130 Tage, 10 Konzerte – Teil 2

Fünf weitere Konzerte, die ich im Jahr 2013 bisher besucht habe:

Kaizers Orchestra (09. März)

In einem Musik-Fragebogen, den ich mal im Internet gefunden habe, lautete die letzte Frage: „What one band owns your heart forever?“ Über die Antwort muss ich seit nunmehr 8 Jahren nicht lange nachdenken. Kaizers Orchestra. Wenn es eine Band gibt, um die ich einen gewissen Fankult betreibe, dann sind es diese sechs Herren aus Norwegen. Und jetzt sehe ich sie zum siebten Mal live. Es ist das erste Mal, dass wir ernsthaft Schlange stehen müssen, bevor es reingeht, normalerweise ist das Publikum bei Kaizers-Konzerten immer sehr überschaubar. Während wir da so stehen, läuft Gitarrist Terje Vinterstø an uns vorbei, er schaut amüsiert auf die kleine Schlange vor der Eingangstür. In Norwegen füllen Kaizers Orchestra große Hallen, hier in Deutschland sind sie kaum bekannt, aber diejenigen, die sie kennen, bleiben treue Fans über Jahre.

Das Kölner Gloria ist eine meiner Lieblings-Konzertlocations überhaupt. Ich mag die Atmosphäre in dem kleinen Saal, die man selbst bei Rockkonzerten als gemütlich bezeichnen kann, ich mag die Größe, den Sound, einfach alles. Elegant sieht es aus hier drinnen, sehr passend zu den Kaizers, die ja grundsätzlich in Anzügen auftreten. Wie bei jedem ihrer Konzerte frage ich mich, wie sechs Mann auf diese Bühne passen sollen, die durch Schlagzeug, Kontrabass, Pumporgel, Klavier, zwei Ölfässer und diverse andere Requisiten auch so schon sehr voll wirkt. Heute Abend steht da auch noch ein DJ-Pult, denn statt einer Vorband wird ein Kölner DJ vor dem eigentlichen Konzert auflegen.

Bei allen Kaizers-Orchestra-Konzerten, die ich bisher besucht habe, hatten sie Bands oder Künstler als Support dabei, deren Musik sehr gut zu der der Kaizers passte. Vor allem bei HGH, Micke from Sweden und Bernhoft wünschte man sich mehr als eine halbe Stunde Vorprogramm. Heute Abend jedoch scheint sich das Support-Debakel vom Sigur-Rós-Konzert zu wiederholen. Der DJ, dessen Namen ich direkt vergesse, beginnt sein Set ähnlich langweilig wie Blanck Mass, und als es musikalisch endlich ein wenig spannender wird, ist das nur der Fall, weil er Samples von abgedroschenen Disco-Hits einspielt. Gähn. Nach einer halben Stunde ist das gesamte Publikum genervt, nach 45 Minuten ertönen die ersten Pfiffe und Buh-Rufe. Entweder ist dieser Typ furchtbar dämlich oder einfach verdammt selbstbewusst, denn er reagiert auf den Protest nur, indem er dem Publikum mit seinem Weinglas zuprostet und grinst. Wären wir in einem Fußballstadion, würden bestimmt alle geschlossen grölen: „Du kannst nach Hause fahren, du kannst nach Hause fahren, du kannst, du kannst, du kannst nach Hause fahren!“ Bei Konzerten ist das Publikum leider doch etwas gesitteter.

Ich nutze die Zeit, um mich umzusehen. Das Publikum ist immer bunt gemischt bei Kaizers-Konzerten. Es gibt Leute, die man, ihrem Aussehen nach zu urteilen, auch auf dem Wacken antreffen könnte. Sie stehen einträchtig neben 40-jährigen Frauen vom Typ Mauerblümchen, Männern in gestreiften Hemden, Teenager-Mädels mit schwarz gefärbten Haaren, und einem Vater mit seinen beiden Söhnen, der eine etwa 16, der andere vielleicht 12. Und mittendrin wir. Wie sehen wir wohl für die anderen aus, in welche Schublade ordnen sie uns ein?

Nach geschlagenen 70 Minuten sind wir ihn endlich los, den Kölner DJ. So lange habe ich noch nie einen Supportact spielen sehen. Genau wie Blanck Mass bekommt auch er nur deshalb Beifall, weil er sich endlich verzieht. Zum Glück müssen wir danach nicht lange warten, bis die allseits bekannte und für den ersten Jubel des Abends sorgende Kaizers-Orchestra-Intro-Melodie ertönt. Das ist immer der Zeitpunkt bei ihren Konzerten, zu dem das gesamte Publikum aufgeregt wirkt, alle scheinen gleichzeitig tief Luft zu holen, und sämtliche Mundwinkel bewegen sich automatisch nach oben. Man freut sich einfach auf alles, was da kommen wird, obwohl oder gerade weil man weiß, was einen erwartet. Es gibt gewisse Konzert-Rituale, die immer wiederholt werden, das gehört einfach dazu, und man wäre enttäuscht, wenn die Herren sie einfach weglassen würden. Gleichzeitig ist jedes ihrer Konzerte gespickt von Überraschungen.

Ich muss zugeben, dass mich das neueste Album, „Violeta Violeta Vol. III“, weniger begeistert hat als die anderen Alben der Band, aber live ist das wieder etwas anderes. Ein Kaizers-Orchestra-Konzert ist ein richtiges Event, das liegt nicht nur daran, dass die Band immer mal wieder als „beste Live-Band der Welt“ bezeichnet wird (ich möchte das unterschreiben!), sondern auch daran, dass sie einfach wahnsinnig sympathisch sind (Beweis?). Janove Ottesen ist viel mehr als ein Sänger und Gelegenheits-Gitarrist, er ist einfach ein Entertainer, der das Publikum vom ersten bis zum letzten Moment fest im Griff hat. Heute Abend scheint er besonders gut drauf zu sein, er beantwortet Fragen aus dem Publikum und versucht immer wieder, ein bisschen Deutsch zu sprechen (inzwischen hat er gelernt, dass es „die Orgel“ und nicht „das Orgel“ heißt). Neben den neuen Songs kramen die Herren auch ein paar alte Hits wie „Kontroll på kontinentet“ hervor. Das Publikum singt mit, obwohl die Norwegischkenntnisse der meisten – genau wie meine eigenen – wahrscheinlich eher begrenzt sind, aber das ist egal, zur Not singt man einfach irgendwas.

Natürlich wird auch an diesem Abend auf Ölfässer und Metallfelgen eingedroschen, natürlich schüttelt man auch dieses Mal amüsiert den Kopf über den schrulligen Organisten Helge Risa, und natürlich bejubelt man wie immer die furiosen Gitarrensoli von Terje Vinterstø und Geir Zahl. Aber trotzdem ist etwas anders als sonst: in das anhaltende Glücksgefühl, das ein Kaizers-Konzert immer auslöst, mischt sich auch ein bisschen Traurigkeit, denn die sechs Herren werden jetzt eine längere Pause einlegen. Nach drei Alben in nur anderthalb Jahren und jeder Menge Konzerten haben sie das definitiv verdient, aber man fragt sich ein bisschen, wie sie und ihre Fans überhaupt überleben können ohne Abende wie diesen. Die Bühne scheint einfach ihr Element zu sein, ihr natürlicher Lebensraum, und ich glaube, alle im Publikum hoffen, dass sie das bald selbst merken und wieder auf Tour gehen werden. Vi ses! Versprochen.

Ich & mein Tiger (23. März)

Seit Beginn unseres Studiums im März 2011 sind wir sechs befreundet. Irgendwie ergab es sich in den ersten Tagen einfach so, und daran hat sich bis heute nichts geändert, obwohl vier von uns zwischendurch für einige Monate wegen des Praxissemesters die Stadt oder gar das Land verließen. Wir unternehmen viel gemeinsam, in immer mal wieder wechselnden Konstellationen, aber nur selten gelingt es, dass wir uns außerhalb der FH zu sechst treffen. Heute Abend klappt es, und darauf wird angestoßen, bevor das Konzert beginnt. Voll und trotzdem gemütlich ist es im Galao, einem meiner Lieblingscafés in Stuttgart. Viel Platz ist hier nicht, zum Teil sitzen vier Leute zusammengedrängt auf den mit Schafsfellen ausgelegten Bänken, und nach einer Weile räumen die Mitarbeiter die Tische weg, um mehr Platz zu schaffen. Das stört niemanden, alle sind hier für einen entspannten Abend, man isst Salat, man trinkt Holunderblütenschorle, man quatscht und man freut sich auf das Konzert.

Ich & mein Tiger kommen aus Bremen und machen sehr schöne, ruhige Musik mit deutschen Texten. Mit zwei Gitarren und einem Kontrabass sitzen beziehungsweise stehen sie auf der kleinen Bühne, auf der auch Misou gerne einmal spielen würden, und sorgen für eine wunderbare Atmosphäre an diesem Abend, an dem es draußen endlich ein bisschen wärmer geworden ist. Ihre Musik lässt uns vom Sommer träumen. Man möchte sie im Ohr haben, wenn man warme Nachmittage im Rosensteinpark verbringt, vom Killesbergturm auf die Stadt heruntersieht, oder seine Füße zur Abkühlung in die künstliche Wasserfläche im Oberen Schlossgarten baumeln lässt. Es ist ein sehr familiärer Abend, die Band erzählt viel von ihren Konzerten. Einmal spielten sie in einem kleinen Ort irgendwo zwischen Bremen und Hamburg und zogen zwischen den Liedern über den Hamburger SV her, nur um später zu erfahren, dass sie gerade vor den Mitgliedern eines HSV-Fanclubs gespielt haben. Auch hier in Stuttgart reden sie über Fußball, Werder Bremen und der VfB Stuttgart sind beide gerade nicht besonders gut, also nimmt ihnen keiner ihre Sticheleien übel. Genauso wenig wie ihre Texte. Jeder kann sich ein stückweit wiedererkennen in den Menschen und Situationen, von denen die Band singt, es geht um „verbeulte Herzen“, den Versuch, den Frühlingsblues mit Hilfe von Zitroneneis zu besiegen, und um „den Geruch von Sehnsucht“. Ich glaube, jeder nimmt an diesem Abend die ein oder andere Zeile im Kopf mit nach Hause, in meinem Fall ist es diese hier: „Was uns bleibt, ist das Forschen nach Worten, um das zu umschreiben, was unbeschreiblich ist.“

Am Ende des Konzerts gehen Gläser herum, in die wir Spenden für die Band einwerfen, sie spielen ohne Gage und sind auf eigene Kosten von Bremen angereist. So glücklich, wie sie uns heute Abend alle gemacht haben, kommt da bestimmt einiges zusammen. Und wir sechs, wir sitzen nach dem Konzert noch eine Weile zusammen und freuen uns auf unseren wahrscheinlich letzten gemeinsamen Sommer in Stuttgart. Ich muss es an dieser Stelle mal sagen: Es ist wunderbar, so wie es ist mit euch, ihr fünf.

Steaming Satellites (25. März)

Neben Breton gab es beim Phonopop-Festival noch einige andere Bands, die dort einen verdammt guten Auftritt hinlegten. Für mich und sicher auch für viele andere Festivalbesucher waren Steaming Satellites aus Österreich die beste Band des gesamten Lineups, sogar besser als die großartigen Nada Surf. Nach nur einem Song hatten sie das gesamte Publikum in ihren Bann gezogen, vielen stand der Mund offen aus Erstaunen über die Wahnsinnsstimme von Sänger Max Borchardt und die mitreißenden Songs. Eine der besten Live-Bands, die ich je gesehen habe.

Im Stuttgarter Keller Klub war ich schon oft, zu oft, allerdings noch nie bei einem Konzert. Besonders voll ist es nicht, ein nicht unerheblicher Teil des Publikums kommt mir bekannt vor – viele Gesichter hat man sicher schonmal bei dem einem oder anderen Party-Abend hier im Keller gesehen. Zusammen mit meinem Freund und einer Freundin stehe ich auf der Tanzfläche unter der großen Discokugel, die gar keine Kugel ist, sondern ein silbern glänzender Plastik-Totenkopf. Da, wo wir vor einigen Monaten nachts noch auf einer Bank in einer Ecke saßen, steht jetzt das Mischpult für die Soundleute. Die Vorband heißt Hustle & Drone und dieser Name passt ziemlich gut zu der Musik, die das amerikanische Duo macht. Leider ist die Stimme des Sängers live so stark verzerrt, dass man sie kaum hören kann. So richtig überzeugen kann mich der Auftritt nicht, was aber zum Großteil einfach daran liegt, dass der Sound nicht optimal ist.

Das ändert sich zum Glück, als Steaming Satellites auf die Bühne kommen. Dies ist eins der Konzerte, bei denen ein großer Teil des Publikums keine Ahnung hat, wie eigentlich die Leute aussehen, die hinter der Musik stecken, deshalb ist der Applaus eher verhalten, es könnte ja auch schließlich einfach nur jemand von der Crew sein, der nochmal schaut, ob alles passt. Aber nein, es sind die fünf Österreicher, die ihr Konzert mit „Slipstream“ beginnen, dem rein instrumentalen Intro des neuen Albums, das ebenfalls diesen Namen trägt. Das Publikum schaut sich um, manche unterhalten sich noch, man wartet darauf, dass es richtig losgeht. Als das passiert, dauert es nicht lange, bis man die ersten Leute „Waaaahnsinn“ raunen hört. Wo man hinsieht – nur Begeisterung in den Augen der Zuschauer. Auch die neuen Songs sind sehr kraftvoll, wenn auch ein wenig ruhiger, und sie sorgen für nickende Köpfe, zuckende Beine und jede Menge Jubel im gesamten Publikum. Viel reden tut die Band nicht zwischen den Songs, aber wahrscheinlich würde das uns alle auch nur ungeduldig machen, man will den nächsten Song hören, und dann den nächsten, und dann noch ganz viele. Kurz vor Schluss kommen Hustle & Drone noch einmal auf die Bühne, bei „Rudder“ teilen sich die beiden Sänger ein Mikrofon. Zum krönenden Abschluss des Konzerts gibt es „Gone“ in einer Akustik-Version. Ganz anders als die anderen Songs, aber total schön. Bevor wir gehen, kaufe ich eine EP von Hustle & Drone. Dann laufen mein Freund und ich durch die dunklen Straßen nach Hause. Am nächsten Tag stelle ich fest: Bei klarem Sound gefällt mir die Musik von Hustle & Drone richtig gut.

Element of Crime (11. April)

Auch Element of Crime gehören zu den Bands, für die sich die Fahrt nach München lohnt. Erfahrungsgemäß sind ihr Konzerte nicht nur sehr gut, sondern auch deutlich länger als die meisten anderen. Diese Tour ist etwas Besonderes, sie heißt „wir hängen tagsüber ab und spielen abends im Club“. In Frankfurt, Köln, München, Hamburg und Berlin spielen sie jeweils an mehreren Tagen hintereinander in kleineren Clubs. Die Frankfurter Termine waren ruckzuck ausverkauft, also geht es für uns eben nach München.

Es ist frühlingswarm an diesem Abend, vor dem Freiheiz stehen eine Menge Leute. Wie immer bei EOC-Konzerten habe ich das Gefühl, dass mit meinem Eintreffen der Altersdurchschnitt sinkt. Man fühlt sich ein wenig wie auf einer Ü40-Party. Schnell wird klar: dieses Publikum ist hundert Mal angenehmer als die vielen jungen Mädels bei Two Door Cinema Club. Statt albernen Pudelmützen trägt man hier Bandshirts mit Sprüchen wie „Too old to die young.“ Hier wird sich tatsächlich entschuldigt, wenn jemand jemanden anrempelt, man wird gefragt, ob man jemanden vorbei lassen könne, und die beiden Frauen hinter uns bitten uns ganz schüchtern, uns doch vielleicht nicht genau vor sie zu stellen, „ihr seid so groß“. Normalerweise würden wir darauf kaum reagieren, bei einer solchen Veranstaltung muss man eben damit rechnen, dass da auch Leute hinkommen, die 1,82 beziehungsweise 1,98 groß sind. Aber die ganze Atmosphäre ist so freundlich, so rücksichtsvoll, dass wir uns bereitwillig einen anderen Platz suchen.

Von innen erinnert mich das Freiheiz stark an das Tollhaus in Karlsruhe, wo wir Element of Crime vor zwei Jahren live sahen. Hier trinkt man allerdings keinen KiBa aus riesigen Bechern, sondern Afri Cola aus kleinen Fläschchen mit Strohhalm. Der Preis dürfte der gleiche sein wie für den KiBa, das hier ist eben München. Die Vorband heißt Apples in Space, ich finde sie langweilig, zum Glück spielen sie so leise, dass man sich problemlos währenddessen unterhalten kann. Dieses Konzert ist nicht nur von Freundlichkeit geprägt, sondern auch von Pünktlichkeit. Fast auf die Minute genau zum angekündigten Zeitpunkt stehen Element of Crime auf der Bühne, sehr angenehm für Leute wie uns, die eine lange Heimreise haben. Erst vor ein paar Tagen haben wir im Fernsehen eine Reportage über „Haialarm am Müggelsee“ gesehen, einen Kinofilm, bei dem EOC-Sänger Sven Regener gemeinsam mit Leander Haußmann Regie geführt hat. Es gab viele Interviews mit Regener, und hätten wir es nicht vorher gewusst, wäre es uns spätestens da klar geworden: das ist ein ziemlich verschrobener, skurriler Typ. Kein Wunder, dass er auf die in meiner Familie immer wieder gern zitierten Sprüche in „Herr Lehmann“ gekommen ist. Nun steht er also am zweiten Abend in Folge hier in München auf der Bühne, mit seiner Trompete und seinen Bandkollegen, am coolsten finde ich immer den Gitarristen mit den leuchtend weißen Locken.

Ich mag es, dass man bei Konzerten dieser Band immer wieder über Songtextzeilen lacht, die man eigentlich sowieso längst auswendig kann, so zum Beispiel „jammern und picheln im Gartencafé“ (Kaffee und Karin) oder „im Lotto spielst du immer nur die Zahlen zwischen 5 und 10 und als Zusatzzahl dein Lebensalter, denn als Lottospieler, sagst du, darf man höchstens 49 Jahre alt sein, später wär das schade um das Geld“ (Mittelpunkt der Welt). Die Texte sind einfach genial, genau wie Regeners Fähigkeit, nach einem langen Trompetensolo ohne Pause weiter zu singen. Bei „Delmenhorst“, dem bisher einzigen wirklichen Hit der Band, singen dann alle mit. Für meinen Geschmack spielen Element of Crime an diesem Abend ein bisschen zu viel von ihrem Coveralbum „Fremde Federn“. Regeners Stimme gefällt mir auf Deutsch besser, ebenso wie die von ihm selbst verfassten Texte. Allerdings ist ihre Version von „It’s All Over Now, Baby Blue“ eins der Highlights des Konzerts, nicht nur, weil dafür Leander Haußmann auf die Bühne kommt und Mundharmonika spielt.

Auch dieses Konzert wird wieder sehr lang, es gibt vier Zugaben, fast hat man das Gefühl, als würde die Band die Bühne nie verlassen wollen, keine Spur von Langeweile an ihrem zweiten von vier Abenden im gleichen Club. Als allerletztes spielen sie „Bring den Vorschlaghammer mit“, ein Song, den meine Mutter, meine Schwester und ich gerne lauthals mitschmettern, wenn wir in der Weihnachtszeit zusammen Kekse backen. Anderen Bands würde man es vielleicht übelnehmen, wenn sie ihr Publikum mit den Worten „der ganze alte Schrott muss raus und neuer Schrott muss rein“ verabschieden würden, aber dieser netten Truppe nimmt man so leicht nichts übel.

Roosevelt (10. Mai)

Ich weiß gar nicht mehr, wie es dazu kam, dass ich zum ersten Mal einen Song von Roosevelt hörte. Das ist ungewöhnlich, denn bei den meisten Bands weiß ich auch nach Jahren noch, wie ich sie kennengelernt habe. Ich weiß nur noch, dass es während meiner Zeit in Estland gewesen sein muss, irgendwann, als es noch sommerlich warm war, und ich gerne mit „Sea“ in den Ohren an einem der vielen schönen Ostsee-Strände in der Sonne gelegen hätte …

Vor dem Rocker33 ist nichts los, als ich mit zwei Freundinnen dort ankomme. Zwar könnten wir schon rein in den Club, aber da es zum ersten Mal seit längerer Zeit angenehm warm ist, bleiben wir draußen. Lange sind wir die Einzigen, irgendwie seltsam, dass sonst niemand kommt. Um kurz vor 22 Uhr, dem planmäßigen Konzertbeginn, gehen wir rein. Seit der Club umgezogen ist, war ich nicht mehr drin, der Eintritt ist mir immer zu teuer. Deshalb überrascht es uns auch nicht, dass die 8 Euro, die wir für die Karten bezahlt haben, den Eintritt zu der nach dem Konzert stattfindenden Party nicht beinhalten. Die Bühne ist echt gut gemacht, sie sieht aus wie ein riesiger, altmodischer Fernseher, im Hintergrund hängt ein klassisches Gemälde. Es sind doch noch ein paar Leute gekommen, aber viel mehr als 100 dürften es insgesamt nicht sein. Wir setzen uns in eine Ecke und warten. Wir sind alle drei ziemlich müde, haben schon gearbeitet und Sport gemacht an diesem Tag, aber wir freuen uns auf einen schönen Abend. Eine Vorband gibt es nicht, dafür läuft ganz gute Musik, während wir warten. Und wir müssen lange warten. Statt um 22 Uhr fängt das Konzert erst um kurz nach 23 Uhr an. Aber die lange Wartezeit ist schnell vergessen, als Roosevelt alias Marius Lauber und seine Live-Unterstützung schließlich auf der Bühne stehen.

Ziemlich jung und ziemlich schüchtern sieht er aus, dieser Typ hinter dem Mischpult. „Hallo Stuttgart, wir sind Roosevelt aus Köln“, sagt er zu Beginn, und es wird direkt klar, dass er nicht viel mehr reden wird an diesem Abend. Los geht es, und das Publikum tanzt. Ganz vorne steht ein Typ mit einem Rucksack auf dem Rücken, der aussieht wie ein Schlafsack, fast alle anderen tragen Jutetaschen und halten Bierflaschen in den Händen, als wollten sie beweisen, dass man auch so wunderbar tanzen kann. Ich muss an die Atmosphäre im Kölner Schrottplatz-Club Odonien denken, diese sehr gute elektronische Musik würde wunderbar dort hinpassen. Die Songs gehen fast alle lückenlos ineinander über, es ist ein bisschen wie ein DJ-Set, die beiden bekanntesten Songs, „Sea“ und „Soleil“ folgen direkt aufeinander. Ich bin ein bisschen überrascht, dass Lauber tatsächlich live singt, irgendwie hatte ich mit einer Stimme vom Band gerechnet, aber so ist es natürlich viel besser. Alles also wunderbar, aber leider ist das Konzert nach nicht ganz 50 Minuten bereits vorbei. Mit einem „Danke, Stuttgart“ verabschieden sich die beiden, eine Zugabe gibt es nicht. Ich kann ja verstehen, dass es schwer ist, ein wirklich langes Konzert zu spielen, wenn man noch nicht allzu viele Songs hat, aber gerade bei dieser Art von Musik hätte man doch einfach ein bisschen improvisieren können. Oder zur Not ein, zwei Songs vom Anfang nochmal spielen sollen, vor lauter Tanzen hätte das Publikum das kaum bemerkt.

Es waren sehr sehr gute 50 Minuten, das kann man nicht anders sagen, und bei einem Kartenpreis von gerade einmal 8 Euro kann man sich kaum beschweren, aber es war eben kurz, und wir sind ziemlich enttäuscht. Eigentlich wollten wir nach dem Konzert noch irgendwo anders hingehen, aber so richtig Lust darauf haben wir jetzt nicht mehr. Also gibt es nur noch Döner und was zu Trinken am Bahnhof, und dann geht es nach Hause. Ich würde mir Roosevelt jederzeit wieder live ansehen, aber dann am liebsten im Rahmen eines Festivals, bei dem man sich direkt wieder auf die nächste Band freuen kann. Gut, dass meine persönliche Festival-Saison schon nächstes Wochenende beginnt, dann geht es zum Maifeld Derby. Und aufs Southside und Phonopop freue ich mich auch schon sehr.

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