Erkennen

Dies ist der Titel der folgenden Kurzgeschichte. Ihre ursprüngliche Version schrieb ich 2007 auf Englisch, im Rahmen einer Unterrichtsreihe über short stories und Gedichte in der Schule. Inspiriert wurde ich damals durch eine TV-Dokumentation über den norwegischen Schriftsteller Per Petterson, der seine großartigen Romane (z. B. „Im Kielwasser“) in einer Hütte im Wald schreibt. Als ich – auch 2007, aber etwas später – aus der kurzen, englischen Geschichte eine längere, deutsche Fassung machte, merkte ich, dass Holzhütten in meiner Phantasie irgendwie immer im estnischen Wald stehen. Also gab ich dem Protagonisten einen estnischen Vornamen. Ich glaube, mit dieser Geschichte habe ich zum ersten Mal versucht, etwas zu schreiben, was nicht witzig ist, sie ist sozusagen der Anfangspunkt eines alternativen Schreibstils, den ich ab diesem Zeitpunkt immer wieder eingesetzt und weiterentwickelt habe (zumindest habe ich das versucht). Für den Blog habe ich nur ein paar wenige Kleinigkeiten an der Geschichte verändert.

Gespannt schließt Kristjan die Tür zu der Hütte auf. Er wollte schon länger hierher kommen, aber irgendetwas hatte ihn immer davon abgehalten. Doch als er heute Morgen erwachte, verspürte er den seltsamen Drang, etwas Besonderes zu tun. Er trat auf den Balkon und spürte die angenehme Kühle des Morgens. Und dann fasste er den Entschluss, zu der Hütte zu fahren. Der Hütte seines Vaters.

Kristjan geht nicht direkt hinein, tritt erst ein paar Schritte zurück und sieht sich die Hütte genauer an. Sie ist aus Holz, er erinnert sich noch genau an den Tag, an dem sein Vater mit einem Eimer roter Farbe loszog, um sie zu streichen. Der Anblick ist nicht neu für Kristjan, er ist oft hier gewesen, aber betreten hat er diesen Rückzugsort seines Vaters noch nie. Dementsprechend schnell schlägt sein Herz, als er die etwas wacklige Tür öffnet und schließlich, nach all den Jahren, eintritt.

Er steht in einem Flur, dessen Wände mit zwei vergrößerten, eingerahmten Photographien dekoriert sind. Von beiden weiß er, dass sein Vater sie selbst aufgenommen hat. Auf der einen ist der See zu sehen, der unweit der Hütte versteckt im Wald liegt. Kristjans Lieblingssee und auch der Lieblingssee seines Vaters. Die andere zeigt Kristjan als Kleinkind beim Pilzesammeln. Kristjan muss lächeln, als er das Bild sieht. Noch heute geht er gerne Pilze sammeln und noch heute hat er dabei die Stimme seines Vaters im Ohr, die ihn auf die größten und schönsten Pilze aufmerksam macht. Zwischen den beiden Aufnahmen befindet sich eine kleine Garderobenleiste. Daran hängt ein alter Hut. Kristjan nimmt ihn vom Haken und dreht ihn verwundert in den Händen. Er hat ihn noch nie gesehen.

Er geht ein paar Schritte weiter und steht vor einer Tür. Er atmet tief durch. Er weiß, dass sich hinter dieser Tür der Hauptraum der Hütte befindet. Als Kind versuchte er immer wieder, von außen einen Blick hinein zu werfen, aber die geblümten Vorhänge hinderten ihn daran. Als er die Hand an die Klinke legt, fragt er sich zum ersten Mal in seinem Leben, warum sein Vater ihn nie hier hereingelassen hat. Irgendwie hat er sich immer damit abgefunden, dass diese Hütte eben das Reich seines Vaters war. Und die Erklärung, alles darin sei „nichts für Kinder“ genügte ihm, auch als er älter wurde. Vor ein paar Jahren dann fand er zumindest heraus, was sein Vater tat, wenn er losfuhr, um einige Stunden in dieser Hütte mitten im Wald zu verbringen: Er schrieb. Hauptsächlich Gedichte. Aber Kristjan hat nie eins davon gelesen. Jetzt wird ihm klar, dass er auch nie danach gefragt hat.

Dadurch, dass er jetzt hier ist, erfüllt er seinem Vater den letzten Wunsch, den dieser aussprach, bevor er starb. Sein Tod ist zwei Monate her. An diesem Tag schien die Sonne zum ersten Mal im neuen Jahr und Kristjan besuchte seinen Vater in dem tristen Krankenhauszimmer, in dem dieser seit einigen Wochen lag. Und als er aufstand und das Fenster öffnete, um die Sonne hereinzulassen, hörte er seinen Vater mit leiser Stimme eine Bitte aussprechen. Er bat seinen Sohn, eines Tages in den Wald zu fahren und die Hütte zu besuchen. In dem Moment, in dem Kristjan sich zu dem Bett seines Vaters umdrehte, schloss dieser für immer die Augen. Neben ihm, auf dem Nachttisch, lag glänzend ein kleiner, silberner Schlüssel.

In der Mitte des Raumes steht ein alter Schreibtisch mit einem Computer. Kristjan hat nicht damit gerechnet, dass sein Vater einen Computer hat. Eine Schreibmaschine hätte ihn weniger erstaunt. Er schließt die Tür und stellt fest, dass an deren anderer Seite ein Rahmen hängt, der einen Ausdruck enthält. Kristjan liest, was da steht, und weiß gleich, dass es aus der Feder seines Vaters stammt:

„Manchmal ist es besser,

Das Gute hinter sich zu lassen,

Um es auf andere Art und Weise

Vor sich wiederzufinden.“

Es passt so gut zu ihm, denkt Kristjan und merkt, dass ihm Tränen in die Augen steigen. Er selbst war schon immer ein Pessimist, der die guten Ratschläge seines Vaters brauchte, um nicht gänzlich schwarz zu sehen.

Die Wände des Raumes sind kaum zu erkennen, denn sie sind fast vollständig von beinahe restlos gefüllten Bücherregalen verdeckt. Kristjans Augen wandern über diese Unmenge an Büchern. Einige Titel kennt er, es sind auch Bücher dabei, die er selbst seinem Vater einmal empfohlen oder geschenkt hat. Obwohl er schon immer wusste, dass Bücher eine große Leidenschaft seines Vaters waren, erstaunt ihn die Menge der hier langsam einstaubenden Werke doch.

Außer den Büchern, dem Schreibtisch, einem ausgefransten roten Teppich und zwei Stühlen befindet sich nichts in dem Raum. Kristjan setzt sich auf den Stuhl, der vor dem Schreibtisch steht. Hier hat er also immer gesessen, denkt er. Neben dem Computerbildschirm liegt ein Zettel, auf dem sein Vater einige Worte notiert hat, die für Kristjan keinen Zusammenhang ergeben.

Von dieser Position aus lässt Kristjan seine Blicke erneut durch den Raum schweifen. Als er die Augen schließt, glaubt er die Anwesenheit seines Vaters spüren und sein Lachen hören zu können, und für den Bruchteil einer Sekunde kommt es ihm tatsächlich so vor, als müsse er nur die Augen öffnen, um ihn ansehen zu können. Doch als er wieder in die Helligkeit des Raumes zurückkehrt, sieht er vor sich nur den Bildschirm.

Er zögert, doch schließlich bückt er sich und schaltet den Computer ein. Während dieser hochfährt, fragt sich Kristjan, warum sein Vater erst sterben musste, bevor in ihm, Kristjan, die Neugier geweckt wurde, zu erfahren, was sein Vater schrieb, wenn er hierher kam. Dieser Gedanke versetzt ihm einen Stich, doch eine Antwort auf die Frage, warum er zuvor nie wissen wollte, was sich hier auf diesem Computer befindet, findet er nicht.

Der Ordner „Eigene Dateien“ enthält zwei Unterordner, „Ideen“ und „Gedichte“. Kristjan öffnet den „Gedichte-Ordner“. Und dann beginnt er, zum ersten Mal in seinem Leben, zu lesen, was sein Vater geschrieben hat.

—–

Einige Tage später. Kristjans Wohnung hat sich verändert. In seinem Arbeitszimmer liegt nun ein roter Teppich auf dem Boden. Die Wände zieren vergrößerte Photographien; Naturmotive, Landschaften, die ihm seit seiner Kindheit vertraut sind. An den Türen hängen eingerahmte Gedichte. Vor dem leicht geöffneten Küchenfenster weht ein geblümter Vorhang in der lauen Frühlingsbrise. Am Garderobenständer hängt ein alter Hut.

Kristjan selbst steht in dem Hauptraum der kleinen roten Holzhütte seines Vaters und hämmert einen Nagel in die Tür, unter den Rahmen mit dem Gedicht seines Vaters. Er hängt einen weiteren Rahmen auf und tritt einen Schritt zurück, um sein Werk zu betrachten. Er lächelt. Hinter dem Glas des Bilderrahmens ist zu lesen:

„Schließlich ging ich doch in den Wald,

Und mein Weg führte mich

Zu einer Fülle von Erinnerungen

An dein Gesicht.

Erinnerungen überleben,

Wenn Menschen sterben,

Solange jemand da ist,

Der sich erinnert.“

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