlichen Freunden abläuft, werde ich jedes Mal neidisch. Maximal zwei Paar Schuhe (von denen sie eins am Abreisetag anziehen), für jeden Tag Unterwäsche und ein T-Shirt, zwei Pullis für kalte Abende, ein paar kurze Hosen und eine Jeans, ein oder zwei Bücher, Duschzeug, alles einfach in den Koffer. Das war’s. Kein Überlegen, ob man in dem einen Oberteil, das man so schön findet, nicht vielleicht dick aussieht, oder ob das eine Kleid nicht sogar für den Strand zu kurz sein könnte.

Letztendlich kann ich es anstellen, wie ich will – wenn ich am Abreisetag das Haus verlasse, habe ich sowieso jedes Mal das Gefühl, etwas vergessen zu haben. Wirklich wich­tige Sachen habe ich zum Glück noch nie zu Hause liegen lassen, aber ich bin ein notorischer Zahn­bürstenvergesser. Ich habe schon in den unterschiedlichsten Ländern Zahnbürsten kau­fen müssen, meistens überteuert an der Tankstelle, weil man ja immer zur unmöglichs­ten Uhr­zeit feststellt, dass das Mundhygienegerät zu Hause geblieben ist. Der Urlaub vergeht immer so schnell, dass ich mich am Ende frage, warum ich eigentlich für diese kurze Zeit meinen halben Kleiderschrank eingepackt habe. Von den Büchern schaffe ich meist noch nicht ein­mal die Hälfte, und den MP3-Player benutze ich fast gar nicht, da ich ja nicht alleine im Urlaub bin und mich lieber unterhalte. Nein, auch Urlaubstage sind keine Herrentage.

Warum tue ich mir das Ganze eigentlich immer wieder an? Weil der Urlaub an sich alles vergessen lässt. Weil ich einfach nicht das ganze Jahr am gleichen Ort sein kann. Weil ich von klein auf an regelmäßiges Verreisen gewöhnt wurde und nicht mehr darauf verzichten kann. Weil ich gerne sowohl Neues entdecke, als auch Altbewährtes wiedersehe. Weil ich Fremdsprachen mag. Weil Rei­sen bildet. Und weil doch gerade die Tatsache, dass man nicht alles im Voraus planen kann und flexibel sein muss, die Reise interessant macht.  Im Grunde fällt all das, was ich hier geschildert habe, doch unter die Kategorie „First World Problems“.

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7 Gedanken zu „Die Tage davor

  1. Ich habe auch schon eine Idee für den nächsten Eintrag: Wiederkommenstage sind keine Herrentage (Ausräumen, Wäsche, Rechnungen in der Post etc.etc. ) Wir stecken gerade drin!!

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