Gegenmaßnahmen

So lautet der Titel der folgenden Kurzgeschichte, mit der ich 2009 an einem Schreibwettbewerb zum Thema „15 Minuten“ teilnahm (leider erfolglos). Ich habe sie für diesen Post leicht überarbeitet.

Es regnet in Strömen. Unverschämtheit, denke ich. Einen Regenschirm habe ich natürlich nicht da­bei. Seufzend verlasse ich den Bahnhof, überquere die Straße und erreiche die Bushaltestel­le. Die anderen Leute halten sich entweder ihre Einkaufstüten über den Kopf oder ren­nen. Der Regen macht aus Sesselfurzern Sprinter.

Vierzehn Minuten habe ich zu warten, sagt mir der Busplan. Auf der anderen Straßenseite verliert eine Frau mehrere Äpfel aus einer ihrer Kopfschutz-Tüten. Sie flucht, bückt sich und wird nun doch nass, weil die Äpfel in alle Richtungen davonrollen. Keiner hilft ihr dabei, sie wieder einzusammeln. Auch ich nicht. Ich überlege, wie ich die Zeit totschlagen könnte. Hier stehen zu bleiben wäre ganz schlecht, denn ein Dach hat man nur der Bushaltestelle spendiert, an der die Busse in die entgegengesetzte, also nicht in meine, Richtung fahren. Unter diesem Dach drängen sich jetzt einige Menschen, die wenigsten wohl, weil sie den Bus nehmen wollen, die meisten haben irgendwo in der Nähe geparkt und hoffen, dass in der Zwischenzeit keine Politesse ihre längst abgelaufene Parkzeit bemerkt.

Ich gehe zurück in den Bahnhof. Viele Möglichkeiten des Zeitvertreibs bietet er nicht. Kleinstadtbahnhof eben. Es gibt einen Bäcker, einen Zeitschriftenladen und einen Ticketautoma­ten. Vor letzterem streitet sich ein Ehepaar. Die Frau trägt eine jener albernen khakifarbenen Caprihosen, die über eine Menge Taschen verfügen, die so komische Formate haben, dass man nicht weiß, was man reintun soll, und die dicke Frauenbeine nicht gerade schlanker erscheinen lassen. „Hier kann man nur mit Karte zahlen“, sagt sie. „Ach, Quatsch“, sagt ihr Ehemann, der sich mal den Bart stutzen könnte und seine Hand auf dem riesigen Bierbauch abgelegt hat. „Wie, Quatsch?“, fragt die Frau entgeistert in einem Tonfall, der vermuten lässt, dass ihr Mann ihr nicht besonders häufig widerspricht. Er kramt einige Münzen aus seinem krummgesessenen braunen Lederportemonnaie, das er wie alle grauhaarigen Bier­bauchmänner in der Gesäßtasche trägt, und versucht, das Geld in den Münzschlitz des Automa­ten zu werfen. Es klappt nicht. „Siehste!“, ruft die Frau mit Schadenfreude in der Stimme.

Ich bewege mich in Richtung Zeitschriftenladen, um irgendwas zu tun. Im Vorbeigehen sehe ich, dass das Ehepaar die Taste „Weiter zum Ticketkauf“ noch nicht gedrückt hat. Da ich mich nicht zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit der unterlassenen Hilfeleistung schuldig machen will, mache ich die beiden darauf aufmerksam. „Ach“, sagt die Frau und schaut mich vor­wurfsvoll an, weil ich ihr gerade den schönen Triumph über ihren Mann kaputtgemacht habe. Dieser drückt die Taste umständlich, so wie es ältere Menschen eben tun, denen Touchscreens nicht ganz geheuer sind und die ihr Ticket lieber an einem Schalter kaufen würden. Davon gibt es hier auch einen. Geöffnet ist er nie.

Der Zeitschriftenladen ist leer, bis auf die junge Verkäuferin mit den wasserstoffblondierten Haaren, die sich gelangweilt ihre Nägel feilt. Sie guckt nicht einmal hoch, als ich hereinkomme. Zwölf Minuten noch. Ich gehe oft in Bahnhofs-Zeitschriftenläden, aber nie, weil ich etwas kaufen will, auch nicht, weil mich das Angebot beim Nur-Mal-Umschauen zum Kauf verführen könnte. Selbst wenn das hier ein Fachhandel für Angelsport wäre, würde ich hineingehen, weil man ja immer hofft, dass die Zeit schneller vergeht, wenn man sich in einem Laden befindet. Klappt bei mir zwar nie, aber ich probiere es immer wieder aufs Neue.

Ich gehe an den sogenannten „Lifestyle-Magazinen“ vorbei, meine Augen streifen Schlagzeilen wie „Alleine glücklicher – warum Single sein total angesagt ist“ oder „Jetzt die neuesten Wohntrends nach Hause holen“. Da betritt ein etwa fünfzehnjähriger Junge den Laden. Aus seinen Kopfhörern schallt deutscher Hip Hop mit Texten, die jede Mutti hintenüber fallen lassen würden. Er steuert geradewegs auf die Musikzeitschriften zu und bezahlt bei der im­mer noch nagelfeilenden Blondine die neueste Ausgabe der „Juice“, auf deren Cover das amerikanische Pendant zu dem Rapper abgebildet ist, der gerade das Trommelfell des Jun­gen zerstört.

Ich weiß immer noch nicht recht, was ich hier soll, aber leider sind seit meinem Eintritt in den Laden noch keine zwei Minuten vergangen, also bleibe ich hier und schlendere an den verschiedensten Rubriken vorbei. Ich muss grinsen, als ich bemerke, dass dem Ladeninhaber ein Fehler unterlaufen ist: Unter dem Schild mit der Aufschrift „Wirtschaft“ findet man den „Playboy“ und diverse andere Schmuddelblättchen. Ich blicke mich um. Die angeblichen Wirtschaftshefte sind genau so untergebracht, dass man von dem Regal mit den Frauenzeit­schriften aus wohl nur mit äußerst scharfen Argusaugen erkennen könnte, was hier tatsäch­lich untergebracht ist. Aha, denke ich, war also gar kein Fehler, sondern geschickte Planung: Während die Frauen in den Brigitte-Laura-Lisa-Anna-Tina-Bella-Heften blättern, können ihre Männer sich ungestört Nacktfotos ansehen.

Während die Kassierblondine sich ihre frisch gefeilten Fingernägel rosa lackiert, schlendere ich an den Auslagen vorbei. PC-Zeitschriften, Familienmagazine und schreiend bunte Jugendblätter reihen sich aneinander. Auf der aktuellen „Bravo“ wird ein Artikel über den „miesen Zoff“ zwischen zwei Teeniestars angekündigt. Die eine soll der anderen den Freund ausgespannt haben und jetzt ist natürlich die Hölle los. Die „Glamour“ verspricht einen „Guide“, mit dessen Hilfe man sich wie die Ehefrau des amerikanischen Präsidenten stylen kann. De­ren Kleidung, Haarschnitt und Schmuckwahl scheinen auch in den seriöseren Zeitungen ge­nauestens verfolgt und analysiert zu werden, ganz im Gegensatz zu den Inhalten und Ergeb­nissen des Treffens, das ihr Mann am vergangenen Wochenende mit den Spitzenpolitikern anderer Staaten absolvierte, wie ich beim Entlanggehen feststelle. Was wäre die Welt ohne Präsidentengattinnen? Wenn mich doch das Outfit dieser Frau auch nur annähernd interes­sieren würde, denke ich, neidisch auf die Frau, die hereinkommt und ohne zu überlegen ein Exemplar der „Glamour“ kauft. Ich könnte die Wartezeit so schön totschlagen. Die Verkäuferin guckt missmutig, als die Kundin an die Kasse tritt, und tippt umständlich den Betrag ein. Ihr Blick wird noch düsterer, als sie erkennt, dass sie Wechselgeld ausgeben muss, was mit frisch lackierten Nägeln geradezu unmöglich ist. Ich rechne schon damit, dass sie der Kundin aufträgt, auf ihr Wechselgeld zu warten, bis der Lack getrocknet ist, aber irgendwie schafft sie es dann doch, ein paar Cent aus der Kasse zu nehmen. Die Frau, die vorhat, diesen Kleinstadtbahnhof demnächst nur noch im Stile der „First Lady“ zu betreten, guckt beim Verlas­sen des Ladens angewidert auf ihre Hand, in der sie das Wechselgeld hält.

Noch sieben Minuten. Ich habe inzwischen so viele Runden durch den Laden gedreht, dass ich mir langsam blöd vorkomme, deshalb gehe ich hinaus. Die Kassiererin ist zu sehr damit beschäftigt, kleine Strasssteinchen auf ihren Nägeln zum Halten zu bringen, um auf mein „Tschüs“ zu antworten. Also stehe ich wieder im Eingangsbereich des Bahnhofs. Draußen immer noch Regen. Und immer noch viel zu viel Zeit, die totgeschlagen werden will.

Die Auslage des Bäckers ist mit­telmäßig ansprechend. Die Brötchen sehen aus wie von vorgestern, die Schokomuffins sind riesig und garantiert aus Fertigbackmischung hergestellt. Just add eggs. Die Nussplunderteilchen allerdings lachen mich an. Nein, denke ich. Du wirst jetzt nichts kaufen, denn die ein­zigen Gründe, die du für einen solchen Kauf hättest, wären deine Langeweile und diese blö­den sieben Minuten. Ich versuche oft, Zeit essenderweise totzuschlagen. Diese Idee, dass nach Genuss des Schokocroissants oder belegten Brötchens mit viel Remoulade schon wie­der einige Minuten vergangen sein werden, ist ja eine sehr schöne und ich falle immer wie­der darauf herein. Aber jedes Mal aufs Neue stellt sich heraus, dass nach dem Essen immer noch jede Menge Zeit übrig ist und mir das Ganze nichts außer einem ordentlich schlechten Gewissen wegen der Schoko- beziehungsweise Remoulade eingebracht hat. Leider hat die freundlich lächelnde Bäckereifachverkäuferin meinen interessierten Blick auf die Auslage bereits falsch verstanden: „Ja, bitte, was darf’s sein für Sie?“ Was jetzt? Standhaft sein und etwas sagen wie: „Danke, gar nichts“? Oder aus Schamgefühl und tatsächlich vorhandenem Interesse doch ein Nussplunderteilchen kaufen? Ich überlege, komme zu keinem Schluss, sehe das Lächeln der Verkäuferin sich zu einem fragenden Blick verziehen und sage schließlich, nach mindestens drei gefühlten Ewigkeiten voll offensichtlicher Unsicherheit: „Äh, ja, hm . . . ein Brötchen bitte“. Wenn schon kaufen, dann wenigstens kalorienarm.

Am Bahnhof ist ja alles teurer. Nicht ganz so schlimm wie am Flughafen, aber teurer als sonstwo. Also werde ich aufgefordert, 34 Cent auf eine dieser flachen Schalen zu legen, die in jeder Bäckerei auf der Theke stehen und die nur dazu da sind, dass der Kunde sein Geld und die Verkäuferin dann das eventuell anfallende Wechselgeld darauf legen kann. Hat dieses Ding einen Na­men?, frage ich mich, während mein Gegenüber meinen 20-Euro-Schein wechselt. Ein Bröt­chen mit einem Zwanziger bezahlen und ungefragt, aber möglichst zerknirscht anfügen, man habe es leider leider nicht kleiner und nein, man habe auch keine vier Cent da – noch so eine Methode, mit der eine halbe Minute drauf gehen kann, es sei denn, die Verkäuferin ist so fix wie diese hier, die für die ganze Aktion höchstens zehn Sekunden benötigt. „Bittschön“, „Dan­ke“, „Schönen Tag noch“, „Danke, Ihnen auch“, „Danke, Wiedersehen“, „Tschüs“.  Jetzt stehe ich da mit einem steinharten Brötchen in einer orangen Bäckertüte mit stilisiertem Namens-Schriftzug, natürlich alles kleingedruckt, macht man ja heute so. Rechtschreibfehler als Trend. Das hätten sich viele Schüler wohl auch vor Jahren schon gewünscht.

Essen oder nicht essen, ist jetzt die Frage, die sich mir stellt. Ich tendiere zu ersterem, denn ich habe diese schreckliche Angewohnheit, alles essen zu müssen, was sich vor mir befindet, und zwar bis zum letzten Krümel, auch wenn mir schon schlecht ist und es auch nicht wirklich schmeckt. Einfach, weil es was zu essen ist. Und das, obwohl ich nie eine Kriegshungererfahrung gemacht habe und als Kind mein Sauerkraut immer in einem großen Paket an die armen Kinder in Afrika schicken wollte, weil die sich doch so darüber freuen würden. Also beiße ich in das Brötchen, überprüfe mit der Zunge, ob noch alle Zähne dran sind, und beobachte einen kleinen Jungen, der, einen Fußball vor sich herkickend, in Richtung Gleis­aufgang schlendert und dabei unablässig irgendetwas vor sich hin murmelt. Als er ver­schwunden ist, merke ich, dass zwei fette Tauben vor mir sitzen und begierig jeden Krümel aufpicken, der mir beim Essen herunterfällt. Ich könnte ihnen jetzt den Rest des Brötchens überlassen. Tue ich aber nicht. Und frage mich gleichzeitig, warum.

Ich gehe ein paar Schritte auf die Tür zu, um festzustellen, wie es mit dem Regen aussieht. Aus den Fluten von vorhin ist ein feiner, trügerischer Nieselregen geworden, der glauben lässt, er sei ganz harmlos und man könne relativ problemlos durch ihn hindurchgehen, wäh-rend er in Wirklichkeit beinahe genauso durchnässt wie ein heftiger Platzregen. Dazu weht ein Wind, der das Wasser in die Gesichter der Leute pustet, die mit verzerrten Grimassen und wenig Erfolg dagegen angehen. Einige haben kleine Taschenregenschirme dabei, die dem Wind sofort nach dem Aufspannen zum Opfer fallen.

Noch vier Minuten. So langsam könnte ich mich an die Bushaltestelle stellen. Ich muss ja auch noch auf grünes Ampellicht warten und die Straße überqueren. Das dauert doch auch noch ein bisschen. Zumindest denke ich das. Jedes einzelne Mal, wenn ich hier im Bahnhof auf den Bus warte, bilde ich mir ein, dass es sich nur noch um Sekunden handeln kann, bis der Bus kommt, wenn ich erst einmal an der Haltestelle stehe. Aber es ist nicht so. Nie. Ich bin einfach immer viel schneller auf der anderen Straßenseite als ich denke. Aber aus irgend­welchen Gründen glaube ich beim nächsten Mal garantiert wieder, dass es unter Umständen sogar knapp werden könnte, den Bus noch zu erreichen.

Zwei Personen betreten den Bahnhof: Eine junge Frau mit fettigem Haar, das sie zu einem Pferdeschwanz gebunden hat. Sie raucht Zigarette und trägt einen roten Jogginganzug sowie aus­gelatschte Turnschuhe. Als sie sich streckt, um ihren Zopf festzuziehen, sehe ich ein Nabelpiercing auf ihrem schwangerschaftsgeprägten Bauch. Ihre Tochter ist etwas zu dick, in ihrer Phantasie jedoch eine wunderschöne Prinzessin, was sich in ihrem rosa Kleid und den bunten Haarspangen widerspiegelt. Während die Mutter einen ziemlich männlichen Gang drauf hat und ihre Schritte genauestens mit den Zügen an der Zigarette zu koordinieren versteht, tänzelt die Kleine selig lächelnd hinterher. Ich friere bei ihrem Anblick. Draußen toben Regen, Wind und Kälte und dieses rosa Mädchen trägt nur ein kurzes Kleidchen von der Art, die ältere Leute als „Hängerchen“ zu bezeichnen pflegen. Als die Frau die Zigarette aufgeraucht hat, dreht sie sich zu ihrer Tochter um, sieht, dass diese etwa fünf Schritte zurück ist, verdreht die Augen und schreit im Gehen: „Anschelina, jetzt mach doch mal schneller, die Omma wachtet!“ Anschelina hört nicht zu. „Ey, Anschelina, jetzt komm! Du wolltest doch nach Omma, dann mach jetzt auch mal schneller!“ Anschelina erhöht ihre Geschwindigkeit kaum merkbar, und ihre Mutter dreht sich wieder um, zündet sich die nächste Zigarette an und zieht geräuschvoll die Nase hoch. Anschelina hüpft auf einem Bein hinter ihr her, bis ihre Mutter es bemerkt und sie mit einem wütenden Blick dazu bringt, nun doch etwas schneller zu gehen. Und das, obwohl die Anzeige über meinem Kopf ankündigt, dass der nächste Zug erst in zwölf Minuten fährt. Der, der schon in fünf Minuten kommt, „endet hier“, bitte nicht einsteigen. Der Zug endet also. Mir fällt erst jetzt auf, wie blöd diese Formulierung gewählt ist. Sie klingt so räumlich. Der Zug erreicht hier das Ende seiner Länge. Er misst nicht mehr. Sozusagen. Warum man bei der Deutschen Bahn nicht einfach von Endstation spricht wie in anderen Ländern auch, ist mir schleierhaft.

Na gut. Der Regen ist zwar wieder stärker geworden, aber ich öffne die Bahnhofstür und ge­he hinaus. Den letzten Bissen des Brötchens schlucke ich noch unter dem Vordach ste­hend herunter und werfe die Tüte in einen dieser dreieckigen Bahnhofsmülleimer, die nach Pa­pier, Verpackung und Restmüll trennen, und um die man grundsätzlich erst einmal ganz her­umgehen muss, bis man vor der Öffnung für die Müllart steht, die man gerade in der Hand hält.

Dicke Regentropfen und zwei rennende Männer, die ihr Leben an der roten Ampel riskieren, um so wenig nass wie möglich zu werden, begleiten mich über die Straße. Ein VW-Fahrer hupt. Dann muss er einem auf der Straße herumliegenden Apfel ausweichen. Noch eine Minute. An der Bushaltestelle steht niemand, was mir immer ein ungutes Gefühl gibt. Es könnte ja ein Zeichen dafür sein, dass der Bus gar nicht kommt und alle es wissen, nur ich nicht. Es riecht nach nasser Straße, aber leider gehöre ich nicht zu den Leuten, die diesen Geruch ger­ne als Parfum hätten. Vor dem Bahnhof verteilt ein großer grauer Hund das in seinem Fell gesammelte Regenwasser auf Mülleimer und kreischendes Frauchen, bevor er laut kläffend in Richtung eines Dackels mit über den Boden schleifendem Bauch losrennt, so dass die Lei­ne kurz vorm Reißen steht und Frauchen das Kreischen aufgeben und hinterherlaufen muss.

Die Uhr meines Handys sagt, dass der Bus jetzt kommen müsste. Ich habe sie heute Morgen erst nach meiner digitalen Funkuhr gestellt, es müsste also stimmen, obwohl mir ja schon als Kind beigebracht wurde, dass Digitalfunkuhren noch lange nicht so verlässlich seien wie Atomuhren. Atomuhr. Ein Wort, das mich damals schwer beeindruckte und mich fast dazu gebracht hätte, mich bei den langweiligen und nur über Schule und Wetter redenden Nachbarsjungen einzuladen, denn die hatten eine solche Uhr, wie sie mir gnadenlos jeden Morgen beim überpünktlichen Abholen zum Schulbus unter die Nase rieben, wenn ich mal wie­der meine Schuhe noch nicht gebunden oder mein Honigbrot noch nicht aufgegessen hatte.

Es gesellt sich dann doch jemand zu mir. Eine alte Frau, die ich oft im Bus sehe und die ihren quietschgrünen Einkaufstrolley mit einer Discounter-Plastiktüte vor dem Regen schützt. „Ja, juten Tach“, sagt sie zu mir. „Hallo“, antworte ich und merke, dass die Frau erstaunlich trocken aussieht für diese Wetterverhältnisse. „Nä, wat is dat heut für en Mistwetter“, seufzt sie und zupft an der Tüte herum. Ich gebe nur ein „Hm“-Geräusch von mir, denn was antwortet man auf sowas? „Und der Bus hät natürlisch widder Verspätung, och nä.“ Ich sage nichts. Über eine Minute Bus-Verspätung darf man sich in dieser Stadt nun wirklich nicht beschweren, sonst kommt man aus dem Aufregen gar nicht mehr raus. Die Frau zeigt auf ihren Trolley und sagt: „Jut, dat isch de Dööt da drübber han. Da passt dat Köfferschen jenau drin, kiejensema!“ Ich gucke. Dann kommt der Bus.

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3 Gedanken zu „Gegenmaßnahmen

  1. Gut (wie eigentlich immer). An etlichen Stellen musste ich schmunzeln. Ganz vergessen hatte ich Deinen Text seit „damals“ aber nicht.
    An einer Stelle ist mir was aufgefallen: Du bezahlst das Brötchen, indem Du 34 Cent (offenbar abgezählt) auf „dieses Ding“ legst . . . , und wieso muss die fixe Verkäuferin dann dennoch 20 Eu wechseln???

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