Erkältung

Der folgende Text ist ein Auszug aus meinem Roman, den ich im allerersten Post erwähnt habe. Ursprünglich verfasst wurde er in den Jahren 2004 und 2005. Etwa zwei Jahre später habe ich damit angefangen, das Ganze zu überarbeiten (ein bis heute nicht abgeschlossenes Projekt), und aus dieser bearbeiteten Version stammt nun dieser Ausschnitt, der mir heute Morgen in den Sinn kam, als ich im Radio mal wieder etwas über die aktuelle Grippewelle hörte. Ich habe ihn für diesen Post an zwei Stellen ein wenig gekürzt und außerdem ein paar für das Verständnis hilfreiche Anmerkungen eingefügt (eigentlich waren das Fußnoten, aber beim Reinkopieren hat WordPress daraus Zahlen gemacht, die man anklicken kann, ohne dass dann etwas passiert). 

Es geht mir schlecht. Oder besser: Es geht mir absolut scheiße. Seit gestern. Das bedeutet: Ich dick eingemummelt im Bett, die Heizung auf fünf, Kamillentee in Massen, dicke Socken, Borussia[1]-Schal um den Hals und so weiter und so fort. Man könnte es auch Erkältung nennen. In der restlichen Wohnung stehen die Heizungen auf null, weil es Morten[2] sonst zu warm ist. Einen Krankenbesuch hat noch keiner gemacht, was aber wahrscheinlich daran liegt, dass keiner weiß, wie es mir geht. Außer Morten. Und der benimmt sich, als sei er meine Mutter. Er kocht mir dauernd neuen Tee; fragt mich, ob ich noch was brauche; lüftet in regelmäßigen Abständen, aber nur kurz, damit es für mich nicht noch schlimmer wird; bringt mir Obst, „schließlich brauchst du Vitamine“; und ist nur zur Arbeit gegangen, weil ich ihn lautstark – so laut, wie ich eben konnte – dazu gezwungen habe. Es ist einer der seltenen Momente in meinem Leben, in denen ich mir wünsche, auch arbeiten zu können. Krank sein ist verdammt langweilig.

Mein Tee ist leer und pinkeln muss ich auch, nach zwei Minuten wird’s ja auch langsam wieder Zeit, aber ich bin zu faul, um aufzustehen und weiß auch gar nicht so genau, ob ich nicht schon festgefroren bin. Mir ist nämlich trotz des Tees und der stickigen Heizungsluft verdammt kalt. Inzwischen ist es November und wie das so ist: Kaum hat dieser Monat begonnen, wird das Wetter schlechter und ich werde von der deutschlandweiten Grippewelle erfasst. Heute Morgen hat es schon geschneit und ich habe aus lauter Langeweile das Wörterbuch „Deutsch – Dänisch, Dänisch – Deutsch“ studiert. Diese Beschäftigung ist aber nichts im Gegensatz zu dem, was ich vorher schon gemacht habe. Mein Kampf gegen die Langeweile hat schon viel schlimmere Auswirkungen gehabt. Zum Beispiel flog unter meinem Bett seit Jahren eine „Brigitte“ rum, die meine Mutter irgendwann einmal gekauft hatte, weil sie irgendein Rezept daraus haben wollte. Meine Mutter hasst Frauenzeitschriften. Sie reißt sich nur ab und zu Rezepte raus. Wie die blöde Zeitschrift unter mein Bett gekommen ist, kann ich mir nicht erklären, aber ich könnte mir vorstellen, dass mein Vater dahinter steckt, schließlich hat der die nervige Angewohnheit, „kleine Witze“ zu machen und bei mir irgendwelchen Kram irgendwo hinzulegen. Jedenfalls habe ich vorhin in der „Brigitte“ geblättert. Es ging ausschließlich um Diättricks; hässliche Klamotten, von denen ich mir sicher bin, dass meine Mutter sie nie tragen würde; irgendwelche angeblich Prominenten, deren Namen ich noch nie auf irgendeine Art und Weise wahrgenommen habe; Haushaltsführung; und eben Kochen. Als mir dieses überflüssige Druckerzeugnis zu langweilig wurde, habe ich versucht, Hund[3], der neben mir stand und mich anhechelte, ein paar Kunststücke beizubringen. Männchen machen konnte er vorher schon. Ich wollte ihn dazu bringen, über meinen Arm zu springen, aber er hat mich nur fragend angesehen und ist bellend wieder abgezogen. Ich wette, er hätte mit den Schultern gezuckt, wenn er gekonnt hätte. Na, vielen Dank.

Bis gerade eben habe ich zum ersten Mal in meinem Leben das angeblich so hilfreiche „Schäfchen zählen“ ausprobiert, weil ich dachte, dass Schlafen bei Krankheit immer hilft, und dass die Zeit so leichter totzuschlagen sei. Hat aber nicht geklappt. Bei Schaf Nummer siebenundzwanzig hat Hund mich mit lautem Gebell unterbrochen. Daraufhin bin ich ein wenig ausgerastet: „Maaaaann, lass mich in Ruhe! Ich kann nicht mit dir rausgehen, guck mich doch mal an, ich seh aus wie ein zerdrückter Wurm! Geh halt auf dein Hundeklo!“ Nach diesem Gebrüll bekam ich einen gigantischen Hustenanfall, der darin endete, dass ich für den Bruchteil einer Sekunde dachte, ich würde sterben, bevor ich erschöpfter als je zuvor auf mein Kissen zurücksank. Als ich wieder aufblicken konnte, stand Hund im Flur und sah mich mit Unschuldsmiene an. Zu seinen Füßen lag – sein leerer Fressnapf. Ich ließ einen kilometertiefen Seufzer ertönen. All die Aufregung umsonst. Um es wieder gut zu machen, schleppte ich mich aus dem Bett und gab Hund etwas zu fressen. Er bedankte sich, artig wie immer. Keine Spur von Beleidigtsein angesichts meiner Schreierei. Ich glaube, er versteht nur Dänisch.

Andi muss heute sein Interview mit den Kleinkindern machen[4], ich hab ihm eigentlich versprochen, zu helfen. Es geht mir zwar scheiße, aber es ist eben unglaublich öde hier, deshalb nehme ich mir vor, mich pünktlich zur verabredeten Zeit heute Abend aus dem Bett zu schälen und Andi wenigstens ein bisschen zu helfen. […]

Jetzt rennen wir schon seit einer halben Stunde durch die Kälte in der Gladbacher City, auf der Suche nach kleinen Kindern. Ich habe verdammte Kopfschmerzen; habe zehn Minuten gebraucht, um aus dem Bett zu kommen; eine weitere halbe Stunde, um meine Augen davon abzuhalten, mich wie einen jahrelang nicht aus der Gruft entstiegenen Vampir aussehen zu lassen. Zu guter Letzt war ich noch etwa zwanzig Minuten damit beschäftigt, etwas zu essen, weil ich absolut gar keinen Apettit hatte und noch immer nicht habe. Morten, Ersatzmama und Krankenschwester in einer Person, hat mich aber letztendlich zur Nahrungsaufnahme überredet, ganz gegen den alten Grundsatz meines Kinderarztes: „Nicht zum Essen zwingen!“

Also bin ich jetzt hier mit Andi, wir beide zittern, was bei mir am Schüttelfrost und bei Andi am Ärger über „dieses beschissene Interview mit den blöden Kleinen“ und dem „absoluten Scheißwetter“ liegt. Wir haben schon etwa zehn kleine Biester befragt. Anfang November weiß aber nicht einmal die Hälfte von ihnen, was sie sich wünschen sollen. Die wenigen, die doch schon eine Idee hatten, waren entweder Mädchen und wünschten sich die neueste Barbie, ausgestattet mit Schminke und mindestens zehn verschiedenen Kleidern, oder sie waren Jungs und rasselten lange Listen von irgendwelchen Kampfsport-Mangaserien auf RTL2 herunter, aus denen sie alle Spielfiguren haben wollen, weil diese unglaublich wertvoll sind. Wertvoller als jeder Mercedes! Wer eine von diesen Figuren, von gestressten Müttern für 10 Euro bei Kaufhof gekauft, besitzt, ist ein reicher Mann.

„Da!“, schreit Andi plötzlich und zeigt auf eine Familie mit gleich drei Unterzehnjährigen. Wir rennen auf sie zu, das heißt, Andi rennt, ich hechele schniefend in großem Abstand hinterher. „Entschuldigung, wir machen eine Umfrage für den Stadtspiegel. Was wünscht ihr euch denn zu Weihnachten?“, wendet sich Andi an die Kinder und spricht schon wieder in diesem albernen Kinderversteher-Ton, den er immer aufsetzt, wenn er einen Halbwüchsigen befragt. Er klingt so furchtbar unglaubwürdig, dass ich die Mutter der Kleinen entschuldigend anlächle. „Eine Barbie…Nee, lieber eine Shelly!“, sagt die Kleine, die mit ihrem Übergewicht, ihren leicht fettigen Haaren und der viel zu kurzen Hose weit davon entfernt ist, mit der gewünschten Plastikfrau auch nur ein Fitzelchen Ähnlichkeit zu haben, und ich erinnere mich dunkel daran, dass Shelly sozusagen das Kind von Barbie ist. Und von Ken, dem schmierigsten Mann auf dieser Welt. Der etwa siebenjähriger Bruder des Mädchens will ein bestimmtes Computerspiel, dessen englischen Kunstnamen er nicht aussprechen kann. Die verschiedenen Level und Figuren aber will er uns genauestens beschreiben und erklären, bis Andi ihn unterbricht, indem er seine Frage an den ältesten Sohn der Familie richtet. Dieser ist etwa neun, trägt eine riesige Brille und hat einen blonden Pottschnitt. Auf unsere Frage antwortet er mit einer Überzeugung in der Stimme, die uns fast hintenüber kippen lässt: „Frieden auf der Welt“. Andi guckt mich an, vollkommen entgeistert, ich hingegen begreife gar nicht richtig, was gerade passiert ist. Die Mutter fährt ihrem Sohn stolz über den Kopf und sagt lächelnd: „Ist er nicht süß? Er ist ja schon so weit… Wissen Sie, er hat zwei Schuljahre übersprungen. Seine Lehrerin sagt, er sei hochbegabt!“ Andi starrt sie mit offenem Mund an und weil mir das irgendwann peinlich ist, sage ich: „Wie schön, wir müssen jetzt weiter, frohe Weihnachten, vergessen Sie nicht, den Artikel zu lesen, auf Wiedersehen!“ Mich ob dieser Antwort extrem dämlich fühlend, drehe ich mich um und reiße Andi am Arm hinter mir her.

Andi geht neben mir und schüttelt immer wieder den Kopf, wobei er guckt, als hätte er soeben seine Exfreundin Hand in Hand mit Helmut Kohl gesehen. Ich hingegen muss einfach nur lachen. Ich muss so dermaßen lachen, dass ich einen Hustenanfall bekomme, während wir gehen. Meine Schrift ist dementsprechend krakelig, als ich die Antworten der Kinder aufschreibe. Irgendwann wird mir bewusst, wie schlecht und irgendwie verwahrlost die Geschwister des Hochbegabten aussahen. Bestimmt bekommen die von der Liebe der Mutter maximal ein Prozent ab, das sie sich auch noch teilen müssen. Ich lache nicht mehr, teils aufgrund dieser Erkenntnis, teils weil mein Kopf vor Schmerz zu platzen droht. Halb aus Spaß, halb aus Not frage ich eine alte Frau, ob sie eine Kopfschmerztablette hat. Hat sie nicht, was sie aber hat, sind Fotos von ihren Hunden. Und so vergeht einige Zeit, in der Andi und ich uns einen Rauhaardackel und einen Mops in den verschiedensten Posen an den verschiedensten Orten vor den verschiedensten Hintergründen ansehen müssen. Wir verabschieden uns, bevor die Alte zu einer Anekdote aus der Zeit, in der Mopsi endlich stubenrein wurde, ausholen kann.

Weiter geht es, wir suchen nach Kindern, die jetzt schon wissen, was sie zu Weihnachten haben wollen, aber mir geht es scheiße, ich will wieder ins Bett. Doch gerade, als ich Andi das sagen will, kommt uns eine Kindergartengruppe entgegen. Die verfettete Leiterin ist total begeistert von uns und der Umfrage, und wir fangen an, jedes Kind einzeln nach seinem Wunsch zu fragen. Das Problem ist nur, dass die Kleinen entweder gar keinen oder dann gleich mindestens fünf Wünsche haben. Einen „allerallerliebsten“ Wunsch, nach dem Andi sie fragt, scheint es nicht zu geben, man kann sich ja auch nicht so leicht entscheiden, was man dringender braucht: das grellpinke „Prinzessin Lillifee“-Tagebuch, in das man hofft, irgendwann reinschreiben zu können, oder die Meerjungfrau-Barbie (Mädchen), beziehungsweise das Playmobil-Piratenset oder das Feuerwehrauto mit echtem Sirenensound (Jungen).  Dazu kommt noch, dass die Winzlinge alle durcheinander schreien und ich mit dem Aufschreiben nicht hinterherkomme. Egal, schreibe ich eben nur die Hälfte auf. Die Wünsche sind sowieso immer dieselben, und den Ommas, die die Klümpkeszeitung lesen, ist es wahrscheinlich vollkommen wurscht, ob sich dreizehn kleine Jungs ein Piratenschiff wünschen oder doch nur elf.

Die Kindergartengruppe macht mich völlig fertig, raubt mir die letzten Nerven und vor allem den kleinen Funken Kraft, den mir meine Erkältung noch übrig gelassen hat. Andi sieht dann auch ein, dass unsere Ergebnisse jetzt ausreichen, und schickt mich mit besorgtem Blick zur Bushaltestelle, fürs Autofahren bin ich heute zu schwach.Im Bus schlafe ich ein und verpenne fast meine Haltestelle. Im letzten Moment, gerade noch rechtzeitig, steige ich aus, die anderen Fahrgäste lachen, irgendein Idiot zeigt grinsend auf mich. Ich bin zu schwach, um mich darüber zu ärgern.

Morten ist schon zu Hause. Er guckt mich kurz an und fragt: „Kamillentee?“ Ich kann nur nicken, obwohl ich das Zeug nicht mehr sehen kann und bestimmt schon hundert Tassen davon getrunken und nach mühseligem Aufstehen, Gehen, Türöffnen wieder ausgepinkelt habe. Aber die alten Hausmittel sollen ja das Beste überhaupt sein. Nach dem ersten Schluck geschmacklose Kamillenplörre geht es schon besser mit dem Reden und ich erzähle Morten von unserer wunderbaren Umfrage. Er lacht ziemlich viel, aber ich kann wegen der Schmerzen nicht mitlachen, also lege ich mich wieder ins Bett, mit einem Buch, das ich allerdings nach kurzer Zeit wieder weglege, da ich meine Augen kaum offenhalten kann. […] Der Schlaf ist seeehr mächtig, denke ich erkältet, bevor ich mich in einen wirren Traum verliere.


[1] Mönchengladbach natürlich!

[2] Morten ist der dänische Mitbewohner des Protagonisten

[3] Morten (oder eher ich selbst) war so kreativ, seinen Hund Hund zu nennen

[4] Andi ist ein Freund des Protagonisten, der für die Lokalzeitung schreibt und in diesem Zusammenhang Kinder nach ihren Weihnachtswünschen befragen soll

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3 Gedanken zu „Erkältung

  1. Aha! Jetzt ist es also raus: Kleine Witze sind ne nervige Angewohnheit!?
    Witze sind doch des Lebens Würze, oder etwa nicht???

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