Beim Arzt

Nach längerer Zeit gibt es auch hier mal wieder einen neuen Post, und zwar einen weiteren Auszug aus dem Roman, den ich 2004/2005 schrieb. Manchmal lese ich Passagen aus dem Text und kann mich kaum noch daran erinnern, dass ich sie einmal geschrieben habe. Das sind meistens die Stellen, an denen ich lachen muss. Dann kommt es mir fast so vor, als habe jemand Fremdes sie verfasst. Vielleicht einfach, weil es schwer vorstellbar ist, dass ich mit 14 etwas verfassen konnte, das mich mit 22 zum Lachen bringen würde. Eine dieser Stellen ist die nun folgende. In dem letzten Auszug, den ich hier gepostet habe, ging es um die Erkältung der Hauptperson, hier nun geht er nach einem Fußballspiel mit Knieschmerzen zum Arzt. Auch wenn es vielleicht so wirkt: Nein, Krankheiten sind nicht das Hauptthema des Romans. Es ist Zufall, dass ich wieder über eine Passage gestolpert bin, die damit zu tun hat. Zwei kleine Anmerkungen noch: 1. Rheydt war bis 1975 eine eigene Stadt und ist seitdem ein Stadtteil von Mönchengladbach. Deshalb hat meine Heimatstadt zwei Innenstädte. 2. Alex ist der Bruder des Protagonisten.

Ich sitze im Wartezimmer der Arztpraxis und lese die „Auto-, Motor- & Sport-Bild“, die mich nicht die Bohne interessiert, aber sie ist nun einmal die einzige Zeitschrift, die sie nicht speziell für Frauen hier hingelegt haben. Ich sitze jetzt seit fast einer Stunde in diesem völlig überheizten Raum. Wenn man als Kassenpatient „spontan“ zum Arzt kommt, hat man immer das Gefühl, dass die Sprechstundenhilfe einen innerlich auslacht. „Setzen Sie sich doch bitte in unser Wartezimmer“, sagt sie dann, und man hört, dass sie sich das Grinsen kaum verkneifen kann. Wenigstens ist das Zimmer nicht auch noch überfüllt. Es gibt wohl kaum einen anderen Ort, an dem man sich so gut etwas einfangen kann wie in einem vollen Arztwartezimmer Mitte Dezember. Wenn ich mich hier so umschaue, bin ich sicher, dass ich der Einzige bin, der hier nicht aufgrund von Erkältung oder gar Grippe sitzt.

Der Artikel mit dem Titel „Die neuen Jeeps – schneller, weiter, besser!“ langweilt mich schon nach den ersten paar Zeilen. Die Frau neben mir zieht andauernd lautstark die Nase hoch. Hier drinnen liegt die Temperatur bei mindestens fünfunddreißig Grad. In der Ecke hocken ein paar erkältete Kleinkinder und streiten sich um die bunten Bauklötze, die irgendjemand mal da hingelegt hat, um das Wartezimmer zu einem Ort zu machen, an dem die Kleinen sich wohlfühlen.  Eine alte Fraue blättert sämtliche hier vorhandenen „Brigitte“-Ausgaben durch und reißt, nachdem sie sich verstohlen umgeschaut hat, die Rezeptseiten heraus, um sie heimlich in ihre Handtasche zu stecken. Und die Abstände, in denen die belustigte Sprechstundenhilfe mit der ausgewachsenen Dauerwelle „den Nächsten, bitte“ aus der Hölle namens Wartezimmer befreit, werden immer größer.

Seufzend lege ich die blöde Zeitschrift zur Seite. Der alte Mann, der mir gegenüber sitzt, lächelt mir verständnisvoll zu. In der Spielecke sind die beiden Brüder inzwischen dazu übergegangen, sich zu prügeln. Ihre Mutter versucht mit einem wenig autoritären „Lass das bitte!“ einzugreifen. Erfolglos. Ich bin den Jungs fast schon dankbar dafür, dass sie anwesend sind, da hat man wenigstens was zu gucken. Irgendwann fange ich an, den Regen durch die Lücken in diesen typischen Arztpraxisjalousien zu beobachten. Rheydt-City ist ekelhaft grau an Tagen wie diesem. Selbst die Regenschirme, die in Filmen an Regentagen immer ein wenig Farbe geben, sind hier schwarz oder höchstens mal dunkelblau. Die Rheydter Bürger scheinen mit bunten Farben nicht allzu viel anfangen zu können.

Ein weiteres Mal geht die Tür auf und die Sprechstundenhilfe steckt ihren Kopf durch den Spalt. Ein allgemeines Aufatmen ist zu hören und alle Blicke richten sich hoffnungsvoll auf sie. Und dieses Mal bin ich derjenige, der aufgerufen wird. Juhu, denke ich, und bekomme fast einen Kälteschock, als ich aus dem heißen Wartezimmer in den Flur der Praxis komme. Der Arzt könnte ein Bruder des Tierarztes sein, bei dem ich vor Kurzem war. Nach dem  üblichen Smalltalk und der Frage, wo denn der Schuh drücke (wie ich diese dämliche Frage hasse!), führt er mich in einen Nebenraum, um mich zu röntgen. Ich bin schon seit Ewigkeiten nicht mehr geröntgt worden, das letzte Mal, als ich sechzehn war und der Zahnarzt rausfinden wollte, wie meine Weisheitszähne wachsen.

Während mein Knie durchleuchtet wird, redet der Arzt über das Wetter und Weihnachten. Ich mache zwischendurch immer wieder mal „Hmm“ oder nicke oder beides. Schließlich werde ich wieder in den Raum geschickt, in dem ich vorher saß, und muss warten, bis er mit den Röntgenbildern rüberkommt. Während ich dasitze und die leise aus dem Radio säuselnde Lokalsendermusik über mich ergehen lassen muss, öffnet die Sprechstundenhilfe die Tür. Sie hat so eine blöde Art, irgendwo kurz reinzuschauen, das ist mir schon im Wartezimmer aufgefallen. Es wirkt so, als müsse sie immer genauestens wissen, was hinter all den Türen in der Praxis vor sich geht. Eine furchtbar neugierige Frau. Als sie mich sieht, nickt sie kaum merklich und geht wieder. Die müsste auch mal wieder zum Friseur, denke ich, da geht die Tür erneut auf und der Arzt kommt herein. „Es ist nichts gebrochen“, antwortet er auf meinen fragenden Blick. Es ist nichts gebrochen. Noch so ein Arztsatz. Ich habe nie ernsthaft damit gerechnet, dass irgendwas in meinem Knie gebrochen sein könnte, das hätte sich sicherlich anders angefühlt. Ich sage nichts. „Aber die Kniescheibe ist sozusagen ein klein wenig verrutscht.“ Verrutscht? Ich muss an das Kinderbuch „Ich mach dich gesund, sagte der Bär“ von Janosch denken, das Alex und ich früher so gerne mochten. Darin hat der kleine Tiger irgendwelche seltsamen Schmerzen und schließlich stellt man im Krankenhaus fest: Streifen verrutscht.

Der Arzt holt seinen rollbaren Drehstuhl und setzt sich darauf, so dass er neben mir sitzen und mir die Röntgenbilder erklären kann. Obwohl ich keine Ahnung habe, wie ein gesundes Knie in der Röntgenaufnahme aussieht, kann ich ziemlich sicher sagen, dass dieses, also mein, Knie nicht gesund ist. Die Kniescheibe hängt tatsächlich an einer seltsamen Stelle. Unwillkürlich verziehe ich das Gesicht. „Und jetzt?“, frage ich. Bei Janosch bekommt der kleine Tiger eine Spritze, döst ein bisschen, kriegt leckeres Essen und ist geheilt. „Das ist alles halb so wild“, antwortet der Arzt. „Das wird verbunden und Sie müssen Ihr rechtes Bein wohl ein bisschen schonen in den nächsten Tagen. Kein Sport. Und in zwei Wochen kommen Sie wieder, dann sehe ich mir das nochmal an.“ Ich nicke. Ich bin erleichtert. Das Gebot „kein Sport“ einzuhalten, wird mir nicht allzu schwer fallen, und solange ich nicht auf Krücken gehen muss, ist eigentlich alles in Ordnung.

Der Arzt sagt, er würde mir eine Arzthelferin schicken, die mein Knie verbinden wird, er selbst habe jetzt „leider“ keine Zeit mehr. Ich bedanke mich bei ihm, und mit einem Gesichtsausdruck, der vermuten lässt, dass er schon wieder vergessen hat, worum es gerade ging, verlässt er den Raum. Warum bedankt man sich eigentlich beim Arzt?, frage ich mich und strecke mein rechtes Bein vorsichtig aus. Autsch. Kniescheibe verrutscht. Na, wunderbar. Die Arzthelferin, die irgendwann kommt und mein Bein verbindet, ist um die dreißig und verfettet, aber ganz nett. Es gibt bestimmte Menschen, die ich als „nett“ bezeichne, obwohl sie kaum mit mir reden. Arzthelferinnen, Kassierer, Friseusen. Die sind immer dann nett, wenn sie kaum mit mir reden. So ist auch diese hier.

Als ich aus der Praxis humpele, ohne mich von der blöden Sprechstundenhilfe zu verabschieden, frage ich mich, ob ich morgen wohl arbeiten gehen kann. Ich beschließe, es auszuprobieren. Eigentlich ist es immer gut, einen Grund zu haben, aus dem man nicht arbeiten kann, aber ich weiß genau, dass ich mich nur langweilen würde, wenn ich nur zu Hause rumhängen würde anstatt arbeiten zu gehen. Mit dem dicken Verband Auto zu fahren, geht besser, als ich gedacht hatte. Trotzdem fahre ich ein wenig langsamer als sonst, weil ich das Gefühl habe, dass meine Reaktionsgeschwindigkeit deutlich gesenkt ist. Ich fahre an einem sich auf Krücken fortbewegenden Mann vorbei und bin froh, dass mir das erspart bleibt.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s