Großstadtmusik

Es sind Momente, kurze Ausschnitte aus Tagen, verbracht hier, in Stuttgart, der größten Stadt, in der ich bisher gelebt habe. Es sind Einzelsituationen, die meisten von ihnen wenig besonders. Sie sind untermalt von Musik, nicht so wie im Film, denn leider fehlt ja im Leben diese immer wunderbar passende Begleitung. Aber trotzdem gibt es Musik, oft aus den Kopfhörern meines MP3-Players oder den Lautsprechern meiner Stereoanlage, manchmal live, und manchmal auch nur in meinem Kopf, in dem Hunderte von Songtexten gespeichert sind, ohne dass ich sie jemals aktiv eingefüttert habe. Oft wünsche ich mir, dass die ganze Welt den Song hören könnte, den ich gerade höre, dass er einfach aus einem riesigen Lautsprecher schallen würde, dessen perfektem Sound sich niemand entziehen könnte. Das sind Momente, in denen ich mir der Größe dieser Stadt voll bewusst bin, doch meine übliche Reaktion, der Gedanke „ich bin kein Großstadtmensch“ bleibt aus, vielmehr bin ich fasziniert von der Vorstellung, wie viele Menschen außer mir hier sind. Ich nehme den Stadtverkehr wahr, die Unmengen von Autos, die sich durch die Straßen schieben, den regelmäßigen Rhythmus der Stadtbahnen, die gelb und mit ihren unverwechselbaren Fahrgeräuschen die einzelnen Stadtteile miteinander verbinden. Ich sehe, rieche, schmecke und fühle die Großstadt. Und ich höre sie. Ich höre Großstadtmusik. In diesen Momenten.

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Ich lasse die Tiergehege hinter mir. Es dämmert, ein leichter Geruch nach Kamelkot liegt in der Luft. Wenn ich das nächste Mal hier vorbeikomme, ist es sicher schon so dunkel, dass ich die Lichter der Stadt sehen kann. Dies ist der Teil der Runde, der mir am leichtesten fällt, hier fühle ich mich wie angetrieben von einem unsichtbaren Motor, ich fliege vorwärts, als hätte ich immer Rückenwind. Seit ich den Rosensteinpark für mich entdeckt habe, vermisse ich meine alten Laufstrecken nicht mehr so sehr. Hier ist es flach, ein entscheidender Vorteil für mich, die ich vom Niederrhein stamme. Ich muss hier keine Steigungen überwinden, und doch bin ich etwas erhöht, ich kann herunterschauen auf Teile von Bad Cannstatt. Ich laufe weiter, an der nächsten Kurve erreiche ich wie immer einen Tiefpunkt, plötzlich wird das Laufen schwerer, vielleicht liegt es ganz einfach am Richtungswechsel. Hier werde ich jedes Mal langsamer, muss meine Beine vorwärts zwingen. Am Spielplatz ein Blick auf die Uhr, ich brauche ziemlich genau 17 Minuten für eine Runde, besonders schnell ist das nicht, aber es geht mir darum, durchzuhalten, mindestens drei Runden lang. Es sind noch einige andere Jogger unterwegs, wenn man jemandem zum zweiten oder dritten Mal begegnet, ist es fast, als würde man sich kennen, oft lächelt man sich gegenseitig aufmunternd zu. Eine Mutter schiebt ihren kreischenden Sohn im Kinderwagen spazieren, müsste der Kleine nicht längst im Bett sein? In der Wilhelma ertönt die Durchsage, die die Besucher auf das bevorstehende Ende der Öffnungszeit hinweist. Ein Radfahrer überholt mich, rückt dabei seinen Helm zurecht. Vier Jugendliche stehen von der Wiese auf, packen ihre Sachen zusammen und gehen davon. Und ich, ich erreiche wieder den Abschnitt kurz hinter den Tiergehegen. Die Luft ist noch lauwarm, die Stadt ist jetzt erleuchtet, das Laufen ist wieder einfach, ich lächle. Mein MP3-Player spielt „Principle of Touch“ von PTTRNS.

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Haltestelle Milchhof. Ich sitze mit einer Freundin in der Bahn, wir kommen aus der FH. Es ist Ende des Semesters, kurz vor der Klausurphase, viel zu besprechen. Unklarheiten, Zeitknappheit, Nervosität – wir versuchen, das alles wegzureden, geteiltes Leid ist halbes Leid. Immer wieder schweifen wir auch ab vom Thema, es gibt eben noch mehr im Leben als das Studium. Kurz vor dem Nordbahnhof erhebt sich der von oben bis unten dunkelgrün gekleidete alte Mann gegenüber von seinem Sitz, er steht nicht vollständig auf, die Knie sind noch gebeugt, aber seine Stimme, die ist ganz da, als er mich ansieht und fragt: „Sagen Sie mal, warum schreien Sie denn eigentlich so?“ Verwirrt sehe ich zu meiner Freundin, sie schaut ebenso ratlos, aber auch amüsiert zurück. „Ich rede ganz normal“, sage ich zu dem alten Mann, es klingt trotzig, beleidigt, ein bisschen wie bei einem kleinen Kind. Einige Sekunden später hält die Bahn und der Mann steigt aus, genau wie meine Freundin, die hier in der Nähe wohnt. Verwirrt bleibe ich zurück. Die Bahn fährt weiter, biegt ab auf eine der meistbefahrenen Straßen der Stadt. Ich schalte meinen MP3-Player ein, bin „Bewildered In The City“ (Kashmir).

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Ein Nachmittag mit einer Freundin im Schlossgarten. Sowohl ihr als auch mir stehen einige Monate Praktikum im Ausland bevor. Die Vorbereitungen darauf, vor allem die Besorgung von Unterlagen für das Erasmus-Programm, nehmen seit Wochen unsere Gedanken ein, die Vorfreude wird von all dem Stress unterdrückt. Es ist Juli, warm und sonnig, Wetter zum Faulenzen. Stattdessen versuchen wir, offene Fragen zu klären, verunsichern uns gegenseitig und meckern viel. Typisch Deutsch? Wahrscheinlich. Wird uns ja vielleicht bald ausgetrieben. Ich erfahre, dass ich noch Informationen von meiner Versicherung brauche. Ein Moment Panik, ich rufe meinen Vater an, verlässliche Quelle für Tipps und Hinweise in solchen Dingen, auch dieses Mal. Eine To-Do-Liste entsteht, gefühlt die tausendste allein in dieser Woche. Literatur für die bald abzugebende Hausarbeit muss auch noch gelesen werden. Dafür laufen wir hinüber in den Rosensteinpark, meine Freundin schiebt ihr Fahrrad neben sich her, sie gehört zu den wenigen Menschen, die in dieser Stadt Rad fahren. Plötzlich kommt starker Wind auf, und kaum haben wir uns erneut niedergelassen, beginnt es zu regnen. Wir stellen uns unter einen Baum. Ich trage offene Schuhe und habe eine dünne Jutetasche dabei, in der sich unter anderem ein wichtiges Dokument für Erasmus befindet, ein Formular mit der Unterschrift des Professors, der bei uns für solche Sachen zuständig ist. Wertvoll. Die bei Erasmus bestehen immer auf Original-Unterschriften. Darf auf keinen Fall nass werden. Es ist, als würde der Regen die Sorgen wegen der bevorstehenden Aufgaben davonspülen. Wir lachen viel, als wir unter diesem Baum stehen. Es tut gut, zu lachen und das Lachen einer anderen Person zu sehen. Es vermittelt ein Gefühl von „wird schon alles klappen, so wie es muss“. Ich habe „Exploding People“ von Cloud Cult im Kopf. Aber wir gehören nicht dazu, wir haben uns, wir haben unser Lachen, wir haben Momente wie diesen, die wertvoller sind als jede Unterschrift auf einem Blatt Papier. „And one by one the people they explode“ – aber uns kann der Stress nichts anhaben.

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Wir haben uns verabredet, an „dieser Figur am Schlossplatz“. Keiner weiß, was das eigentlich darstellen soll, aber als Treffpunkt funktioniert es auch so sehr gut. Meine Schwester und ich steigen aus der Bahn, fahren mit der Rolltreppe nach oben, wobei wir von der Sonne geblendet werden. Sie hat schon zum zweiten Mal in diesem Jahr ein Open-Air-Konzert auf dem Schlossplatz zum Anlass für einen Besuch bei mir genommen. Der Abschnitt der Königstraße, der am Schloss vorbeiführt, ist voll von Jugendlichen, hauptsächlich Mädchen, alle höchstens 16. Sie sitzen auf dem Boden, viele von ihnen sind anscheinend schon eine ganze Weile hier, haben die hier gecampt? Wir sind Anfang 20, meine Schwester schaut sich um und sagt: „Ich fühl mich alt.“ Die anderen warten schon auf uns, ihnen geht es nicht anders.

Später am Abend stehen wir zwischen all den jungen Mädels. Ihre Haare sind schwarz (gefärbt), genau wie große Teile ihrer Kleidung, kombiniert mit Neonfarben. Viele sind gepierct oder tätowiert oder beides. Ihre Augen sind stark geschminkt, Wimperntusche, Lidstrich, Kajal, alles schwarz. Einige wirken wie in Trance und alle können sie mitsingen. Nach jedem Song wird gekreischt. Der Sänger von 30 Seconds To Mars trägt einen seltsamen, knöchellangen Umhang, den er jetzt ablegt, das darunter zum Vorschein kommende Muskelshirt löst neue Kreischanfälle im Publikum aus. Meine Schwester sieht mich ratlos und mit hochgezogenen Augenbrauen an, eine Freundin raunt: „Ist das schrecklich“, und wir alle fangen an zu lachen, was uns böse Blicke der um uns herumstehenden Mädchen beschert. Irgendwann ist die Vorband fertig, der Applaus und das Geschrei sind ohrenbetäubend. Wir freuen uns auf die Band, für die wir eigentlich hier sind. „Endlich“, sagt meine Schwester. Zwei Mädchen gehen an uns vorbei, sie haben sich beide das Logo von 30 Seconds To Mars ins Gesicht gemalt. Die eine sagt zu der anderen: „Also, auf Placebo hab ich ja gar keinen Bock. Voll die Emo-Musik!“

Noch später am Abend drehe ich mich während des Konzerts um. Es ist dunkel, aber noch immer sehr warm, der Königsbau ist angestrahlt, auf seinem Dach erkenne ich einige Menschen, die herüber schauen zu der Bühne, die man vor dem Schloss aufgebaut hat. Überhaupt ist alles voll von Menschen, kaum vorstellbar, dass irgendjemand heute Abend etwas anderes tut als hier zu stehen. Ich muss lächeln. Das Konzert ist großartig, und das hier ist einfach die perfekte Location dafür. Dann beginnt „The Bitter End“, meine Schwester sieht mich glücklich an, wir können den Text beide auswendig, es ist einer dieser Songs, die mich immer an sie denken lassen werden.

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Ich stehe zum ersten Mal auf dem Balkon der neuen Wohnung. Es ist dunkel, die Kräne der Großbaustelle in unmittelbarer Nähe sind beleuchtet. Unter mir fährt eine Stadtbahn in den Tunnel ein, links und rechts davon herrscht Stop and Go in beiden Richtungen. Es ist kalt und es ist laut, aber das nehme ich kaum wahr. Hier wohne ich, hier wohnen wir. Er und ich. Ich atme tief ein. Nicht die beste Luft, zu viel Abgase, zu viel Staub, aber egal. Drinnen, im Wohnzimmer, läuft „Spaceships“ von den Steaming Satellites, die Stelle, an der es lauter wird: „Now let’s get it started!“ Das ist der Moment, in dem ich fühle, dass ich auch hier in Stuttgart glücklich sein kann, dass ich langsam aufhöre, Estland immerzu zu vermissen.

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Noch mehr Großstadtmusik:

Breton – Wood And Plastic James Yuill – First In Line
Friska Viljor – Monday Kaizers Orchestra – D-Dagen
Arctic Monkeys – Old Yellow Bricks Nephew – Police Bells & Church Sirens
TUSQ – Urban Spaces Kent – Taxmannen
The Tunics – The Cost of Living Queens of the Stone Age – 3’s and 7’s
Bombay Bicycle Club – Evening/Morning The Soundtrack Of Our Lives – Bigtime
Digitalism – Anything New Lockjaw – When Red Light’s Calling
The Streets – Prangin’ Out Radiohead – I Might Be Wrong
The Fashion – Like Knives Spleen United – Suburbia
The Automatic – Magazines The Temper Trap – Science of Fear
Beatsteaks – A-Way Modest Mouse – Dashboard
Foals – Balloons We Were Promised Jetpacks – Roll Up Your Sleeves
De Staat – Psycho Disco Kings Of Leon – McFearless
Bloc Party – Helicopter Mew – Introducing Palace Players
Young Knives – Human Again Rangleklods – Riverbed
Evaline – Beneath The Fire Django Django – Hail Bop
Delphic – Red Lights Urban Cone – Urban Photograph
Incubus – Switchblade Mogwai – Rano Pano

u. v. m.

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2 Gedanken zu „Großstadtmusik

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