130 Tage, 10 Konzerte – Teil 1

Kein Konzert ist wie das andere, und das liegt nicht nur daran, dass keine Band ist wie die andere. Ein Konzert ist ein Gesamterlebnis, zu dem viele Faktoren beitragen: die Band oder der Künstler als Persönlichkeit(en), die Location, das Publikum, die Vorband, die Leute, mit denen man hingeht, und natürlich die Musik. Die Atmosphäre bei einem Konzert wird ganz entscheidend geprägt von Art und Qualität der Liveshow, aber auch von kleinen Dingen, ganz einfachen Fragen: Gibt es eine Garderobe? Was kann man hier trinken? Wie lange muss man warten?

In den ersten 130 Tagen des Jahres 2013 habe ich zehn Konzerte besucht, von denen ich gerne in zwei Teilen ein wenig erzählen würde. Ich bin nicht besonders gut darin, Musik zu beschreiben, schon die Frage „was macht diese Band denn für Musik?“ bringt mich regelmäßig ins Stottern. Deshalb geht es mir hier mehr um die Atmosphäre, die Stimmung, die Erlebnisse, und auch darum, zu zeigen, auf welch unterschiedliche Weise Konzerte mir nachhaltig in Erinnerung bleiben. Zu jeder Band habe ich einen Song verlinkt (außer bei Vorbands, die ich nicht gut fand). Hier nun also meine Berichte über die ersten fünf Konzertabende. Sie sind von sehr unterschiedlicher Länge.

Misou und Gold, Stone & Silver (18. Februar)

Ein gemütlicher Abend mit zwei regionalen Bands im Stuttgarter Theater der Altstadt. Eine Freundin und ich lassen uns in zwei der dunkelroten Theater-Polstersessel fallen. Ich kann die bisher besuchten Konzerte, bei denen ich gesessen habe, an wenigen Fingern abzählen. Draußen liegt etwas Schnee, es ist so kalt, dass ich gegen alle Erwartungen auch hier in Deutschland noch meinen dicken, estnischen Wintermantel trage. Ich lege ihn über die Lehne, es ist warm und bequem, und Theater-Atmosphäre liebe ich ja sowieso. In dem kleinen Saal läuft leise Musik, das Solo-Album von Janove Ottesen, dem Sänger von Kaizers Orchestra. Überraschend, sehr passend und eine gute Einstimmung auf das bevorstehende Konzert.

Misou ist die Band einer Kommilitonin und Freundin von uns, sie spielt Gitarre, manchmal auch Akkordeon und ein paar andere Instrumente. Ich habe sie schon öfter live gesehen, anfangs waren sie ein Duo, inzwischen sind sie zu viert. Heute wechseln sie sich ab mit Gold, Stone & Silver, manchmal mischen sich die beiden Bands auch, so dass im Verlaufe des Abends mehrere verschiedene Konstellationen auf der Bühne stehen.

Das Publikum ist klein, die Bühne ist es auch, und es fühlt sich sehr familiär an. Gold, Stone & Silver spielen mit Gitarre, Geige und Cello folkige Songs. Die Musik von Misou funktioniert hauptsächlich über Gitarre, Klavier und die ganz besondere Stimme von Sängerin Mai. Die Frau schräg vor uns findet Misou einfach nur „süß“, wie sie mehrfach entzückt äußert, und für mich ist es schön zu sehen, wie sich die Band weiterentwickelt hat seit dem ersten Mal, dass ich eins ihrer Konzerte besucht habe. Nicht alles klappt reibungslos an diesem Abend, Kabel verheddern sich, Plektrons fallen runter, aber das macht nichts. Die Atmosphäre ist trotzdem toll, alles passt perfekt zusammen, ein solches Konzert könnte ich mir jede Woche ansehen. Wunderbar entspannend.

TUSQ (20. Februar)

Wir stehen auf der Gästeliste. Bei einem Gewinnspiel von FluxFM hat mein Freund für zwei Personen freien Eintritt zu diesem Konzert gewonnen. Doch auch geladene Gäste müssen vor der verschlossenen Tür des Goldmark’s am Charlottenplatz warten. Wir sind die ersten und bleiben lange die einzigen, die hinein wollen. Das Goldmark’s ist nicht groß, aber trotzdem merkt man, dass es leer ist heute Abend. Zwei junge Männer sitzen an der Bar, ein Pärchen steht in einer Ecke und ein Merchandise-Verkäufer hinter einem Tisch neben der Bühne. Dann sind da noch ein paar etwas zwielichtig aussehende Typen, die zwischen Backstage-Bereich und Zuschauerraum herumlaufen. Wir holen uns erstmal was zu trinken und warten ab. Ein paar Leute kommen schon noch, aber insgesamt bleibt das Publikum überschaubar.

Die große Überraschung des Abends: bei den zwielichtigen Typen handelt es sich um die brasilianische Vorband Eletrofan. Diese vier sehen nun wirklich nicht nach Indie-Band aus, aber sie sind gut, richtig gut, sie rocken so sehr, dass mein leeres Glas durch die Vibration von der großen Lautsprecherbox vor der Bühne fällt und zerbricht. Sie gehören zu den Vorbands, bei denen man traurig ist, wenn sie die Bühne verlassen, und die man sich merkt. Gemerkt haben wir uns auch TUSQ, nachdem wir sie 2010 als Vorband von Kashmir in Köln gesehen hatten. Heute sind sie also Hauptband hier in Stuttgart, und ein neues Album haben sie auch. Es trägt den Titel „Hailuoto“. Hailuoto ist eine finnische Insel mit knapp 1000 Einwohnern, nicht weit entfernt von Oulu. Dort haben TUSQ, die teils aus Hamburg, teils aus Berlin kommen, besagtes Album aufgenommen. Irgendwie hört man den neuen Songs an, dass sie dort oben im Norden entstanden sind. Oder vielleicht denke ich das nur, weil ich zwei Monate zuvor selbst da in der Gegend war? Jedenfalls ist man ganz nah dran an der Bühne, an der Band, bei ihrem Jubiläum. Es ist das 100. Konzert in der Karriere von TUSQ. Man merkt ihnen an, dass sie viel Freude haben am Live spielen, am Touren, am Bandleben. Man erlebt lustige, romantische und rockige Momente auf einem TUSQ-Konzert, und wenn sie im letzten Song singen: „We come, we go, we’ll make a fortune“ dann gönnt man ihnen, dass das wirklich wahr wird.

Sigur Rós (23. Februar)

Von Stuttgart nach München fahren, nur für ein Konzert? Das tut man nicht für jede Band. Für Sigur Rós schon. Für die wären mein Freund und ich sogar noch weiter gefahren. Es lohnt sich einfach. Ich habe die Isländer 2008 schon einmal live gesehen, in Köln. Dabei habe ich zwischenzeitlich geheult wie bei einer rührenden Szene in einem Film, nur um Sekunden später vor lauter Glück bis über beide Ohren zu strahlen, und die meiste Zeit über stand mir der Mund vor Staunen offen. Ich glaube, das Wort „schön“, in all seinen möglichen Ausprägungen, passt auf nichts so gut wie auf die Musik von Sigur Rós.

Vor dem Zenith reihen wir uns in eine lange Schlange ein, ich kriege schnell nasse Füße (auf einem Konzert möchte man schließlich keine Winterstiefel tragen), aber das ist egal. Alles kann egal werden in der Vorfreude auf ein Konzert, von dem man sicher weiß, dass es großartig wird. Wir sind hier mit einem Freund von uns, den wir ohne Musik gar nicht kennen würden. Das erste Mal getroffen haben wir ihn bei einem Konzert von Band of Horses in Zürich, als mein Freund noch in der Schweiz lebte. Unser Freund fuhr damals extra von seiner schwäbischen Heimat nach Zürich, er weiß also, was es bedeutet, für ein Konzert weit zu fahren. Er hat noch ein paar Freunde dabei, gemeinsam vergeht die Wartezeit auch in der Kälte schnell. Während wir dann in der Halle weiter warten, tauschen wir uns darüber aus, welche Songs wir gerne live hören würden, aber eigentlich sind wir uns alle einig, dass die Auswahl der Songs bei einer so grandiosen Band vollkommen egal ist.

Die Vorband heißt Blanck Mass, aber eigentlich ist es keine Band, sondern nur ein DJ. Hinter dem dünnen, transparent-weißen Vorhang, der schon für Sigur Rós vor der Bühne hängt, legt er auf. Es beginnt mit ein paar elektronischen Tönen, man erwartet, dass jeden Moment ein Schlagzeug einsetzt, aber das passiert nicht. Überhaupt passiert ganze 45 Minuten lang gar nichts, es ist ein einziger, langer Song (falls man das so nennen kann), der nur aus seltsamen Tönen besteht und sich null steigert. Was soll das? Das komplette Publikum ist gelangweilt, alle unterhalten sich, holen Bier oder gehen auf die Toilette. Wo man auch hinsieht – nur skeptische Blicke, Gähnen, Ratlosigkeit. Irgendwann fangen einige Leute an, den DJ auszubuhen und zu pfeifen. Er lässt sich nicht beirren, weiter geht das lahme Getöne, das wahrscheinlich irgendein Musikjournalist mal als „sphärisch“ beschrieben hat, so dass man gedacht hat, dass das doch gut zu Sigur Rós passen würde. Weit gefehlt. Damals in Köln war der wunderbare Komponist und Pianist Ólafur Arnalds, ebenfalls ein Isländer, als Support dabei, und das war perfekt. Schade, dass irgendwer auf die Idee kam, für diese Tour Blanck Mass ins Vorprogramm zu nehmen. Doch irgendwann ist es vorbei, die Leute klatschen, aber nur, weil der Typ endlich die Bühne verlässt. Haben wir das also hinter uns. Jetzt könnten auch Tokio Hotel im Anschluss spielen, schlechter könnte es kaum werden.

Man merkt, wie aufgeregt die meisten sind, als Sigur Rós schließlich auf die Bühne kommen. Ich bin wie immer überrascht über die Töne, die Sänger Jónsi zustande bringt. Ein sehr dünner, schüchtern wirkender Mann singt in Kopfstimme, teils auf Isländisch, teils in einer Phantasiesprache, und spielt mit einem Geigenbogen Gitarre. Wenn man das liest, klingt es wenig anziehend, aber genau das ist es, man möchte eintauchen in diese Musik, darin schwimmen, und nie wieder etwas anderes tun. Für diesen einen Abend dürfen wir das, und man ist sofort, schlagartig, komplett ergriffen und glücklich. Schon beim dritten Song, „Ný batterí“ („Neue Batterie“), kann ich die Tränen nicht mehr zurückhalten, aber man sollte in einem solchen Moment auch gar nicht versuchen, dagegen anzukämpfen. Es ist einfach so traurig-schön.

Spätestens bei „Hoppípolla“, was so viel bedeutet wie „in Pfützen springen“, bekommt man dann eine andere Art von musikalischer Schönheit zu spüren, es ist ein eher fröhlicher Song (oder vielleicht passt das Wort Musikstück bei dieser Band besser), und es sind auch fröhliche Tränen, die man dabei vergießt. Glückstränen. Ich sehe mich um, die Augen der Leute um mich herum leuchten, das Mädchen neben mir strahlt. Wer bei dieser Musik nicht lächelt oder heult oder beides, dem kann man nicht mehr helfen. Es ist perfekt, anders kann man es nicht sagen. Das einzige, was stört, sind die vielen Leute, die in dieser Atmosphäre nichts besseres zu tun haben, als Teile des Konzerts mit ihren Handys zu filmen. Irgendwie respektlos, finde ich, ich kann gar nicht verstehen, wie man überhaupt auf so eine Idee kommen kann. „Immer diese Smartphone-Spastis“, raunt unser Freund uns zu, und ich kann mich seiner Ausdrucksweise nur anschließen.

Das Mädchen hinter uns kippt mitten im Konzert um, genau in dem Moment, in dem sich – typisch für Sigur Rós – eins der Stücke steigert, hin zu einem grandiosen Finale. Es ist wie im Film, als hätte man ihr Umkippen inszeniert und genau für diesen Moment eingeplant. Zum Glück geht es ihr schnell besser und sie kann gemeinsam mit ihrem Freund den Rest des Konzerts von einer Stelle weiter außen im Publikum anschauen. Das Konzert endet nach über 90 Minuten mit dem unbeschreiblichen „Popplagið“ („Popsong“) als dritte Zugabe. Zu diesem Zeitpunkt ist das Vorband-Desaster längst vergessen, und selbst die Handy-Filmer klatschen. Falls das überhaupt möglich ist, ist meine Vorfreude auf meine dritte Island-Reise im kommenden Sommer an diesem Abend noch mehr gestiegen. Wir wollen nicht so ganz einsehen, dass es jetzt wirklich vorbei ist. Zum Glück spielen die Isländer beim diesjährigen Southside-Festival, sonst müsste man wahrscheinlich wieder Jahre auf die nächste Gelegenheit warten, sie live sehen zu können. Noch ganz berauscht von den Eindrücken des Konzerts holen wir unsere Jacken von der Garderobe, und als wir in die kalte Februarluft hinaustaumeln, würde ich am liebsten der ganzen Welt zurufen: „Hört mehr Sigur Rós!“ Und, falls ihr es noch nicht getan habt, seht euch ihren Dokumentarfilm „Heima“ an.

Breton (28. Februar)

Einige amerikanische Blogger benutzen gerne die Formulierung „my latest obsession“, um zu beschreiben, was sie aktuell begeistert. Sollte ich meine „latest obsession“ in Sachen Musik benennen, wäre das ganz klar die britische Band Breton. Ihr Auftritt war eins meiner persönlichen Highlights beim PhonoPop-Festival 2012, danach stritt ich mit einer Frau am Merchandise-Stand um das letzte Breton-Album, das noch da war. Sie gewann, ich bestellte die CD später im Internet. Ich werde immer mehr zum Fan elektronischer Musik, und Breton haben viel dazu beigetragen. Im estnischen Herbst habe ich ihre Songs rauf und runter gehört, vor allem zum Laufen sind sie der perfekte Begleiter, und lästige Hausarbeit erledigt sich fast wie von selbst, wenn man sie (laut!) auflegt.

Nun also noch einmal Breton live, wieder einmal mit meinem Freund, der der Band auf CD nicht allzu viel abgewinnen kann. Auch ich finde sie live noch einmal um einiges besser. Sie beginnen das Konzert mit „15x“, ihrem bisher einzigen Song mit französischem Text (Sänger Roman Rappak spricht fließend Französisch). Im Hintergrund der Bühne befindet sich eine Leinwand, auf der sich wiederholende, kurze Videoclips ablaufen. Die fünf Londoner sind nämlich eigentlich Filmemacher. In ihrem „Breton Lab“, einem ehemaligen Bankgebäude, arbeiteten sie ursprünglich an ebensolchen Clips. Aber diese brauchten einen Soundtrack, und den spielten die fünf bei Vorführungen live – so entstand die Band. „Breton Labs“ ist bis heute der Titel ihrer Homepage sowie der Name ihres YouTube-Kanals.

Das Wort „lab“ passt wunderbar zum Konzert. Man merkt der Live-Show und den Clips an, dass die Band gerne experimentiert, mit Tönen, Bildern und Materialien. Sie haben eine unglaubliche Energie auf der Bühne, die die Zuschauer, von denen viele die Band kaum kennen, mitreißt. Gegenüber der Bühne befindet sich eine kleine Tribüne mit Sitzplätzen. Auf der Treppe, die zu den Sitzen führt, tanzt ein etwa vierzigjähriger Typ in blauem Hemd, ohne Pause, in seinem ganz eigenen Stil. Es ist, als würden Breton mit ihrer Musik auf der Bühne Strom erzeugen und dieser würde in den Körper des Mannes geleitet. Das lässt auch die Band nicht kalt, sie widmen dem „man in the blue shirt“ einen Song und bedanken sich ganz zum Schluss noch einmal bei ihm. Eine sehr sympathische Geste.

Ein besonderer Moment ist es, als die Band den Song „The Commission“ spielt. Diesen hat sie erst vor Kurzem zum ersten Mal überhaupt live gespielt (davon gibt es ein Video, das ich hier einfach verlinken muss), und jetzt selbst in diesen Genuss zu kommen, ist großartig, darauf haben wir uns am meisten gefreut, auch wenn dieser Song eher untypisch für den Sound dieser Band ist. Aber er ist ein typisches Beispiel dafür, dass Breton live wirklich noch viel besser sind als auf CD. Diese Band hat definitiv viel mehr Aufmerksamkeit verdient, als sie bisher bekommt. Aber wie heißt es so schön in ihrem neuen Song „Population Density“ – „There’s hope for us“. Genau.

Two Door Cinema Club (08. März)

Es ist schon erstaunlich, wie schnell man vom Frieren ins Schwitzen kommen kann. Der Weg von der Bahnhaltestelle zur Stuttgarter Konzerthalle LKA-Longhorn ist länger als erwartet, und es regnet. Es ist dieser trügerische Nieselregen, der sehr schwach wirkt, in Wahrheit jedoch innerhalb von kürzester Zeit dafür sorgen kann, dass man vollkommen durchnässt ist. Mein Körper will sich an diesen deutschen Spätwinter nicht gewöhnen, mir ist eiskalt, und das bei Plusgraden. Bei –20 Grad in Estland habe ich weniger gefroren.

Im LKA hingegen fühle ich mich wie in einer Sauna. Voll ist es hier auch. Das Publikum besteht zum Großteil aus etwa fünfzehnjährigen Mädels, von denen ich einen ganzen Haufen auf der Toilette antreffe. Da wir die Frisur gerichtet, die Schminke erneuert, das Top zurechtgezupft, und sich lautstark bei den Freundinnen über vermeintliche Figurprobleme und Bad Hair Days beschwert. „Ach nein, Süße, du siehst doch voll toll aus“, ist die Standardantwort. Fishing for compliments at its finest. Zurück in der Halle wird mir noch wärmer, als ich feststelle, dass einige der Mädels mit Pudelmützen auf den Köpfen hier stehen und auf den Beginn des Konzerts warten. Es sind Two-Door-Cinema-Club-Pudelmützen und deshalb trägt man sie hier trotz Hitze. Kaschiert ja praktischerweise auch widerspenstig abstehende Haare.

Es gibt zwei Vorbands an diesem Abend, ich blicke bis zum Schluss nicht ganz durch, welche eigentlich welche ist. Aber bei der zweiten, deren Mitglieder kaum älter sein dürften als der Durchschnittszuschauer, wird schon ordentlich gejubelt, geklatscht und sogar gekreischt. Ich habe von diesen Jungs noch nie was gehört, und dass der Sänger fast die gleiche Stimme hat wie der von Two Door Cinema Club, verwirrt mich dann vollkommen. Nach fünf Songs, von denen ich keinen kenne, ist mir dann klar, dass das hier noch nicht die Hauptband ist. Der Hype um diese Vorband scheint an mir vorbeigegangen zu sein. Schlecht finde ich sie nicht, mehr als ganz nett aber auch nicht.

Dann ist Pause, Zeit, mich schreiend mit meinem Freund und unseren zwei Freundinnen zu unterhalten. Und Zeit, das Publikum weiter zu beobachten. Vor uns stehen vier Mädels, deren Tanzbewegungen während des Auftritts der Vorband bei der hier gegebenen Enge sehr nervig waren. Die eine hält einen Becher in der Hand, eine der anderen fragt, was sie da trinke. „Wasser.“ „Darf ich einen Schluck?“ „Klar.“ Sie trinkt. „Schmeckt ja supi!“ Kicher, kicher. Während ich mich noch frage, was an Wasser „supi“ schmecken soll, merke ich, dass die Luft hier drin inzwischen kaum noch als solche bezeichnet werden kann. In der Hoffnung, dass ein Getränk Abhilfe schaffen könnte, stellen mein Freund und ich uns an der unendlichen Schlange vor der Bar an. Nach dem Getränkekauf ist an ein Zurückkehren zu unseren Freundinnen weiter vorne nicht mehr zu denken, es sei denn, man hat Lust darauf, sich bei jedem zweiten Schritt auf den Fuß treten zu lassen und Bier auf die nackten Arme geschüttet zu bekommen. Also bleiben wir hier hinten, wo sich anscheinend alle sammeln, die über 18 sind. Was allerdings nicht bedeutet, dass nicht auch hier nervig getanzt wird. Der Typ hinter uns hat einen Rucksack auf dem Rücken und viel Spaß daran, sich immer wieder zu seinen Freunden umzudrehen, um irgendwelche lustig gemeinten Armbewegungen vorzuführen. Damit hört er auch nicht auf, als Two Door Cinema Club endlich auf der Bühne stehen.

An der Band liegt es nicht, dass ich den ganzen Abend hauptsächlich anstrengend finde. Ich glaube, jeder hat bei jedem Konzert grundsätzlich das Gefühl, immer und überall am Durchgang zu stehen, aber heute Abend ist es extrem. Ständig drängelt sich jemand an uns vorbei oder zwischen uns hindurch nach vorne. Mir ist immer noch viel zu warm, kaum ist mein Becher leer, habe ich wieder Durst. Pudelmützen-Bommel erschweren die Sicht auf die Band, mein linker Fuß schmerzt durch gefühlte 100 Tritte, in regelmäßigen Abständen wird mir ein Rucksack in den Rücken gerammt, und der Typ neben mir beobachtet mich die ganze Zeit. Durch all diese Störfaktoren bekomme ich so wenig vom Konzert mit, dass es mir vorkommt, als hätte ich die letzten drei Songs der Setlist zu Anfang schon einmal gehört.

Irgendwann ist es vorbei und ich fühle mich wie erlöst. Es war eins dieser Konzerte, während denen ich mich gefragt habe, warum ich mir das eigentlich antue und auch noch Geld dafür bezahle. Vielleicht bin ich inzwischen einfach nicht mehr an Konzerte mit einem so großen Publikum gewöhnt, vielleicht ist das LKA keine gute Location, oder vielleicht hätte mich an diesem Tag auch jedes andere Freizeitprogramm genervt, wer weiß. Jedenfalls bin ich froh, als es vorbei ist, und das tut mir ein bisschen leid für Two Door Cinema Club. Würde mich jemand fragen, ob sie eine gute Live-Band sind, müsste ich wahrheitsgemäß antworten, dass ich keine Ahnung habe. Aber eine zweite Chance haben sie auf jeden Fall verdient. Eine Pudelmütze vom Merchandise-Stand habe ich mir übrigens nicht gekauft. Trotz der Kälte.

 

Teil 2 folgt bald.

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